Die Energiewende kommt – auch ohne Geothermie

Hanspeter Guggenbühl © bm
Hanspeter Guggenbühl / 22. Jul 2013 - Erschüttert das Geothermie-Beben in St. Gallen auch die nationale Energiewende? Lesen Sie die Packungsbeilage!

Der Blitz kam keineswegs aus heiterem Himmel. Denn spätestens seit dem Erdbeben von Ende 2006 in Basel war klar: Die Nutzung der Erdwärme kann sich ebenso als Ritt auf dem Vulkan erweisen wie das Fracking von Erdgas und Erdöl. Jede Energie, ob nuklear, fossil oder erneuerbar, birgt Risiken und hat Nebenwirkungen. Leider fehlte diese Warnung auf der Packungsbeilage des St. Galler Bohrprojekts.

Entsprechend überrascht reagierten am Wochenende Leute aus Politik und Medien auf das neue Geothermie-Beben. Dieses erschütterte am Samstag nicht nur den Untergrund im Grenzland St. Gallen/Appenzell, sondern bringt anscheinend auch die Schweizer Energiepolitik ins Wanken: «Schwerer Rückschlag für Leuthards Energiestrategie», titelte etwa die «NZZ am Sonntag». Und die «Ostschweiz am Sonntag» liess den Berner Atomkraft-Fan Christian Wasserfallen auf der Frontseite frohlocken: «Der Atomausstieg war von Anfang an falsch.»

Müssen wir also die bundesrätliche Energiestrategie begraben, falls die Verstromung der Erdwärme endgültig scheitert? Wer diese These vertritt, muss tief ins Papier hinein bohren. Dann stösst er im Grundlagenbericht zu den «Energieperspektiven 2050» auf Seite 232 aufs Kapitel Geothermie. Darin quantifizierten die Verfasser die Stromerzeugung aus Erdwärme im Jahr 2050 je nach Szenario auf 0,4 Milliarden bis 4,3 Milliarden Kilowattstunden (kWh). Sie weisen aber auch auf die «grosse Unsicherheit» dieser Schätzung hin.

Die obere Zahl von 4,3 Milliarden kWh (das sind sieben Prozent der nationalen Stromproduktion) im «Angebotsszenario C&E» pickten nun einige Medien am Samstag und Sonntag heraus und leiteten daraus ab, die Energiestrategie stehe und falle mit der Geothermie. Diese Folgerung ist unsinnig und kurzsichtig zugleich.

Unsinn ist, Perspektiven über die Energieversorgung im fernen Jahr 2050 zum Nennwert zu nehmen. Denn die vielen Szenarien, die der Bundesrat präsentiert, zeigen nur eines: Die Energiezukunft ist offen. Die Politik kann und soll diese mit geeigneten Massnahmen oder Unterlassungen beeinflussen. Doch wohin die Reise geht, hängt auch von äusseren Einflüssen ab: Wächst zum Beispiel die Wirtschaft nur halb so stark, wie es der Bundesrat in seinen Perspektiven vorsieht, wird die Schweiz 2050 weit weniger Strom verbrauchen, als die Geothermie im besten Fall produziert.

Kurzsichtig ist es, aus dem Misserfolg einer einzigen Technologie das Scheitern der Energiewende als Ganzes abzuleiten: Die Wende in der Energieversorgung tritt auch ohne Geothermie ein, denn die Ausbeutung von nicht erneuerbarer Energie lässt sich nicht ewig fortsetzen. Die Frage ist nur, ob wir diese Wende chaotisch erleiden oder erfolgreich gestalten.

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Hanspeter Guggenbühl ist Autor des im April erschienenen Buches "Die Energiewende, und wie sie gelingen kann." www.rueggerverlag.ch

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2 Meinungen

Eigentlich müsste das Beben in St. Gallen noch einiges mehr zu denken geben, als damit die Energiewende in Frage zu stellen. Der Atommüll soll dereinst doch auch im Untergrund gelagert werden, sicher auf tausende bis Millionen Jahre - dicht und abgeschirmt von der Biosphäre. Die vermeintlichen Sicherheiten einer solchen Langzeitlagerung, wie sie von Nagra und anderen schon seit Jahren beschworen werden, sollten vielleicht einmal im Kontext der beiden Beben in Basel und St. Gallen reflektiert werden. Die Geologie unseres Untergrundes und ihr Verhalten ist in vielen Aspekten und offensichtlich bei technischen Eingriffen noch recht unbekannt.
Heini Glauser, am 22. Juli 2013 um 14:08 Uhr
...dass die Nuklear- und Stromlobby bei jedem Rückschlag frohlockt und wieder mal die hinlänglich bekannten Angstszenarien an die Wand malt, ist nicht überraschend (kein Argument ist so schlecht, dass es nicht wirkt, wenn man es oft genug wiederholt). Was mich schockiert ist, dass die Halbwahrheiten und Lügen dieser Szenarien von den etablierten Medien nicht hinterfragt, sondern meist unkommentiert weiter verbreitet werden. Der Artikel von Hanspeter Guggenbühl ist eine rühmliche Ausnahme.
Christoph Nikolaus, am 24. Juli 2013 um 12:46 Uhr

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