Die Lonza in Visp leitete tonnenweise Quecksilber in einen Kanal © ra
Titelseite der «Roten Anneliese»

Quecksilber-Skandal: RA beleuchtet den Chemiefilz

Kurt Marti / 03. Feb 2015 - Der vereinigte Chemiefilz macht sich an die Quecksilber-Sanierung im Wallis. Die neuste «Rote Anneliese» liefert die Hintergründe.

Über Jahrzehnte hat die Lonza tonnenweise Quecksilber in einen Kanal bei Visp im Oberwallis geleitet. Obwohl die Lonza und die kantonalen Stellen davon längstens wussten, sucht man dazu im kantonalen Altlasten-Kataster aus dem Jahr 2007 und im kantonalen Abfallbewirtschaftungsplan von 2008 vergeblich nach einem Hinweis. Erst durch einen Zufall kamen die Machenschaften ans Tageslicht als beim Bau der A9 erhöhte Quecksilberwerte gemessen wurden (siehe Infosperber: «Quecksilber-Skandal: Wie lange schläft die Justiz?»)

Geburtsstunde: Chemiekatastrophe von Schweizerhalle

Mit der Aufarbeitung und der Sanierung der Quecksilberbelastung zeigten die Lonza und der Kanton Wallis bisher grosse Mühe. Das ist kein Zufall, denn die zuständigen Beamten und Experten sind Teil des Chemiefilzes, den die neuste Ausgabe der «Roten Anneliese» (RA) ausleuchtet. Zum Beispiel Christoph Munz von der BMG Engineering AG, welche im Auftrag der Lonza die technischen Quecksilberuntersuchungen ausführt und das Sanierungskonzept erarbeitet. Die BMG Engineering ist die Nachfolgefirma der MBT Umwelttechnik AG, welche vom Chemiekonzern Sandoz im Jahr 1989 gegründet wurde, um den Brandplatz der Chemiekatastrophe von Schweizerhalle vom 1. November 1986 zu sanieren.

Die «RA» blickt kritisch auf die Mängel der Schweizerhalle-Sanierung und weiterer Sanierungen (Bonfol, Huningue) zurück, an welchen die BMG Engineering beteiligt war. Aufgrund ihrer Recherchen stellt die «RA» die Unabhängigkeit der BMG Engineering in Frage. Dem widerspricht BMG-Mitarbeiter Christoph Munz, der die Quecksilberuntersuchungen im Wallis leitet und verweist unter anderem auf die Aufträge des Bundesamts für Umwelt (Bafu). Auch die Lonza und der Kanton sehen auf Anfrage der «RA» gar keine Probleme. Kein Wunder, denn Cédric Arnold, der zuständige Chef der kantonalen Dienststelle für Umweltschutz (DUS), war von 1998 bis 2005 selber für die BMG Engineering tätig, und zwar als Gruppenleiter «chemische Risikobewertungen und Altlasten». In seiner jetzigen Funktion als Chef des Walliser Umweltamtes beaufsichtigt er «die Untersuchungen seines ehemaligen Arbeitgebers», wie die «RA» schreibt.

«Kanton braucht unabhängige Experten»

Doch damit nicht genug des Chemiefilzes: Laut «RA» hat der Kanton Wallis als zusätzlichen Experten für die Lösung der Quecksilberproblematik Günter Fritz angestellt, der früher als Leiter des Bereichs Altlastensanierung bei der BASF Schweiz arbeitete und dessen Sanierungen bei der betroffenen Bevölkerung und den Umweltverbänden auf massive Kritik stiessen.

Aufgrund ihrer Recherchen kommt die «RA» zum Schluss: «Zusammengefasst dargestellt wird das Quecksilbervorkommen im Oberwallis von einem der Basler chemischen Industrie zumindest nahestehenden Unternehmen untersucht, welches in einige fragwürdige Sanierungen involviert war. Die Kontrollen werden von der DUS vorgenommen, wobei der Dienstchef seinen ehemaligen Arbeitgeber beaufsichtigen muss, mit welchem er an der skandalumwitterten ersten Phase der Bonfol-Sanierung gearbeitet hat. Der Kantonsexperte war an einer heftig kritisierten Deponiesanierung beteiligt und verteidigte die BASF-Billigsanierung der Kesslergrube. Vor diesem Hintergrund steht die von der Lonza oft propagierte 'unabhängige und transparente Quecksilberuntersuchung' auf wackligen Füssen. Unser Kanton braucht von der Chemiebranche unabhängige Experten. Stattdessen versammeln sich im Oberwallis alte Bekannte und Freunde der Basler Chemischen Industrie.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Kurt Marti war von 2000 bis 2010 Redaktor der «Roten Anneliese» und ist Autor des Buches «Tal des Schweigens: Walliser Geschichten über Parteifilz, Kirche, Medien und Justiz».

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Eine Meinung

Da lob ich mir wieder einmal die Pressefreiheit in der Schweiz. Da kann die Opposition die Missstände offen anprangern ohne gleich «aus dem Weg geräumt» zu werden.
Jürg Schmid, am 09. Februar 2015 um 19:24 Uhr

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