Gender Schule © Der Spiegel

«Der gute Schüler ist heute ein Mädchen»

Die Schule macht keine Männer (I/II)

Jürgmeier / 15. Feb 2015 - Mädchen sind die besseren SchülerInnen als Buben. Selbst in Ländern, in denen Frauen weniger Rechte haben als Männer. Ein Essay.

Die Schule scheint ein Frauenort zu werden oder ist es schon geworden. Männliche Lehrpersonen in Primarschulen sind heute selten. Mädchen haben die besseren Schulnoten, wenn auch nicht in allen Fächern. Mehr weibliche als männliche Jugendliche schliessen Maturitätsschulen ab, und Frauen machen faktisch ebenso viele Hochschulabschlüsse (Universitäten und Fachhochschulen) wie Männer. Umgekehrt sind rund drei Viertel der SchülerInnen, die Klein- oder Sonderklassen bevölkern, Buben. Das ist nicht nur in der Schweiz so. «In 70 Prozent der Länder weltweit liefern Mädchen in der Schule bessere Leistungen ab als Buben», schreibt der Tages-Anzeiger am 23. Januar 2015 aufgrund einer Studie, welche die Schulleistungen von 1.5 Millionen Jugendlichen aus der ganzen Welt untersuchte. «Der gute Schüler ist heute ein Mädchen», bringt es der Verfasser des Standardwerks «Babyjahre» Remo Largo im Magazin vom 12. Januar 2008 auf den Punkt.

Buben werden benachteiligt oder waren immer schon dümmer

Er folgert aus diesen Fakten: «Die Mädchen werden systematisch bevorzugt, die Buben hingegen diskriminiert.» Aber es gibt in der heutigen Schule gegen Buben keine vergleichbaren strukturellen Barrieren wie früher gegen Mädchen, die während zusätzlicher Mathematikstunden der Knaben Handarbeitsunterricht hatten. Oder steht bei den Buben heute Fussball im Stundenplan, während die Mädchen ihre Rechen- und Lesekünste verbessern?

Und vor allem hat die bereits erwähnte Untersuchung von PsychologInnen der Universitäten Glasgow und Missouri gemäss Tages-Anzeiger ergeben, dass Mädchen «auch in Staaten, in denen die Rechte der Frauen stark eingeschränkt sind» besser abschneiden als Buben. Das scheint die These der Zürcher Regierungsrätin&Bildungsdirektorin Regine Aeppli zu stützen. Sie erklärt in einem Club des Schweizer Fernsehen: «Der gute Schüler war immer schon ein Mädchen, aber früher hat man die Mädchen nicht ermuntert.» Im Klartext: Buben waren immer schon dümmer, aber teilweise hat die soziale Benachteiligung des weiblichen Geschlechts das während Jahrhunderten verdeckt. In vielen Ländern sind Mädchen sogar trotz Benachteiligung schulisch erfolgreicher als Knaben. «Es besteht», fasst der Tages-Anzeiger das Fazit der ForscherInnen zusammen, «kein direkter Zusammenhang zwischen den Unterschieden bei den Schulleistungen und der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Gleichberechtigung.»

Wer keine neue (genetisch bedingte) geistige Überlegenheit – diesmal der Frauen über die Männer – postulieren will, muss die Erklärung für schulische Defizite von Buben in Geschlechterkonzepten suchen, die mehr oder weniger schulischen Erfolg versprechen. Auch weil es die Hoffnung auf Veränderbarkeit, auf die Einlösung der Gleichheitsutopie erhält.

