Energie-Autarkie: Strom und Wärme zu Hause «ernten» © cc

Energie: Unabhängig von Netz und Markt

Hanspeter Guggenbühl / 08. Okt 2014 - Die Energiewende erfordert neue Stromnetze. Wirklich? Götz Warnke zeigt in seinem neusten Buch: Es geht auch ohne Netz.

Die Wende zu einer erneuerbaren Energieversorgung ist langfristig unvermeidlich. Das haben europäische Staaten erkannt. Darum subventionieren sie Strom aus Wind- und Solarkraftwerken durch kostendeckende Einspeisevergütungen (KEV) mit dem Ziel, den ebenfalls subventionierten Strom aus Kohle-, Gas- und Atomkraft zu ersetzen. Diese Subventionsspirale verursachte Überkapazitäten, weil die subventionierten Elektrizitätsproduzenten ihre alten Atom- und Kohlekraftwerke noch möglichst lang auswinden wollen. Resultat: Die Stromschwemme liess und lässt die Preise auf dem europäischen Strommarkt einbrechen.  

Neue Energieform kann alte Struktur bewahren

Diese Entwicklung bringt international tätige Stromversorger vorübergehend aus dem Tritt  (siehe «Die Stromproduzenten fahren ins Jammertal»), aber nicht zwangsläufig zu Fall. Denn auslaufende Atom- und Kohlekraftwerke lassen sich durch riesige Windparks und Solarfarmen ersetzen, über leistungsfähige Stromleitungen (Super Grid) mit Industriestandorten oder Pumpspeicher-Kraftwerken verbinden und mit intelligenter Netztechnik (Smart Grid) regeln. An dieser kapitalintensiven Strategie arbeiten Regierungen und Stromwirtschaft, um ihr bisheriges Geschäftsmodell in die Zukunft zu retten.

In seinem 2014 veröffentlichten Buch «Wege zur Energie-Autarkie» schreibt dazu der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Götz Warnke: «Für die Energie-Konzerne hat der grosstechnisch-konzentrierte Einsatz der erneuerbaren Energie einen entscheidenden Vorteil: Es ändert sich nur die Energieform (erneuerbar statt fossil), die alten Abhängigkeiten bleiben dagegen erhalten. Die EVU (Energie-Versorgungs-Unternehmen) sind weiterhin die Energie-Erzeuger, die Bürger bleiben die davon abhängigen Verbraucher – die einen liefern und die andern bezahlen die geforderten Preise.»

Strom und Wärme zu Hause ernten

Diesem etablierten Geschäftsmodell stellt Warnke das Konzept «Home-Energy-Harvesting» (Energie zu Hause ernten) entgegen. Sein Modell gründet auf dezentraler Energienutzung mit dem Ziel, Haushalte in Eigenheimen autark, also unabhängig von Netzen und Märkten, mit Energie zu versorgen. Im Hauptteil seines Buches stellt der Autor eine Fülle von Techniken vor, die es erlauben, Energie aus Sonne, Wind, Wasserkraft oder Bewegung zu ernten, zu speichern und für die Selbstversorgung im Haushalt nutzbar zu machen. Dazu gehören «Hauptenergiequellen» wie Fotovoltaik, Solarthermie, kleine Wind- und Mini-Wasserkraftwerke. Der Kleintechnik-Freak listet zudem eine Vielzahl von «Hilfsquellen» auf – bis hin zur Nutzung von Körperbewegungen, die neben Uhren auch andere Kleingeräte antreiben, aber nur einen winzigen Ertrag bringen. 

Das Konzept, Energie im und am Haus zu ernten, ist an sich nicht neu: Einige Null- oder sogar Plusenergie-Häuser, die mit Fotovoltaik-Panels auf dem Dach mehr Strom im Jahresverlauf erzeugen als die Elektrogeräte in der Wohnung und die Wärmepumpe im Keller schlucken, gibt es schon heute. Doch die meisten dieser Bauten hängen weiterhin am Stromnetz. Dieses Netz übernimmt temporäre Energieüberschüsse an sonnigen Tagen und liefert Strom nachts sowie an Wintertagen, wenn die Sonne zu wenig Energie liefert.

