Wenn Mann und Frau das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe, hat ein Angestellter erfahren. © CC
«Es war schrecklich», berichtet Martin Schneider von seinen Erfahrungen als Nicole.
Das Schlimmste sei, dass seine Kollegin die ungleiche Behandlung einfach als Teil ihrer Arbeit wahrnahm, twitterte Martin R. Schneider.

Rollentausch offenbart Sexismus am Arbeitsplatz

Red. / 21. Mrz 2017 - Aus Neugier nimmt ein Angestellter die Identität einer Kollegin an. Und findet sich in der Hölle wieder.

Frauen haben es unter den gleichen Umständen bei der Arbeit viel schwerer, stellte Martin Schneider aus Philadelphia schockiert fest. Der Autor berichtete am 9. März auf Twitter in mehreren Tweets von einem Experiment, dass er mit seiner Kollegin Nicole Pieri (inzwischen Nicole Hallberg) gemacht hatte. Die beiden Arbeitskollegen hatten für eine Woche die Identität getauscht. Während seine weibliche Kollegin «die produktivste Woche ihrer Karriere» erlebte, ging Schneider «durch die Hölle».

Ein weiblicher Name – kein Problem?

Schneiders Tweets gingen viral. Womöglich deshalb, weil der Versuch so einfach und einleuchtend war. Beide waren vom Stellenvermittlungsbüro «Resume to Interviews» angestellt und bearbeiteten dort eine Mailbox mit Kundenanfragen. Wer eine E-Mail an eine Adresse wie info@firma.ch schickt, landet wahrscheinlich in einer solchen kollektiven Ablage.

Herr Schneider und Frau Pieri beantworteten die Anfragen und versahen sie mit einer persönlichen Signatur. Der Vorgesetzte beschwerte sich, Frau Pieri brauche zu lange, um Kundenanfragen zu bearbeiten. Schneider nahm das nicht allzu tragisch und ging davon aus, dass sich seine Kollegin noch einarbeiten würde. Bis er in ihren Schuhen steckte.

Aha-Moment: «Er beleidigt sie, nicht mich»

Das passierte, als ein Kunde eine Mail von Martin Schneider extrem unhöflich beantwortete. Der Kunde warf ihm unter anderem vor, er könne Fachausdrücke nicht verstehen und ignorierte seine Fragen. Schneider bemerkte, dass er seine E-Mail versehentlich mit Pieris Signatur unterschrieben hatte. «Er beleidigt Nicole, nicht mich», wurde ihm klar. Das käme oft vor, sagte die Kollegin. Dann tauschten die beiden als Test ihre Signaturen. Aus Martin wurde Nicole und umgekehrt.

«Es war schrecklich», berichtet Martin Schneider über seine Erfahrung als falsche Nicole.

Der Rollentausch auf Zeit hätte eine der Ideen sein können, die man in Büros eben so hat. Für Martin Schneider wurde es eine Zeit «in der Hölle». Bewerbungsunterlagen von Kunden zu prüfen und ihnen beim Lebenslauf zur Hand zu gehen, erfordert Fachkompetenz, Erfahrung und setzt ein gewisses Vertrauen voraus. Schneider erlebte in der Rolle von «Nicole», dass jeder seiner Vorschläge in Zweifel gezogen wurde. Kunden mit denen er vorher bestens ausgekommen wäre, reagierten herablassend. Ein Kunde fragte, ob «Nicole» Single sei.

Nicht besser, nur männlich

Währenddessen hatte seine Kollegin als «Martin» die «produktivste Woche ihrer Karriere». Kunden antworteten wertschätzend und lobten «Martins» Fragen. Schneider wurde klar, warum Pieri oft noch immer an einem Kunden arbeitete, während er mit dem nächsten schon halb fertig war. Sie brauchte einfach länger, um den Kunden von ihrer Kompetenz zu überzeugen.

«Ich war nicht besser in diesem Job als sie, ich hatte nur diesen unsichtbaren Vorteil», twitterte Schneider. Das an sich harmlose Experiment hatte ihn schockiert. Das Schlimmste sei, dass dieser Sexismus für seine Kollegin alltäglich und Teil ihrer Arbeit sei.

Das Schlimmste sei, dass seine Kollegin die Ungleichbehandlung als Teil ihrer Arbeit wahrnahm, twitterte Martin R. Schneider.

Der Vorgesetzte, den Schneider und Pieri über die Ergebnisse ihres Versuchs informierten, reagierte mit Unglauben. Unterschiedliche Antworten der Kunden könnten tausenderlei Gründe gehabt haben, meinte er. Pieri beschreibt auf dem Blog-Portal «Medium» ihre Sicht der Dinge und die doch sehr sexistische Atmosphäre in der Firma.

Das Experiment hat schon vor einiger Zeit stattgefunden. Weder Schneider noch Pieri arbeiten noch bei der Stellenvermittlung. Nicole Pieri (inzwischen Nicole Hallberg) ist unterdessen selbständige Texterin. Martin R. Schneider arbeitet laut seiner Linkedin-Biografie als Autor für den Movie-Blog «Front Row Central». Auch der unverständige Manager wurde ausgetauscht.

Leider kein Einzelfall

Natürlich ist dieser Versuch kein wissenschaftliches Experiment. Studien bestätigen aber, dass die Ungleichbehandlung von Frauen kein Nischenproblem ist – sei sie absichtlich oder nicht. Frauen werden zudem öfter kritisiert und öfter beschimpft, wenn sie sich öffentlich äussern. Sei es als Politikerinnen, Aktivistinnen, Bloggerinnen oder Journalistinnen.

Von den zehn Personen, die die aggressivsten Kommentare auf ihre Artikel bekamen, sind acht weiblich, fand der «Guardian» im letzten Jahr heraus, (und die zwei Männer sind schwarz). Wissenschaftlerinnen, die mit männlichen Co-Autoren veröffentlichen, werden weniger ernst genommen. Und dass Frauen einen Männernamen als Pseudonym wählen, wenn sie Bücher erfolgreicher veröffentlichen wollen, kommt leider auch im 21. Jahrhundert noch vor.

Diese Informationen aus den Social Media hat Daniela Gschweng ausgewertet.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

Auswahl aus Martin R. Schneiders Tweets (Twitter Moments)
«Working while female», Nicole Hallberg
«The dark side of Guardian comments», The Guardian
«When Teamwork doesn’t work for Women», New York Times

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2 Meinungen

Es mag keine wissenschaftliche Studie sein, aber meines Erachtens ist die Testanordnung doch ziemlich aussagekräftig. Auf dieser Grundlage könnte man jedenfalls einen einwandfreien wissenschaftlichen Versuch aufbauen.
So wie ich den Text verstehe, deutet er aber nicht (nur) auf Sexismus am Arbeitsplatz, sondern in der gesamten Arbeitswelt hin. Das macht es auch nicht besser...
Daniel Heierli, am 24. März 2017 um 20:30 Uhr
@Heierli. Was Sie «Testanordnung» nennen, hat auch mit dem zu tun, was man mit dem Test beweisen will. Bei den Interessengemeinschaften der Männer macht man nun mal die Tests so, dass am Ende die Männer benachteiligt sind. Es kommt jedoch selbstverständlich auf die Strukturen an, das ist klar. Im Hinblick auf Sexismus bleibt die benachteiligte Partei in der Regel die weibliche. Das ist aber nicht das ganze Universe of discourse.
Pirmin Meier, am 04. April 2017 um 13:46 Uhr

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