Rentenalter 90 – aber nur für die Allerreichsten

 Jürgmeier © jm
Jürgmeier / 28. Mrz 2017 - Pensionsalter von Lebenserwartung abhängig machen – Eine kreative Idee mit unerwarteten Folgen.

«Man ist, was man tut.» Zum Beispiel Weltwoche-Redaktor. Heisst Philipp Gut. Verkauft das als «Grundeinsicht der Anthropologie» und hat sogar Visionen. Zum Beispiel zur eben heftig debattierten «Altersreform». Beim Gut wird das Alter reformiert. Nicht das Rentensystem.

Weil die Arbeit «weder Strafe noch Zumutung» sei, «sondern eine Bedingung der Möglichkeit, ein erfülltes Leben zu führen», und weil wir immer länger leben, was zur volkswirtschaftlichen Belastung wird, sollen wir auch immer länger arbeiten (dürfen). «Wenn der AHV die Mittel fehlen, muss das Rentenalter rauf.» Trotz Roboterisierung & Grenzen des Wachstums. «Mindestens 70.» Verlangt Gut in der neusten Ausgabe des rechtskonservativen Kampfblatts vom 23. März 2017. Meint mit Arbeit ausschliesslich die bezahlte Erwerbsarbeit. Weil nur sie die Kassen füllt. Hausfrauen (und -männer) werden ja nicht pensioniert. In ökonomisierten Gesellschaften gilt halt doch eher: Man ist, was man verdient.

Der Gleichstellungsbeauftragte von der Zürcher Förrlibuckstrasse (Redaktionadresse Weltwoche), das sei zugegeben, hat Ideen. Sogar kühne. Während Linke & Gewerkschafter ihren Frauen noch ein zähneknirschendes Ja zum Rentenkompromiss, AHV für Frauen ab 65 inklusive, abzuringen versuchen, denkt der Gut schon weiter. Viel weiter. «Unter dem Aspekt der Gleichstellung müssten die langlebigeren Frauen sogar bis 74 arbeiten.» Schreibt er. «Dann wären beide [Frauen & Männer, meint er] genau zehn Jahre lang in Pension.» Rechnen: Sechs. «Die Frauen» leben hierzulande durchschnittlich tatsächlich immer noch rund vier Jahre länger als «die Männer».

Die kreative Verknüpfung des Pensionsalters mit der Lebenserwartung ergäbe, zu Ende gedacht, eine ganz neue Rentenformel. Denn: Menschen mit höherem sozioökonomischem Status (Einkommen, Bildung, berufliche Stellung) leben in allen Ländern der Welt länger als jene mit tiefen Löhnen, wenig anerkannten Berufen und Bildungswegen. Bei Anwendung der Gutschen Gerechtigkeitslogik würden die langlebigeren Höhergestellten & Gutverdienenden – ganz im Gegensatz zu heute – deutlich länger erwerbstätig bleiben als die Geringgeschätzten & Armen. Das heisst, Professor*innen & Einkommensmillionär*innen, zum Beispiel, müssten bis 90 auf AHV & Pension warten, während Bau- & Forstarbeiter*innen schon pensioniert würden, bevor sie ihre Berufsausbildung abgeschlossen hätten. Und die Allerärmsten der Welt bekämen, kaum geboren, schon eine Maximalrente.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

NZZ, (K)alter Krieg & die nützlichen Idioten 2016 (auf Infosperber)
Renten-Tabu: Junge nicht am meisten diskriminiert (auf Infosperber)

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2 Meinungen

Selten so (sarkastisch) gelacht. Wut macht kreativ.
Ja, warum eigentlich nicht als geltendes Rentenmodell propagieren?
Hans Hauri-Karrer, am 29. März 2017 um 11:16 Uhr
Man will immer nur Änderungen auf Rentenseite, wie wäre es einmal mit Neuerungen auf Beitragsseite?
Die heutige Regelung geht immer noch auf das Jahr 1948 der AHV Einführung zurück wonach auf die Löhne AHV Beiträge entrichtet werden müssen. 1948 gab es aber wohl nur sehr wenig Automatisierung, die Digitalisierung, Roboter waren noch gar kein Thema, den grössten Anteil der Wirtschaftsleistung erbrachte der Mensch. Nun hat sich dies aber geändert, dennoch will man statt die Wirtschaftsleistung selbst zu x Prozent beitragspflichtig zu machen - was den geänderten Verhältnissen gerechter käme - an alten Zöpfen wie den persönlichen Beiträgen festhalten. Auch die Beitragsschlupflöcher Dividende statt Lohn scheint man nicht sehen zu wollen. Würden die AHV Beiträge von der Wirtschafsleistung korrekt abgedeckt wären die Probleme AHV aus der Welt. Die Wirtschaftsleistung wäre mit den vorhandenen Mitteln hoch genug um allen ein sorgenfreies menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen.
Edgar Huber, am 22. April 2017 um 22:30 Uhr

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