«Plusenergie» garantiert also keine Autarkie. Darum lehnt Götz Warnke zum Beispiel den Einsatz von Wärmepumpen oder Blockheizkraftwerken ab, selbst wenn der dafür eingesetzte Strom oder das Gas aus erneuerbarer Energie stammt. Als Alternative bevorzugt er solarthermische Anlagen mit Wärmespeichern, allenfalls ergänzt durch kleine Holzöfen, um das Gefälle zwischen Energiemangel im Winter und Überschuss im Sommer auszugleichen.

Autarkie befreit – über die Energie hinaus  

Das «Home-Energy-Harvesting» (HEH) begünstigt neben effizienter Energietechnik  genügsames Verhalten. «Wer sich per HEH selbst versorgt», konstatiert der Autor, «wird sich kaum einen neuen Stromfresser aufschwatzen lassen, der ihn wieder in die Abhängigkeit der Netze treibt.» Diese Befreiung wiederum vermindert den Druck, mit dem Umstieg auf erneuerbare Energie die Stromnetze zum Super Grid aus- und zum Smart Grid umzubauen. Die Befreiung vom Markt ersetzt den freien Zugang zum (Strom-)Markt, den die Liberalisierer als grosse Errungenschaft feiern.

Die Autarkie wirkt damit über die Energie hinaus: Sie fördert die Dezentralisierung der Wirtschaft. Sie beeinflusst die Gesellschaft. Sie vermindert persönliche Abhängigkeiten. Und sie verhindert, dass Netzbetreiber über das intelligente Netz Einblick ins Leben ihrer Kundschaft erhalten und Hacker via Smart-Meter die Stromversorgung lahm legen können. Der Konsument, der seine Energie selber produziert, so schreibt Warnke, «ist frei von Abhängigkeiten gegenüber den grossen Energielieferanten, frei von politischen Entwicklungen in den Energieförderländern, frei von gierigen Finanzministern und Warentermin-Spekulanten.»

Konflikt mit der Siedlungspolitik

Die im Buch propagierte Selbstversorgung mit HEH hat allerdings Grenzen und Haken. Sie konzentriert sich auf Eigenheime, die sich vorwiegend im ländlichen, dünn besiedelten Raum befinden, sowie auf Entwicklungsländer, in denen Stromnetze fehlen. In den Industriestaaten und Schwellenländern aber lebt nur eine Minderheit in Eigenheimen. Zudem ist der Energie-, Rohstoff- und Landverbrauch in der Wohnform Einfamilienhaus überdurchschnittlich hoch. Damit ergibt sich ein Zielkonflikt zwischen der energiepolitisch anzustrebenden Autarkie und der raumplanerisch erwünschten Verdichtung der Siedlungen. Hochhäuser zum Beispiel können sich mit den im Buch beschriebenen Energietechniken nicht autark versorgen.  

Braucht es also zwangsläufig ein weiträumiges Energiekonzept, basierend auf Windparks in den Weltmeeren und Solarfarmen in der Sahara, um verdichtete Siedlungen mit Energie zu bedienen? Nicht zwangsläufig. Denkbar ist auch der Mittelweg: Eine Energiestrategie, die vermehrt auf kleinräumiger Vernetzung von Produzenten und Konsumenten besteht. Titelvorschlag: «Wege zur dezentralen Energieversorgung in verdichteten Siedlungen». Das Buch dazu müsste allerdings noch geschrieben werden.

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Götz Warnke: «Wege zur Energie-Autarkie», Hamburg 2014. Für 24.90 Euro zu beziehen beim www.warnke-verlag.de.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

DOSSIER: «Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke»

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Eine Meinung

Da müssen keine Bücher mehr geschrieben werden. Das muss «nur» realisiert werden. Die technischen Voraussetzungen sind da. Die Gesellschaft ist aber nicht so weit.
Nebenbei gäbe das Abkoppeln von Häusern vom Stromnetz den AKW-Betreibern sicher mehr zu denken als jede Anti-AKW-Demo.
Gilbert Magnin, am 08. Oktober 2014 um 22:22 Uhr

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