Zwischen 2000 und 2015 hat der Stromverbrauch in der Schweiz pro Person um 4 Prozent abgenommen © tmesis/Flickr/cc

Zwischen 2000 und 2015 hat der Stromverbrauch in der Schweiz pro Person um 4 Prozent abgenommen

Der inländische Energiekonsum ist schon gesunken

Hanspeter Guggenbühl / 24. Mrz 2017 - Dank Technik und Strukturwandel hat die Energiewende in der Schweiz bereits begonnen.

Der Energieverbrauch in der Schweiz soll pro Person sinken, bis 2020 um 16 Prozent und bis 2035 um 43 Prozent unter das Niveau im Jahr 2000. Diese «Richtwerte» legt die neue Energiestrategie fest, über die wir am 21. Mai abstimmen. Bei der Elektrizität allein strebt die neue Strategie eine Reduktion um 3 Prozent bis 2020 und um 13 Prozent bis 2035 an.

Ziele sind gut. Was zählt, sind die Ergebnisse. Diese sind zumindest kurzfristig besser als erwartet. Das zeigt die Entwicklung des Verbrauchs zwischen 2000 und 2015: In diesem Zeitraum ist der gesamte Energiekonsum innerhalb der Schweiz um ein Prozent, der massgebende Verbrauch pro Person um 14 Prozent gesunken. Beim Strom resultierte pro Person ein Rückgang von 4 Prozent. Damit hat die Schweiz ihre spezifischen Ziele fürs Jahr 2020 (minus 16 Prozent Energie, minus 3 Prozent Strom pro Kopf) schon nahezu erreicht, bevor die neue Strategie in Kraft tritt – oder in der Volksabstimmung abgelehnt wird.

Mehr Effizienz und graue Energie

Sind die Massnahmen der Energiestrategie damit überflüssig? Wer diese Frage beantworten will, muss zuerst die Ergebnisse analysieren. Am – jährlich schwankenden – Wetter kann es nicht liegen, denn die Zahl der Heizgradtage war in den Jahren 2000 und 2015 fast identisch. Zudem sind in der Schweiz die Mengen, die den Energieverbrauch wesentlich beeinflussen – vom Umsatz der Wirtschaft über den Umfang des Verkehrs bis zum Gebäudevolumen – seit der Jahrtausendwende weiterhin stärker gewachsen als die Bevölkerung. Für den Rückgang des Energie- und Stromverbrauchs pro Kopf bleiben damit zwei Erklärungen:

  • Die Energieeffizienz stieg, und seit der Jahrtausendwende steigt sie stärker als die Mengen an Energieanwendungen; dies im Unterschied zu den vorangegangenen Jahrzehnten. Das ist einerseits auf technischen Fortschritt zurückzuführen, andererseits auf strengere Verbrauchsnormen für Gebäude, Geräte, Beleuchtung, Fahrzeuge und andere Anlagen. Ebenfalls mitgeholfen haben staatliche Förderprogramme, etwa für energetische Gebäudesanierungen.
  • Die Struktur der Wirtschaft wandelte sich. So hat die Schweiz energieintensive Industrien, etwa die Produktion von Aluminium sowie anderen Grundstoffen, ins Ausland verlagert. Darum haben Energie- und Stromverbrauch pro Kopf im Sektor Industrie laut offizieller Statistik viel stärker abgenommen als in den Sektoren Haushalte, Dienstleistungen und Verkehr. Als Folge davon sank der Energieverbrauch im Inland. Der Import von «grauer» (in importierten Gütern steckender und von der Inlandstatistik nicht erfasster) Energie hingegen nahm zu.

Strengere Normen, mehr Förderung

Die nationale Energiestrategie wird die Effizienz des Energieeinsatzes weiter steigern, indem sie die Verbrauchsnormen für neue Geräte, Anlagen und Fahrzeuge gegenüber heute verschärft und die Förderprogramme verstärkt. Beispiele: Das revidierte CO2-Gesetz vermindert den zulässigen CO2-Ausstoss und damit indirekt den Energiebedarf von neuen Fahrzeugen ab 2021 um einen Viertel gegenüber dem heutigen Stand. Gleichzeitig wird ein höherer Anteil aus dem Ertrag der bestehenden CO2-Abgabe abgezweigt, um energetische Gebäudesanierungen zu subventionieren. Diese verschärften und verstärkten Massnahmen unterbleiben, falls das Volk die entsprechenden Gesetzesrevisionen am 21. Mai ablehnt.

