Alltag nahe der Kupfermine: Schülerin erleidet Asthma-Anfall. Direktorin fährt sie ins Spital. © srf

Alltag nahe der Kupfermine: Schülerin erleidet Asthma-Anfall. Direktorin fährt sie ins Spital.

Glencore-Xstrata als Falschspielerin blossgestellt

Urs P. Gasche / 13. Mrz 2014 - Der Rohstoffkonzern macht in Afrika viele Menschen krank, verheimlicht Schadstoffe, will nicht entschädigen und antwortet nicht.

Die Rundschau von SRF hat am Mittwoch 12. März einen erschütternden Beitrag über die vielen Opfer der Schwefeldämpfe ausgestrahlt, die eine grosse Kupfermine des in der Schweiz ansässigen Rohstoffkonzerns Glencore-Xstrata bis heute praktisch ungefiltert ausstösst. Täglich gehen laut Rundschau mehrere hundert Tonnen in die Luft. In der Nähe wohnen 130'000 Menschen.

Die Mine hatte Glencore bereits vor 14 Jahren gekauft, doch erst in den nächsten Monaten soll ein Grossteil der Abgase herausgefiltert werden.

«Täglich behandeln wir Patientinnen und Patienten, die wegen des Schwefeldioxids Asthmaanfälle erleiden oder an chronischen Lungenleiden erkrankt sind», erklärte der Chefarzt des lokalen Spitals. Viele Bewohner der Umgebung sind an Lungenkrankheiten frühzeitig gestorben.

TV zwingt Glencore, das Ausmass der Luftvergiftung zuzugeben

Schon seit Jahren und noch heute weigert sich der Rohstoffkonzern in arroganter Weise, die Resultate der Schadstoffkonzentration in der Luft zu veröffentlichen, die sie selber misst. Wie wenn es die betroffene Bevölkerung nichts angehen würde.

Jetzt hat die Rundschau im Umkreis von 500 Meter bis 5 Kilometer eigene Messungen gemacht und die Resultate von einem Schweizer Labor auswerten lassen. Im Durchschnitt von zehn Tagen waren viele Werte 25-mal höher als der Richtwert der Weltgesundheitsorganisation WHO. Ein Spitzenwert erreichte den 39-fachen Wert.

«Diese Werte haben gesundheitliche Folgen»

Professor und Präventivmediziner Nino Künzli der Universität Basel liess in der Rundschau keinen Zweifel daran, dass eine solche Luftbelastung mit Schwefeldioxid «gesundheitliche Folgen haben muss».

Erst jetzt, als das Schweizer Fernsehen Glencore mit diesen Messresultaten konfrontierte, räumte der Konzern ein, dass diese hohen Werte denjenigen entsprechen, welche Glencore selber gemessen hat. Es sei jedoch «nicht bewiesen», dass die Abgase der Kupfermine schuld seien an den vielen Lungenkrankheiten. Der Verantwortliche von Glencores Kupferminen-Gesellschaft Mopani in Samba behauptete in einem Interview mit der Rundschau sogar, die Schwefeldämpfe würden «nur leichtes Unwohlsein» verursachen. Die Konzernzentrale in Baar ZG verbot nachträglich dem Schweizer Fernsehen, diesen Satz auszustrahlen.

Glencore ging auf Fragen der Rundschau nicht ein

Rundschau-Moderator Sandro Brotz umging dieses Verbot, indem er den Satz in der Sendung nicht ausstrahlte, aber ihn selber vorlas. Nach dem Filmbeitrag sollte Michael Fahrbach, «Leiter Nachhaltigkeit» bei Glencore, im Live-Interview Stellung nehmen. «Nachhaltig» war vor allem seine hartnäckige Weigerung, auf Fragen des Moderators einzugehen.

