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Pro-Atom-Vereinigungen und ihre Logos

Mission Atomstrom: Das Netzwerk der Unbeirrbaren

Kurt Marti / 02. Sep 2016 - Viele Splittergrüppchen missionieren für das Atom. Schlagkraft erhalten sie erst durch die SVP, die Weltwoche, die BaZ und die NZZ.

Letzte Woche hat Infosperber über die Pöbeleien der liberalen Freunde des Atoms gegen den IT-Unternehmer und ETH-Professor Anton Gunzinger berichtet. Doch das Netzwerk der unbeirrbaren Atombefürworter geht weit über die genannten Freunde des Atoms hinaus. Gemeinsam predigen die Staats- und Subventions-Kritiker neue Atomkraftwerke, obwohl der Bau von neuen Atomkraftwerken mit staatlichen Milliarden-Subventionen und jahrzehntelangen Preisgarantien verbunden wäre.

Vergleiche mit der Sowjetunion und der DDR

Was besonders erstaunt, ist der aggressive Ton gegen die Befürworter der Energiewende und die AKW-Kritiker. Neben abwertenden Bezeichnungen wie «Lügner», «Bullshiter» und «Ideologen» werden auch Vergleiche mit der ehemaligen Sowjetunion und der DDR, dem Sozialismus und dem Kommunismus sowie dem Nationalsozialismus und generell den totalitären Regimen gezogen. Und selbst die Reh-Jagd kommt als Metapher zum Zug.

Hier ein paar Kostproben:

«Der kluge Beobachter merkt: Das Reh – Bundesrätin Leuthards verfehlte Energiestrategie – ist verletzt und hinkt. Jetzt heisst es: zielen und schiessen.»

«Die bundesrätliche Kampagne ('Energy Challenge'; Anm. d. Red.) erinnert an die selbstherrlichen Funktionäre im kommunistischen Ostdeutschland, die sich am 7. Oktober 1989 zum 40-jährigen Bestehen der DDR mit Pomp feiern liessen. Nur fünf Wochen später, am 9. November, fiel in Berlin die Mauer, und alle merkten: der Kaiser ist nackt…»

«Von den totalitären Regimen des vergangenen Jahrhunderts wissen wir, dass politische Richtungsentscheide aufgrund einer kollektiven Euphorie sich katastrophal auswirken können.»

«Es erscheint paradox: Der Sozialismus, die beherrschende Ideologie des Sowjetimperiums, ist seit dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 in der Schweiz nicht zurückgewichen, sondern vorgerückt.»

Sämtliche Zitate stammen von der Internetseite der «Alliance Energie», welche von der Beratungsfirma «Agentur E» betrieben wird. Inhaber der «Agentur E» ist Lukas Weber, der gelegentlich Kommentare in der NZZ, der «Weltwoche», der «Finanz und Wirtschaft», der «Schweizerzeit» und dem «Schweizer Monat» schreibt. Weber und seine kleine Vereinigung drohen mit dem Referendum gegen die Energiestrategie 2050.

Wettinger «Atompfarrer» wünscht mehr Sachkenntnis

Webers Mission ist auch eine religiöse. Er ist Vizepräsident der «Arbeitsgruppe Christen + Energie» (ACE), die überzeugt ist, dass «die Kernenergie durch den Ersatz bestehender Kernkraftwerke umfangreiche weitere Kapazitäten bereitstellen kann». Die ACE leitet ihre «Energieethik» aus dem christlichen Glauben ab und möchte die politischen Diskussionen «möglichst sachlich» führen. Die Atomenergie sei günstig und sicher.

ACE-Präsident ist der reformierte Wettinger Pfarrer Stefan Burkhard. In einem Interview mit der «Reformierten Presse» wünscht Burkhard eine «Versachlichung der Debatte über Kernkraft». Und er beklagt sich über die Reaktionen in reformierten Kreisen, die «leider teils diffamierend und bösartig» seien. Er werde wahlweise als «Atompfarrer» oder als «menschenverachtend» bezeichnet und er bedauert, «dass teils wenig Sachkenntnis vorhanden ist und die Diskussionen ideologisch statt pragmatisch geführt werden».

Astronomische Hochrechnungen durch Borner-Studie

Weber ist auch Projektleiter beim «Liberalen Institut – im Dienst der Freiheit», in dessen akademischen Beirat der frühere Wirtschaftsprofessor Silvio Borner sitzt, seit kurzem Präsident des ominösen Carnot-Cournot-Netzwerks (CC-Netzwerk), dem Weber nicht nur im Ton nacheifert, sondern auch im Inhalt.

