kontertext: Wissenschaftsbashing

Ariane Tanner © cc
Ariane Tanner / 13. Apr 2017 - Ein altes Rezept, Wissenschaft zu verunglimpfen, ist wieder sehr beliebt. JournalistInnen müssen ihren Lügendetektor feinabstimmen.

Das Rezept ist einfach: Man nehme eine wissenschaftlich nachgewiesene Tatsache und ziehe sie in Zweifel. Zum Beispiel indem man die Ausgangsfrage aufs Neue stellt, als hätte es nie eine Antwort darauf gegeben. Oder indem man schlicht etwas anderes behauptet. Dann teile man den Medien mit, dass die journalistische Ausgewogenheit gebiete, über diese vom wissenschaftlichen Konsens abweichende Meinung zu berichten. Teils tun Medien dies geflissentlich – und schon entsteht der Eindruck einer Kontroverse über ein Thema, das eigentlich längst erledigt war.

Wissenschaftsbashing als Lebensinhalt

Lernen konnte man dieses Rezept bereits Ende der 1950er Jahre mit einem Blick auf die USA: Eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern schloss sich dort mit Privatfirmen und Denkfabriken zusammen, «um wissenschaftliche Beweise anzufechten». Zu jener Zeit lag ihnen daran, den bereits bekannten Zusammenhang zwischen Rauchen und Gesundheitsschäden zugunsten der Tabakbranche zu verschleiern, um ein Riesengeschäft zu schützen. Ihre bisherige Vita verlieh diesen Forschern eine Glaubwürdigkeit, die sie aber nur noch im Feldzug gegen die Wissenschaft einsetzten. Kein eigenes, nennenswertes Forschungsresultat hatten sie von da an zu bieten, sie verlegten stattdessen ihre Kräfte darauf, «das Werk und die Reputation anderer» anzugreifen.

Im minutiös erarbeiteten Buch von Erik M. Conway und Naomi Oreskes von 2010, Merchants of Doubts, lässt sich detailreich nachlesen, wie das «Netzwerk des Leugnens» aufgebaut wurde. Zig Millionen flossen während Jahrzehnten in von der Tabakindustrie finanzierte Forschungsprojekte, die mitunter zeigen sollten, dass genetische Voraussetzungen oder die Industrialisierung gleichermassen/ähnlich/stärker für Lungenkrebs verantwortlich sind. Kongressabgeordnete wurden mit Druckmaterialien versorgt, JournalistInnen zu Schulungen eingeladen, Kommissionen mit Advokaten des Zweifels besetzt. Weil sich die Taktik, «Wissenschaft mit Wissenschaft zu bekämpfen», auch im Zusammenhang mit dem sauren Regen oder dem Ozonloch bewährt hatte, verlegte man sich ab Ende der 1980er Jahre – teilweise mit demselben Personal – auf das neueste, brennendste Wissenschaftsthema: den menschlichen Faktor im Klimawandel.

Die Strategie des Anzweifelns

Zwei Tricks waren besonders erfolgreich, um die etablierte Wissenschaftsmeinung zu untergraben. Erstens: Den nicht genehmen WissenschaftlerInnen wurde ihre wissenschaftliche Redlichkeit zum Nachteil ausgelegt. Das geht ganz simpel, denn Wissenschaft stellt ihre Ergebnisse nie mit 100%-iger Sicherheit dar (nicht jede/r stirbt an Lungenkrebs, die/der raucht; nicht alle Mechanismen des Klimawandels sind bekannt). Differenzierungen, Aussagen in Prozenten sowie Risikoabwägungen wurden der Forschung gezielt als Ungenauigkeit und Wissenslücke ausgelegt. Wo Wahrscheinlichkeiten – seien sie noch so hoch – als wissenschaftliches Resultat präsentiert werden, springt der Zweifel in die Prozentlücke: Genau da, so der politisch motivierte, rhetorische Winkelzug, könnte ja der eigentliche Ort der Wahrheit liegen.

