Die Kraftwerkkette Hinterrhein mit den Stauseen Lago di Lei (Bild) und Sufers ist rentabel © Biovit/Wikimedia Commons/CC BY-SA 3.0

Die «unrentable Wasserkraft» – wo denn?

Hanspeter Guggenbühl / 26. Apr 2017 - Wasserkraft sei unrentabel, behauptet die Stromlobby und fordert Subventionen. Verfügbare Zahlen lassen daran zweifeln.

Um die angeblichen Verluste der Wasserkraft auszugleichen, fordern Schweizer Stromproduzenten dreierlei Subventionen, sozusagen den Fünfer, das Weggli und die Butter obendrauf:

  1. Die erste Forderung wird erfüllt, wenn das Volk am 21. Mai der neuen Energiestrategie zustimmt. Dann erhalten die Stromproduzenten die vom Parlament beschlossenen Marktprämien für Strom aus bestehenden Wasserkraftwerken sowie Investitionsbeiträge für neue Werke. Das ergibt eine jährliche Summe von 180 Millionen Franken. Pro Kilowattstunde (kWh) Strom aus Wasserkraft entspricht das einer Subvention von 0,5 Rappen.
  2. Als zweites fordert die Stromwirtschaft eine Aufteilung der Wasserzinsen in einen fixen und einen variablen, vom Marktpreis abhängigen Teil. Falls der Bund ihr Modell 2019 umsetzt, und falls sich die Preise auf dem Strommarkt gleich bewegen wie in den letzten zehn Jahren, sinken die Ausgaben der Stromproduzenten für den Rohstoff Wasserkraft damit auf die Hälfte. Das ergibt eine Produktionsverbilligung von 300 Millionen pro Jahr oder 0,8 Rappen/kWh.
  3. In einem Positionspapier an die Energiekommission (UREK) des Nationalrats forderten die Stromkonzerne Axpo, Alpiq, CKW, Repower sowie die Walliser FMV und die Tessiner AET zusätzlich eine «Grundversorgungs-Prämie» von 1,6 Rappen/kWh. Diese Prämie hätten die kleinen, nicht zum Markt zugelassenen Stromkonsumenten bezahlen müssen. Das ergäbe eine zusätzliche Subvention von 480 Millionen Franken pro Jahr oder (umgerechnet auf die jährliche Produktion von 36 Mrd. kWh Strom aus Wasserkraft) von 1,3 Rappen pro kWh.

Die UREK des Nationalrats lehnte diese Forderung gestern Dienstag zwar ab, nachdem der Präsident der Berner BKW, BDP-Nationalrat Urs Gasche, die von der Konkurrenz ausgeheckte Prämie als «unehrlich» bezeichnet und dezidiert bekämpft hatte. Als Alternative beantragt die UREK nun ein Modell, das die angeblich hohen Kosten der Wasserkraft ebenfalls zu einem höheren Anteil den in der Grundversorgung gefangenen Kleinverbrauchern anrechnet. Wie sich dieses Modell genau auswirkt, bleibt offen, weil die Kommission die Umsetzung weitgehend dem Bundesrat überlässt. Das Modell ist also intransparent und damit ebenso «unehrlich» wie jenes von Axpo und Co. Sicher ist nur: Auch daraus resultiert eine zusätzliche Stützung der Wasserkraft.

Apfelkuchen gegen rohe Birnen

Falls das Volk dem Fünfer zustimmt, das Parlament das Wasserzins-Weggli bewilligt und noch eigene Butter zu Lasten der Grundversorgung drauf streicht, dürften sich die direkten und indirekten Subventionen für den Strom aus Wasserkraft auf jährlich gegen eine Milliarde Franken summieren. Damit fragt sich: Lassen sich diese Subventionen rechtfertigen? Ist die Stromproduktion aus Wasserkraft heute tatsächlich unrentabel? Ja, behaupten die Schweizer Stromproduzenten, und sie wiederholten diese Behauptung in den letzten Jahren derart häufig, dass kaum noch jemand daran zweifelt.

Ihre Behauptung stützt die Stromlobby in der Regel mit folgendem Vergleich: Sie beziffert die Kosten der Stromproduktion der Schweizer Wasserkraftwerke auf 7 Rappen pro kWh und setzt diesen Kosten den deutschen Marktpreis für Bandstrom entgegen, der im Jahr 2016 die Talsohle von 3 Rappen/kWh erreichte. Dieser Vergleich ist nicht nur extrem, sondern ebenso schief wie der Vergleich von Apfelkuchen mit rohen Birnen.

