Der Erfolg einer Operation misst sich am besten erst einige Monate später © Dreamstime.com

Der Erfolg einer Operation misst sich am besten erst einige Monate später

Die Qualität unserer gesundheitlichen Versorgung ist schlechter als im Durchschnitt Europas. Das zeigt eine Studie aus Schweden.

Urs P. Gasche / 02. Apr 2011

Das Vorurteil, wir hätten in der Schweiz zwar die teuerste, aber dafür die beste Gesundheitsversorgung, kommt ins Wanken. Die Resultate der medizinischen Behandlungen sind bei uns sogar schlechter als im europäischen Durchschnitt. Das jedenfalls zeigt eine erste europaweite Vergleichsstudie, welche die Universität Uppsala im Auftrag des schwedischen Gesundheitsministerium erstellt hat. Die Resultate erschüttern den Glauben, die Schweizerinnen und Schweizer würden für ihre Rekordausgaben wenigstens auch die besten Leistungen erhalten.

«Wir haben den Versuch gewagt, die Qualität der verschiedenen Gesundheitssysteme zu vergleichen», erklärte Professor Tomas Philipson anlässlich einer Vorab-Präsentation in Stockholm. Es sei allerdings «erschreckend», wie viele Länder die Ergebnisse der häufigsten Behandlungen nicht einmal seriös erfassen. Diese Schelte war auch an die Schweiz gerichtet. Nirgends sonst werde so viel Geld ausgegeben wie im Gesundheitswesen, ohne die Resultate zu prüfen.

20 Indikatoren für Behandlungs-Ergebnisse

Ihren Ländervergleich stützen die Forscher der Universität Uppsala auf zwanzig Indikatoren, welche für die Patientinnen und Patienten relevant sind. Waren in einem Land nur unvollständige und unkontrollierte Daten erhältlich, gab es in der Wertung einen Abzug. «Eine Qualitätskontrolle setzt Transparenz voraus», begründet Phlippson. Im Vergleich schlecht abgeschnitten hat die Schweiz bei folgenden Indikatoren:

• In Notfallstationen und Operationssälen von Spitälern aufgelesene Infektionen.

• Gegen Antibiotika resistente Bakterien, die in Spitälern erfasst werden.

• Anteil vergleichbarer Patienten, die einen Herzinfarkt nach 180 Tagen überleben.

• Prozentsatz aller Hüft- und Kniegelenke, die bereits innerhalb der ersten zwei Jahre ersetzt oder entfernt werden müssen.

• Organverletzungen und Thrombosen nach der Entfernung der Gebärmutter.

• Nicht geplante Nachoperationen nach bestimmten Eingriffen.

• Komplikationen nach Kaiserschnitten innert dreissig Tagen nach dem Eingriff, gewichtet nach Alter und sozial-ökonomischer Herkunft der Patientinnen.

• Todesfälle innerhalb von dreissig Tagen nach einer Bypass-Operation am Herzen, gewichtet nach sozial-ökonomischer Herkunft der Patienten.

• Dauer und Häufigkeit von Spitalaufenthalten, gewichtet nach Alter und sozial-ökonomischer Herkunft der Patienten.

Auch bei Lebenserwartung nicht Spitze

Wer gehofft hat, die Schweizerinnen und Schweizer würden dank ihrer hohen Gesundheitsausgaben wenigstens länger leben, sieht sich ebenfalls getäuscht. Die Forscher der Universität Uppsala vergleichen nicht die Lebenserwartung aller Einwohner miteinander, sondern die Lebenserwartung gleicher sozialer Schichten. «Untere soziale Schichten leben in allen Ländern fünf bis zehn Jahre weniger lang als die oberste Schicht», erklärt Professor Tomas Philipson. Wenn in einem Land die einkommensschwache Schicht kleiner ist als in einem andern, so habe eine leicht höhere Lebenserwartung der gesamten Bevölkerung nichts mit den Leistungen des Gesundheitswesens zu tun. Beim Vergleich der Lebenserwartung der einzelnen sozialen Schichten liegt die Schweiz nur knapp über dem europäischen Durchschnitt.

Im Gesamtranking der Qualität der Gesundheitssysteme liegt Norwegen an der Spitze. Es folgen Holland, Schweden und Dänemark. Am Schwanz befinden sich Länder Osteuropas. Die Schweiz befindet sich zwischen Deutschland und Finnland im unteren Drittel der Rangliste. Die vollständige Studie wird im April in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht.

Sowohl das Bundesamt für Gesundheit BAG als auch die Ärztegesellschaft FMH wollen sich zur Studie erst äussern, wenn sie vollständig veröffentlicht ist. «Wir zweifeln stark daran, dass die in den verschiedenen Ländern berücksichtigten Daten und Zahlen vergleichbar sind», heisst es im BAG. Die FMH vermutet, dass die Studie Faktoren wie Wartezeiten in Spitälern und Erreichbarkeit von Spitälern und Ärzten nicht berücksichtigt hat.

Der Inhalt dieses Artikels ist frei erfunden.



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