Eine Gegen-Behauptung ist aber ohne öffentliche Resonanz noch nichts wert. Es gilt also, die Medien zum Mitmachen zu bewegen. Diese stecken selber in einer verzwickten Lage: Eigentlich sollen sie kritisch sein, aber auch unvoreingenommen und repräsentativ. Gleichzeitig möchte kein Journalist/keine Journalistin echte Neuigkeiten verpassen. Medien brauchen permanent gute Geschichten, und diese müssen im Tagesgeschäft verdammt schnell entstehen. Hier kommt der zweite entscheidende Trick im Geschäft mit der Skepsis zur Anwendung: Der ausgestreute Zweifel muss als Neuigkeit dargestellt und die Medien müssen zugleich an ihre demokratischen Grundsätze erinnert werden, die es gewissermassen als ihre meinungsbildende Pflicht erscheinen lassen, auch über das behauptete Gegenteil des Wissensstandes zu berichten. Um ihnen die Arbeit zu erleichtern, übermittelt man gleich das einschlägige Dossier an die Redaktion und bietet sich grosszügig als Gesprächspartner an.

«False balance» in den Medien

Das kann zu enormen Verzerrungen in der Debatte führen. Plötzlich werden aus vermeintlichen Fairnessgründen Minderheitsmeinungen und Behauptungen, die nicht auf solider Forschung beruhen, medial gleich gewichtet wie die wissenschaftliche Konsensmeinung. Damit erreicht Wissenschaftsbashing sein Ziel: Es wird der Anschein einer Kontroverse erweckt. Man nennt dieses Medienphänomen «false balance». Davon spricht auch der ETH-Klimaforscher Reto Knutti: Mit dieser Strategie werde aktuell in den USA «vorgegaukelt, es gäbe einen Streit unter Experten: Zu einer Anhörung im Parlament vergangene Woche wurden vier Klimaforscher eingeladen; einer vertritt den wissenschaftlichen Konsens, die anderen drei stehen für eine gegenläufige Minderheitsmeinung ein. Wer recht hat, ist irrelevant – es reicht der Eindruck, dass alles umstritten ist» (NZZ, 7.4.2017).

Nichts Neues unter der Sonne

Genau nach diesem Schema versuchte auch die «Weltwoche» (30.3.2017) mit dem Artikel «Es ist die Sonne» eine klassische Aussage von Klimawandelleugnern neu ins Spiel zu bringen: «Nicht der Mensch, die Sonne erwärmt das Klima.» Diese Behauptung ist so alt wie das Wissen darum, dass die Menschen die grösste Verantwortung für den Temperaturanstieg auf der Erdoberfläche tragen (Conway/Oreskes verweisen auf diesen Evergreen der Klimawandelskeptiker schon auf Seite zwei ihrer Einleitung).

Zuerst wirft der Verfasser des «Weltwoche»-Artikels einem Schweizer Forscher vor, er habe 2013 bei der Präsentation des damals neuesten Berichts des Weltklimarats (IPCC) über das Wichtigste «hinweggesehen»; die Graphiken zeigten nämlich eigentlich, dass sich die Schwankungen in der Sonnenintensität mit dem Temperaturverlauf auf der Erde deckten. («Schritt 1: Diffamiere einzelne Wissenschaftler; wirf ihnen Ideologie vor.») Eigentlich also sei die Sonne Treiberin der Klimaerwärmung. Eine Behauptung, so der Verfasser weiter, die durch eine neue Schweizer Studie zur Frage Klima/Sonne unterstützt und durch die dazugehörige Medienmitteilung des Schweizerischen Nationalfonds belegt werde. («Schritt 2: Spiele Wissenschaft gegen Wissenschaft aus.») Aufgrund dieser Medienmitteilung schmiedet der Verfasser seine verkürzte Kausalkette: «Jetzt kommen Schweizer Forscher ‚erstmals‘ zur Erkenntnis, dass sich der Klimawandel nur mit der Sonnenaktivität erklären lässt.» («Schritt 3: Behaupte das Gegenteil der gängigen Wissenschaftsmeinung.») Zu guter Letzt wirft er den Medien vor, dass dies «eine solche Sensation» sei, dass «natürlich» die grossen Printmedien nicht darüber berichteten. («Schritt 4: Unterstelle den Medien, undemokratisch zu sein!») Wir finden hier alle Zutaten zum Wissenschafts-Verunglimpfungs-Rezept bestens vorgeführt.