Das «Konzept Frau» ist schulisch erfolgreicher als das «Konzept Mann»

Remo Largo stellt die These auf, nicht die Kompetenz, sondern das Verhalten lasse Schüler schlechter abschneiden als Schülerinnen. «Aber es darf nicht sein», fährt er fort, «dass die heutige Pädagogik Buben ausgrenzt, weil sie nicht so pflegeleicht sind wie Mädchen.» Dieses Stereotyp (Brave Mädchen – Störende Buben) enthält eine jener gegenderten Doppelbotschaften, die vermutlich mitverantwortlich für das Verhalten von Knaben und männlichen Jugendlichen sind. Wer die Anforderungen der Schule erfüllt, ist «pflegeleicht», und die Pflegeleichten, so die Geschlechterzuschreibung, sind die Mädchen. Buben aber, so die Aussage im Subtext, sind anders; spannender, sagen Lehrpersonen häufig, fast bewundernd, während sie sich gleichzeitig über die ewigen Störenfriede beklagen. So gerät der Knabe im Spannungsfeld der Anforderungen von Schule einerseits sowie des «Konzepts Mann» andrerseits in ein unlösbares Dilemma – entweder gute Schülerin oder Mann. Beides zusammen scheint nicht zu gehen.

Der brave Schüler wird ebenso übersehen wie die störende Schülerin

Nicht alle Buben und Mädchen entsprechen dem Geschlechterkonzept, aber der brave Schüler wird tendenziell ebenso übersehen wie die störende Schülerin. Zwei Berufslernende von mir, weiblich und männlich, hatten sich geprügelt. Gespräche mit ihnen und ZeugInnen ergeben kein wirklich eindeutiges Bild. Sicher ist – beide haben zugelangt, und vermutlich ging die erste körperliche Attacke von der Schülerin aus. Im Rahmen von zwei getrennten Gesprächen mit den beiden und ihren Lehrbetrieben verlange ich im Namen der Schule, sie müssten eine Gewaltberatung besuchen, um sich in Konflikten künftig anders verhalten zu können. Der Berufsbildner der Schülerin kann oder will sich nicht vorstellen, dass seine Lernende gewalttätig geworden ist, der Betrieb übernimmt ganz selbstverständlich die Kosten ihrer Gewaltberatung. Beim männlichen Jugendlichen verschärft der Betrieb den Druck, man prüfe die Auflösung des Lehrverhältnisses, die Gewaltberatung muss der Lernende selber bezahlen. So werden Geschlechterbilder im Kopf gegen äussere Wirklichkeiten aufrechterhalten.

In einer Berufsschulklasse von vier Schülerinnen und Schülern «stören» zwei der jungen Männer häufig; sie haben sich in der Schule angefreundet, freuen sich, wenn sie einander in einem Unterrichtsblock wieder treffen, tun sich dann meist mit unterrichtsfremden Aktivitäten hervor, und das teilweise lautstark. Ein Hintergrund ist, dass beide sehr tiefe Noten und Angst haben zu versagen. Ablenkungen und Unzuverlässigkeiten ermöglichen es ihnen, Druck und Angst zu verdrängen sowie sich im Falle des Scheiterns mit dem Satz «Wenn ich mehr gelernt hätte, hätte ich es sicher geschafft» zu trösten.

Die vier Schülerinnen ziehen sich grösstenteils in die Frauengruppe zurück, der dritte der männlichen Jugendlichen lässt sich ganz gerne von den ersten beiden mitreissen, der vierte ist häufig krank, und die Lehrpersonen beklagen sich immer wieder bei mir über die beiden «Nervensägen». Die Arbeit mit den Mädchen empfinden sie als angenehm, die beiden Jungs aber ziehen mit ihrem Verhalten einen grossen Teil ihrer Aufmerksamkeit auf sich.

Was dabei untergeht:

• Dass eines der Mädchen mindestens so häufig am Handy hängt wie die beiden Jungs und auch nicht wirklich «pflegeleicht» ist.

• Dass die beiden Störer immer wieder durchaus unterrichtsbezogene Beiträge leisten, sich sehr für die Klasse engagieren und äusserst hilfsbereit gegenüber den Lehrpersonen sind.

• Dass die jungen Frauen, die zum Teil sehr passiv sind, sich hinter den beiden «Störern» verstecken und diese gerne für eigene Unzuverlässigkeiten verantwortlich machen.

