«Green-Class»-Angebot der SBB: Mit dem Elektro-Auto zum Bahnhof, dann Umsteigen in den Zug © SBB

«Green-Class»-Angebot der SBB: Mit dem Elektro-Auto zum Bahnhof, dann Umsteigen in den Zug

SBB und BMW testen Tür zu-Tür-Angebot

Hanspeter Guggenbühl / 28. Okt 2016 - Die SBB wollen Bahnreisende künftig von Haustür zu Haustür befördern, probehalber mit dem BMW. «Green Class» heisst das Angebot.

Die Schweizer Bundebahnen würden gerne über ihre Schienen hinaus fahren, sich zum «Mobilitäts-Integrator» entwickeln. Diese Vision verbreitete SBB-Chef Andreas Meyer schon in früheren Gesprächen: «Ich kann mir vorstellen», so schwärmte er kürzlich in der NZZ am Sonntag, «dass die SBB den Kunden künftig die ganze Mobilitätskette anbietet, vom Fernverkehr über die S-Bahn bis zum selbstfahrenden Fahrzeug, das eine oder mehrere Personen an der Haustür abholt und wieder absetzt.»

Markttest zum Preis von 12'200 Franken

Einen ersten Schritt auf diesem Weg vollziehen die SBB jetzt mit einem «Markttest», den sie diese Woche den Medien in Bern vorstellten. Diesen Test, der nächstes Jahr am 23. Januar startet, führen die Bundesbahnen zusammen mit dem Autokonzern BMW durch und lassen ihn durch die ETH wissenschaftlich begleiten.

Dazu bieten SBB und BMW hundert Testkunden, «Mobilitätspioniere» genannt, zum «einmaligen Forschungspreis» von 12'200 Franken ein Jahr lang folgendes «weltweit einmaliges» Angebot an:

  • Ein SBB-Generalabonnement 1. Klasse,
  • ein Elektroauto BMW i3 zur freien Verfügung sowie
  • je ein Jahresabonnement für Mobility Carsharing (inklusive hundert Gratiskilometer), für PubliBike und für kostenloses Park and Ride am gewünschten Bahnhof.

Dieses Auto-Bahn-Angebot trägt den Namen «Green Class» und soll laut SBB eine «umweltfreundliche, individuelle Mobilität auf der Strasse mit den Angeboten des öffentlichen Verkehrs kombinieren».

Den Testpersonen bleibt allerdings überall die Wahl des Verkehrsmittels: Sie können also das Bahn-GA brach liegen lassen und alle Wege mit dem neuen BWM auf der Strasse abspulen. Oder den BMW allein als Kurzstrecken-Fahrzeug nutzen, indem sie damit die Tram- und S-Bahnfahrten ersetzen. Oder sie können das eigene Velo in der Garage lassen und mit dem BMW auf das Park-and-Ride-Angebot umsteigen.

Finanziell am meisten profitieren jene Testpersonen, die bisher über keine eigenen Verkehrsmittel verfügen, doch dabei handelt es sich um eine kleine Minderheit. Zusammen mit den Fixkosten für ihre bisherigen Verkehrsmitteln wird die Mobilität der Testpersonen den reinen Preis von 12'200 Franken für das Test-Angebot überschreiten.

Mobilitätsverhalten erkunden

Beim Probelauf geht es den Anbietern primär darum, Daten zum Mobilitätsverhalten und dessen Veränderung zu sammeln. Diese Daten wird die ETH auswerten. Dazu werden alle Fahrten und Bewegungsprofile der Testpersonen mit einer App aufgezeichnet. Zudem müssen die hundert ausgewählten «Mobilitätspioniere» den Verkehrsforschern Auskunft geben über ihre bisherige Mobilität und ihre Erfahrungen mit dem neuen Angebot.

Von den Resultaten des Forschungsprojekts versprechen sich die SBB «wichtige Erkenntnisse für die Tür-zu-Tür-Mobilität aus einer Hand». Das gleiche Ziel verfolgt der Autohersteller BMW: «Wir wollen die künftige Mobilität erforschen, Zahlen bekommen», sagte BMW-Schweiz-Chef Kurt Egloff an der Medienkonferenz.