Jetzt nur mal so fürs Protokoll: Der Bericht des Weltklimarats von 2013 geht auf die Sonnenaktivität ein. Nur decken sich die dort einsehbaren Graphiken nicht mit dem globalen Temperaturanstieg seit den 1970er Jahren und können die Klimaerwärmung nicht erklären (IPCC 2013, FAQ 5.1). Ebenfalls ist die Art und Weise, wie die Medienmitteilung des Nationalfonds in der «Weltwoche» wiedergegeben wird, gelinde gesagt, ungenau. Es kann konstatiert werden, dass eine weitere nützliche Zutat für das Hochkochen von Zweifeln die Losung ist: «Scher‘ dich nicht um die Fakten; lügen geht schneller als lesen.»

Sensationslust und Relativierung

Schaut man sich die Medienmitteilung vom 27.3.2017 einmal genau an, dann ist auch die Pressestelle des Schweizerischen Nationalfonds vor der Sensationslust nicht gefeit: Es wird zwar das Resultat des Weltklimarats referiert, «dass die Sonnenaktivität in der jüngeren Vergangenheit und auch der nächsten Zukunft keine Bedeutung für den Klimawandel hat» (zum Beispiel nachzulesen IPCC 2014), unmittelbar anschliessend aber wird die durch ihre eigene Institution geförderte Studie damit angepriesen, dass sie diese Annahme des IPCC «relativiere». Nun, diese «Relativierung» muss wiederum stark relativiert werden, was die Medienmitteilung auch selber deutlich macht: Die neu vorgestellten Modelle stützten die Vermutung, dass sich das Erdklima um 0,5 Grad abkühlen könnte, wenn die Sonnenaktivität ihr nächstes Minimum erreiche. Aber: Es lasse sich nicht genau sagen, wann das der Fall sein soll (50 bis 100 Jahre). Das Verhalten «der Sonne in den nächsten Jahren bleibt allerdings Spekulation», weil die vorhandenen Daten erst ein paar Jahrzehnte abdeckten und darin noch keine signifikante Schwankung in der Sonnenaktivität zu finden sei. Die Ergebnisse der Studie, so wird ein Forscher zitiert, «bleiben eine Hypothese», und eine Abkühlung würde «den menschgemachten Anstieg der Temperatur keineswegs kompensieren»; denn falls doch ein Einfluss feststellbar wäre, würde dieser zu spät eintreffen.

Ein Interview im «Tages-Anzeiger» (10.4. 2017) beginnt dennoch mit der Frage, ob dieselbe neueste Studie die Resultate des IPCC «relativiere». Der Atmosphärenphysiker an der ETH Zürich antwortet, dies sei tatsächlich eine «umstrittene Frage innerhalb unserer Forschergemeinschaft» gewesen, er persönlich würde das aber «nicht so ausdrücken». Das stärkste Argument gegen diese Frage liefert er gleich selber: «Wir sind von einer anderen Hypothese als der IPCC ausgegangen.» Ihre neuen Klimasimulationen beruhten auf der Prämisse, dass die Sonnenaktivität stärker abnehme als bisher angenommen. Wie der Interviewte weiter ausführt, zeigten die Modelle eine Abkühlung von einem Viertel Grad in 50 bis 100 Jahren, die «Sonnenphysiker» müssten aber erst noch durchrechnen, «ob eine solche Abkühlung tatsächlich physikalisch erklärbar ist.» Auf die fortschreitende Erderwärmung hätte aber auch ein positiver Bescheid keinen Einfluss: «Wir stehen beim Klimawandel mit dem Rücken zur Wand, weil wir bis heute die CO2-Emissionen nicht in den Griff kriegen.»

Gut ausbalanciertes Wissen

Es ist – wie letztlich die Medienmitteilung des Nationalfonds betont und die Seite im «Tages-Anzeiger» in einer «good balance» vorführt – immer noch die bestbelegte Hypothese, dass der CO2-Ausstoss auf der Erde die Klimaerwärmung des Planeten zu weitesten Teilen verursacht und vorantreibt. Das Jahr 2015 war das durchschnittlich wärmste seit Messung, nur übertroffen durch das Jahr 2016. Mit solchem Wissen verbindet sich auch eine wissenschaftliche Haltung: Solange die Resultate mit erdrückender Beweislast für die eine Annahme sprechen, gibt es keine Veranlassung, dieselbe aufzugeben zugunsten einer Hypothese auf viel wackligerem Fundament. Diese Haltung muss insbesondere gegen mächtige Interessen und finanzstarke Gruppierungen verteidigt werden.

