Chemie-Katastrophe in Schweizerhalle 1986 © ck

Chemie-Katastrophe in Schweizerhalle 1986

Das Glück einer Katastrophe - 25 Jahre danach

Philipp Probst / 22. Okt 2011 - Die Katastrophe von Schweizerhalle löste ein Umdenken aus. Und dies dank der Bevölkerung. Dies zeigt eine Universitäts-Arbeit auf.

Es passierte am Abend des 22. April 2011: Im Botanischen Garten Basel erblühte der Titanwurz. Das ist die grösste Blume der Welt. Und sie stinkt nach Aas. Deshalb wurde in Anlehnung an den Basler Städteslogan «Basel tickt anders» mit dem Spruch «Basel stinkt anders» geworben. Rund 25 000 Besucher folgten der Einladung.

In Basel stank es früher regelmässig

Dass man in Basel überhaupt auf «Basel stinkt anders» kommen kann und das nicht einmal zynisch meint, ist neben dem Erblühen der seltenen Megapflanze ebenfalls ein kleines Wunder. Denn bis vor etlichen Jahren stank es in und um Basel. Mal mehr, mal weniger. Jüngere Menschen erinnern sich nicht mehr daran. Sie können sich auch kaum vorstellen, dass das heute so beliebte Schwimmen im Rhein schier unmöglich war. Auf diese Brühe hatte damals niemand Lust.

Gute Luft und sauberes Wasser – was für die jüngere Generation heute selbstverständlich ist, ist für die Ü40-Basler eine Errungenschaft der Neuzeit. Ebenso darüber erfreut sind die Zuzüger aus allen Herren Länder. Obwohl Basel eine Industriestadt ist, herrschen hier im Vergleich zu vielen anderen Produktionsstandorten auf der Welt idyllische Umweltbedingungen.

Das Volk machte Druck auf Industrie und Behörden

Dass das tatsächlich so ist, verdankt die Region unter anderem einer Katastrophe aus dem Jahr 1986. Heute, 25 Jahre später, darf der damalige Störfall durchaus als Glücksfall bezeichnet werden. Es musste zwar ein hoher Preis bezahlt werden, doch durch die Katastrophe hatte die Bevölkerung endgültig die Nase voll: Der Druck auf die Chemie und die Politik war so gross, dass die Zeiten der Umweltsünden ein für allemal vorbei war. Zu diesem Schluss kommen nicht nur die meisten befragten Politiker, die damals die «Nacht der geschlossenen Fenster» als junge Menschen erlebt haben und heute im Bundesparlament sitzen, sondern auch Jelena Stefanovic, die über die Katastrophe eine Lizenziatsarbeit geschrieben hat. Für die junge Historikerin ist klar, «dass ein Umdenken in der Umweltpolitik ausgelöst wurde, und die Bevölkerung durch ihre heftige Reaktion dies massgeblich gefördert hat.»

Es begann am 31. Oktober 1986, mittags

Die Katastrophe nahm in der Lagerhalle 956 der damaligen Firma Sandoz in Schweizerhalle am 31. Oktober 1986, vermutlich um die Mittagszeit, ihren Lauf. Arbeiter erwärmten die Folie einer Palette mit dem Farbpulver «Berliner Blau», damit die Ware beim Transport zusammengehalten wird. Experten kamen später zum Schluss, dass dabei die Folie beschädigt und sich das «Berliner Blau» entzündet hat. Sie gilt als die «wahrscheinlichste Brandursache». Da der Farbstoff stundenlang glimmen kann, bemerkte lange niemand etwas. Erst um 23.50 Uhr sahen SBB-Mitarbeiter Rauch, hielten dies zur damaligen Zeit aber als nicht aussergewöhnlich und machten keine Meldung. So wurde es Samstag, 1. November 1986 00.19 Uhr, bis ein Sandoz-Mitarbeiter und eine Patrouille der Kantonspolizei Baselland Alarm schlugen. Das Inferno war zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht mehr zu verhindern.

Es wurde mit bis zu 20 000 Toten gerechnet

Danach passierte all das, was die Region in den folgenden Tagen, Monaten und Jahren bewegt und verändert hat. Da lange unklar war, was alles verbrannte, explodierte oder noch in die Luft gehen könnte, ob und wie stark giftig die Gaswolke war, schrillten die Sirenen. Der damalige Basler Kantonschemiker rechnete in diesen bangen Minuten im schlimmsten Fall mit bis zu 20 000 Toten. Dieser Gau traf glücklicherweise nicht ein. Um 7 Uhr wurde der Endalarm ausgelöst.

