Angela Merkl Bundeskanzlerin Deutschland © Jochen Zick, Action Press/Flickr/cc

Angela Merkel am Jahresempfang der privaten Banken am 15. April 2013 in Berlin

Ist Merkel verrückt geworden?

Philipp Löpfe / 28. Okt 2015 - Auch wenn Deutsche am politischen Verstand ihrer Kanzlerin zweifeln mögen – ihre Flüchtlingspolitik macht wirtschaftlich Sinn.

Zwischen 800'000 und 1,5 Millionen Flüchtlinge werden allein dieses Jahr in Deutschland erwartet. Sie müssen verpflegt, untergebracht und geschult werden. Das bedeutet: Mehr Polizisten, mehr Sozialarbeiter, mehr alles. Allein um die Flüchtlingskinder einzuschulen, braucht es beispielsweise 25'000 zusätzliche Lehrerinnen und Lehrer. Die Alternative wäre verheerend. Würden die Flüchtlinge einzig in Camps untergebracht und nicht sinnvoll integriert, dann würde bald der grösste Teil von ihnen in der Sozialhilfe landen.

Die Integration der Flüchtlinge wirkt wie ein gewaltiges Investitionsprogramm in die deutsche Binnenwirtschaft. Dieses Jahr wird die Höhe auf rund vier Milliarden Euro geschätzt, im nächsten Jahr werden es voraussichtlich gar zehn Milliarden Euro sein. Das wird sich direkt auf das Wirtschaftswachstum auswirken. «Die Commerzbank, die zweitgrösste deutsche Bank, geht davon aus, dass sich das Wachstum von 1,7 auf 1,9 Prozent des Bruttoinlandprodukts erhöhen wird», schreibt der «Economist».

Wachstum dank Flüchtlingen

Deutschland kann sich dieses Investitionsprogramm leisten. In der Staatskasse wird im laufenden Jahr ein Überschuss von 23 Milliarden Euro erwartet; und Deutschland kann dieses Investitionsprogramm sehr gut gebrauchen. Die Fixierung auf Sparen und Exportieren ist dem Land nämlich schlecht bekommen. Die «schwarze Null» von Finanzminister Wolfgang Schäuble und der generelle Exportwahn haben dazu geführt, dass Investitionen im eigenen Land sträflich vernachlässigt wurden.

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), spricht von einer gewaltigen Investitionslücke. In seinem Buch «Die Deutschland Illusion» stellt er fest: «Deutschland ist nahezu Schlusslicht, was die öffentlichen Bruttoinvestitionen unter den Industrieländern betrifft – nur Österreich liegt noch hinter uns.»

Fratzscher hat sich auch die Mühe genommen, das Ausmass dieser Investitionslücke zu analysieren. Das Resultat lautet wie folgt: «Berechnungen des DIW Berlin zeigen, dass die Investitionslücke in Deutschland heute 3% der Wirtschaftsleistung oder 80 Milliarden Euro jährlich beträgt.»

Wir schaffen das – auch ökonomisch

Der Investitionslücke im Inland steht ein gewaltiger Überschuss von deutschem Kapital im Ausland gegenüber. Das ist ein miserables Geschäft. Abwertung und Misswirtschaft setzen diesen Vermögen zu. «Deutschland hat in den vergangenen 20 Jahren gesamtwirtschaftlich grosse Teile seines Vermögens verloren», stellt Fratzscher fest. «Deutsche Unternehmen und Privatpersonen haben seit 1999 knapp 400 Milliarden Euro oder 17% der jährlichen Wirtschaftleistung zunichte gemacht.» (Das trifft im Übrigen auch auf die Schweiz zu, aber das ist eine andere Geschichte.)

Angela Merkels «Wir schaffen das» hat daher nicht nur eine humane, sondern auch eine ökonomische Bedeutung. Die sparsame schwäbische Hausfrau – Sinnbild der fehlgeleiteten deutschen Wirtschaftspolitik – hat ausgedient. Wenn sie es tatsächlich schaffen will, dann muss die Kanzlerin jetzt auch wirtschaftlich umdenken und ihre Geiz-ist-geil-Mentalität ablegen.

