Mit diesem MLRS-System schiessen US-Truppen Mehrfachraketen gegen Mossul ab © cc

750'000 Einwohner beschossen – Medien schweigen

Urs P. Gasche / 01. Mrz 2017 - In diesen Tagen spielt sich in Mossul ein grosses Drama ab. Medien werden ferngehalten und berichten deshalb nicht darüber.

Im Westteil von Mossul sind 750'000 Einwohner unter Kontrolle des IS eingeschlossen und werden von vielen Seiten mit Haubitzen, Bomben und Drohnen angegriffen. Die grossen Medien berichten nur punktuell darüber.

Ganz anders wurde über die gewaltsame Eroberung der syrischen Stadt Aleppo informiert: Fast täglich Bilder über zerstörte Stadtteile und über das unerträgliche Leiden der 300'000 eingesperrten Zivilisten, die von der syrischen Armee und russischen Kampfflugzeugen ohne Rücksicht auf Verluste von den zum grossen Teil fundamentalistischen Rebellen befreit wurden. Mit Recht wurde kritisiert, dass für die Zivilbevölkerung keine Fluchtkorridore geöffnet wurden.

Drama in Mossul

Gegenwärtig findet ein ähnliches Drama im Westteil der irakischen Stadt Mossul statt, wo doppelt so viele Zivilisten eingekesselt und von IS-Kämpfern drangsaliert werden. Da die Altstadt von Mossul aus engsten Gassen besteht, ist für die Zivilbevölkerung das Schlimmste zu befürchten.

Nach Berichten der «New York Times» vom 26. Februar aus Bagdad bombardieren US-Artillerieeinheiten Mossul gegenwärtig mit Haubitzen. Auch Militärflugzeuge der USA und ihrer Alliierten würden Bomben abwerfen. Zusätzlich seien Drohnen im Einsatz. Irakische Truppen kontrollieren Mossuls Flughafen und sollen am Boden kämpfen.

Die «New York Times» zitiert Offizierin Mary Floyd, wonach innert einer Woche zehn bis zwanzig Male mit dem US-Trägersystem M142 High Mobility Artillery Rocket System (HIMARS) Raketen auf Mossul abgefeuert worden seien. In einer dicht besiedelten Stadt sei dies heikel, schreibt die NYT. Aber die Satellitensteuerung habe sich beim Erobern der Stadt Ramadi im Jahr 2006 bewährt. Die französische Artillerie würde die US-Armeeeinheiten und Iraker unterstützen.

Am Schluss zitiert die NYT den US-Kommandanten Geoffrey Ross: «Wir sind in der Lage, auf die ganze Stadt Tag und Nacht mit Artilleriefeuer zu schiessen.»

Von Verhandlungen über die Öffnung von Korridoren für die Zivilbevölkerung ist keine Rede. Ein «Haus zu Haus-Kampf» in den engen Gassen im alten Stadtteil von West-Mossul steht noch bevor.

Über das Vorhandensein von Trinkwasser, Strom und Nahrungsmitteln für die 750'000 Einwohner West-Mossuls wird nicht informiert. Auch die medizinische Versorgung ist kein Thema.

Bereits 50'000 Zivilisten getötet

In den vergangenen zweieinhalb Jahren sind im Irak fast 50'000 Zivilisten Opfer der Gewalt im Land geworden. Das geht aus einer Studie hervor, welche die britische Organisation «Iraq Body Count» IBC kürzlich veröffentlichte. Das seien mehr als doppelt so viele wie die Uno-Mission im Irak angebe, berichtete die NZZ. IBC würde – im Gegensatz zur Uno – für alle Einträge die Quellen angeben und die Statistik fortlaufend aktualisieren.

Im Jahr 2016 sind im Irak laut IBC über 16'000 Zivilisten getötet worden, 7400 davon forderten Kämpfe um Mossul und der umliegenden Provinz Ninive. Die meisten Toten gingen auf das Konto des IS, doch gleichzeitig nahm und nimmt die Zahl der Toten durch Luftangriffe der von den USA angeführten Koalition dramatisch zu. Im Jahr 2016 wurden dadurch laut IBC über 2000 Zivilisten getötet, fast ein Drittel davon Kinder. Die britische Organisation Airwars schätzt, dass die alliierten Luftangriffe im Irak gegen den IS bisher mindestens 2200 bis 3200 zivile Todesopfer gefordert habe. Das US-Militär bestreitet dies.

Unabhängige Journalisten ausgesperrt

Zugang zu Informationen über die Schlacht um Mossul haben lediglich streng ausgewählte Journalisten, die in günstigen Momenten «eingebettet» herumgeführt werden. Einer davon war NYT-Photograf Ivor Prickett, der vor einigen Tagen begleitet einige Strassen des eroberten Ost-Teils von Mossul besuchen konnte. Diplomatisch berichtete er: «Obwohl irakische Streitkräfte und die alliierten Luftangriffe versuchten, zivile Opfer möglichst zu vermeiden, ist nicht zu übersehen, dass heftige Kämpfe in einer dicht bevölkerten Stadt stattgefunden haben.»