Eine Enttäuschung für alle diejenigen, die dachten, sie könnten die Verantwortung für ihr ressourcenintensives Leben den kosmischen Läuften übertragen, denen man nun wirklich wehrlos ausgeliefert ist. Und eine Aufgabe für die berichtenden und meinungsbildenden Medien hierzulande, das Rezept zur Wissenschaftsverunglimpfung und seine Spielarten («Manipulation!» – «Fake!») zu durchschauen.

Lesenswert zu diesem Thema: Conway, Erik M., Naomi Oreskes: The Merchants of Doubt. How a Handful of Scientists Obscured the Truth on Issues from Tobacco Smoke to Global Warming, Bloomsbury 2010. Die deutsche Übersetzung davon erschien 2014 unter dem Titel Die Machiavellis der Wissenschaft. Das Netzwerk des Leugnens enthält aber bedauerlicherweise viele orthographische und stilistische Fehler.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Ariane Tanner ist Historikerin aus Zürich. Ihre Dissertation, Die Mathematisierung des Lebens. Alfred James Lotka und der energetische Holismus im 20. Jahrhundert, erschien im März 2017 bei Mohr Siebeck in Tübingen. Das wissenschaftshistorische Buch behandelt die Mathematisierung von ökologischen Phänomenen und globale Erklärungsmodelle, die auf Energieflüssen basieren.

  • Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Corina Lanfranchi, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

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19 Meinungen

Das Buch von Ariane Tanner würde mich interessieren und wird von mir bestellt. Im übrigen waren zum Beispiel Sokrates und Karl Popper die bedeutendsten Repräsentanten des Wissenschafts-Bashings. Natürlich sind die herkömmlichen Vorstellungen über Klimawandel und selbst über Darwins Evolutionstheorie zu simpel, um so, wie es gemeinhin verzapft wird, stimmen zu können. Vereinfachende Mehrheitsmeinungen führen in der Regel zur Verdummung, selbst wenn einiges und sogar vieles wahr sein mag dran. Natürlich ist zum Beispiel wissenschaftstheoretische Kritik etwa am Darwinismus als metaphysisches Forschungsprogramm (Popper) in keiner Weise eine Bestätigung des Kreationismus. Auch Diskussionen über die Klimaerwärmung sind wissenschaftstheoretisch schwierig, weil die meisten Verfechter zu wenig wissen über Funktion und Grenzen von Theorien. Das Problem liegt in der Regel im Mangel an Grundwissen und Grundlagenwissen.
Pirmin Meier, am 13. April 2017 um 11:50 Uhr
Sehr interessanter Artikel. Lustig, dass er fast zeitgleich zu meiner Analyse des «Falls Ganser» in der Medienwoche erscheint. Die Biden Texte ergänzen sich hervorragend. http://medienwoche.ch/2017/04/12/grenzgaenger-ganser-und-andere-akademische-aussenseiter-im-zentrum-der-aufmerksamkeit/
Beat Glogger, am 13. April 2017 um 12:09 Uhr
Herr Meier, sie weisen auf zwei wichtige Faktoren hin, die es in dieser Diskussion zu beachten gilt: dass die Vorstellungen zu simpel sind und vereinfachende Mehrheitsmeinungen zur Verdummung führt, sowie dem Mangel an Grundwissen und Grundlagenwissen.

Ich selbst, als Evolutionsbiologe, bin aber nicht ganz einverstanden. Nein, es ist nicht alles so kompliziert, wie uns Wissenschaftler glauben machen möchten. Ich habe häufig das Gefühl, dass dies behauptet wird, um seine eigene Forschung (und Fluss der entsprechenden Förderungsgelder) zu rechtfertigen.