Davon profitiert nicht nur die deutsche Binnenwirtschaft, sondern auch Gesamteuropa. Mehr Ausgaben im Innern bedeuten auch eine teilweise Abkehr von der Exportfixierung. Das wird auch dazu führen, dass die grossen Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone langsam abgebaut werden können. Angesichts einer durchschnittlichen Arbeitslosenquote von elf Prozent ist dies auch dringend nötig.

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Dieses Interview ist auf watson.ch erschienen.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Philipp Löpfe war früher stellvertretender Chefredaktor der Wirtschaftszeitung «Cash» und Chefredaktor des «Tages-Anzeiger». Heute ist er Wirtschaftsredaktor von watson.ch.

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20 Meinungen

Mutti Merkl ist nicht verrückt geworden, sie ist entrückt!......
Beda Düggelin, am 28. Oktober 2015 um 12:21 Uhr
Die deutsche Bundeskanzlerin heisst Angela Merkel, nicht «Merkl"!
Urs E. Bolliger, am 28. Oktober 2015 um 12:24 Uhr
Danke für diesen spannenden Artikel, der die Flüchtlings-Bevölkerungswanderung in ein ganz anderes Licht stellt. Nach dem Wundenlecken im Anschluss an unsere Parlamentswahlen, wäre ein idealer Zeitpunkt, sich vermehrt auch den Chancen grösserer Migration zu widmen. Hier drei zusätzliche Stichworte im Sinne des Artikels.
- Die Schweiz hat eine Geburtenrate, die bei geschlossenen Grenzen zu einer Bevölkerungsabnahme führen würde. Dies würde längerfristig zu einer ungünstigen Altersdurchmischung führen, wie sie China für die nächsten Jahrzehnten befürchtet.
- MigrantInnen und Flüchtlinge sind meistens im «besten Alter» für den Arbeitsmarkt und ausgebildet. Die «unproduktiven und teuren» Kinder- und Jugendjahre wurden von anderen Staaten finanziert; daher sind spezifisch geringe Kosten für Integrationsprogramme und Schulungen eigentlich ein Klacks auch für unsere Volkswirtschaft.
- Es gibt kein Dichteproblem in der Schweiz. Wer seine Ferien und Freizeit mehrheitlich in der Schweiz verbringt, und nicht nur grössere Innerstädte und Tourismus-Hotspots, wie Zermatt, St. Moritz, Interlaken, Jungfraujoch u.a. besucht, wird schon nach wenigen Minuten Fussweg, ab Bahnhof, Gegenden finden und erleben, die alles andere als dicht bevölkert sind. Während einer einwöchigen Jurawanderung ist es gut möglich, dass man nur einige wenige Wandernde trifft. Zunehmende Verkehrsstaus stammen von der stark überproportional wachsenden Fahrzeugdichte.
Heini Glauser, am 28. Oktober 2015 um 14:15 Uhr
@Urs.Bolliger: Das wusste ich eigentlich auch, ich wurde aber von Infosperber irregeleitet, denn in der Fotoerklärung hiess es Merkl, nun aber Merkel, da berichtigt.