Borner ist Co-Autor der Studie «Energiestrategie 2050: Eine institutionelle und ökonomische Analyse», welche dem atomfreundlichen Netzwerk als argumentative Grundlage dient. Darin werden die Kosten der Energiewende ins Astronomische hochgerechnet und damit das Feld für neue Atomkraftwerke beackert.

Beispielsweise postuliert die Studie, dass für den Ersatz der Schweizer Atomkraftwerke durch Solar- und Windstrom zusätzliche Pumpspeicherwerke für 33 Milliarden Franken gebaut werden müssten. Zum Vergleich: Die beiden gigantischen Pumpspeicherwerke Linthal 2015 und Nant de Drance kosteten zusammen rund 4,5 Milliarden Franken und gelten bereits jetzt als Investitionsruinen.

Daraus folgert die Studie Speicher-Kosten von 25 - 35 Rp. pro kWh Solar- und Windstrom. Markus Saurer, ein weiterer Co-Autor der Studie und CC-Netzwerker, kommt deshalb in einem Mail an Infosperber zum Schluss, es sei «so gut wie irrelevant», wie hoch die Kosten des Solarstroms ohne diese Speicherkosten seien. Diese könnten «sogar bei Null liegen, ohne die Photovoltaik in den volkswirtschaftlich sinnvollen bzw. rentablen Bereich zu führen.»

Solar-Professor: «Technisch nicht auf dem aktuellen Stand»

Soweit die theoretischen Hochrechnungen der liberalen Freunde des Atoms. Aber was sagen die Solar-Praktiker dazu? Urs Muntwyler, Professor für Photovoltaik an der Berner Fachhochschule, kann über solche Zahlen nur den Kopf schütteln. Auf Anfrage von Infosperber hält er fest: «Herr Saurer ist technisch nicht auf dem aktuellen Stand.» Die Annahme der Borner-Studie von 100% back-ups (Speicherkapazitäten) sei «realitätsfremd». Mit einer Vernetzung der Photovoltaik mit der Wasserkraft komme man auf 100% Zuverlässigkeit. Das gehe bis zu einer Produktion von 11 Terawattstunden (TWh) ohne Speicher und smart grid, was schon fast der Zielgrösse von 12 TWh der Energiestrategie entspreche und folglich rund der Hälfte der AKW-Produktion (siehe auch der Solar-Experte Heinrich Häberlin auf Infosperber: «Riskante Investitionen in Pumpspeicherwerke»).

Laut Solar-Pionier Muntwyler kann man «in einer Zeit der Informationstechnik (IT), der Internet of things (IOT) und der smart grids den Solar- und Windstrom gut integrieren» und gleichzeitig «das Stromnetz entlasten und den Netzausbau verschieben oder weglassen».

«Nein danke, wir duschen lieber nicht mit Doris»

In der Begleitgruppe zur Borner-Studie sass auch Irene Aegerter, Kommunikationschefin des Verbandes Schweizerischer Elektrizitätswerke (VSE) in den 1990er Jahren. Seit September 2015 ist Aegerter Präsidentin des Vereins «energiesuisse.net». Vizepräsidentin ist die frühere FDP-Politikerin Vreny Spoerry. Im Vorstand des atomfreundlichen Rentner-Clubs ist auch Hans-Rudolf Lutz dabei, der erste Direktor des AKW Mühleberg.

Aegerter, Spoerry und Lutz haben jahrzehntelange Erfahrung im Prophezeien der nie eingetretenen Stromlücke und davon machen sie im neusten «energiesuisse.net»-Newsletter ausgiebig Gebrauch: «Ein Gespenst geht um in Europa: Das Gespenst der Stromlücke. Noch versteckt es sich hinter der Stromschwemme, doch in kaum zehn Jahren wird es seine Fratze in aller Hässlichkeit zeigen.»

Irene Aegerter betreibt zusammen mit Simon Aegerter auch die Internetseite «Kaltduschen mit Doris», wo die Energiewende und der Atomausstieg als «kalte Dusche für unser Land, für unsere Volkswirtschaft und die ganze Gesellschaft» bezeichnet werden. Und das Atom-Duo Aegerter bekennt: «Nein danke, wir duschen lieber nicht mit Doris. Uns schaudert.»

