Das Militärbudget 2015 der USA betrug 596 Mrd. US-Dollar (Ausgaben weltweit s. Grafik im Text) © sipri.org
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Ein neuer Rüstungswettlauf?

Erich Gysling / 21. Feb 2017 - Europa soll militärisch aufrüsten, fordern die USA. Doch ist dies tatsächlich im Interesse der Europäerinnen und Europäer?

Der Trumpetenstoss aus Washington, die Nato-Partner sollten gefälligst endlich ihre Eigenverantwortung wahrnehmen, fand an der Münchner Sicherheitskonferenz ein gewaltiges Echo: Ja, sagten viele europäische Regierungschefs und Verteidigungsminister, ja, es sei tatsächlich überfällig, dass der «alte Kontinent» mehr fürs Militär und die Rüstung ausgebe, denn die internationale Lage werde ja immer unsicherer. Niemand kam in den öffentlichen Diskussionen auf die Idee, europäische und US-amerikanische Sicherheitsinteressen gegeneinander abzuwägen – man verglich lediglich Zahlen hinsichtlich Ausgaben einzelner Staaten und allenfalls auch noch pro Einwohner. Wird man mit solchen Zahlenspielen den Realitäten gerecht? Gewiss nicht.

In den USA zahlt zwar jeder Bürger, jede Bürgerin pro Jahr 1870 Dollar für Verteidigung und Rüstung – in den anderen Nato-Mitgliedstaaten nur 440 (die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2015, das letzte in dieser Hinsicht voll erfasste Jahr). Jede Russin, jeder Russe «blecht» 470 Dollar.

Nur: Die USA, die sich als Welt-Ordnungsmacht verstehen, betreiben rund um den Globus mehr als 700 militärische Stützpunkte. Davon dient wohl nicht einmal die Hälfte den Interessen der anderen 27 Nato-Mitglieder, gewiss nicht die Stützpunkte (plus entsprechende militärische Aktivitäten) in der Pazifik-Region oder im Persischen Golf. Und viele in anderen Weltregionen ebenso wenig. Also darf man wohl problemlos etwa 50 Prozent der US-Militär- und Rüstungsausgaben aus dem Topf des Nato-Allgemeinwohls abziehen.

Und schaut man sich alles noch etwas genauer an, kann man feststellen: Viele Systeme, welche europäische Nato-Armeen in Dienst gestellt haben, wurden in den USA fabriziert. Im Klartext: Die dafür investierten Gelder flossen in die amerikanischen Rüstungskonzerne. Die USA exportieren auch am meisten Waffen an «befreundete» Länder (siehe Infosperber «Wer die vielen Waffen für all die Kriege liefert»).

Militärausgaben im Jahr 2015 in Mrd $

Quelle: www.sipri.org

(Grafik vergrössern)

Und noch etwas mehr Klartext:

  • Die Rüstungsausgaben der Nato erreichten 2015 die Summe von 861 Milliarden Dollar, jene Russlands 66 Milliarden.
  • Die Nato zählt ca. 3,4 Millionen Soldaten, Russland kommt auf gut 800‘000.
  • Die Nato hat mehr als 19‘000 Panzer (die Hälfte ist im Besitz der USA), Russland gut 15‘000.
  • Erdkampfflugzeuge: Nato 4600, Russland 1400. Jagdflugzeuge: Nato 4000, Russland 750,
  • Flugzeugträger 27 gegen 1 und U-Boote 154 gegen 60.

Bei all den im Westen in Dienst gestellten Systemen haben die USA Anteile zwischen 40 und 60 Prozent – aber sie haben, wie erwähnt, ja auch zu etwa 50 Prozent eigene Interessen, fern der Interessen der anderen 27 Staaten.

Rechnet man so, ist die «Ausgeglichenheit» bei den Verpflichtungen respektive der Wahrung von Sicherheitsinteressen durchaus gewährleistet.

Aber, klar: Die Rüstungsindustrie-Betriebe freuen sich über diese durch Donald Trump angeheizte Diskussion und versprechen sich neue Grossaufträge. Und auch darüber, dass einige europäische Verteidigungsministerien in dieser Debatte schon aktiv und positiv mitspielen.

Nur: Ist das wirklich im Interesse der Europäerinnen und Europäer?

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Erich Gysling ist Chefredaktor der Weltrundschau und war 2001-2014 Präsident des Schweizer Forum Ost-West. Beim Schweizer Fernsehen leitete Gysling nacheinander die Sendungen Tagesschau und Rundschau. Von 1985 bis 1990 war Erich Gysling Chefredaktor von Fernsehen SRF.

