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Heute haben sie ein Interesse, möglichst viel Strom zu verkaufen.

Nationalrat belohnt Stromverteiler fürs Sparen

Hanspeter Guggenbühl / 04. Dez 2014 - Die Verpflichtung der Elektrizitätswerke, die Stromeffizienz zu steigern, ist ein grosser Schritt zum Ausstieg aus der Atomenergie.

«Zubau ist gut, Energieeffizienz ist besser.» Das sagte der Bündner Grünliberale Josias Gasser zum Auftakt der Debatte über «Sparsame und rationelle Energienutzung» in der Energiestrategie. Die Mehrheit des Nationalrats folgte gestern diesem Leitprinzip; dies gleich doppelt:

Sparvorschriften auch für Heizungen

Einerseits lehnte die Ratsmehrheit alle Minderheitsanträge ab, mit denen die FDP und die SVP die Massnahmen zum Energiesparen abschwächen wollten. Allerdings fanden auch linksgrüne Minderheitsanträge keine Zustimmung, die Vorschriften zum Energiesparen im Gebäudebereich forderten und damit die Hoheit der Kantone eingeschränkt hätten.

Andrerseits erweiterte der Nationalrat die Kompetenzen der Regierung zum Energiesparen. So darf der Bundesrat die Energieverbrauchs-Normen, die er schon heute für Geräte und Anlagen zwingend vorschreibt, neu auf Heizungen ausdehnen. Unter anderem kann er Anforderungen für den Wirkungsgrad von Feuerungen und elektrischen Heizsystemen festlegen, die sich am «Stand der besten Technik orientieren».

Stromverteiler müssen Verbrauch senken

Besonders umstritten ist die Frage, ob und wie man Stromlieferanten verpflichten kann, einen Beitrag zum Energiesparen zu leisten. Heute haben sie ein Interesse, möglichst viel Strom zu verkaufen, um ihren Umsatz zu steigern. Darum fördern die meisten Elektrizitätswerke ihren Absatz mit Werbung für zusätzliche Stromanwendungen oder mit Mengenrabatt bei den Tarifen.

Dieses Brancheninteresse widerspricht aber dem Ziel der Energiestrategie, den Stromverbrauch in der Schweiz bis 2035 um 13 Prozent pro Kopf zu senken. Diesen «Richtwert» hatte der Nationalrat am Montagabend bestätigt. Konsequenterweise beschloss er gestern, die «Netzbetreiber» (also die Stromverteiler) zu verpflichten, die Effizienz des Stromverbrauchs zu steigern; dies mittels eines «Bonus-Malus-Systems».

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Erfolgreiches Stromspar-Modell

Mit diesem Modell, das eine Minderheit aus BDP (Hans Grunder), SP und Grünen beantragte, werden die Stromverteiler verpflichtet, in ihrem Netzgebiet «Zielvorgaben zur stetigen Steigerung der Effizienz des Stromverbrauchs» zu erfüllen. Diese Zielvorgaben dürfen den spezifischen Stromkonsum um maximal zwei Prozent pro Jahr senken. Übertreffen die Stromverteiler ihre Ziele, erhalten sie einen Bonus, bleiben sie drunter, werden sie mit einem Malus bestraft. Bonus und Malus betragen mindestens fünf Rappen pro Kilowattstunde Strom.

Ein ähnliches System, «Decoupling» genannt, hat Kalifornien schon 1978 eingeführt. Seither blieb der Stromverbrauch pro Kopf dort stabil, während er in der Schweiz im gleichen Zeitraum um 50 Prozent anstieg. Nach Schätzungen von Experten lässt sich der Stromverbrauch mit Effizienzsteigerung um einen Drittel senken.

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Bürgerliches Lobbying brachte Kehrtwende

«Das ist ein bahnbrechender Entscheid zum Stromsparen», kommentierte der Basler SP-Mann Beat Jans, der sich als Verwaltungsrat der Industriellen Betriebe Basel für den Ausstieg aus der Atomenergie engagiert. Dieser Entscheid für den Minderheitsantrag fiel mit 117 gegen 73 Stimmen überraschend deutlich aus. Denn die Stromlobby und die Mehrheit der Energiekommission hatten alle Mittel, welche die Elektrizitätswirtschaft zum Stromsparen zwingen wollten, erbittert bekämpft. Auch das vom Bundesrat beantragte Modell mit «Weissen Zertifikaten» fand keine Gnade.

Den Meinungsumschwung leitete ein Brief ein, den bürgerliche Komitee-Mitglieder der «Stromeffizienz-Initiative» Anfang Woche an alle Nationalrats-Mitglieder schickten. Zu den Unterzeichnern gehören neben andern der Freisinnige Ruedi Noser, der BKW-Energie-Präsident Urs Gasche , also ein Vertreter der Elektrizitätswirtschaft (!), und der Thurgauer SVP-Nationalrat Markus Hausammann. Sie plädierten für das «Sparbonus-Modell» mit den Worten: «Das führt nicht nur zu einer sicheren und wirtschaftlichen Stromversorgung, sondern eröffnet auch ein neues Geschäftsfeld für Effizienz-Dienstleistungen. Davon profitieren alle.» In der Ratsdebatte schwenkte auch Bundesrätin Doris Leuthard auf dieses Modell um, erwartet aber, dass es vom Ständerat noch verbessert wird.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Leuthard will Stromverkäufer zum Sparen zwingen (auf InfoSperber)
Atomausstieg und Mengenrabatt beissen sich (auf InfoSperber)
Milliarden für das Sparen von Strom statt für AKWs (auf InfoSperber)