Bereits im Jahr 1982 gründete Irene Aegerter die atomfreundliche «Vereinigung Frauen für Energie» (FFE) und 1992 die «Women in Nuclear Schweiz» (WIN).

Weitere skurrile Splittergrüppchen im Dienst des Atoms

Weitere Splittergrüppchen gegen den Atomausstieg sind: «Energy for Humanity», «Kettenreaktion», «Forum Medizin und Energie» und «Arbeitskreis Energiewende»:

  • Mitbegründer der atomfreundlichen «Energy for Humanity» ist der Financier Daniel Aegerter, der durch den Verkauf seiner Software-Firma im Jahr 2000 zum Multi-Milliardär wurde. Heute ist Aegerter Chef der «Armada Investment Group AG» und tritt als Investor der «Transatomic Power Corporation» auf, welche in den USA zukünftige Atomreaktoren entwickelt.

  • Der Verein «Kettenreaktion» bezeichnet die Energiewende als «Jahrhundertunsinn» und will neue Atomkraftwerke bauen. Das ist verständlich. Der Verein wird vom früheren AKW-Mühleberg-Direktor Hans-Rudolf Lutz präsidiert.

  • Das «Forum Medizin und Energie» ist eine Vereinigung von rund 200 ÄrztInnen. Für den Atomausstieg und die Energiewende haben sie «kein Verständnis» und sie sehen dadurch «die Gesundheit der Menschen» gefährdet. Präsidiert wird das Forum von Christian von Briel, dem leitenden Arzt für Radiotherapie der Hirslanden AG. Beisitzer ist Martin Jermann, Physiker am Paul Scherrer Institut (PSI).

  • Der «Arbeitskreis Energiewende» (AKE) wird vom emeritierten Rechtsprofessor Hans Giger präsidiert, der in einem Referat am «Liberalen Institut» die Energiewende als «Schnellschuss» bezeichnete, der aufgrund einer manipulativen und emotionalisierten Berichterstattung über Fukushima zustande gekommen sei. AKE-Geschäftsführerin ist Lydia Saxer, langjähriges Geschäftsleitungsmitglied der Bank Prokredit AG und Präsidentin des Verbandes der Schweizerkreditbanken und Finanzierungsinstute (VSKF).

Wirkung erst durch SVP und atomfreundliche Zeitungen

Die vielen atomfreundlichen Organisationen und Splittergrüppchen, die vor allem von AtomfreundInnen im fortgeschrittenen Alter betrieben werden, bekommen ihre politische Wirkung erst durch die mediale Öffentlichkeit, die ihnen von der «Weltwoche», der «Basler Zeitung», der NZZ, der «Finanz und Wirtschaft», der «Schweizerzeit» und dem «Schweizer Monat» gewährt wird, und durch die «Aktion für vernünftige Energiepolitik Schweiz» (Aves), die ein Hort der SVP ist. SVP-Präsident Albert Rösti ist gleichzeitig Aves-Präsident. Logischerweise hat der SVP-Parteivorstand kürzlich beschlossen, das Referendum gegen die Energiestrategie 2050 federführend zu ergreifen, aber nur wenn die Wirtschaft den Abstimmungskampf finanziell unterstützt.

Willkommene Rückendeckung erhielten die liberalen Gegner der Energiewende und ewigen Freunde des Atoms beispielsweies in der NZZ-Ausgabe vom letzten Mittwoch. Dort steht am Schluss eines Artikels mit dem Titel «Schwache Wasserkraft» der folgende Werbespot:

«Für eine Verbesserung sollte an der Wurzel des Übels, der Energiewende, angesetzt werden. Es ist zu hoffen, dass der Schweizer Souverän im Wissen um alle Folgekosten zu diesem abenteuerlichen Projekt Stellung nehmen kann und sich bald an der Urne äussern darf.»

So einfach ist das für die NZZ: Die Wurzel der Krise der Stromwirtschaft ist die Energiewende, über die das eidgenössische Parlament erst im kommenden Oktober abschliessend entscheiden wird und die folglich noch gar nicht in Kraft ist.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Kurt Marti war früher Geschäftsleiter, Redaktor und Beirat der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES)

Weiterführende Informationen

Dossier: Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke
Dossier: Die Politik der Stromkonzerne

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Eine Meinung

Der Artikel macht sprachlos - vielen Dank, Kurt Marti
Theo Schmidt, am 04. September 2016 um 15:44 Uhr

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