"Wir werden nicht ruhen", die Formel 1 soll es sichtbar machen: UBS Sponsoring © UBS

"Wir werden nicht ruhen", die Formel 1 soll es sichtbar machen: UBS Sponsoring

Appell gegen Wissenschafts-Sponsoring durch UBS

Christian Müller / 02. Mär 2013 - 27 namhafte Persönlichkeiten appellieren gegen die Aufgabe der Unabhängigkeit der Wissenschaften. Ihr Anliegen muss gehört werden.

Europa ist Europa, weil es hier seit tausend Jahren Universitäten gibt. Forschen, Verstehen, Wissen: all diese intellektuellen Fähigkeiten waren bis zur ersten Jahrtausendwende der christlichen Zeitrechnung von der alleinseligmachenden Kirche besetzt. Ein hartes Monopol. Mit der ersten Universität – in Bologna im Jahr 1088 – manifestierte sich im Abendland erstmals der Wille, sich von der kirchlichen Bevormundung etwas freizuschaufeln. Ein echter Befreiungsschlag war es allerdings noch nicht. Auch vier Jahrhunderte später, als sich auch die darstellende Kunst und die Musik aus den kirchlichen Fesseln zu befreien begannen, waren Forschung und Lehre noch sehr stark unter kirchlichem Einfluss, auch wenn mit Kopernikus und Galileo Galilei kirchliche Dogmen spürbar zu bröckeln begannen. Doch Forschung und Lehre waren auf dem richtigen Weg. Die Epoche der Aufklärung im 17. Und 18. Jahrhundert schliesslich – der Name besagt es – brachte jenen entscheidenden Schritt, dem wir heute die Freiheit von Lehre und Forschung zu verdanken haben.

Jetzt droht neue Gefahr

Auch wenn es heutzutage an den meisten Universitäten noch theologische Fakultäten gibt: eine Gefahr für Forschung und Lehre ist in Europa die Kirche – oder sind die Kirchen – nicht mehr. Doch es droht neue Gefahr. Sie kommt von jenen «Würdenträgern», die in die Kathedrale des Neoliberalismus zur Messe gehen. Gut ist, was Geld bringt, heisst das neue Credo. Und bereits droht der neue Glaube, die universitäre Freiheit wieder einzuschränken.

Unabhängig davon, ob beim Geld-Machen unwiederbringliche Ressourcen abgebaut werden, unabhängig davon, ob an Natur und Klima irreparable Schäden entstehen, aber auch unabhängig davon, wie das «verdiente» Geld schliesslich verteilt wird: um möglichst viel Geld zu Geld zu bringen, soll gefälligst niemand darüber nachdenken, ob es nicht vielleicht auch andere «Systeme» geben könnte, die friedliches und menschenwürdiges Leben auf diesem Planeten ermöglichen. Der neue Glaube an die seligmachende Geldmacherei steht nicht zur Diskussion.

Think-Tanks als Lösung?

Trotzdem: Glaube ist heutzutage nicht mehr einfach zu verkünden. Es braucht, um ausreichend vernünftige Gläubige zu finden und sie um sich zu scharen, rationalen Support. Die Erfindung der sogenannten Think-Tanks war die – vermeintliche – Lösung: Bestausgebildete Fachleute liefern gegen Geld die nachvollziehbare Erklärung für vorgegebene Resultate. Think-Tanks sind – oft, nicht immer – PR-Agenturen auf akademischem Level. Doch auch das hat sich zwischenzeitlich herumgesprochen.

Nicht so die freien Universitäten. Und deshalb sind sie für manche Mächtigen zum Ärgernis geworden – nach der Finanzkrise von 2008 sogar zur Gefahr, wenigstens für die Finanzbranche. Denn am einen oder anderen Ort erlauben sie sich sogar, über echte Alternativen nachzudenken, neue Wirtschafts- und Lebensmodelle zu diskutieren und zu entwickeln.

Sponsoring als neue «Lösung»

Die transnationalen Konzerne, nicht zuletzt die Grossbanken, haben es geschafft, sich in der Politik Gehör und massgeblichen Einfluss zu verschaffen. Sie beschäftigen Hunderte von Lobbyisten, die es verstehen, mit Worten – und wohl nicht selten auch mit «Werten» – die Interessen ihrer Auftraggeber in die parlamentarischen Entscheidungen einzubringen. Doch noch werden nicht alle ihre Wünsche locker erfüllt.

So ist das Begehren, die eigenen Interessen auch «wissenschaftlich» begründet zu sehen, nur eine logische Folge. Doch wie kommt man an die Wissenschafter?

Das kulturvernichtende Wettbewerbsdenken hat – auch das eine Folge des neoliberalen Glaubensbekenntnisses – die akademische Welt längst erreicht und schon stark vereinnahmt. Stichwort Ranking: Was ist schon eine Universität, wenn sie einfach eine Gemeinschaft und eine «Universitas» ist von gut ausgebildeten, gebildeten, lehrenden und lernenden Menschen, die unsere Welt zu verstehen suchen und mit wissenschaftlichen Methoden an deren Erkenntnis weiterarbeiten? Nein, es genügt nicht mehr, dass in allen Bereichen geforscht wird: man muss auch noch der Beste sein! Am meisten kommerzialisierbare Resultate liefern! In messbaren Kriterien zu den Top Ten gehören! In Umfragen an oberster Stelle genannt werden!

