Kim Il sung und Kim Jong Il zeigen dem jungen Kim Jong-un, wo es lang geht (Wandgemälde) © yeowatzup/flickr/cc

Kim Il sung und Kim Jong Il zeigen dem jungen Kim Jong-un, wo es lang geht (Wandgemälde)

Junger Diktator in den Fussstapfen der Vorgänger

Peter G. Achten / 03. Feb 2013 - Mit der Machtübernahme Kim Jong-un hoffte man im Westen auf eine Öffnung Nordkoreas. Doch es geht im eisigen Stil weiter.

Noch vor kurzem gaben sich Nordkorea-Experten, Diplomaten und Journalisten optimistisch oder zumindest vorsichtig optimistisch. Doch was hinter dem letzten Eisernen Vorhang des längst entschwundenen Kalten Krieges vor sich geht, weiss niemand wirklich. Nicht einmal in Südkorea. Grund für Zuversicht war das lockere Auftreten von Kim Jong-un, Sohn des am 17. Dezember verstorbenen «Geliebten Führers» Kim Jong-il und Enkel von Kim Il-sung.

Der junge Kim, jahrelang inkognito auch in der Schweiz im bernischen Liebefeld eingeschult, brachte im Vergleich zu seinem ernsten und schweigsamen Vater einen neuen Stil ins Propaganda-Umfeld Nordkoreas. Zur Freude der Fernseh-News-Produzenten profiliert er sich Kim offen, locker, freundlich. Er wandte sich direkt ans Volk, besuchte mal ein Vergnügungspark, mal instruierte er jovial Arbeiter und Arbeiterinnen, küsste Babies und – Gipfel der Annäherung zum Volk – zeigte sich mit seiner hübschen jungen Frau.

Reformen wären dringend nötig

Im Westen begann man vorsichtig von Reformen zu raunen. Doch ausser Absichtserklärungen, Verträgen, Gesprächen zwischen hochrangigen Vertretern aus China und Nordkorea über zwei Sonderwirtschaftszonen ist bisher nichts Handfestes beizubringen. Vollmundig plusterte sich Kim Jong-un auf und kündigte umfassende Wirtschaftsreformen an.

Nordkorea nagt am Hungertuch, hängt am Tropf der internationalen Nahrungsmittelhilfe und hätte Reformen dringend nötig. Die nordkoreanische Wirtschaft befindet sich in einem desolaten Zustand und hätte doch so viel zu bieten: reichliche und zum Teil seltene Bodenschätze und gut ausgebildete Arbeiterinnen und Arbeiter. Doch Kims Auftritte sind – vorerst – Form und nicht Inhalt.

Kim sitzt fest im Sattel - auf dem Papier wenigstens

Der knapp Dreissigjährige sitzt über ein Jahr nach dem Tod seines Vaters offenbar fest im Sattel. Er ist so mächtig wie sein Vater zuvor. Auf dem Papier wenigstens. Er ist der «Grosse Führer», Vorsitzender der Koreanischen Arbeiterpartei, Oberkommandierender der Armee, Vorsitzender der Militärkommission der Partei. Dazu wurde der – wie ihn die Propaganda liebevoll nennt – «Junge General» und «Grosse Nachfolger» auch noch zum Marschall befördert. Weiter nach oben geht es nicht.

Zu Lebzeiten jedenfalls. Erst nach dem Tod sind weitere Hierarchie-Stufen möglich. Kim Jong-uns 1994 verstorbener Grossvater Kim Il-sung wurde zum «Präsidenten in alle Ewigkeit» sowie zum «Gross-Marschall» ernannt und der im Dezember verstorbene Vater Kim Jong-il erlangte den Titel eines «Generalissimo».

Nukleare Abschreckung gegen die USA

Nur wenige Monate nach dem Tod seines Vaters liess Kim – als Satellitenstart verbrämt – eine Langstreckenrakete in den Himmel über dem Ostchinesischen Meer steigen. Ein eklatanter Misserfolg. Im Dezember legte er nach. Diesmal klappte es. Anfangs September gar liess die offizielle Nordkoreanische Nachrichtenagentur in der gewohnt blumig-scharfen Propagandasprachen verlauten: «Unsere nukleare Abschreckung wird über die Vorstellungskraft der USA hinaus modernisiert und erweitert.»

Den Worten sollen anscheinend Taten folgen. Als Reaktion auf die mit den Stimmen von China und Russland gegen Nordkorea verhängten UNO-Sanktionen hat Pjöngjang den Ausbau seiner militärischen und atomaren Abschreckung angekündigt. Die nordkoreanische Verteidigungskommission erklärte ungerührt: «Wir verheimlichen nicht, dass die verschiedenen Satelliten und Langstreckenraketen, die wir starten, und der Atomtest, den wir ausführen werden, die USA zum Ziel haben.»

