Strompreisentwicklung © Südostschweiz

Wasserkraft profitiert vom Mangel an Atomstrom

Hanspeter Guggenbühl / 21. Nov 2016 - Die Preise auf dem Strommarkt sind markant gestiegen, weil viele AKW still stehen. Davon profitieren Gas- und Wasserkraftwerke

In den letzten fünf Jahren ging es auf dem – von Überkapazitäten geprägten – europäischen Strommarkt bergab. Die für die Schweiz massgebenden Börsenpreise (Swissix-Index) sanken seit 2011 um 40 Prozent. Im Jahresmittel 2016 (bis 18. November) kostete Strom auf dem Schweizer Spotmarkt noch 35 Euro pro Mega- oder knapp vier Rappen pro Kilowattstunde (kWh).

Diese langfristige Entwicklung, unterlegt mit dem noch tieferen Börsenpreis für Bandstrom (Base) in Deutschland, führen Schweizer Stromproduzenten ins Feld, um über die angeblich unrentable Wasserkraft zu klagen. Die Klage ist nicht falsch, aber übertrieben, weil sich immer noch die Hälfte des Stroms in der Schweiz zu kostendeckenden Monopolpreisen an Haushalte und kleine Firmen absetzen lässt, und weil Wasserkraftwerke mehrheitlich Spitzenstrom (Peak) produzieren.

Atom-Ausfall erhöht Marktpreis

Vom langfristigen Trend auf dem Strommarkt weicht jedoch die aktuelle Entwicklung stark ab. Denn der mittlere Marktpreis für Strom in der Schweiz (Base) hat sich seit Sommer 2016 mehr als verdoppelt. Nach einem starken Anstieg im Oktober kostete Strom im Durchschnitt der ersten 18 Novembertage mehr als sieben Rappen pro kWh.

Die Ursache: In Frankreich und der Schweiz stehen viele Atomkraftwerke zurzeit still. «Aktuell beträgt die Verfügbarkeit der französischen KKW rund 66 Prozent», präzisiert auf Anfrage die Axpo. In der Schweiz fehlt sogar die Hälfte der AKW-Kapazität, denn das KKW Beznau I ist seit März 2015 aus Sicherheitsgründen abgeschaltet und das KKW Leibstadt ruht seit August 2016, weil unverhoffte Schäden die Revision bis Februar 2017 verlängern.

Um Atomstrom zu ersetzen, lassen die Stromkonzerne jetzt ihre Gaskraftwerke, die wegen der Stromschwemme in den letzten Jahren meist brach lagen, öfter und länger laufen. Weil Gaskraft höhere variable Kosten verursacht, steigen die Preise auf dem Strommarkt. Auch die Preise für Kohle und damit für Kohlestrom, so ergänzt die Alpiq, seien gestiegen.

Grössere Schwankungen tagsüber

Noch deutlicher veränderten sich die Schweizer Marktpreise im Tagesverlauf, respektive die Differenzen zwischen Nacht- (off-Peak) und Spitzenstrom (Peak). Als typisches Beispiel dazu der 3. November 2016 (siehe Grafik: «Marktpreis prägt Stromproduktion»):

o In den Nachtstunden von 0 bis 06 Uhr schwankte der Marktpreis (off-peak) um fünf Rappen/kWh; in dieser Zeit importiert die Schweiz viel Bandstrom und nutzt einen Teil davon, um in ihren Speicher-Kraftwerken Wasser in die Stauseen hoch zu pumpen.

o Tagsüber erhöhte sich der Preis im Schnitt auf neun Rappen/kWh und erreichte den Gipfel in den Abendstunden zwischen 17 und 20 Uhr (siehe Preiskurve). In den folgenden Werktagen im November stiegen Preise und Differenzen weiter. In diesen Spitzenstunden liessen die Schweizer Speicherwerke viel Wasser auf die Turbinen rauschen. Das zeigt beispielhaft die Produktionskurve der Grimsel-Kraftwerke (KWO) ebenfalls am 3. November: Nachts fiel die Produktion unter Null, weil das Kraftwerk Wasser hoch pumpte. Tagsüber und vor allem in den Abendstunden stieg die Produktion, weil die Betreiber dieses Wasser wieder turbinierten und so teuren Spitzenstrom produzierten.