Und deshalb entsteht diese Mängel, weil sich die Forscher immer weiter in ihre Silos zurückziehen, statt versuchen in einfacher Sprache zu kommunizieren – zwischen den Silos und noch wichtiger, mit der Mehrheit. Passiert dies nicht, wird wie seit längerem zu beobachten ist, dieses Vakuum von Populisten gefüllt.
Stephan Klee, am 13. April 2017 um 12:10 Uhr
@Stephan Klee Ich bin nicht der Meinung, dass die Wissenschaftler sich immer mehr in ihre Silos zurückziehen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Hochschulen tun immer mehr, um die Resultate unter das Volk zu bringen.
Auch leite ich seit 2005 Kommunikationstrainings für Wissenschaftler an der Schweizer Journalistenschule MAZ. Seither haben über 500 Forscherinnen und Forscher diese Kurse besucht. Die sind alle ganz wild darauf, sich verständlich auszudrücken. Und viele machen es viel besser als noch vor 30 Jahren.
Jetzt müsste man fragen: warum bleibt trotzdem das Vakuum, das die „Irgendwas-Leugner“ füllen. Da habe ich zwar die Vorstellung einer Erklärung, aber keine ausgereift Antwort.
Beat Glogger, am 13. April 2017 um 12:21 Uhr
@Klee. Sie differenzieren meine Aussagen, wofür ich Ihnen danke. Ja, man kann mit kompliziert erklären selber beweisen, dass man es noch nicht richtig verstanden hat. Genau das habe ich von Karl Popper gelernt, der zwar im Einzelfall auch unsachlich polemisieren konnte, aber von Wissenschaftstheorie und Theorie der Theorien verstand er was, und sein Postulat, wenn man etwas nicht einfach erklären könne, habe man es nicht ganz verstanden, hat etwas Richtiges.

@Glogger. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Hochschulen, etwa im Bereich der Geisteswissenschaften, noch viel mit Wissenschaft zu tun haben. Wichtiger ist es und auch verdienstvoll, dass jeder die Chance hat, ein Diplom zu bekommen. Dabei trifft diese Kritik schon zum Teil auf die Uni Basel im 18. Jahrhundert zu, als die Professuren noch verlost wurden. Darum konnte der geniale Bernoulli, der wenigstens theoretisch ein Flugzeug konstruierte, nicht Professor der Physik werden. Es war aber, abgesehen davon, dass nur eine verschwindende Minderheit von Männern studieren konnte, ein Stück «Chancengleichheit».
Pirmin Meier, am 13. April 2017 um 13:28 Uhr
@Glogger. Wie gelangen Sie als Evolutionsbiologe zur Meinung, an Hochschulen mangle es auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften an Wissenschaftlichkeit ?
Immerhin sind diese nicht in derselben Weise auf Geldfluss (wie z.B. von interessierten Konzernen) angewiesen wie etwa die Naturwissenschaften.
Vereinfacht gesagt, genügen bei Geisteswissenschaften, Papier, Bleistift, ein paar Bücher und ein Hirn. Die Menge des investierten Kapitals, so hoffe ich jedenfalls noch, kann nicht ein Gradmesser für Wissenschaftlichkeit sein.
Heinz Abler, am 13. April 2017 um 15:59 Uhr
Sehr interessanter Kommentar, Herr Abler, und gutes Praxisbeispiel, wie das heute eben geht mit dem „Bashing“. Ich, Stephan Klee, bin der Evolutionsbiologe und Herr Meier machte die Kritik an die Geisteswissenschaften, während Ihr Beitrag gar keinen Bezug auf Herrn Glogger nimmt, aber an ihn adressiert ist.
Stephan Klee, am 13. April 2017 um 16:20 Uhr
@Klee, Glogger. Vielen Dank, entschuldigen Sie bitte meine allzu überhastete Fehlleistung.
Heinz Abler, am 13. April 2017 um 16:34 Uhr
Herr Abler, kein Problem. Ich möchte Sie gleich nochmals als Beispiel erwähnen, diesmal als ein sehr löbliches.

Sich entschuldigen und zu Fehlleistungen stehen, würde vielen Beteiligten in dieser Debatte um den Zustand unserer Wissenschaften und Medien (und Politik) gut tun und wäre ein entscheidender Schritt nach vorn.
Stephan Klee, am 13. April 2017 um 16:47 Uhr
@Klee/Abler. Möchte meinerseits meine Urteile nicht allzu pauschal verstanden wissen. Würde aber derzeit heute, 50 Jahre nach meiner Matura, wohl eher derzeit kein geisteswissenschaftliches Studium mehr machen, eher schon vielleicht das etwas vernachlässigte Gebiet der systematischen Biologie.
Pirmin Meier, am 13. April 2017 um 19:58 Uhr
Nun, liegt nicht hier der Hund begraben? Welches sind die Geisteswissenschaften? Biologie, als die Lehre des Lebens, müsste eine sein. Wirtschaftswissenschaft war ursprünglich eine Teildisziplin der Philosophie, so auch die Mathematik als grundlegendes Werkzeug.