Der Rhein war rot, die Lebewesen tot

Die Region atmete auf. So gut es wegen dem Gestank eben ging. Allerdings nicht für lange: Denn bald musste die Bevölkerung zur Kenntnis nehmen, dass nicht nur über 1300 Tonnen Güter wie Insektizide und Quecksilberverbindungen verbrannt sind, sondern 10 000 Kubikmeter Löschwasser und 20 bis 30 Tonnen Chemikalien in den Rhein gelangten. Der Fluss war rot, Hundertausende von Fischen und Kleinstlebewesen tot.

Die Chemie ist nicht nur Wohlstand, auch Risiko

Auch wenn die Katastrophe juristisch so gut wie keine Konsequenzen hatte – der Schock dagegen schon. «Schweizerhalle» hallte viele Jahre lang nach. Zuerst in den Köpfen der Menschen. «Alle wissen, wo sie während 9/11 waren und was sie gemacht haben», sagt die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz. «Mit ‚Schweizerhalle‘ verhält es sich in Basel ebenso.» Ihre politische Denkweise hätte sich damals zwar nicht verändert, aber verstärkt. Der Basler FDP-Nationalrat Peter Malama war durch die Sirenen wach geworden und spürt heute noch den «durchdringenden, süsslichen Gestank» in seiner Nase. Politisch habe er in jener Nacht so etwas wie seine «umweltpolitische Unschuld» verloren, wie er sagt: «Mir wurde klar, dass die Technologien und Wissenschaften, die unserer Stadt und Region den Wohlstand gebracht haben, nicht nur fast grenzenlose Chancen, sondern auch Risiken beinhalten.»

Das AKW Kaiseraugst war damit definitv tot

Historikerin Jelena Stefanovic kommt in ihren Untersuchungen zum Schluss, dass die wütenden Bürger nicht nur der allgemeinen Umwelt-, sondern auch der Anti-Atomkraftbewegung neuen Schub verlieh. «Den Menschen in Basel wurde erst recht bewusst, dass sie kein zusätzliches Risiko in der Region akzeptieren wollen», schreibt Stefanovic.

So wurde das geplante AKW in Kaiseraugst im Jahr 1988 definitiv begraben. Und gleichzeitig rüsteten die Behörden und die Industrie mit vielen Gesetzen und mit noch mehr Geld den Wirtschaftsstandort Basel zu einem sicheren und sauberen Werks- und Forschungsplatz auf. Heute sind sich alle einig: Das Risiko, nochmals eine Katastrophe wie vor 25 Jahren zu erleben, ist auf ein Minimum reduziert.

Protest des Volkes war erstaulich

«Was den Bürgerprotest in Basel zu etwas Besonderem werden liess», fasst die Historikerin zusammen, «ist die Tatsache, dass er in der Chemiestadt Basel stattfand.» Denn Basel sei schon seit Jahrhunderten eine Chemiestadt gewesen, und werde es auch bleiben: «Dies ist erstens bedingt durch ihre mit der Chemie eng verknüpften Geschichte, aber auch durch die wirtschaftliche Abhängigkeit.» Stefanovic zeigt in ihrer Arbeit auch deutlich auf, dass die Symbiose zwischen Chemie und Bevölkerung niemals eine heile Welt war.

Durch die Seidenweberei im 17. Jahrhundert und die Baumwollindustrie im 18. Jahrhundert begann auch der Handel mit Chemikalien, und ab Ende der 1850er-Jahre die Fabrikation synthetischer Farbstoffe.

Chemie bedeutete früher Gestank und Schaden

Der Basler Historiker Professor Christian Simon hält dazu in seinen Publikationen fest, dass die Basler davon gar nicht angetan waren: «Chemie war gleichbedeutend mit Gestank und Schäden an Vieh, Gras und Obstbäumen; schon früh beklagten sich unglückliche Anwohner über gesundheitliche Störungen.» Simon beschreibt auch, dass der Begriff «Chemiestadt» Basel durchaus wörtlich zu verstehen sei, «denn die Fabriken produzierten innerhalb der Stadt, sie nutzten intensiv die natürlichen Ressourcen des städtischen Raums wie die Luft und das Brunnen- und Rheinwasser, sie nutzten den Stadtboden, auf dem Produkte gestapelt, Abfälle auf Halden geworfen und in Gruben geschüttet wurden.»

Die Behörden reagierten in diesen Jahrhunderten ganz unterschiedlich auf die Anliegen der Bevölkerung. Historikerin Stefanovic hat die dazu veröffentlichte Literatur studiert und kommt in zum Schluss: «Während im 19. Jahrhundert die Behörden die Industrie noch ermahnten, ignorierten sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts Beschwerden der Anwohner über den Gestank.»