Bilder von Kriegsgräueln sollen möglichst nie wieder in US-Wohnzimmern zu sehen sein, wie dies noch während des Vietnam-Kriegs der Fall war. Ronald L. Haeberle, der in Vietnam das Massaker von My Lai fotografieren konnte («Die Leute konnten sich nicht vorstellen, dass die US-Soldaten solche Verbrechen begangen haben»), erklärte vor vier Jahren in der NZZ: «Seit dem ersten Golfkrieg ist es undenkbar, dass Kriegsjournalisten nicht genehmigte Aufnahmen veröffentlichen, ganz zu schweigen, dass jemand seine Kamera sozusagen am US-Militär vorbei benutzen kann.»

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4 Meinungen

Krieg im Irak, Krieg in Syrien, in Libyen im Jemen, in Somalia. Die Waffenhändler und auch die Schweizer Waffenfabrikanten reiben sich die Hände. Die Aktienkurse der Rüstungsindustrie steigen. Die Banken und Pensionskassen investieren in die Rüstungsindustrie, da dort die grössten Profite gemacht werden können. - Geschäft ist Geschäft. - Es wird in Kauf genommen, dass immer mehr Menschen vor Kriegen flüchten müssen.

2016 exportierte die Schweiz für rund 422 Millionen Franken Kriegsmaterial. Empfängerstaaten waren wiederum, wiederrechtlich, Staaten die Kriege führten, die Menschenrechte mit den Füssen traten oder deren Bevölkerung alles andere nötig hätte als Kanonen, Granaten, Kleinwaffen und Munition. Ein Stopp der CH Kriegsmaterialexporte an die USA und andere Nato-Staaten, Regime im Nahem Osten die in Kriege verwickelt sind wird nicht erwogen.

Eigentlich wäre es klar: Die Schweiz darf Staaten die Kriege führen kein Kriegsmaterial liefern. Im Artikel 5 Kriegmaterialverordnung wird festgehalten, dass Kriegsmaterialexporte verboten sind »wenn das Bestimmungsland in einem internen oder internationalen bewaffneten Konflikt verwickelt ist»;
(1) Kriegsmaterialverordnung, KMV)
vom 25. Februar 1998 (Stand am 1. Oktober 2015)
http://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19980112/index.html

Die deutsche Tochter der bundeseigenen RUAG der Schweiz lieferte sogar vier Millionen Schuss Munition den kurdischen Peschmerga-Kämpfer im Irak die in den Krieg verwickelt sind.
Heinrich Frei, am 01. März 2017 um 12:49 Uhr
Ja, Herr Werner, das frage ich mich auch, und zwar schon länger. Mir schwant da was, aber solche Vermutungen gehören ja in den Bereich Verschwörungstheorie.
Jacqueline Zwahlen-Stucki, am 02. März 2017 um 15:41 Uhr
Darum kann man den etablierten «Qualitätsmedien» nicht mehr trauen. Im Westteil Mossuls muss es mind. so schlimm aussehen, wie es uns täglich leidenschaftlich vom Ostteil Aleppos gezeigt wurde.

Aber eben, die Amis sind die Guten, sie dürfen Terroristen bekämpfen und halbe Städte in Schutt und Asche legen. Die Russen, die Bösen hingegen nicht, weil sie «Rebellen» bekämpfen und unschuldige Kinder töten.

Im «freiheitlichen» Westen ist neutrale Kriegsberichterstattung ein Tabu, weil es von Washington so gewollt ist und niemand sich dagegen stellen darf.

Besten Dank an Infosperber für diese kritische Analyse.
Theo Fischer, am 05. März 2017 um 11:31 Uhr
für Elektroschrott müssen Verbraucher im Voraus eine Gebühr bezahlen. Weshalb wird keine Gebühr beim Waffenexport eingefordert - für jede einzelne Munition und für jede einzelne Waffe (je nach Grösse und Wirkung). Dieses Geld wird ein einen Fond eingezahlt, welche dann für Wiederaufbau, für Therapie von traumatisierten Kindern etc. zur Verfügung gestellt wird. Es schreit doch sonst immer alles nach einem Verursacherprinzip oder.... wer Produkte herstellt die der Zerstörung von Leben dient, hat sich entschieden Teil des Problems zu sein, da hilft kein Schönreden und auch keine Diplomatie. Das sind Fakten - keine subjektiven Wahrnehmungen.
Barbara Vögeli, am 07. März 2017 um 10:51 Uhr

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