Papst Franziskus signalisiert Eigenständigkeit

Christian Müller © aw
Christian Müller / 06. Jul 2013 - Papst Franziskus wird Johannes Paul II. heiligsprechen. Aber nicht nur ihn, auch Johannes XXIII. Das passt nicht wirklich zusammen.

Es war eine Überraschung, als am 13. März 2013 der Argentinier Jorge Mario Bergoglio zum Papst erkoren wurde. Und es war eine Überraschung, als dieser neugewählte Papst – obwohl selber Jesuit – sich den Namen Franziskus gab. Hatte da einer wirklich im Sinn, den sozialen Gedanken wieder zum Thema der katholischen Kirche zu machen, der unter Johannes Paul II. und unter Benedikt XVI. fast völlig untergegangen war?

Jetzt hat Papst Franziskus zum ersten Mal ein Signal gegeben, dass er sich nicht nur einen programmatischen Namen ausgesucht hat, sondern dass er dieses Programm auch tatsächlich anzugehen gedenkt. Er hat die baldige Heiligsprechung von Johannes Paul II. angekündigt. Damit führt er korrekt zu Ende, was sein Vorgänger in dieser Sache in die Wege geleitet hat. Er hat aber auch – und dies ist nun das Bemerkenswerte – gleichzeitig die Heiligsprechung von Papst Johannes XXIII. angekündigt.

Wer war Johannes XXIII.?

Johannes XXIII. war jener Papst, der trotz seines vorgerückten Alters das Zweite Vatikanische Konzil einberufen hat und damit die überfällige Erneuerung der Römisch-Katholischen Kirche in Gang zu setzen versuchte. Und Johannes XXIII. war auch der Papst, der die sozialen Strömungen innerhalb der Katholischen Kirche zu fördern suchte. In Südamerika, dem Kontinent, der am stärksten durch die Römisch-Katholische Kirche geprägt ist und beeinflusst wird, unterstützte er die Priester und Bischöfe, die sich der Theologie der Befreiung verschrieben hatten: einer Theologie, die sich in erster Linie mit der Verbesserung der Situation der Armen und Unterprivilegierten befasste. Für die Bedürftigen in Südamerika war die Amtszeit von Johannes XXIII. deshalb eine Zeit der Hoffnung.

Doch Johannes XXIII. starb bereits 1963, nach nur fünf Jahren Amtszeit. Nach ihm kam Paul VI., der das Zweite Vatikanische Konzil zwar zu Ende führte, aber selber wenig persönliche Spuren hinterliess. Dann folgte Johannes Paul I., der nach 33 Tagen bereits wieder starb. Insider meinen zu wissen, er sei umgebracht worden.

Die Wende mit dem Polen Wojtyla

1978 aber wurde Karol Jozef Wojtyla Papst. Wojtyla war in seiner Heimat Polen als konsequenter Kämpfer gegen den Kommunismus bekannt und geschätzt, was einer Mehrheit der Papstwahl-Berechtigten am Konklave, insbesondere den US-amerikanischen Bischöfen, bestens ins Konzept passte. Und Johannes Paul II., wie er sich nun nannte, hat denn auch mit seiner Politik auf ein ganz anderes Pferd gesetzt: auf die unmittelbare Wirkung von gloriosen Massenveranstaltungen und persönlicher Präsenz – mit Erfolg für die Kirche, notabene.

Für den Kommunisten-Fresser aus Polen hatte aber das soziale Engagement der südamerikanischen Geistlichkeit keine Priorität. Soziales Engagement im Sinne der Befreiungstheologie war für ihn zu nahe am Kommunismus – wenn nicht gar gleichbedeutend. Im Gegenteil: Der Pole begann langsam aber konsequent, die einflussreichen Bischöfe, die der Theologie der Befreiung huldigten und soziales Engagement predigten und auch selber lebten, zu entmachten und durch genehme, sprich: konservative Kirchenvertreter zu ersetzen.

Der Beispiele sind viele

Als ein Beispiel diene hier etwa der deutschstämmige brasilianische Kardinal Aloisio Lorscheiter. 1962 wurde der Franziskaner und engagierte Vertreter der Befreiungstheologie von Papst Johannes XXIII. zum Bischof geweiht und später in einflussreiche Positionen gehievt. Von 1971 bis 1979 war Lorscheiter Vorsteher der Brasilianischen Bischofskonferenz, von 1973 bis 1979 sogar Präsident der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz. 1973 wurde er Erzbischof des Erzbistums Fortaleza in Nordostbrasilien, einem Erzbistum mit dreieinhalb Millionen Einwohnern. Doch Papst Johannes Paul II. versetzte ihn später in untergeordnete Positionen, 1995 wurde er zum Erzbischof des Erzbistums Aparecida im Bundestaat Sao Paolo bestellt, einem Bistum mit gerademal 190'000 Einwohnern. 2004 trat er von dieser Position freiwillig zurück und verstarb im Jahr 2005.

Ein anderer Franziskaner, der italienischstämmige Brasilianer Leonardo Boff, ebenfalls ein Befreiungstheologe und konsequenter Befürworter einer Erneuerung der Kirche, wurde schon 1985 auf Betreiben von Kardinal Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., mit Rede- und Lehrverbot belegt, bis er 1991 von allen seinen Ämtern zurücktrat und auch dem Franziskanerorden den Rücken kehrte. Die Universität von Rio de Janeiro richtete ihm aber einen eigenen Lehrstuhl ein und verhinderte damit die Ausschaltung seiner öffentlichen Wirksamkeit. Einzelne seiner Schriften sind auch in deutscher Sprache erhältlich und äusserst lesenswert.

Es könnten hier Dutzende von anderen Beispielen angeführt werden.

Was bedeutet die Heiligsprechung von Johannes XXII.?

Doch zurück zu Papst Franziskus. Der Argentinier war zuhause zwar nie ein formeller Vertreter der Befreiungstheologie (er stellte sich gegen ein offizielles Engagement der Kirche innerhalb der politischen Institutionen), stand ihr inhaltlich aber nahe. Die Ankündigung der Heiligsprechungen der Päpste Johannes Paul II. und Johannes XXIII. am 5. Juli 2013 können deshalb wohl nur so interpretiert werden:

– Die Heiligsprechung von Papst Johannes Paul II., die von seinem Vorgänger Benedikt XVI. in grösstmöglicher Geschwindigkeit in die Wege geleitet worden ist, konnte und wollte der ganz anders denkende Papst Franziskus nicht mehr stoppen.

– Die Heiligsprechung von Johannes XXIII. aber ist ein klares Signal, dass dieser engagierte und mutige Papst und das von ihm initiierte Zweite Vatikanische Konzil nicht einfach der Vergessenheit übergeben werden dürfen. Die Erneuerung der Römisch-Katholischen Kirche und das (vernachlässigte) soziale Engagement der Kirche müssen endlich wieder zum Thema werden.

Damit hat Papst Franziskus wenigstens ein Signal gesetzt. Bleibt abzuwarten, wieweit den Worten Taten folgen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor hat Südamerika etliche Male bereist und unter anderem auch mit Kardinal Aloisio Lorscheiter, damals in Fortaleza, ein Interview gemacht (LNN vom 5.8.1988).

Weiterführende Informationen

Porträt Leonardo Boff (aus der "Welt")

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