Strom fliesst dem Preis nach

Die wandelnden Preise wenden auch den Stromfluss im Aussenhandel: An einem normalen Werktag im Winterhalbjahr, so zeigen Statistiken der Vorjahre, importierte die Schweiz Strom aus Frankreich, Deutschland sowie Österreich und exportierte nach Italien. Im laufenden Monat November aber importierte die Schweiz in Spitzenstunden auch Strom aus Italien und exportierte gleichzeitig grosse Mengen nach Frankreich.

Grund: Der Strom fliesst dem Preis nach. Weil in der Schweiz die Preise für Spitzenstrom stark stiegen, lohnte es sich für Italien, mehr Strom in Gaskraftwerken zu produzieren und in Spitzenzeiten einen Teil davon nach Norden zu exportieren. Und weil in Frankreich – als Folge von AKW-Ausfällen – die Marktpreise in Spitzenstunden noch höher waren als in der Schweiz, lohnte es sich für die Schweiz, Spitzenstrom aus Wasserkraft nach Frankreich zu verkaufen.

Verlierer hier, Gewinner dort

Die aktuelle Preishausse, verbunden mit hoher Volatilität, erzeugt Verlierer und Profiteure. Grosse Verlierer sind die Besitzer von stillstehenden Atomkraftwerken, in der Schweiz die Beznau-Eigentümerin Axpo und die Leibstadt-Aktionäre, allen voran Axpo, Alpiq sowie BKW. Ihnen entgeht nicht nur der Ertrag, sondern sie müssen den Atomstrom, den sie auf Termin schon verkauft haben, kurzfristig ersetzen durch teure Einkäufe auf dem aktuellen Hochpreis-Markt.

Zu den Gewinnern gehören Betreiber von flexiblen Gas- und Wasserkraftwerken, die bei den aktuellen Marktpreisen wieder rentabel produzieren. Weil Axpo, Alpiq und andere Stromkonzerne auch Wasserkraft-Beteiligungen in der Schweiz und Gaskraftwerke in Italien und Frankreich besitzen, können sie damit einen Teil der Verluste aus ihren AKWs kompensieren.

Die grössten Profiteure sind momentan die Betreiber von Speicher und vor allem von Pumpspeicher-Kraftwerken. Dazu gehören die Aktionäre der KWO, allen voran die Berner BKW, aber auch die Eigentümer der mit Pumpen bestückten Kraftwerke Sarganserland (vorab Axpo) oder Veytaux-Hongrin (u. a. Alpiq) . «Nachdem die Entwicklung kürzlich umgeschlagen hat», so bestätigt auf Anfrage die BKW, «verbessert sich die Rentabilität von Pumpspeicher-Kraftwerken wieder.»

Fazit: Die kurzfristige Preisentwicklung widerlegt die Behauptung der Stromwirtschaft, Wasserkraftwerke würden von einer Stilllegung von Atomkraftwerke nicht profitieren.

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Lesen Sie dazu auch:

- «Atomausstieg zwischen Grün- und Dreckstrom»

- Dossier: Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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Eine Meinung

Wenn ich richtig informiert bin, so gehören Wasser- als auch Atomkraftwerke mehrheitlich den Kantonen, also uns. Eine Preishausse der Wasserkraft wird also zum Nullsummenspiel? Wir müssen nur aufpassen, dass das Gemeingut Wasserkraft nicht privatisiert wird, da uns bisher von Marktgläubigen weisgemacht wurde, sie sei nicht mehr rentabel. Es reicht schon, dass sich die Swisscom immer weiter von einem dem Gemeinwohl dienenden Service entfernt hat. Der SP Altbundesrat Moritz Leuenberger war daran massgeblich beteiligt. Zusammengefasst erwarte ich von SP und den Grünen eine Politik, die sich dem Privatisierungswahn endlich entschieden entgegenstellt und sich von der neoliberalen EU (die ja selbst das Gemeingut Wasser privatisieren will) distanziert.
Guido Besmer, am 22. November 2016 um 07:13 Uhr

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