AKW Leibstadt: Die Axpo-Atomkraftwerke bleiben als Klumpenrisiko bei den Kantonen © Nawi112/Flickr/CC
Entwicklung der Gewinne und Verluste des Axpo-Konzerns in den Geschäftsjahren 2006-2016 © «Die Südostschweiz»

Axpo: Verlust dem Staat, Gewinn privat

Hanspeter Guggenbühl / 22. Dez 2016 - Im alten Stromgeschäft erleidet die Axpo Milliarden-Verluste. Das neue rentable Geschäft will sie jetzt privaten Investoren öffnen.

Die Öffnung des Strommarkts und das Überangebot an Kraftwerken in Europa bescherten der staatseigenen Stromfirma Axpo in den letzten drei Jahren wachsende Verluste. Diese summierten sich auf rund drei Milliarden Franken (siehe Grafik).

Entwicklung der Gewinne und Verluste des Axpo-Konzerns in den Geschäftsjahren 2006-2016. (Quelle: «Die Südostschweiz»)

Denn die Marktpreise fielen unter die vollen (Kapital- plus Betriebs-) Kosten ihrer Atom-, Gas- und Wasserkraftwerke. Darum musste die Axpo allein im letzten Geschäftsjahr (per Ende September 2016) den Wert ihrer Kraftwerke und Kraftwerk-Beteiligungen im In- und Ausland um 1,6 Milliarden Franken nach unten korrigieren.

Verlust hier, Gewinn dort

Der reine Verlust im jüngsten Geschäftsjahr betrug aber «nur» 1,25 Milliarden Franken, zeigen die gestern publizierten Geschäftszahlen. Grund für die Differenz: Es gibt auch Geschäftsbereiche, in denen die Axpo Gewinn macht. Dazu gehört die Stromproduktion in ausländischen Windkraftwerken, weil die einzelnen Staaten diese mit Einspeisevergütungen massiv subventionieren. Ebenfalls Profit bringen Dienstleistungen für grosse Stromkunden sowie der reine Stromhandel (Fachmagazine haben die Axpo schon zweimal als «weltweit erfolgreichste Stromhändlerin» ausgezeichnet).

In diesen neuen und lukrativen Geschäftsfeldern wolle die Axpo expandieren und wachsen, erklärte ihr Chef Andrew Walo gestern an der Bilanz-Medienkonferenz. Dazu benötigt sie – neben den Nordostschweizer Kantonen als bisherige Eigentümer – neue Investoren. Diesem Wunsch steht aber die Unlust von potenziellen Geldgebern entgegen, alte und oft stillstehende Atom- sowie unrentable Wasser- und Gaskraftwerke mit zu übernehmen. Ein weiteres Hindernis bildet der hundertjährige NOK-Gründungsvertrag; dieser bindet die Kantone als Aktionäre und verhindert den Einstieg von neuen privaten Investoren in die heutige Axpo-Holding.

Aufteilung in Kraft und Lösungen

In dieser Situation entwickelte die Axpo folgende neue Strategie: Sie will unter dem Dach der Axpo-Holding eine neue Firma namens «Axpo-Solutions» gründen. In diese Tochter sollen die rentablen Geschäftsfelder ausgegliedert werden, nämlich der Handel, Dienstleistungen für Kunden sowie die Sparte erneuerbare Energie; dazu gehören im Wesentlichen die subventionierten Axpo-Windkraftwerke im Ausland plus ein Teil der inländischen Wasserkraftwerke. In diese «Solutions» (deutsch: Lösungen) können Private, aber auch die an der Axpo bereits beteiligten Kantone neues Geld investieren; die Mehrheit soll aber bei der Axpo-Holding und somit bei den Kantonen bleiben.

Die traditionellen Geschäftsfelder, insbesondere die nicht erneuerbare Stromproduktion, bleiben hingegen zu hundert Prozent im Besitz der Kantone und werden in der Tochterfirma «Axpo Power» neu gebündelt: Dazu gehören die Atomkraftwerke und AKW-Beteiligungen der Axpo im Inland sowie in Frankreich, ihre Gaskraftwerke im Ausland und ein Teil der Wasserkraftwerke, darunter das neue teure Pumpspeicherwerk in Linthal, das die Axpo schon vor Betriebsbeginn zur Hälfte abschreiben musste.

Änderungen sind auch in der Führung vorgesehen. So will die Axpo ihren Verwaltungsrat (VR) von heute dreizehn auf neun Mitglieder verkleinern und gleichzeitig entpolitisieren. Dazu sollen Regierungsräte aus den Eigentümer-Kantonen durch Fachleute ersetzt und Doppelmandate in der Axpo und kantonalen Verteilwerken verboten werden. Denn seit der partiellen Schweizer Marktöffnung im Jahr 2009 gibt es Zielkonflikte zwischen der Axpo und den neu zum Markt zugelassenen Kantonswerken. Die Kantonsregierungen akzeptieren, wie sie gestern an separaten Medienkonferenzen darlegten, diesen Verlust an politischem Einfluss.

Viele offene Fragen

Mit der neuen Wachstums-Strategie verfolgt die Axpo das Ziel, ihr Eigenkapital, dessen Anteil an der Bilanzsumme auf 25 Prozent geschrumpft ist, wieder zu erhöhen. Damit hebt sich die Axpo ab von der Schrumpfungs-Strategie der Alpiq, die ihre Verschuldung primär mit dem Verkauf von Kraftwerken und andern Beteiligungen vermindert. Allerdings steht die Axpo mit ihren Plänen erst am Anfang. Viele Fragen sind noch offen. Ungewiss ist zum Beispiel, wie viele und welche Wasserkraftwerke in die «Solutions» ausgegliedert werden, oder wie hoch der Kapitalanteil von privaten Investoren sein soll. Diese Fragen sollen bis Ende 2018 geklärt werden.