Der Gedankensprung liegt deshalb nahe: Mit einem tüchtigen Sponsoring einer Universität kann dieser Uni im internationalen Ranking vielleicht zu ein paar Treppenstufen nach oben verholfen werden. Und als Gegenleistung kann man selber mitreden, was diese Uni tut!

So geschehen in Zürich: Die UBS sponsert seit Frühling 2012 die Universität Zürich mit 100 Millionen Franken. Peanuts für diese Bank, die auch schon mal Milliarden in den Sand steckt, wenn ein Gambler an einem ihrer schlecht kontrollierten PCs sitzt. Oder mehr als eine Milliarde Busse zahlt, wenn es gilt, sich vom Vorwurf der Libor-Manipulation (juristisch) freizukaufen.

Sponsoring ist Geld für eine Gegenleistung

Jeder Manager weiss es, und selbst auf Wikipedia-Ebene ist es nachlesbar: Sponsoring ist nicht das gleiche wie Mäzenatentum. Sponsoring ist Geld für eine Gegenleistung. Die UBS sponserte Alinghi nicht aus Idealismus, aus sportlicher Begeisterung, sondern um sich vom (damals) guten Image der Bertarelli-Boys etwas abzuschneiden. Darum musste es ja auch auf den Segeln gross hingeschrieben sein. Und die UBS sponsert die Formel-1-Rennen nicht aus Nächstenliebe, sie will als Bank, die nie ruhen will, vom Image dieser rastlosen Boliden etwas übernehmen. Wer sponsert und also Geld gibt, hat eine Erwartung, will etwas zurück, und dieser Austausch wird jeweils in einem Vertrag festgehalten. Auch zwischen der UBS und der Universität Zürich gibt es einen solchen Vertrag. Vollumfänglich einsehbar ist er allerdings nicht.

Ein Protest war überfällig

Zum Glück gibt es noch Frauen und Männer, denen die universitäre Freiheit und Unabhängigkeit etwas wert ist. Und die dafür zu kämpfen bereit sind. Am Donnerstag, 28. Februar 2013, haben die Zürcher Philosophieprofessorin Ursula Pia Jauch und der Berner Staatsrecht-Professor Markus Müller zusammen mit 25 weiteren Erstunterzeichnenden öffentlich Protest gegen dieses gefährliche Game des Wissenschaftssponsoring erhoben. Mit einem auf den Schweizer Seiten der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» publizierten Appell machen sie in unmissverständlicher Sprache auf die Problematik einer solchen von aussen bezahlten Einflussnahme und im Falle des UBS-Sponsorings auch ethisch nicht zu verantwortenden Kooperation aufmerksam.

Unter www.zuercher-appell.ch sind der «Internationale Appell für die Wahrung der wissenschaftlichen Unabhängigkeit» und die Erstunterzeichnenden einsehbar. Und hier können und sollen Akademiker und Nicht-Akademiker, Bürgerinnen und Bürger, die der Unabhängigkeit der Wissenschaft Sorge tragen wollen, den Appell mitunterzeichnen, um ihm das nötige Gewicht zu geben. Einen Tag nach Veröffenlichung des Appells waren es bereits gute 500 Mitunterzeichnende.

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Siehe Kommentar von Urs P. Gasche: «UBS, Universität Zürich, Sponsoring, Inderbitzin» vom 3. März 2013.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor hat an der Universität Zürich Geschichte Staatsrecht studiert.

Weiterführende Informationen

Zur Website des "UBS International Center of Economics in Society" an der Uni Zürich
Die NZZ berichtet über den Appell im Zürcher Lokalteil
Der nachgelieferte Kommentar der NZZ am nächsten Tag
Uni-Rektor Andreas Fischer versucht sich zu rechtfertigen
Der "Zürcher Appell" im Wortlaut
Der Zürcher Appell in der ZEIT vom 28.2.2013 (ganze Seite)
der "Zürcher Appell" im "TagesAnzeiger" vom 28.2.2013

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3 Meinungen

100 Millionen sind ein so zäher und haltbarer Leim, auf den die Uni Zürich gekrochen ist, dass wenig Hoffnung auf eine Befreiung davon besteht. Doch das soll niemanden hindern auf die grosse Gefahr einer Kommerzialisierung der Universitas laut hinzuweisen. Bitte unterschreiben auch Sie, lieber Leser, liebe Leserin den Aufruf.
Ueli Ganz, am 02. März 2013 um 12:16 Uhr
Sicherlich nicht richtig. Aber schlimmer ist das Geldgeben der Pharma an die Uni's, um so Einsicht nehmen zu können und natürlich auch Einfluss zu nehmen. Dass dies sich natürlich auf die Resultate von Studien usw. auswirkt, liegt auf der Hand. Also, auch mal dort ankreiden...
Daniel Trappitsch, am 02. März 2013 um 15:36 Uhr
Ich denke die UBS ist ja sowieso ein staatliches Unternehmen, leider immer noch von Abzockern privatwirtschaftlich verwaltet… Den rechtslastigen politischen Parteien, wie SVP, FDP,CVP,GLP sei Undank!
Rolf Raess, am 04. März 2013 um 13:38 Uhr

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