AKW Beznau: Reaktor I ist bereits seit 45 Jahren in Betrieb © Ensi

Keine Altersgrenze für alte Atomkraftwerke

Hanspeter Guggenbühl / 29. Okt 2014 - Die Energiekommission des Nationalrats will die AKW-Laufzeit nicht begrenzen. Damit erhält die grüne Ausstiegs-Initiative Auftrieb.

Die Energiekommission des Nationalrats (UREK-NR) hat gestern, ein Jahr nach Beginn, ihre Beratungen über die umfangreiche Energiestrategie des Bundes beendet. Gegenüber früheren Entscheiden beschloss sie nochmals einige Änderungen.

Umstrittene AKW-Lebensdauer

Besonders umstritten ist die Frage, wie alt die alten Atomkraftwerke in der Schweiz werden dürfen:

  • Laut Antrag des Bundesrates sollen die bestehenden AKW so lange weiterlaufen, wie sie die Aufsichtsbehörde ENSI als sicher beurteilt, theoretisch also unendlich lang.

  • Die Mehrheit der Nationalratskommission beschloss jetzt ein «Langzeit-Betriebskonzept». Demnach kann die Aufsichtsbehörde auf Gesuch der AKW-Betreiber die Laufzeit mehrmals um 10 Jahre verlängern. Theoretisch ermöglicht auch diese Regelung eine unbegrenzte Laufzeit der alten Atommeiler. Entrüstet über diesen Entscheid ist SP-Nationalrat und AKW-Gegner Beat Jans: «Damit», so kommentiert er, «weigert sich die UREK-Mehrheit, die Verantwortung für die Sicherheit der Atomkraftwerke wahrzunehmen.»

  • Die hängige Volksinitiative der Grünen hingegen fordert, dass die bestehenden AKW spätestens nach 45 Jahren Betriebszeit abgeschaltet werden müssten. Das Jüngste, das KKW Leibstadt, würde damit spätestens im Jahr 2029 stillgelegt, alle andern schon früher.

  • Minderheitsanträge der UREK fordern ebenfalls eine Beschränkung der Laufzeit, nämlich zwischen 50 und 60 Jahren. Den Bau von neuen Atomkraftwerken hingegen haben Bundesrat und Parlament schon früher abgelehnt.

Initiative und Energievorlage getrennt

Eine weitere wichtige Änderung, welche die UREK gestern beschloss, ist formeller Natur: Die anstehenden Entscheide über die Atomausstiegs-Initiative der Grünen und über die Energiestrategie als Ganzes werden jetzt voneinander getrennt. Das erlaubt, über beide Vorlagen unabhängig zu entscheiden.

Ursprünglich wollte die UREK die beiden Vorlagen miteinander verknüpfen, indem sie die Vorlage zur Energiestrategie der Initiative als Gegenvorschlag gegenüber stellte. Dies hätte die grünen AKW-Gegner in eine Zwickmühle gebracht. Denn mit einem Ja zu ihrer Initiative hätten sie riskiert, dass die Energiestrategie in einem Scherbenhaufen endet. Oder umgekehrt: Um die Energiestrategie als Ganzes zu retten, hätten sie ihre Initiative zur Laufzeitbegrenzung zurückziehen müssen. Mit dem gestrigen Beschluss ist es nun möglich, sowohl die AKW-Laufzeit mit einem Ja zur Initiative zu begrenzen als auch die Energiestrategie umzusetzen.

Im Weiteren beschloss die UREK, die Ziele zur Senkung des Energieverbrauchs, die sie ursprünglich streichen wollte, wieder in die Vorlage einzubauen. Demnach soll der Konsum von Endenergie pro Kopf der Bevölkerung bis 2035 um 43 Prozent, der Stromverbrauch um 13 Prozent unter das Niveau des Jahrs 2000 gesenkt werden. Allerdings werden diese «Verbrauchsziele» neu in «Verbrauchsrichtwerte» umgetauft.