Alle sollten dies merkeln, oder zumindest selbst festgestellt haben.
Aber ihre Flüchtlingspolitik wird auch nicht mit einem zusätzlichen e besser......!
Beda Düggelin, am 28. Oktober 2015 um 14:21 Uhr
Wer ist denn da verrückt geworden? Nicht Angela Merkel ist verrückt geworden. Nein, die Schreihälse und Wutbürger des rechtsradikalen Pöbels, ihre dämlichen und menschenverachtenden Leithammel der Pegida und der AfG sind die Verrückten, die Wahnsinnigen. Sie sind auch die Unanständigen. Die Ersteren ganz besonders. Galgen für Merkel und Gabriel haben sie errichtet. Und dieser Klientel wird in rechtspopulistischen Medien wie der «Schweizer Zeit» Beifall gespendet.
Die kühl denkende, bisweilen kalt berechnende Merkel tut fast immer das, was wirtschaftlich Sinn macht. Und diesmal kann sie es auch mit Menschlichkeit garnieren. Gut so. Sie ist allerdings nicht die erste Entscheidungsrägerin, die sich zu diesem Schritt entschliesst. Bodo Romelow, der linke Ministerpräsident des kleinen ostdeutschen Freistaates Thüringen ist bereits daran, in seinem Land Migranten anzusiedeln. Anders als hier herumgeboten wird, sind viele von ihnen sehr gut ausgebildet und als Arbeitskräfte den Einheimischen durchaus ebenbürtig.
Peter Beutler, am 28. Oktober 2015 um 14:32 Uhr
Ich denke der Zuspruch von Philipp Löpfe ist wirtschaftlich richtig für Deutschland, da sich Teile des Landes schneller entvölkern als selbst die Zuwanderung ausgleichen könnte. Auch für die Schweiz könnte Heini Glauser recht haben, wenn man wirtschaftlich und nicht ökologisch denkt. Er sagt auch richtig, das Problem sind nicht die Menschen, sondern die Autos und weitere Konsumgüter, die indirekt viel mehr Platz und Ressourcen benötigen als ihre Käufer.

Aber eben, in der Schweiz fahren wir zu viele zu grosse, schwere und schnelle Autos, kaufen zu viel kurzlebigen Plunder, der mit grossem Energieaufwand hergestellt und mühsam entsorgt werden muss, essen zu viel Fleisch, gemästet mit Pflanzen, wegen denen der Urwald gerodet wird, leben generell auf zu grossem Fuss. «Weil ich mir's wert bin.»

Die Schweiz benötigt etwa das dreifache ihrer Fläche im Ausland; für Deutschland dürfte das ähnlich sein. Siehe http://www.infosperber.ch/Artikel/Umwelt/Footprint-WWF-Artenvielfalt-Plunderung-der-Erde . Unsere Länder sind im Verhältnis zum Fussabdruck also stark überbevölkert. Jede Person, die einwandert, macht das Problem schlimmer, ausser sie lebt sehr bescheiden und/oder kommt aus einem noch verschwenderischen Land, z.B. USA oder einem der Ölstaaten im Nahen Osten.