Verhältnis Chemie-Politik hat sich geändert

Bis zur Brandkatastrophe vor 25 Jahren lautete die Devise praktisch aller Bewohner der Region Basel: Manchmal stinkt es arg, wir kritisieren das, unsere Behörden geben das an die Industrie weiter, und die Chemie macht vielleicht etwas oder auch nicht, aber schliesslich leben wir von denen. Dies habe sich verändert, sagt die Basler Ständerätin Anita Fetz: «Der Kontakt zwischen Wirtschaft und Politik, der noch in den 80er-Jahren als Verhältnis zwischen Herren und Dienern geschildert wurde, empfinde ich heute als partnerschaftlich.»

Keine Gefahr mehr im Boden

Doch diese Partnerschaft – vor allem jene zur Bevölkerung – werde in letzter Zeit wieder strapaziert, sagt die grüne Baselbieter Nationalrätin Maya Graf: «Industrie und Behörden verhalten sich vermehrt wie vor ‚Schweizerhalle‘!» Als Begründung dazu fügt sie die Kritik des Altlastenexperten Martin Forter an, der im vergangenen Jahr die Deponie unter dem Brandplatz in Schweizerhalle zum Thema machte. Er kritisiert, zu viele Schadstoffe würden ins Grundwasser gelangen. Doch nun ist klar, dass der ehemalige Brandplatz kein «Unfallstandort mit dringendem Sanierungsbedarf», sondern nur noch ein «belasteter Standort mit Überwachungsbedarf» sei. Zu diesem Schluss kommt das Baselbieter Amt für Umweltschutz und Energie.

»Nur Medien suchen Haar in der Suppe»

SVP-Nationalrat Christian Miesch sieht sich bestätigt: «Die Chemie hat die Nachwehen von ‚Schweizerhalle‘ überwunden und ist weltweit ein Beispiel für die verantwortungsvolle und saubere Produktion. Einzig die Medien suchen Haare in der Suppe!»

Es ist allerdings Aufgabe der Journalisten, Experten und Politiker, den Finger auf wunde Punkte zu legen. Auch hier hat sich seit «Schweizerhalle» vieles verändert: Kritik wird von der Wirtschaft nicht gleich als Verrat empfunden. Elisabeth Schneider-Schneiter, Nationalrätin der CVP Baselland, bringt es auf den Punkt: «Der Fall ‚Schweizerhalle‘ wurde zu einem Lehrstück für die Umweltpolitik der Schweiz und hat unserem Land einige wichtige gesetzliche Grundlagen für Störfälle gebracht. Ich hoffe, dass solche Unfälle nie erledigt sind, sondern immer in den Köpfen der mit besonderen Risiken belasteten Unternehmen und der Gesellschaft bleiben.»

Vom Chemie- zum Forschungsplatz

Dass diese Risiken heute in der Region auf ein Minimum beschränkt sind, ist nicht nur den immensen Investitionen der Chemie und den verschärften Gesetzen und Kontrollen zu verdanken: Basel hat sich von der Chemiestadt zum Pharma- und Forschungsplatz entwickelt. Zwar werden nach wie vor chemische Produkte hergestellt, aber die Grosschemie ist weggezogen. Der Basler SP-Nationalrat Beat Jans fasst die Entwicklung nach «Schweizerhalle» so zusammen: «Die chemische Industrie stellte sich damals der Diskussion und leitete Verbesserungen ein. Sie reagierte nicht mit Abwanderung. Das deutet darauf hin, dass die schleichende Verschiebung des Standortes von Produktion in Richtung Forschung wenig mit der Katastrophe zu tun hat.» Und Claudie Janiak, SP-Ständerat Basel-Landschaft, ergänzt: «Ich denke nicht, dass die Katastrophe die Veränderungen beim Produktionsstandort eingeläutet hat. Die Globalisierung hat hier viel mehr verursacht.»

»Man kann sich nicht vorstellen, wie schlimm es war»

«Basel stinkt anders». Das war einmal. Für die jüngere Generation und für die vielen tausend Zuzüger ist dies wirklich eine Geschichte aus längst vergangener Zeit. «Das ist für diese Leute nicht nachvollziehbar», sagt Politikerin Maya Graf. «Denn sie können ja nicht wissen, was vor ‚Schweizerhalle‘ bei der Chemie wirklich abgegangen ist. Sie können sich weder vorstellen, noch glauben, dass es wirklich so schlimm war.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Noch keine Meinungen

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein, um Ihre Meinung unter Ihrem richtigen Namen zu äussern. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Achtung: Die Länge der Einträge ist beschränkt und wir erlauben nicht, zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander zu platzieren. Unnötig herabsetzende Formulierungen ändern oder löschen wir ohne Korrespondenz.