Schule macht keine Männer

Es gibt Orte, die Männer machen. Fussballstadien beispielsweise. Der ehemalige französische Starspieler Zinedine Zidane musste in seinem letzten WM-Final 2006 in Berlin den Platz vorzeitig verlassen, nachdem er den Italiener Marco Materazzi mit einer Kopfattacke zu Boden geworfen hatte. Der Mix aus Fussball, Gewalt und tragischem Abgang machte ihn endgültig zum Mann&Helden der mit genau diesem Kopfstoss mehrmals in Bronze gegossen wurde. Es gibt Orte, die Männer machen. Die Schule ist keiner von ihnen. «Ich war kein Held in der Schule.» Sagen erfolgreiche Männer nicht selten und grinsend. Sie wissen, sie wären es auch mit besseren Noten nicht geworden. Die Schule macht, so und so, keine Helden&Männer.

Ein Lehrerkollege erzählt mir, sein Bruder sei regelmässig verprügelt worden, weil er seinen Stolz auf Sechser in Zeugnis&Prüfungen gezeigt habe; er selbst habe immer tief gestapelt und sich so Haue erspart. Das heisst: Wenn Buben Männer werden wollen, dürfen sie in der Schule nicht erfolgreich sein. Das «Ich war kein Held in der Schule» ist auch ein Tribut an das «Konzept Mann». Der ehemalige Chefarzt des Zürcher Stadtspitals Triemli Oswald Oelz – der öffentlich eher als Höhenbergsteiger und Freund von Reinhold Messner bekannt geworden ist und auch schon mal mit erfrorenen Zehen posiert – macht, trotz schulischer und beruflicher Erfolge klar, was für einen Mann wirklich zählt: «Sich habilitieren», erklärt er mir 1996 in einem Gespräch für den Tages-Anzeiger, «das ist ja ganz nett, aber den Everest besteigen – das ist eine ganz andere Dimension!» Das ist männliche Initiation. «Zeigen», so Oelz, «dass man en Siebesiech isch, dass man alle Schwierigkeiten überwinden kann.»

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Dieser Text basiert auf dem Referat «Taten statt Worte oder Die Schule macht keine Männer» (Pädagogische Hochschule Graubünden, 10. April 2014) und dem Buch «‹Tatort›, Fussball und andere Gendereien» von Jürgmeier und Helen Hürlimann, erschienen im Interact- und Pestalozzianum-Verlag, Zürich und Luzern, 2008

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Jürgmeier war während vieler Jahre Lehrer und Leiter Allgemeinbildung an einer Berufsfachschule.

Weiterführende Informationen

Fussball & Gewalt machen Männer (auf Infosperber)

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Eine Meinung

Der Grund ist einfach: Die LehrerINNEN !
Wie soll denn eine Lehrerin «aus einem Buben einen Mann» machen ?

Darauf hätte Autor Jürgmeier selber kommen können. Hab ich es übersehen? Oder hat er sich etwa einfach nicht getraut? Man weiss so wenig.

Die Femininisierung des Schulapparates entpuppt sich als Rohrkrepierer. Mehr Männer müssen her! Autoritätspersonen, welche den Kids vorleben, was die Zukunft von ihnen verlangen wird: Anstand, Disziplin und Ordnung. Natürlich auf neuestem Stand. Keiner will die 1950er Jahre zurück.

Solange Kinder die Schule nur als lästige Unterbrechung ihrer Freizeit betrachten, muss man sich nicht über die Resultate wundern.

Und das Handy muss endlich verboten werden. Dann haben die kleinen Rotznasen plötzlich wieder Zeit zum Lernen, brauchen keine Nachhilfe um ins Gymi zu kommen und können wieder normal Face-to-Face kommunizieren.
Haben Sie als Eltern wirklich keinen Mut dazu? Sie haben sogar die Pflicht, ihre Kinder zu erziehen. Das ist nicht die Aufgabe der Schule. Dafür reichen ihre paar Steuerfranken bei weitem nicht.

Wir brauchen wieder mehr Lehrer, damit unsere Bubis dereinst im harten Wettbewerb nicht in die Hose machen.

Remo Largo wird übrigens seit Jahren überbewertet. Er schreibt alles, was die Eltern gern hören möchten; nur um seine Bücher zu verkaufen. Psychologisch unterste Schublade, aber natürlich finanziell wirksam.
Renato Stiefenhofer, am 16. Februar 2015 um 15:32 Uhr

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