Die Monstervorlage zur Energiestrategie, gespickt mit einer Fülle von Änderungsanträgen, kann nun im Dezember vom Nationalrat behandelt werden. Die grosse Parlamentskammer hat dafür eine Beratungszeit von 18 Stunden reserviert.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

«Der Atomausstieg bleibt ohne Ablaufdatum» (Infosperber vom 27.8.2014)
Hochradioaktive Abfälle für unsere Grosskinder (auf Infosperber)
DOSSIER: «Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke»
DOSSIER: «Atomaufsichtsbehörde Ensi»

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7 Meinungen

Es scheint vernünftig, die anstehenden Entscheide über die Atomausstiegs-Initiative der Grünen und über die Energiestrategie als Ganzes voneinander zu trennen. Dies ermöglicht klare Urteile zweier Vorlagen. Es ist aber nicht davon auszugehen, dass damit die grüne Ausstiegs-Initiative Auftrieb erhält. Am Strombedarf ändert sich nichts und die «Verbrauchsziele» die neu in «Verbrauchsrichtwerte» umbenannt werden, lassen auch keine Strategie erkennen, es sind eben Richtwerte, die zwar auf dem Papier gut aussehen, aber niemals erreicht werden!
Vielleicht kehrt nach der Abstimmung über die Atomausstiegs-Initiative die Vernunft zurück, denn auch die Atomtechnologie für Kraftwerke macht Fortschritte. Die Atomaussteiger haben mit der heutigen Situation, Verlängerung der Laufzeiten, ein veritables Eigengoal geschossen!
Beda Düggelin, am 29. Oktober 2014 um 21:45 Uhr
Zitat Beda Düggelin: Vielleicht kehrt nach der Abstimmung über die Atomausstiegs-Initiative die Vernunft zurück, denn auch die Atomtechnologie für Kraftwerke macht Fortschritte.

