Der griechische Milliardär Philip Niarchos wohnt in St. Moritz © dayouu

Der griechische Milliardär Philip Niarchos wohnt in St. Moritz

Griechen-Milliarden in der Schweiz

Jürg Müller-Muralt / 06. Aug 2011 - Superreiche Griechen haben eine Vorliebe für die Schweiz. Deshalb wird sich die Schweiz unangenehmen Fragen stellen müssen.

Es ist nicht nur die schöne Landschaft, die Griechen in die Schweiz lockt. Der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou sagte jüngst der «Financial Times Deutschland»: «Es gibt auch Steuerflucht in die Schweiz.» Der Regierungschef des schwer verschuldeten Landes erklärte, rund 14 000 Personen schuldeten dem Staat zusammen rund 36 Milliarden Euro an Steuern. Völlig unklar ist, wie viel nicht versteuertes griechisches Geld in der Schweiz liegt.

Interesse an Abgeltungssteuer

Klar ist nur: Athen möchte an dieses Geld herankommen. Roland Meier, Sprecher des Eidgenössischen Finanzdepartements (EFD), bestätigte gegenüber Infosperber Medienberichte, wonach die griechische Regierung an einer Abgeltungssteuer mit der Schweiz interessiert sei: «Es haben Gespräche stattgefunden im Hinblick auf allfällige Verhandlungen, die aufgenommen werden könnten.» Das Ganze habe sich bisher jedoch lediglich «auf technischer Ebene» zwischen den Finanzministerien beider Länder abgespielt. Konkretes gebe es nicht zu vermelden, es seien auch noch keine Verhandlungsmandate formuliert worden. Vor einem Abschluss der Verträge mit Deutschland und Grossbritannien würden keine Verhandlungen mit anderen Ländern geführt. Allgemein rechnet man damit, dass noch im August mit Deutschland ein Abkommen unterzeichnet wird, das eine Abgeltungssteuer vorsieht.

Von Niarchos bis Mouskouri

Wie rasch dann mit Griechenland verhandelt wird, ist unklar. Doch mehren sich in auffälliger Weise Medienberichte, die den Blick auf die hellenischen Milliarden in der Schweiz richten. Insgesamt sollen griechische Privatkunden über 560 Milliarden Euro im Ausland angelegt haben. Die meisten Superreichen hätten weder ihren Wohnort noch ihren Firmensitz in ihrer Heimat «und werden sich hüten, in Griechenland Steuern zu zahlen», schreibt das von der Schweizer Ringier-Gruppe herausgegebene deutsche Magazin «Cicero» in seiner August-Ausgabe. Philip Niarchos, der älteste Sohn des griechischen Mega-Reeders Stavros Niarchos, habe «grosse Teile des Familiengelds in Hotelketten und Seilbahnen des Oberengadins stecken». Bereits Ende der Achtzigerjahre hat Stavros Niarchos seinen Wohnsitz nach St. Moritz verlegt.

Der mit einem Vermögen von angeblich 4,2 Milliarden Euro reichste Grieche, Spiros Latsis, wohnt ebenfalls in der Schweiz, und zwar in Genf. Der Reeder ist auch im Ölgeschäft aktiv, investiert in Immobilien und Flugzeuge und hält gemäss «Cicero» «49 Prozent der kompliziert verschachtelten Zürcher Finanzgruppe EFG». Auch die griechische Sängerin Nana Mouskouri («Weisse Rosen aus Athen») lebt in Genf, ihr geschätztes Vermögen beläuft sich jedoch auf verhältnismässig bescheidene 100 bis 200 Millionen Franken.

Schweizer Bank auf Kundenfang

Die Hamburger «Zeit» (23.6.2011) macht sich ebenfalls auf die Suche nach den griechischen Milliarden und erzählt folgende Geschichte: «‘Geld im Ausland anzulegen war eine Art Tradition‘, sagt Georgios Vassilakakis, ein Anwalt in Thessaloniki, ‚es ist ja auch nicht illegal.‘ Er berichtet, dass ihn vor anderthalb Jahren ein Vertreter einer kleinen Schweizer Bank um einen Termin gebeten habe. Der Banker zeigte ihm einen Hochglanzprospekt mit Landschaftsbildern aus der italienischen Schweiz und bot ihm einen Deal an: Wenn er, Vassilakakis, einen Mandanten kenne, der Geld ins Ausland transferieren wolle, könne er ja diese Bank vorschlagen und dafür eine gute Provision bekommen. Vassilakakis lehnte ab.»

Ein Grieche verkauft ein Bild

Die «Welt am Sonntag» (31.7.2011) wiederum erzählt die Geschichte eines aussergewöhnlichen Gemäldeverkaufs. Dieser wirft ein weiteres Schlaglicht auf die Vermögensverhältnisse von in der Schweiz lebenden schwerreichen Exil-Griechen. Unter dem Titel «Das Rätsel vom teuersten Bild aller Zeiten» schreibt das deutsche Sonntagsblatt:

«Der Deal, sagt ein britischer Kunsthändler, sei diskret abgelaufen. Niemandem sollte der Lieferwagen auffallen, der in einem nördlichen Nobelvorort von Lausanne eine Transportkiste abholte und mit ihr in Richtung des Zollfreilagers am Genfer Flughafen davonfuhr. Und niemand sollte wissen, dass damit wahrscheinlich der teuerste Bilderverkauf stattgefunden hatte, den es in der Geschichte des internationalen Kunsthandels jemals gab. Nach Informationen der ‚Welt‘ wechselte an jenem Tag im Frühjahr 2011 Paul Cézannes epochales Gemälde ‚Die Kartenspieler‘ (1892-96) den Besitzer - für einen Preis, wie er zuvor zumindest noch nie bekannt geworden war. Zwischen 250 und 275 Millionen Dollar zahlte demnach ein unbekannter Sammler für das Bild.

Gerüchte über den Verkauf dieser Ikone der klassischen Moderne hatte es schon mehrfach und auch in diesem Frühjahr wieder gegeben. Zum ersten Mal bestätigte nun aber ein Vermittler, der anonym bleiben will, den Verkauf und den Preis: ‚Meine Quelle ist absolut zuverlässig. Der Preis ist gezahlt worden.‘ Eigentümer des Bildes war der griechische Tankermilliardär George Embiricos, der in Jouxtens bei Lausanne lebte und im Frühjahr gestorben ist. Darüber, ob der Verkauf seines vielleicht wertvollsten Gemäldes noch vor oder erst nach seinem Tod stattgefunden hat, widersprechen sich die Informationen. Embiricos gehörte zur Gruppe jener schwerreichen griechischen Reeder, die ihr Vermögen Mitte der 50er-Jahre in der Suezkrise und später durch Zusammenarbeit mit arabischen Feudalherrschern und der Militärdiktatur in ihrer Heimat verdienten: Stavros Niarchos, Basil Goulandris, Aristoteles Onassis und George Embiricos. Sie alle trugen mit ihrem Vermögen bedeutende Kunstsammlungen zusammen, die sie mit der Zusicherung in die Schweiz brachten, sie jederzeit zoll- und steuerfrei auch wieder ausführen zu können.»

Die Schweiz wird sich angesichts der sich verschärfenden Finanz- und Schuldenkrise wohl auf immer unangenehmere Fragen einstellen müssen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Zur "Cicero"-Ausgabe August 2011
Zum "Zeit"-Artikel
Zum "Welt am Sonntag"-Artikel

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