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11 Meinungen

Nur: Ist das wirklich im Interesse der Europäerinnen und Europäer? stellt Erich Gyling die Frage. Es versteht sich, Europa hat wirtschaftliche Probleme, welche gelöst werden müssen. Deshalb kann ein Rüstungswettlauf in Europa mit leeren Kassen gar nicht stattfinden! Erstaunlich, welch kühne Rechnereien der Experte Gysling selbst anstellt. Seine Überlegungen werden den Realitäten auch nicht gerecht.
Natürlich haben die USA ein grosses Interesse an Europa, die USA dürfen Europa ganz klar zu ihrer Einflusssphäre zählen, dies haben sie sich mit zwei Weltkriegen reichlich „verdient“. Aber wo bleibt das Augenmass Gyslings in Bezug auf die Rolle der USA weltweit? Ohne die USA hätte sich die Rolle und wirtschaftliche Schlagkraft Europas längst noch weiter dezimiert. Die Welt-Ordnungsmacht USA ist mit einem Staatsdefizit von rund 20 Billionen US-Dollars längst an ihre Limiten gestossen, das Gleiche gilt allerdings auch für das EU-Europa mit insgesamt einer Staatsverschuldung ähnlichem Ausmasses. Wo soll denn Europa das Geld hehrnehmen, um zusätzliche Rüstungsinvestitionen zu tätigen? Indem Gysling die US-Rüstungsindustrie anprangert, trägt er nicht zum immerwährenden Frieden auf der Welt bei und betreibt ebenfalls «Donald Trump-Bashing."

Abschlussfrage an Herrn Erich Gysling: Wieviele Soldaten, Panzer und Erdkampfflugzeuge von den aufgeführten Beständen wären denn in Westeuropa in kurzer Zeit, z.B. in 48 Stunden einsatzbereit? Und wer würde denn das Oberkommando übernehmen?.......
Beda Düggelin, am 21. Februar 2017 um 14:36 Uhr
Werte Frau Düggelin
Wenn sich die Amerikaner mit zwei Weltkriegen Europa reichlich „verdient“ haben, hätte Russland dann nicht auch Anrecht auf einen Anteil?
Ist der Begriff «Welt-Ordnungsmacht USA» nicht etwas euphemistisch angesichts dessen, dass diese «Ordnungsmacht» meist Unordnung hinterlässt (Irak, Libyen, Afghanistan, etc.) und sich einen Deut um internationales Recht schert.
Glauben Sie wirklich, dass in einem Krieg gegen Russland eine rasche Einsatzbereitschaft Europa retten könnte? (Ein Krieg mit Russland ist ein MAD-Scenario und lässt sich nur durch Friedenssicherung erreichen, nicht durch Aufrüstung.)
Schreiben Sie doch einfach wieder «lic.oec.HSG», dann sind wir vorgewarnt ...
Thierry Blanc, am 21. Februar 2017 um 15:14 Uhr
Mein lieber Thierry Blanc, warum schreiben Sie mich plötzlich als Frau an, das ist mir während meinen 1100 Diensttagen durch das VBS nie passiert, konsultieren sie doch mal Wikipedia zu meinem Vornamen.
Der Begriff «Welt-Ordnungsmacht USA» stammt nicht von mir, Erich Gysling hat ihn erwähnt! Bezüglich USA bin ich mit Ihnen einig.
Ja, Einsatzbereitschaft der Nato: Werden wir uns doch einfach bewusst, dass die Nato nicht einsatzbereit ist, was ja auch für die Schweizer Armee zutrifft.
Aber wie wollen Sie selbst Friedenssicherung ohne Armee und ohne Waffen erreichen?
Und schliesslich: ich bilde mir auf Titel nicht sonderlich viel ein, aber Bildung ist das was übrig bleibt, wenn man alles vergessen hat. Wenn man weniger Bildung erhalten hat, kann man auch weniger vergessen, deshalb bleibt durch Bildung eben doch noch etwas übrig..... Sie müssen den Titel «lic. oec. HSG» aber nicht als Schreckgespenst betrachten, obwohl es leider auch viele schwarze Schafe gibt, welche diesen Titel tragen.
Beda Düggelin, am 21. Februar 2017 um 15:27 Uhr
Etwas vermisse ich in der ganzen Debatte um die von den USA geforderte Aufrüstung durch die EU-Länder. Nämlich die Frage, ob sich aufgrund der sich abzeichnenden höheren finanziellen Anteilnahme auch die Führungsansprüche in der NATO entsprechend verändern. Oder bleibt die Oberbefehlsgewalt nach wie vor den USA vorbehalten? Da lachen sich doch die Amis gleich doppelt, ja dreifach ins Fäustchen: Erstens profitieren sie von Waffenverkäufen, zweitens sparen sie Kosten zum Unterhalt der NATO, und schlussendlich verfügen sie dann über ein hochaufgerüstetes Militärgebilde, das sie beliebig einsetzen können. Ich verstehe nicht, wie die EU sich so gängeln lassen kann. Sie sollte die NATO nur unter der Bedingung aufrüsten, dass die Amerikaner aus dem Bündnis austreten - oder zumindest den Führungsanspruch abgeben. Eines muss jedem unbedingt bewusst sein: Hinter dem Wunsch der Amerikaner nach europäischer Aufrüstung der NATO verbirgt sich letztlich die Absicht, diese gegen Russland ins Feld zu führen. Und zwar als Angriffsmaschine.
Jacqueline Zwahlen-Stucki, am 22. Februar 2017 um 02:07 Uhr
Frau Zwahlen absolut einverstanden mit ihrem Kommentar, bis auf den letzten Satz, von einer Angriffsmaschine kann wohl keine Rede sein. Die Nato in Europa ist doch dazu nicht fähig und wie bereits festgestellt, den Nato-Staaten fehlt doch das Geld für die Aufrüstung. Deshalb kann nur eine Übereinkunft zwischen dem Westen und dem Osten den Frieden langfristig sichern. Die Ukraine wird ein neutraler Staat wie die Schweiz und die Pläne für einen späteren Nato-Beitritt der Ukraine werden fallen gelassen. Wenn dies eintritt, könnte man gar die Nato auflösen, der Warschauer-Pakt wurde ja auch aufgelöst.
Beda Düggelin, am 22. Februar 2017 um 07:20 Uhr
Für die Ignoranten die immer noch nicht wahr haben wollen wer den auf dieser Welt einen Angriffskrieg führt sei hier festgestellt, dass amerikanische Panzer an Russlands Grenze stehen und nicht russische an der amerikanischen Grenze. Eine doch recht beunruhigende Situation wenn man realsiert was für ein Chaotenteam in Washinton grad die Führung übernommen hat.
René Werner, am 22. Februar 2017 um 12:47 Uhr
@Andy Byland: Was ist denn Ihr Beitrag zu diesem Thema? Wenn Sie alle Blog-Beiträge auch der anderen Personen aufmerksam lesen, müssten sie zu einem anderen Schluss gelangen. Doch um Ihnen etwas Nachhilfeunterricht zu erteilen, wenn Sie schon «Stell dir vor es wäre Krieg und keiner geht hin» zwar nicht ganz richtig zitieren, hier der ganze Zusammenhang: Koloman Wallisch-Kantate von Bertold Brecht
Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt /
Und lässt andere kämpfen für seine Sache
Der muss sich vorsehen; denn
Wer den Kampf nicht geteilt hat
Der wird teilen die Niederlage.
Nicht einmal den Kampf vermeidet
Wer den Kampf vermeiden will; denn
Es wird kämpfen für die Sache des Feinds
Wer für seine Sache nicht gekämpft hat.