Zudem werde sich Pjöngjang nicht mehr an den Pekinger Sechser-Gesprächen (Nord- und Südkorea, Japan, Russland, China und die USA) über die Schaffung einer atomwaffenfreien Zone auf der koreanischen Halbinsel beteiligen. Bei einer Einstellung seines Atomprogramms versprachen insbesondere Südkorea, Japan und die USA grosszügige Wirtschafts- und Nahrungsmittelhilfe.

Rüder Propagandaton gegen Südkorea

In Südkorea reagierte man auf das nukleare Vorpreschen des nördlichen Nachbarn mit Zurückhaltung. Pjöngjang freilich bedrohte wie üblich Soeul in rüdem Propagandaton: «Sanktionen bedeuten Krieg und eine Kriegserklärung gegen uns.» Nordkoreas Wiedervereinigungskommission setzte noch drauf: «Falls das Marionettenregime der Verräter [Südkorea] sich direkt an den UN-Sanktionen beteiligt, wird Nordkorea gewaltsame Gegenmassnahmen ergreifen.»

Pjöngjang kündigte zudem eine 1992 mit Südkorea geschlossene Vereinbarung über eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel auf. Nordkorea werde sein Atomprogramm weiterverfolgen, «bis die Denuklearisierung der Welt abgeschlossen sein wird».

Washington sprach von einer «unnötigen Provokation» und sagte eine «zunehmende Isolierung Nordkoreas» voraus. Nachbar China forderte Nordkorea und alle Betroffenen Staaten wie immer zu Besonnenheit und zur Rückkehr zu den Sechs-Parteien-Gesprächen auf. China hoffe, dass die «betroffene Partei» auf Schritte verzichte, die die Lage weiter verschlechtern würde, erklärte das Außenministerium in Peking.

Der Einfluss Chinas wird überschätzt

Die neueste Entwicklung zeigt, dass der Einfluss Chinas auf Nordkorea im Westen überschätzt wird. Natürlich erhält Nordkorea von seinem letzten freundschaftlich verbundenen Nachbarn Nahrungsmittel und vor allem Energielieferungen. Das freilich nur, weil Peking Instabilität oder gar einen Kollaps Nordkoreas um jeden Preis verhindern will. Ein Regimewechsel in Pjöngjang hätte nach chinesischer Ansicht unabsehbare Folgen für China, für die Region und die Welt.

Dass Nordkorea in absehbarer Zeit nach 2006 und 2009 einen dritten Atomtest durchführen wird, steht nach einhelliger Meinung von Experten ausser Frage. Man befürchtet, Nordkorea könnte diesmal hoch angereichertes Uran einsetzen. Damit könnte Nordkorea seine Plutoniumvorräte schonen, die für zwölf A-Sprengsätze ausreichen würden. Das Testgelände in Punggye an der chinesischen Grenze jedenfalls soll gerüstet sein. Kim Jong-un muss nur noch auf den Knopf drücken.

Wie der Vater so der Sohn

Alles präsentiert sich wie ein Déjà-vu. Der junge Kim Jong-un bewegt sich in den Fussstapfen seines Vaters und Grossvaters. Als Nordkoreas Gründervater Kim Il-sung 1994 starb, wurden grosse Hoffnungen auf Sohn Kim Jong-il gesetzt. Ausländischen Experten, Kommentatoren und Diplomaten prognostizierten Öffnung und Wirtschaftswachstum.

Was kam, war die grosse Hungersnot in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre, verursacht durch eine seit Jahrzehnten verfehlte Agrarpolitik. Das gleiche wiederholt sich jetzt mit Kim Jong-un. Im Innern Nordkoreas verändert sich wenig: Einige wirtschaftliche Mini-Reformen und eine sanfte technologische Öffnung für die wenigen Hunderttausend Privilegierten (bei einer Bevölkerung von 24 Millionen).

Aussenpolitisch bewegt sich ebenfalls nichts. So hat Nordkorea an den Pekinger Sechser-Gesprächen stets alles versprochen, einiges unterschrieben und wenig bis nichts gehalten. Jetzt geht es einfach im gleichen Fahrwasser ohne Sechser-Gespräche weiter.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Eine Meinung

"Ein Regimewechsel in Pjöngjang hätte nach chinesischer Ansicht unabsehbare Folgen für China, für die Region und die Welt.»

Vor welcher Art von Regimewechsel fürchten sich die Chinesen. Von jedem beliebigen Wechsel weg von der Kim Dynastie? Das klingt in meinen Ohren unwahrscheinlich, bestimmt gibt es auch in China Vorstellungen darüber wie Nordkorea positiv umgestaltet werden könnte. Unabsehbare Folgen für die Region gibt es aus meiner Sicht vor allem dann, wenn sich in Nordkorea gar nichts ändert.
Andres Stäubli, am 03. Februar 2013 um 12:41 Uhr

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