Aber heute versuchen alle Disziplinen zu den „harten“ Wissenschaften zu gehören und – um beim Beispiel zu bleiben – bauen ihre Silos in die Höhe mit minimaler Grundfläche als Basis, so dass die universitäre Landschaft aussieht wie ein englischer Rasen, deren Halme sich in gleicher Richtung biegen wie der Wind gerade weht.

Wir brauchen aber ein Baum mit starken Wurzeln und einem festen Stamm, der auch Stürmen trotzt, eine Krone mit vielen unterschiedlichen Blättern, die sich aber alle der Sonne zuwenden, da sie die Quelle des Lebens ist. Und diese Sonne der Wissenschaft hat den Namen „Wahrheit“.

Ist das zu pathetisch? Ich meine nein. Statt im Studium frühstmöglich spezifische Credit Points zu jagen, sollte das erste Semester aus einem gemeinsames Curriculum bestehen, welches an den Wurzeln ansetzt, beginnend bei Ethik, Wertedefinition und Empirie. Es sollte gelehrt werden nicht nur zu diskutieren, sondern auch zu polemisieren. Erst wenn diese Grundlagen geschaffen sind, macht es Sinn, sich in eine Teildisziplin zu spezialisieren.

Und sich den gemeinsamen Wurzeln bewusst zu sein, ermöglicht dann auch die dringend benötigte Inter- und Transdisziplinarität.
Stephan Klee, am 14. April 2017 um 09:57 Uhr
@Klee. Schöne Anmerkung. Nur kann Ethik als Theorie der Praxis vernünftigen Handelns nicht automatisch am Anfang stehen, weil zielgerechtes Handeln gemäss Aristoteles «Sein gemäss der Vernunft» ist, esse secundum rationem (Thomas von Aquin), was dann wieder auf vielen Gebieten Grundwissen voraussetzt. Ich stritt vor Jahren mit einer Ethikerin, die behauptete, Leute, die gar nichts von Atomphysik verstehen, seien ethisch kompetenter im Umgang mit den Folgen der Kernenergie als solche, die was davon verstehen. Auf diese Meinung, auf welchem Gebiet auch immer, konnte ich mich nie verstehen. Wissenschaftsethik zum Beispiel muss von den Wissenschaftlern selber erarbeitet werden, ein Ayatollah kann ihnen nicht helfen. Usw.
Pirmin Meier, am 14. April 2017 um 10:50 Uhr
Deshalb gilt es erst Recht die Ethik an die Basis zu stellen, aber halt erst zu ergründen, was der Begriff bedeutet, woher er kommt, aber auch wie sich der Begriff mit der Zeit gewandelt hat.

Und wieder zurück zu den Wurzeln zu kommen und plötzlich ist eigentlich alles so banal. Ethik als das Verständnis des „nicht verletzen“, die Liebe und die Vernunft als Weg aus dieser kranken Gesellschaft (Erich Fromm vor mehr als 60 Jahren) und der Altruismus als Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit (Matthieu Ricard).

Ich bin wirklich überzeugt, dass es so einfach sein könnte und wir dieses Herausforderungen, die einen Namen bekommen haben, meistern können: die nachhaltigen Entwicklungsziele 2030 der UNO.

Und ich denke, dass wir hier auch den Kreis zum Wissenschaftsbashing wieder schliessen können. Spielt es schlussendlich eine Rolle, ob die Sonne oder der Mensch verantwortlich für die Klimaänderung ist, ob das Klima sich überhaupt wandelt oder nicht; ob mehr Leute durch Rauchen oder verschmutzte Luft sterben? Hunger ist ein Fakt, so wie die Begrenztheit der Ressourcen, die Armut und ungleiche Verteilung des Reichtums.