  • Fahrbach weigerte sich zu sagen, weshalb Glencore der Rundschau verbot, den erwähnen Satz auszustrahlen.
  • Fahrbach beantwortete die Frage nicht, weshalb Glencore ihre Messresultate der Schwefeldioxid-Konzentration nie bekannt machte.
  • Fahrbach beantwortete die Frage nicht, ob er seine eigenen Kinder ins Schulhaus neben der Fabrik in Sambia schicken würde.
  • Fahrbach wollte nicht sagen, ob Glencore Todesfälle in Kauf genommen habe.
  • Fahrbach wollte trotz mehrfachen Nachfragens nicht kundtun, ob der Rohstoffkonzern die von Opfern betroffenen Familien und die schwer an Asthma und andern Lungenleiden Erkrankten entschädigen werde.

Auf die letzte Frage meinte der «Leiter Nachhaltigkeit» von Glencore lediglich, die Beweislage sei «nicht klar» und müsse «sauber» geklärt werden. Glencore werde mit der Regierung in Sambia «zusammen sitzen».

Auch was die grossen Schäden in der umliegenden Landwirtschaft betrifft, wo Bauern zum Beispiel mit Erdnüssen und Kürbissen Ernteeinbussen haben, erklärte der lokale Glencore-Verantwortliche in Sambia, für Schäden ausserhalb des Fabrikgeländes sei «die Regierung zuständig». Dieser Satz wurde von der Zentrale in Baar nicht zensuriert, weil er offensichtlich auch der Philosophie von Glencore-Chef Ivan Glasenberg entspricht.

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  • Original-Interview mit Michael Fahrbach in der Rundschau vom 12.3.2014
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    Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

    Keine

    Weiterführende Informationen

    Glencore-Chef Ivan Glasenberg sagt die Unwahrheit
    Glencore macht Kinder krank und hält Medien fern
    Rohstoff-Steueroase Schweiz blutet arme Länder aus
    Brisante Geschäfte mit Rohstoffen
    Dossier: Wir hängen am Tropf von Rohstoffen

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    2 Meinungen

    Gut! Hoffentlich zeigt der Artikel und die Rundschau Wirkung bei Glencore.
    Eduard Baumann, am 14. März 2014 um 10:35 Uhr
    Vielen Dank an Urs Gasche, der die Facts sehr gut zusammengefasst hat! Ein grosses Lob möchte ich auch dem Rundschau-Team ausprechen. Ich finde es geradezu mutig, dass es selber vor Ort Schadstoffmessungen gemacht hat. Auch der Rundschau- Moderator Sandro Brotz hat im Interview mit dem Glencorsprecher Klugheit, Schlagfertigkeit und Standhaftigkeit bewiesen.
    Ich teile die Hoffnung von Herrn Eduard Baumann kaum, dass dieser Rundschaubeitrag bei Glencore etwas verändern wird. Ich habe eher die Hoffnung, dass er vielleicht bei unseren Behörden und Politiker etwas auslöst.
    Obschon es nicht Glencore betrifft, zeigt auch folgendes Beispiel die Macht der Konzerne.
    Nigeria hatten letzten Herbst den Verdacht, dass Schweizer Erdölfirmen, mit u.a. falsch deklarierten Fördermengen den Staat Nigeria bescheissen. Weil der Erdölkonzern Vitol, Nigeria die Auskunft verweigerte, sah sich Nigeria genötigt, die Schweizer Justiz um Hilfe zu bitten, in Form eines Rechtshilfebegehrens. Nigeria verlangte von fünf Schweizer Rohstoffhändlern Buchhaltungsbelege und Frachtbriefe.
    Grossbritannien hat bei einem ähnlichen Rechtshilfebegehrens Nigerias, über das Justizministerium immerhin die Konten englischer Firmen sperren lassen.
    Die Schweiz jedoch schwieg und schweigt weiter. Folgende Firmen stehen unter Betrugsverdacht: Vitol, Litasco, Gunvor, Arcadenergie und Petrade Brassleto. Alle haben Tochtergesellschaften in Genf.
    All dies wurde weder in der Tagesschau noch im Echo der Zeit erwähnt.
    thomas schenker, am 15. März 2014 um 06:39 Uhr

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