Also bitte Herr Byland, vorerst überlegen und dann schreiben!
Beda Düggelin, am 23. Februar 2017 um 10:25 Uhr
Sehr richtig, Herr Werner. Nur wäre mir mit einem Clinton-Killer-Team in Washington auch nicht wohler. Fehlt nur noch, dass nächstes Jahr Schirinowski zum Präsidenten Russlands gewählt wird.
Jacqueline Zwahlen-Stucki, am 23. Februar 2017 um 10:27 Uhr
Es braucht keinen Miltärfanatismus, es braucht nur gesunden Menschenverstand. Ich bin durchaus sehr kritisch, auch den USA gegenüber, aber ich bin nicht verblendet, die Welt und auch die Schweiz ist leider keine friedliche Insel, halten Sie auch Ihre Augen offen, Herr Byland!
Beda Düggelin, am 23. Februar 2017 um 12:43 Uhr
Frau Zwahlen, da haben Sie natürlich recht, aber mir scheint eine einigermassen selbstkontrollierte Killertruppe immer noch das kleiner Übel als ein Chaoten-Club mit Zugriff auf Massenvernichtungswaffen.
René Werner, am 24. Februar 2017 um 19:17 Uhr
Tja, Herr Werner, ob Chaoten-Club oder Killer-Truppe: Zugriff auf Massenvernichtungswaffen haben beide. Welches der beiden Lager letztlich das kleinere Übel darstellt, weiss ich wirklich nicht. Spontan empfand ich ungemeine Erleichterung, als sich abzeichnete, dass Clinton die Wahl verlieren würde. Dies, obschon ich auch Trump grässlich finde. Es war vor allem Clintons Lachen, das mir regelmässig Schauer über den Rücken jagte und mich an den Clown Pennywise aus Stephen Kings ES erinnerte. Schlichtweg zum Fürchten, diese Frau. Bedenklich finde ich, dass unsere Medien, nachdem sie im Wahlkampf keine Gelegenheit ausgelassen haben, positiv über Clinton zu berichten, und nun weiterhin Trump durch den Schlamm ziehen, kein Wort mehr über diese Frau verlieren, gegen die in 4 Punkten wegen Meineids ermittelt wird. Und dass die Clinton-Stiftung im Zuge der Wahlniederlage einfach aufgelöst wurde, davon habe ich z.B. bei SRF nie etwas gelesen. Eigenartig.
Jacqueline Zwahlen-Stucki, am 25. Februar 2017 um 01:01 Uhr

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