Schwer abzuschätzen sind auch die finanziellen Folgen für die Nordostschweizer Kantone als Eigentümer der Axpo - und damit für die Steuerzahler. Denn die Kantone geben ihre Mitsprache im entpolitisierten Verwaltungsrat preis, bleiben aber Eigentümer der Axpo und tragen damit die weiterhin die Risiken.

Ihr grösstes ökonomische Risiko stellen die in der «Axpo-Power» verbleibenden Atomkraftwerke dar: Das KKW Beznau 1 steht seit bald zwei Jahren still, und nur die Aufsichtsbehörde Ensi weiss, ob und wann es wieder ans Netz geht. Das dreimal grössere KKW Leibstadt, an dem die Axpo mehr als 50 Prozent der Beteiligungen hält, ist seit August 2016 ebenfalls ausser Betrieb. Damit liegt mehr als die Hälfte der AKW-Kapazität der Axpo im Inland brach. Jeder Tag, an dem «Leibstadt» nicht dampft, koste die Axpo eine halbe Million Franken, antwortete gestern Axpo-Chef Walo auf die Frage von Infosperber. Damit summieren sich die Verluste bis Mitte Februar, wenn dieses AKW im besten Fall - und nur mit verminderter Leistung - wieder Strom erzeugen kann, auf über 80 Millionen Franken.

Kleiner ist heute wohl das Risiko eines weiteren Preiszerfalls im Strommarkt. Denn in den letzten Monaten sind die Preise für Band-und Spitzenstrom auf dem Schweizer Spotmarkt (Swissix) kontinuierlich gestiegen. Im November und Dezember 2016 betrugen die Bandstrom-Preise im Schnitt annähernd sieben Rappen pro Kilowattstunde (kWh) Strom; damit waren sie dreimal so so hoch wie noch im Mai 2016.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Die Politik der Stromkonzerne
Wasserkraft profitiert vom Mangel an Atomstrom (auf Infosperber)
Überfluss führt Energieproduzenten ins Elend

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4 Meinungen

Damit sind die Regierungsräte à la Markus Kägi endgültig fein raus. Gegen den Gewinn von Verantwortungslosigkeit kann man da doch gerne etwas an Macht abgeben. 'Organisierte Verantwortungslosigkeit' ist ein passender Begriff. (Vgl. die beiden jüngsten Artikel auf retropower.ch).
Die interessante Frage, die sich stellt, ich aber noch an keiner Stelle beantwortet gesehen habe, ist diese: Wird es den Kantonen erlaubt sein, an der GV gegen die Vorschläge des Verwaltungsrats zu stimmen? Besser gefragt: Wird es den Kantonen erlaubt werden, an der GV zu interveniern? Mit dem alten Vertrag war das sehr wahrscheinlich faktisch ausgeschlossen gewesen. Bleiben die Kantone ein Kartell?
Was hier aufgegleist wird, möglicherweise in Schritten, ist wohl der ganz grosse Coup Organisierter Verantwortungslosigkeit. Die «Solutions», die nicht für die AKW haftet, ist der erste Schritt und reicht vielleicht schon aus. Die Rest-Axpo, die «Bad Bank» mit den AKW, soll dann nicht in der Lage sein, für die Folgekosten der AKW aufzukommen. Dann kann der letzte Absatz von Artikel 80 des Kernenergiegesetzes zu tragen kommen und auch die Axpo wird — obschon direkt Betreiberin von Beznau — nicht für die Folgekosten der AKW aufkommen. Der Titel dieses Beitrags ist darum unvollständig: Besser wäre: «Axpo: Gewinne den Besitzerkantonen und Privaten, Verluste dem Bund».
Menschen und Kantone, die sowas tun, sind einfach nur Schlitzohren. Aber sie werden ja flugs wiedergewählt, immer wieder, die Kägis und Co.
Peter Vogelsanger, am 22. Dezember 2016 um 12:33 Uhr
Wo bleibt die Verantwortung derjenigen AXPO-Manager, die in den letzten 10 Jahren Milliarden in den Sand resp. in Fehlinvestitionen gesetzt haben?
Eine finanzielle Beteiligung dieser Herren an den grossen AXPO-Verlusten wäre das Mindeste, was nun eingefordert werden muss.
Heini Glauser, am 22. Dezember 2016 um 15:13 Uhr
Das ist richtig, Heini Glauser. Aber die noch grösseren Versager sind die Verwaltungsräte à la Markus Kägi, die sich jetzt elegant abseilen — auch abseilen, wie zuvor Heinz Karrer. Diese Leute (Verwaltungsräte) sind für die Strategie verantwortlich, und für die Geschäftsleitung, die sie einsetzen und überwachen sollten auch. In diesem Artikel bekommt man eine Ahnung vom erschreckenden Mass an Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit im Axpo VR: http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/sie-handeln-gegen-die-interessen-der-oeffentlichkeit/story/15924317
Richtigerweise könnten die VR auch praktisch und persönlich zur Verantwortung gezogen werden. Theoretisch, wenigstens.
Peter Vogelsanger, am 22. Dezember 2016 um 20:53 Uhr
Nach dem Swissair-Prozess ist die Hoffnung, dass Verwaltungsratsmitglieder für ihre Versäumnisse belangt werden können, auf Null gesunken. Die 6 (Alt-) RegierungsrätInnen im AXPO Holding-VR können sich beruhigt und gaaanz gemächlich aus ihren Pfründen verabschieden.
Ruedi Lais, am 23. Dezember 2016 um 18:48 Uhr

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