Die Einwanderung macht also wirtschaftlich Sinn: mehr Konsum, mehr Arbeitsplätze, usw., wird aber den unausweichlichen Kollaps schlimmer machen, besonders in der Schweiz, wo die Fläche fehlt, um alle zu ernähren.
Theo Schmidt, am 28. Oktober 2015 um 16:15 Uhr
Man darf mich ruhig korrigiere, aber meines Wissens hat Deutschland sehr hohe Schulden, vor allem auch ihre Länder und Kommunen.Muss dann der Investitions-Schub durch zusätzliche Schulden finanziert werden?
Ulrich Hertig, am 28. Oktober 2015 um 18:06 Uhr
Angela Merkel ist nicht verrückt geworden. Sie geht ganz einfach ihren Weg. Es geht ihr hauptsächlich um sie selber. Dass es Deutschlands Bürgern immer schlechter geht, wischt sie gekonnt weg. Sie hat ihre politische Gefolgschaft (wie ein Papst) so gewählt, dass sie als Kanzlerin unantastbar geworden ist. Aber Mutti wird vom Deutschen Volk zunehmend als Egoistin erkannt. Dass die Exportwirtschaft eine faustdicke Lüge ist und dereinst mit ungedeckten Schuldscheinen bezahlt wird blendet sie professionell mit als Schachtelsätzen getarnten Worthülsen aus.
Als Machtmensch ist sie nur sich selber verpflichtet. Hoffen wir, dass das System Deutschland nicht kollabiert.
Die Kommunen zahlen die Zeche. Während Berlin so unglaublich «spannend», «multikulturell» und «international» ist, zerfällt Deutschlands Infrastruktur in eine West-DDR.
Mit Hilfe der «willkommenen Flüchtlinge» wird ein Sündenbock geschaffen, welcher die Berufs-Politiker dereinst für ihre haarsträubenden Versäumnisse missbrauchen werden. Bricht Deutschland ein, zerfällt die EU. Mal sehen, wann die Börse darauf wettet... Der Euro fällt bereits.
Renato Stiefenhofer, am 29. Oktober 2015 um 09:29 Uhr
@Renato Stiefenhofer: Lob, wem Lob gebührt, Ihr letzter Beitrag zu diesem Thema ist einsame Spitze!
Beda Düggelin, am 29. Oktober 2015 um 14:34 Uhr
Ich bin zunehmend schockiert über einige Beiträge hier: dem von Stiefenhofer, dem von Urs Zaugg. Mit Verlaub, der Letztere riecht sogar nach Pegida, ist echt unanständig. Ich bitte die vielen, die sonst auf Infosperber kommentieren, das jetzt zu tun. Wir wollen doch nicht auf boulevardeskes Niveau absinken.
Deutschland habe Schulden? Fast jedes Land des Westens hat Schulden. Das kann ökonomisch sogar Sinn machen. Man müsste dann auch die Gegenwerte mit einbeziehen und diese sind in Deutschland durchaus gegeben. Multikulturell ein Schimpfwort? Ums Himmels willen. Die erfolgreichsten Kulturen waren stets multikulturell. Etwa die maurische auf der iberischen Halbinsel, die sich immerhin 700 Jahre hielt. Auch die Schweiz war ursprünglich ein multikulturelles Land. Uns droht nun aber wegen engstirnigem Nationalismus dieser Status verlustig zu gehen. Die EU als Prügelknabe? Es stimmt, derzeit läuft bei der EU einiges schief. Man hat den Fehler gemacht, in den letzten Jahren allzu rasch Mitglieder aufzunehmen. Es muss auch möglich sein, dass es Staaten in Europa gibt, die nicht der EU angehören. Dieszüglich täte man gut daran, in Brüssel über die Bücher zu gehen. Trotz all dieser Mängel darf man nicht vergessen, dass es in West-, Nord- und Mitteleuropa seit 70 keinen Krieg mehr gibt. Und da hat auch unser Land als Nicht-EU-Mitglied profitiert.
Peter Beutler, am 29. Oktober 2015 um 15:34 Uhr
@Mein lieber Peter Beutler: Natürlich kann man die europäische Geschichte schönreden und wenn man viele Schulden hat, kann man noch viel mehr Schulden machen, bis zum geht nicht mehr. Auch Deutschland hat grosse Schulden. Und die Schweiz ist seit jeher multikulturell, das zeigt auch der Ausländeranteil von rund 24,5 Prozent und das zeigen die vielen Eigenbürgerten. Jeder Dritte hat einen Immigrationshintergrund, selbst auch Christoh blocher. Also bitte, darf man denn diese Fststellungen nicht machen? Sind diese gar schon rassistisch? 70 Jahre keine Krieg ist kein Lobesblatt, es könnte alsbald für die nächsten 70 Jahre Krieg geben, er rückt immer näher. Aber die selbstgerechten Schweizer schlafen alle!
Beda Düggelin, am 29. Oktober 2015 um 15:50 Uhr
Die Schweiz IST multikulturell! In welchem anderen Land der Welt gibt es vier offizielle Landessprachen? Und jede Sprache konditioniert anderes Denken und Handeln. (Vergl. Sapir-Whorf-Hypothese )
Hermann K.J. Fritsche, am 29. Oktober 2015 um 17:01 Uhr
Einmal mehr fällt auf, wie kurzfristig das wachstumsorientierte ökonomische Denken angelegt ist, unter anderem auch in demografischen Überlegungen.
Die Altersstruktur der industrialisierten Länder wird von Leuten, die in diesem Denken verhaftet sind, gerne als «überaltert» bezeichnet, wobei dies eindeutig als Schimpfwort gemeint ist. Dabei ist sonnenklar: Wenn wir uns eine hohe Lebenserwartung und eine tiefe Kindersterblichkeit wünschen, dann müssen wir uns über kurz oder lang mit dieser sogenannten «Überalterung» abfinden, ob wir wollen oder nicht. Wir müssen Wirtschaftssysteme schaffen, die unter diesen Voraussetzungen funktionieren. Eine starke Einwanderung junger Leute kann das Scheinproblem der «Überalterung» allenfalls auf die nächste Generation abschieben, aber nicht umgehen.
Daniel Heierli, am 29. Oktober 2015 um 21:55 Uhr
Was wir erleben, das ist der vom «westlichen Bündnis» bewusst vorangetriebenen Exodus der früher den syrischen Staat stützenden Mittelschicht um das syrische Regime von Herrn Assad zu schwächen. Die Menschen wurden mit US$ zur Flucht versorgt und ihnen gesagt das sie in Deutschland eine neue Existenz aufbauen könnten.