Mangel an Transparenz

Ein präziser Vergleich der bezahlten Kosten mit den erzielten Preisen für Strom aus Wasserkraft ist unmöglich, weil die Kosten von Kraftwerk zu Kraftwerk schwanken, weil der Strom zu höchst unterschiedlichen Preisen verkauft wird, und weil die Angaben der Stromfirmen in den Geschäftsberichten zu wenig transparent sind. Folgende verfügbaren Informationen stellen jedoch die Sage von der unrentablen Wasserkraft in Frage:

  • Die wahren Kosten sind tiefer als die von der Stromlobby ins Feld geführten 7 Rappen/kWh. So schwanken die mittleren Gestehungskosten der grössten Schweizer Wasserkraftwerke zwischen 4 und 8 Rappen/kWh (siehe Tabelle). Das Bundesamt für Energie (BFE) nennt einen – glaubwürdigeren – Mittelwert von 5 bis 6 Rappen/kWh.
  • Quellen: Geschäftsberichte Partnerwerke, VSE, BFE/Zusammenstelllung/Auswahl: Guggenbühl

  • Der Vergleich mit dem Marktpreis für Bandstrom (base) in Deutschland ist irreführend. Denn der Grossteil des Stroms aus Schweizer Wasserkraft wird an Werktagen zwischen 08 und 20 Uhr erzeugt. Dieser lässt sich auf den Märkten in der Schweiz, Frankreich und Italien zu Peak- oder noch höheren Marktpreisen in Spitzenstunden verkaufen. Der Peak-Börsenpreis für den Schweizer Markt lag im Schnitt der Jahre 2014 bis 2016 bei 5 Rappen/kWh und ist in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres um 30 Prozent gestiegen.
  • Noch höher sind die Tarife für Strom (exklusive Netztarife und Abgaben) für Haushalte und Firmen in der Schweiz, die noch keinen Zutritt zum Markt haben. Diese schwanken je nach Region zwischen 5 und 10 Rappen pro kWh (siehe Tabelle). Die nationale Stromstatistik ermittelt fürs Jahr 2017 einen mittleren Haushalttarif von 7,5 Rappen/kWh. Dieser Durchschnitts-Tarif ist also höher als die von der Stromlobby bezifferten Gestehungskosten – und er soll nach dem Willen der UREK Nationalrat künftig zu einem noch höheren Anteil der Wasserkraft angerechnet werden.
  • Quellen: Stromstatistik Elcom, Epex-Spot/Zusammenstelllung/Auswahl: Guggenbühl

Subvention für Gas- und Atomkraft

Die Sage, Wasserkraft sei unrentabel, dürfte also nicht oder nur bedingt zutreffen. Solange aber keine vollständige Transparenz herrscht, welcher Strom wie viel kostet, und wie viel er einbringt, besteht die Gefahr, dass Subventionen für die hoch angesehene Wasserkraft missbraucht werden, um Verluste aus der weniger geschätzten Atom- oder Gaskraft zu decken. Denn die grossen Stromkonzerne, die Subventionen für Wasserkraft fordern besitzen namhafte Beteiligungen an unrentablen Atom- und Gaskraftwerken.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Streit um die Höhe der Wasserzinsen
DOSSIER: Die Politik der Stromkonzerne

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Eine Meinung

Die grossen Stromkonzerne, die Subventionen wegen (angeblich!) unrentablen Wasserkraftwerken fordern, besitzen namhafte Beteiligungen an unrentablen Atom-, Gas- UND KOHLEkraftwerken, genauer gesagt. (Bei der Diskussion um die Atomausstiegsinitiative wurden die Verfechter dieser Absichten aber nicht müde, vor Kohlestromimporten zu warnen, http://bit.ly/Wendehälse.)
Die BKW hat sich zum Beispiel in den fetten Jahren am neuen Kohlekraftwerk in Wilhelmshaven beteiligt, mit 33% oder 240 Megawatt. Insgesamt strebte die BKW 900 MW Kohlestromkapazität an. Gasche ist seit 2002 BKW-Verwaltungsrat und es ist nicht bekannt, dass er sich gegen diese Pläne gestemmt hätte — im Gegenteil. Hätten engagierte Aktivisten in Deutschland und der Schweiz die weiteren Kohleprojekte der BKW nicht gestoppt, wäre auch das Berner Energienunternehmen ein Sanierungsfall. Gasche hat im Grunde mit seiner Kritik recht, denn die andere Frage als die Richtigkeit oder Falschheit der Behauptung die Wasserkraftwerke seien unrentabel ist diese: Ist es korrekt, Unternehmen staatlich zu stützen, nur weil diese sich verspekulierten und das erst noch mit Investitionen in äusserst zweifelhafte Kraftwerke? Ein Hauch von Selbstkritik würde Herrn Gasche darum besser anstehen, als nur berechtigte Kritik an den schamlosen Forderungen der Stromwirtschaft. Dasselbe kann übrigens über Doris Leuthard gesagt werden (http://bit.ly/luegenminist).
Peter Vogelsanger, am 26. April 2017 um 12:57 Uhr

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