Das ist der wichtigste Punkt. Jeder weiss, dass es mit subventionierter, überteuerter «Cleantech» unmöglich ist, den Strombedarf zu decken. Wenn dieses Geld in die Atomtechnologie eingesetzt würde, hätten wir in zwanzig Jahren das Problem der Endlagerung möglicherweise gelöst. In zwanzig Jahren wird aber die mit Steuergeldern vollgepumpte «Grüne Energie» immer noch weit unter der 10% Grenze operieren. Selbst wenn es doppelt so viel wäre, ein Ersatz für Kernenergie wird es nie, oder nur zu gigantischen Preisen sein können.
Wir sollten der Atomkraft endlich die neuen Technologien zuteil kommen lassen. Technologien, welche sie braucht, um auch in Zukunft sicher zu bleiben.
Aber solange sich Frau BR Leuthard und ihr Energieberater Nick Beglinger (swisscleantech) um unsere Zukunft kümmern, wird die Politik von keiner Sachkenntnis getrübt.
Ein AKW ist wie ein moderner Jumbo-Jet: Bei guter Wartung kann man es ohne Laufzeitbeschränkung über hundert Jahre benutzen. Die Teile werden laufend durch neue Technologie ersetzt.
So lange Windräder als gut und AKW`s als schlecht gepredigt werden, gibt es nur einen Gewinner in diesem Religionskampf: die Öko-Lobby. Verlierer sind wir alle. Auch Sie.
Renato Stiefenhofer, am 31. Oktober 2014 um 15:06 Uhr
Ein Windrad konterminiert aber nicht ganze Landstriche wenn es «explodiert». Die Frage ist auch nicht ob ein weiteres AKW hoch geht sondern wann. Und es sind schon modernere, an vermeidlich sicheren Orten platzierte havariert.
Heinz Hirzel, am 01. November 2014 um 09:17 Uhr
Ein Restrisiko kann bei alten und selbst bei neuen Atomkraftwerken nicht ausgeschlossen werden, aber das Leben ist ebenfalls ein Risiko und das Risiko wird uns eines Tages unweigerlich treffen, wir sind alle endlich! Das Flugzeug ist das weitaus sicherste Verkehrsmittel. Es werden jährlich 2-3 Milliarden Menschen per Flugzeug transportiert, im letzten Jahr waren «nur» 500 Tote bei Flugzeugabstürzen zu verzeichnen? Müssen wir nun darum alle Flugzeuge stilllegen und die Flugzeuge gar verbieten. Bei der Bahn und auf der Strasse gibt es im Verhältnis noch viele Tote mehr, aber niemandem käme es in den Sinn eine Initiative zum Verbot von Autos und der Eisenbahn zu lancieren.....!
Beda Düggelin, am 01. November 2014 um 10:25 Uhr
Wer auf die Fortschritte der Atomtechnologie zählt handelt nach dem Prinzip Hoffnung. Zu Unrecht. Die Entwicklung derAKW-Technologie wurde zunächst mit Abermillionen subventioniert während für die Alternativenergien nur Brosamen abfielen. Dann wurde Billigpreispolitik betrieben mit der Folge, dass die Unterhalts- und Rückbaukosten völlig ungenügend finanziert blieben. Ein klarer Endtermin zwingt zur Kostenwahrheit. Das ist der wahre Grund weshalb die AKW-Betreiber auf Zeitgewinn arbeiten.
Jürg Schmid, am 03. November 2014 um 16:14 Uhr
@ Beda Düggelin: Sie finden tatsächlich das Restrisiko beim Flugverkehr vergleichbar mit demjenigen eines Atomkraftwerk-Unfalls?.. Dieser Vergleich hinkt offensichtlich gewaltig, aber um es auch schriftlich festzuhalten: Ein (zugegebenermassen seltener) Flugabsturz fordert maximal ein paar hundert Tote, Passagiere plus allfällige Opfer am Boden. Ein (zugegebenermassen und glücklicherweise viel seltenerer, aber dennoch möglicher) GAU eines Atomkraftwerks wie Fukushima oder Beznau betrifft hingegen Aber-Millionen. Und man kann im Gegensatz zu einer Absturzstelle auch offensichtlich nicht einfach «aufputzen und weitermachen» - siehe ebenfalls Fukushima...
Jürg Staudenmann, am 11. November 2014 um 17:25 Uhr
@ Schmid und Staudenmann: Natürlich kann man auch auf Infosperber eine ideologische Diskussion führen! Jedesmal wenn ich in ein Flugzeug einsteige, handle ich nach dem Prinzip Hoffnung, dass mein Flugzeug nicht abstürzen wird, auch jeder Tag ist ein Tag der Hoffnung, nicht nur, weil wir in der Schweiz Atomkraftwerke haben, um unsere Strombedürfnisse sicherzustellen. Jeder Tag beginnt mit der Hoffnung, dass es ein guter Tag sein wird, dies wird auch an unserem letzten Tag so sein und schliesslich haben wir die Hoffnung, dass nach unserem Tod nicht alles aus sein wird.
Nicht alle haben diese Hoffnung, aber auch dies ist jedem seine persönliche Sache, darüber muss man mit niemandem streiten! Auch über die richtige Religion sollte nicht gestritten werden, nur über militante Verfechter einer Religion. Wobei natürlich definiert werden muss, was militant bedeutet.
Nun wird Alternativenergie (Wind, Sonnenenergie etc.) auf Teufel komm raus subventioniert, was natürlich zu grossen Verwerfungen in der Energiebranche führt.
Ob schliesslich die Alternativenergien in der Lage sein werden, die Atomkraftwerke voll zu ersetzen, bleibt weiterhin eine sehr offene Frage. - Retour à la naure wäre unter diesen Vorzeichen angebracht. Wer macht den ersten Schritt?
Freue mich auf weitere ideologische und weltverbessernde Kommentare!
Beda Düggelin, am 11. November 2014 um 22:00 Uhr

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