Aber diese Leute werden in Syrien fehlen, was für die Region eine Katastrophe ist. Was Merkel gerade macht, das ist nur die weiterhin präzise Umsetzung ihrer Rolle in der «Atlantik Brücke», was sie seit vielen Jahren betreibt und was ihrer Karriere bisher nicht geschadet hatte. Nur merkwürdig dass hier von Merkels eigener Politik gesprochen wird, obschon auch hier längst klar sein müsste welche Wurzeln ihren Handlungen zu Grunde liegt.

Es nutzt Europa wenig dem nahen Osten dauerhaft die Mittelschicht wegzunehmen. Diese Menschen werden dereinst voraussichtlich fehlen um nach dem Krieg einen funktionsfähigen syrischen Staat aufzubauen. Einen allfälligen ökonomischen Nutzen für Europa steht ein harter Verlust für Syrien gegenüber, und damit will ich nichts zu schaffen haben, ich mag diese optimistische Denkweise von Ökonomen nicht -auf Kosten von anderen Völkern die eigene Region zu bevorteilen und solcherart Nutzen aus der Tragödie schlagen zu wollen.
Andres Stäubli, am 30. Oktober 2015 um 17:42 Uhr
Was Andreas Stäubli schreibt, kann ich natürlich auch unterstützen. Ich bin, wie er, der Meinung, dass die USA und anderen westlichen Führungsmächte das Assad-Regime destabilisiert haben, weil sie einen lästigen Störefried loswerden wollten. Einen Störefried, der ihnen bei der Sicherung der Erdölquellen auf der arabischen Halbinsel gefährlich werden könnte, der Israel, dem Brückenkopf des Westens im Nahen Osten, bei seinen Hegemoniebestrebungen einen immer dickeren Strich durch die Rechnung macht. Statt die Kontrolle über die Ölfelder hat sich nun der Westen die IS eingehandelt. Das nicht nur wegen der Einmischung in Syrien, sondern auch wegen dem Versuch, den Irak gleichzuschalten. Und natürlich auch die Zerschlagung der Herrschaft Gaddafis, die das reiche Libyen zu einem failed state gemacht hat. Nun herrscht Krieg im Nahen Osten und im Maghreb. Und wo Krieg herrscht, flüchten Menschen, oft solche die die betroffenen Länder bitter nötig hätten. Das stimmt alles. Doch jetzt geht es einmal darum, die vielen Flüchtlinge, wenn auch nur vorübergehend, aufzunehmen. Ein Gebot der Menschlichkeit, dem sich die westlichen Staaten nicht entziehen können.
Peter Beutler, am 30. Oktober 2015 um 19:47 Uhr
Man sollte Schulden nicht klein reden, sie sind das Pulverfass auf dem wir sitzen. Aber vielleicht ist in gewissen Kreisen eine Währungsreform das eigentliche Wunschziel und deren Folgen werden verdrängt. Die Schweiz ist multikulturell, aber die Deutschschweiz, die Romandie, das Tessin und der romanische Teil in Graubünden gehören zum abendländischen Kulturkreis. Die Muslime aus der Türkei, dem ganzen nahen Osten und Nordafrika gehören zum einem anderen Kulturkreis was Probleme schafft welche grösser sind als wir uns das gemeinhin vorstellen. Die «gutmenschlichen» Multikulti-Vorstellungen von heute blenden die Wirklichkeit aus.
Ulrich Hertig, am 02. November 2015 um 11:30 Uhr