Auch darüber gibt es unzählige wissenschaftliche Arbeiten, aber eben fokussiert man medial lieber auf das was unseren Status (ressourcenintensives Leben) und Business as Usual bewahrt, als der Inconvenient Truth ins Auge zu schauen.
Stephan Klee, am 14. April 2017 um 12:09 Uhr
"Nicht verletzen» kann so wenig der letzte Grund der Ethik sein wie Mitleid. Aufgrund des Arguments «Mitleid» zum Beispiel befürwortete der Dominikanermönch Bartolomé de Las Casas die Sklaverei der Schwarzen im Vergleich zu derjenigen der Indios, weil die Schwarzen dabei weniger leiden würden und trotz allem fröhlich blieben. Wenn schon, müsste ein Kriterium Gerechtigkeit sein und nicht Mitleid. Auch Prinzipien wie Altruismus genügen genügen irgendwie nicht, so sehr der reine Egoismus natürlich ethisch falsch ist. Das Gegenteil des Falschen kann schon rein logisch durchaus auch wieder falsch sein.
Pirmin Meier, am 14. April 2017 um 14:03 Uhr
Genau, denn „Nicht verletzen“ (physisch und psychisch) soll der erste und nicht der letzte Grund der Ethik sein. Ja, Mitleid geht gar nicht, „ohne Leid“ muss die Devise sein, wobei Devise durchaus als Zahlungsmittel zu verstehen ist. Nennen Sie es nach dem christlichen Motto „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, dem ka(n)tegorischen Imperativ „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“, den Schlagwörtern des (wahren) Liberalismus „Gleicheheit“ und „Freiheit“ oder um nochmals Erich Fromm zu zitieren:

Keine Institution und kein Ding steht höher als irgendein Mensch!

Und daraus entsteht Gerechtigkeit.

Es ist wirklich nicht so schwer PUNKT Oder?

PS. Und auch nach Fromm, gilt es (auch in Bezug auf den Altruismus) zu unterscheiden zwischen Selbstliebe und Egoismus, wie halt auch generell in dieser Diskussion zwischen (wahrer) Ethik und (quasi-ethischer) Fairness als Stimme des Gewissens.
Stephan Klee, am 14. April 2017 um 14:42 Uhr
Das ist kein Streitgespräch, sondern ein Fortschreiten in der Differenzierung.


Was aber noch an Ariane Tanner zu kritisieren wäre, ist die Betonung des Konsens. Sogenannte Wissenschaften wie Theologie, Geschichte, Recht, leider zum Teil auch Philosophie und Ethik betonen die Konsensobjektivität, einen Begriff aus «Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse» von Hermann Lübbe. Konsens konstituiert nicht Wahrheit, sondern Gruppenidentität, ist also streng genommen kein für die Wissenschaft tauglicher Begriff, sondern ein Ideologiebildungsbestandteil.
Pirmin Meier, am 14. April 2017 um 14:51 Uhr
Einverstanden, sowohl in Bezug auf dass wir nicht streiten, als auch des Problems des Konsens als Gruppenidentität.

Letzteres eben der Silomentalität geschuldet, weil der gemeinsamen Wurzel nicht mehr bewusst.
Stephan Klee, am 14. April 2017 um 18:04 Uhr
@Pirmin Meier. Popper hat seine Meinung zur Falsifizierbarkeit der Evolutionstheorie später modifiziert. Eine gute Übersicht ist http://www.theironsamurai.com/evolution-falsifiable-karl-popper-really-said-dont-believe-hype/
MfG
Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 21. April 2017 um 10:29 Uhr
Letzteres ist mir natürlich bekannt. Erkenntnistheoretisch wichtig ist, dass eine ernst zu nehmende Theorie überhaupt falsifizierbar ist, eine endgültige Wahrheit ein für allemal gibt es nicht, selbst wenn die grosse Richtung stimmt. Die Optiken ändern sich laufend auch mit Forschungsergebnissen und Forschungsauseinandersetzungen, auch mit jeweiligen «Gegnern». Mir ist auch bekannt, dass sich Popper über Beanspruchung durch Kreationisten mit Recht geärgert hat.

Ich danke für den stets konstruktiven Austausch.


Pirmin Meier
Pirmin Meier, am 21. April 2017 um 13:27 Uhr

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