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5 Meinungen

Das ist erfreulich!
Endlich wird das wirtschaftliche Potential der Effizienztechnik «entdeckt"! Hoffentlich wirkt sich das schnell aus. Die Stromtarife der Stadtwerke St. Gallen für 2015 zeigen noch eine veraltete «Philosophie», welche m.E. im Widerspruch zum erklärten Atomausstieg der Stadt steht:
Der Atommix (70% atomar, 28% unbekannt, 2% fossil) wird um 1 Rp/kWh unter dem Basismix angeboten. Der förderungswürdige «Oeko Plus» (60% Wasser, 30% Wind, 10% Sonne) kostet dafür 5 Rp/kWh mehr! Wie passt denn das zum Slogan «Umbau der Stromproduktion. St. Gallen ist auf dem Weg.» Tariflich gefördert wird der Dreckstrom...
Dann immer noch Mengenrabatte.
Hoffentlich kommen endlich progressive Tarife!
Rii-Seez-Power möchte an Gutmenschen Solarstrom verkaufen, der happige Zuschlag für den edlen Stom: 30 Rp/kWh!
Wohl deswegen darf immer wieder behauptet werden, der Solarstrom sei teuer. Trotzdem kaufe ich einen Anteil Solarstrom. Besser wäre vielleicht den billigsten Dreckstrom zu kaufen und das eingesparte Geld in Solaranlagen oder andere oekologisch vertretbare Projekte zu spenden.
Urs Lachenmeier, am 04. Dezember 2014 um 18:01 Uhr
@Lachenmeier: Tatsächlich ist es egal, wem genau Sie Geld für Öko-Zertifikate geben. Das kann der Betreiber Ihres geringsten Misstrauens sein oder auch der geschätzte Nachbar. Ich habe erst kürzlich mangels Vertrauen in unseren Strom-Lieferanten die NEE-Anteile gekündigt. Wenn Sie künftig den günstigsten Solar-Strom-Lieferanten berücksichtigen, dürfte das unter dem Strich besser ausfallen als bei Ihrem lokal verantwortlichen EW. Ein Vergleich ist z.B. bei mynewenergy.ch möglich.
Felix Rothenbühler, am 04. Dezember 2014 um 19:25 Uhr
@Rothenbühler
Danke für den Tipp! Wir haben selbst eine PV-Anlage mit 6,9 KWp, Juli 2011. Seit ein paar Wochen sind wir endlich in der KEV. Wir produzieren 220% des Eigenbedarfs. Rii-Seez-Power hatte ein gutes Übergangsangebot bis zum KEV-Eintritt. Unsre Zertifizierung ist deshalb dort registriert.
Das Problem ist M.E. der «Apotherkerpreis» und überhaupt der Versuch, den Solarstrom extra und überteuert zu vermarkten. So kann das EW für sich beanspruchen, die Energiewende zu fördern, aber gleichzeitig schrecht es alle Konsumenten mit den Liebhaberpreisen ab. Eine Doppelmoral! Mit diesem Übergangsprogramm mussten wir uns auf den Bezug eines gewissen Anteils Solarstrom verpflichten, das ist eigenlich sinnvoll... Das führte aber zu einer eigenartigen Rechnung. Wir verkaufen den Strom ans EW erhalten 25 Rp/kWh und müssen denselben Strom (Anteil) zurückkaufen und bezahlen 42 Rp netto, inklusive Netz, Grundpreis und weitere Abgaben sind es dann ca. 50 Rp. Was mich stört ist, dass das EW für Solarstrom eine wesentlich höhere Verkaufsmarge verlangt als auf Wasser oder Atom und dabei genüsslich jammert, es wolle niemand diesen teuren (künstlich überteuerten) Solarstrom kaufen.
Frage: Kann die Zertifizierung umgesiedelt werden?
Urs Lachenmeier, am 05. Dezember 2014 um 10:15 Uhr
Hinterlassen Zuwanderer keinen energietechnischen Fussabdruck?
Die Reduktion bei den Energiezielen bezieht sich auf den früheren Verbrauch und ist daher unabhängig von einem allfälligen Bevölkerungswachstum. Der zusätzliche Verbrauch durch die starke Zuwanderung muss durch Energieinsparungen bei den bisherigen Verbrauchern kompensiert werden. Durch entsprechend höhere Energiesparabgaben tragen wir diese Zuwanderungslast und haben zudem Probleme, die vorgegebenen Energiesparziele zu erreichen.
Jürg Schiffer, am 05. Dezember 2014 um 11:41 Uhr
@Lachenmeier: Ah, Sie sind Produzent! Freut mich zu hören. Ihre Situation sieht natürlich anders aus. Ich bin mir nicht mehr sicher: War nicht eine Änderung erfolgt, nach der PV-Besitzer neu ihren eigenen Strom quasi vor dem Zähler konsumieren können? Dann entfallen darauf auch Netz- und andere Zuschläge. Was die Zertifizierung anbelangt, kann ich Ihnen keine Auskunft geben. Steht dazu nichts in Ihrem Zertifikat bzw. den AGBs? Einer «Umsiedlung» dürften aus meiner Sicht alleine rechtliche Aspekte aus dem Vertrag mit dem bisherigen Partner im Weg stehen.
Felix Rothenbühler, am 05. Dezember 2014 um 13:26 Uhr

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