Herr Hertig. Da ist er wieder, der berühmte Griff in die Mottenkiste der Reaktion. Daraus zieht man braune Wortfetzen, kostet sie genüsslich, um sie danach, „parfümiert“ mit dem körpereigenen Geruch wieder hinauszuspeien. Mit den Wortfetzen meine ich z.B. die „Abendländische Kultur“. Was für ein gottsträflicher Unsinn. Eine abendländische Kultur hat es so nie gegeben. Auch keine morgenländische. Als ich vor vielen Jahrzehnten an der Universität studierte, gab es bereits Kommiliton_innen mit dunkler Hautfarbe: Muslime, Christen, Buddhisten und andere. Ich konnte mich mit ihnen problemlos unterhalten, besser vielleicht als mit einem Viehhändler aus dem Berner Oberland, obwohl ich aus dieser Gegend stamme und wieder dort wohne. Mit diesen Studienkolleg_innen – sie sind heute Ärztinnen, Ingenieure, Physikerinnen, - teile ich etwas, was man als gemeinsame Kultur versteht. Heute arbeiten viele Ärzte in unseren Spitäler, die eingeschriebene Moslems sind. Und noch mehr Pflegepersonal. Wir sind froh um sie. In unserem Land gibt es derzeit etwa eine halbe Million Moslems. Sie haben sich grossmehrheitlich bestens integriert, fallen keineswegs negativ auf. Und zu den Asylbewerber_innen: Mindestens ein Viertel davon sind Christen aus dem Morgenland und aus Afrika. Die Bevölkerung Eritreas teilt sich offiziell zu fast gleichen Teilen in Muslime (Sunniten) und Christen. Die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten sind nicht selten vertriebene Christen.
Peter Beutler, am 02. November 2015 um 13:14 Uhr
Herr Beutler, auf Ihr altlinkes und ideologisiertes Geschwätz kann ich nur antworten: wer mit 20 nicht links ist hat kein Herz, wer mit 40 immer noch links ist hat keinen Verstand. Aber ein ehemaliger Schulmeister sollte eigentlich lesen können. Mit keinem Wort habe ich eine Wertung der verschiedenen Kulturen vorgenommen.
Ulrich Hertig, am 02. November 2015 um 15:46 Uhr
Der Graben zieht sich nicht zwischen Moslems und Christen hin. Nein zwischen, Fortschrittlichen, Rücksichtvollen, Solidarischen, Selbstbewussten, vielleicht auch Belesenen auf der einen und Ignoranten, Rückwärtsgewandten, Klischeeversessenen, Ängstlichen, Schwachen auf der anderen Seite.
Ein eindrückliches Beispiel, wie sich konservative Christen und konservative Moslems wie einem Ei dem anderen gleichen und wie sich Weltoffene beider Religionen gut verstehen, kann im Roman «Sophia oder der Anfang aller Geschichten» von Rafik Schami, nachgelesen werden. Ich fühle mich mit diesem deutschreibenden Schriftstellerkollegen besonders verbunden. Er ist ebenfalls, wie ich, Chemiker, also Naturwissenschafter. Ich Schweizer, er ursprünglich Syrer.
Peter Beutler, am 02. November 2015 um 18:27 Uhr
@Beutler: Oder der Graben zwischen einer Gesellschaft des Homo Oeconomicus und einer Solidargemeinschaft. Zukunft hat wohl nur letztere. Die Idee des ungebrochenen Wachstums (Gier) gekoppelt mit Verdrängungswettbewerb und des Rechts des Stärkeren, wird letztlich die Gesellschaft auslöschen. Der Hauptträger der Ideologie, nämlich das Geldsystem ist ja zu offensichtlich bereits vor dem Kollaps. Nicht von ungefähr werden ernsthafte Diskussion über andere Modelle, wie z.B. bedingungsloses Grundeinkommen diskutiert.
Hermann K.J. Fritsche, am 03. November 2015 um 18:24 Uhr

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