Mit den beantragten Vorschriften und Fördermassnahmen allein lassen sich die tieferen, aufs Jahr 2035 festgelegten Verbrauchsziele aber erst etwa zur Hälfte erreichen, zeigen die Prognosen des Bundes. Darum beantragte der Bundesrat einen neuen Verfassungsartikel, der ab 2021 eine Klima- und Energie-Lenkungsabgabe ermöglichen sollte. Doch der Nationalrat lehnte diese KELS-Vorlage in der Märzsession ab. Damit hängen die langfristigen Ziele zur Reduktion des Energie- und Stromverbrauchs in der Luft.

Strom erneuerbar erzeugen

Das zweite Ziel der Energiestrategie besteht darin, den tieferen Verbrauch vermehrt mit erneuerbaren Energieträgern zu decken. So will die Energiestrategie die Stromproduktion aus Solar-, Wind- und Bioenergie in der Schweiz bis 2020 jährlich auf 4,4 Milliarden, bis 2035 auf 11,5 Milliarden Kilowattstunden (kWh) erhöhen, um damit einen Teil des langfristig wegfallenden inländischen Atomstroms zu ersetzen.

Der «Richtwert» im Jahr 2020 (4,4 Mrd. kWh) liegt in Griffweite, sofern die Wachstumsraten bei der Fotovoltaik und Verstromung von Biomasse so hoch bleiben wie in den Vorjahren. Denn im Jahr 2015 erzeugten Solar-, Wind- und Biomassekraftwerke im Inland immerhin 1,7 Milliarden kWh Strom. Noch sehr weit ist hingegen der Weg zu den angestrebten 11,4 Milliarden kWh im Jahr 2035.

Um dieses Fernziel an erneuerbarer Stromproduktion zu erreichen, setzt die Energiestrategie kurzfristig ebenfalls auf stärkere Förderung: Der Netzzuschlag, mit dem der Bund die erneuerbare Stromproduktion quer subventioniert, soll kurzfristig auf 2,3 Rappen/kWh oder rund 1,4 Milliarden Franken pro Jahr erhöht und auf die Subventionierung von bestehenden grossen Wasserkraftwerke ausgedehnt werden. Auf der andern Seite befristete das Parlament diese stärkere Förderung mit einer Ablaufklausel in der Hoffnung, die erneuerbare Stromproduktion werde mittelfristig rentabel. Dazu braucht es allerdings deutlich höhere Preise auf dem Strommarkt oder wiederum eine Lenkungsabgabe, die den Atom-, Kohle- und Gasstrom stark verteuert.

Fazit: Schon ohne die neue politische Strategie hat die Energiewende in der Schweiz begonnen. Ob sie aber ihre langfristigen Ziele erreicht, hängt von technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen ab, die sich nicht vorhersagen lassen. Eine vage Prognose aber sei gewagt: Ein Nein zur Energiestrategie-Vorlage am 21. Mai wird die Energieversorgung weniger wenden als ein Ja.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Hanspeter Guggenbühl ist Autor des Buches "Die Energiewende, und wie sie gelingen kann", Somedia-Buchverlag, Edition Rüegger.

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke

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Eine Meinung

Guten Tag, unser Güterkonsum steigt stetig und trotzdem brauchen wir weniger Energie. Vermute mal, wir haben kaufen jede Menge «grauer Energie» aus dem Ausland ein. Erreichen wir die CO2 Ziele nur auf Kosten der ausgelagerten energiefressenden Produktionen, ist das ein Pyrrhussieg, und sonst gar nichts.
Guido Besmer, am 24. März 2017 um 13:02 Uhr

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