Aussagekraft begrenzt

Zum Einwand, Ergebnisse von hundert Erstklass-Testpersonen, die sich ein Kombi-Angebot von 12'200 Franken leisten können, sei nur bedingt aussagekräftig, antwortete Andreas Meyer: «Wir müssen irgendwo anfangen.» Wäre es denn nicht sinnvoller, den Bahnverkehr vermehrt mit Fahrrad oder öffentlichem Nahverkehr zu kombinieren als mit Autos? Ein späterer Test zum Beispiel in Zusammenarbeit mit einem Elektrobike-Hersteller sei nicht ausgeschlossen, antwortete Meyer.

Ebenfalls nicht in Stein gemeisselt ist es laut BMW-Mann Egloff, die kombinierte Mobilität mit dem (einjährigen) Besitz eines Autos zu verknüpfen, wie das bei diesem Test geschieht. Denkbar seien künftig auch «Sharing-Konzepte», sei es mit Mobility oder, wie SBB-Mann Meyer sagt, mit selbstfahrenden Autos.

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KOMMENTAR: Test für ineffizienteste Kombination

(hpg.) Gewiss: Beim Kombi-Angebot Bahn-Auto, das SBB und BMW einer gut betuchten Kundschaft für 12'200 Franken anbieten, handelt es sich bloss um einen Test mit hundert Personen. Es geht darum, Daten und Erfahrungen zu sammeln, also noch lange nicht um die Einführung der «Mobilität der Zukunft». Trotzdem: Auch ein Test kann intelligent oder weniger intelligent konzipiert werden.

Mit ihrem «Markttest», den sie mit dem Allerweltswort «nachhaltig» anpreisen, proben die SBB die ökonomisch und ökologisch ineffizienteste Form der kombinierten Mobilität, nämlich die Verbindung von Bahn und Auto. Diese Kombination braucht weit mehr Raum und Energie als andere Kombinationen, etwa Bahn und öffentlicher Nahverkehr, Bahn und Bike oder Bahn und Fussweg.

Die Mobilitäts-Kombination Bahn-Auto eignet sich nur für eine Minderheit. Denn im Land mit dem dichtesten Bahnnetz der Schweiz, verknüpft mit 840 Bahnhöfen, ist der Weg zum Bahnhof für die meisten Verkehrsteilnehmer sehr kurz, zu kurz, um sie mit einem schweren und damit viel Energie verschlingenden Fahrzeug zurückzulegen.

Wenn es den SBB darum geht, eine wirklich zukunftsfähige Mobilität zu erkunden, dann müssen sie andere Kombinationen testen. Zum Beispiel Bahn und Elektrovelo. Oder wenn es um Ferienreisen geht ein Share-Konzept mit Bahn und (teilbaren) Taxi. Denn niemand garantiert, dass ein kombiniertes Bahn-Auto-Angebot Fussgängerinnen und Velofahrer nicht dazu verleitet, auch für lange Distanzen von der öffentlichen Eisenbahn aufs private Auto umzusteigen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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Eine Meinung

Mit dem Kommentar bin ich völlig einverstanden. Immer noch gibt es mit wenigen Ausnahmen kein taugliches Bahn-Velo Konzept. Die verschiedenen Veloleihsysteme sind meistens schwierig zu bedienen, schlecht beschildert und nicht mit einem GA benutzbar, sondern benötigen ein vorher einzurichtendes Abonnement, eine Kreditkarte oder ein Handy, oder gleich alles davon. Für Passanten nutzlos, ausser sie haben Zeit und die Bereitschaft, ihre Daten in ein unbekanntes System einzutippen. Und auch dann funktionieren sie oft nicht. Hier wäre eine Chance, die SwissCard und/oder die SBB Billetautomate zu verwenden, um einfach ein Velo zu mieten. Zwar gibt es auch «Bern rollt» usw, aber die sind zeitlich limitiert, einige Distanz von den Bahnhöfen und schlecht beschildert, da ja gerade eine Konkurrenz zu den SBB-Partnern.
Für Leute mit Gepäck braucht es ohnehin mehr als ein Velo mit Lenkerkorb. Aber gleich ein Elektroauto von BMW? Das ist übertrieben, gar nicht nachhaltig, und wie ich finde eine der schlechtesten der vielen Möglichkeiten einer neuen kombinierten Mobilität.
Theo Schmidt, am 28. Oktober 2016 um 13:12 Uhr

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