Roche-Konzernchef Severin Schwan: «Wirksamkeit von Tamiflu ist belegt» © srf

Tagesschau gibt Roche einseitige Plattform für PR

Urs P. Gasche / 17. Apr 2014 - Wenn es sich um einen mächtigen Konzern handelt, setzt die Tagesschau SRF ihre eigenen Regeln der Ausgewogenheit ausser Kraft.

«Es gibt eine ganze Reihe von Studien, welche die Wirksamkeit von Tamiflu belegen», durfte Konzernchef Severin Roche in der Tagesschau-Hauptausgabe vom 15. April verkünden. Vielleicht meinte er die Tatsache, dass Tamiflu bei Erwachsenen die Grippe-Symptome unbestrittenermassen im Durchschnitt von 7 Tagen auf 6,3 Tagen verkürzt. Das hat die Tagesschau aber nicht präzisiert.

Vielleicht meinte Severin Schwan mit «Wirksamkeit» einfach die vielen Milliarden, die das Grippemittel dem Konzern einbrachte. Schliesslich sprach Schwan anlässlich einer Presseveranstaltung über die neusten Geschäftszahlen.

Roche hat seine Glaubwürdigkeit in Sachen Tamiflu verloren

Doch vielleicht ging es doch um die 10-prozentige Verkürzung der Grippezeit. Denn Schwan durfte auch noch inbrünstig versichern, dass Roche «voll und ganz hinter der Qualität der Daten» stehe. Gemeint waren die Studiendaten zu Tamiflu, welche das unabhängige Forscherteam der Cochrane Institution im «British Medical Journal» BMJ kritisch unter die Lupe genommen hat, nachdem die Forscher zuerst vier Jahre lang dafür kämpfen mussten, dass Roche ihnen diese Daten überhaupt zur Verfügung stellte. «Es reicht doch schon die Tatsache, dass Roche die Daten so lange nicht offengelegt hat, als Beleg, dass das Zeug nichts bringt», schrieb die Süddeutsche Zeitung. Aus wissenschaftlicher Sicht seien die Zweifel von Anfang an sehr gross gewesen. In den vom BMJ aus grossem Ärger im Internet veröffentlichten vierjährigen Korrespondenzen mit Roche geht eindeutig hervor, dass die Haltung von Roche alles andere als glaubwürdig ist.

Tagesschau knickst vor Konzern ein

Am 10. April hatte die Hauptausgabe der Tagesschau den im BMJ veröffentlichten Befund der Cochrane-Forscher korrekt und klar in einer Minute und 10 Sekunden zusammengefasst. Nach dem Fairness-Prinzip, die Kritisierten zu Wort kommen zu lassen, konnten Roche-Mann Barry Clinch, das Bundesamt für Gesundheit und die Swissmedic ihrerseits in insgesamt 1 Minute und 30 Sekunden ihre Meinungen dazu abgeben. So weit so gut.

Am 15. April jedoch gewährte die Hauptausgabe der Tagesschau wie eingangs erwähnt Roche erneut und diesmal exklusiv Gelegenheit, für Tamiflu Werbung zu machen. Als Vorwand diente der Tagesschau, dass der Roche-Chef «erstmals» persönlich zu Tamiflu Stellung nehme. Er sagte allerdings nichts Neues, was seine Roche-Leute nicht schon Tage vorher verbreitet hatten.

Besonders unprofessionell war zweierlei: Erstens stellte die Tagesschau-Redaktorin Severin Schwan keine einzige Gegenfrage, kein kritisches Interview also. Schwan durfte einfach seine PR-Behauptungen von «Wirksamkeit» und «Qualität der Daten» verbreiten. Damit desavouierte der Konzernchef die Cochrane-Forscher und das «British Medical Journal». Doch den so von «höchster Stelle» Kritisierten gab die Tagesschau keine Gelegenheit, dazu Stellung zu nehmen.

Merke: Die Regeln der Fairness und Ausgewogenheit beachtet die Tagesschau in erster Linie, wenn Mächtige kritisiert werden. Mächtige jedoch dürfen Glaubwürdigkeit und Integrität von andern unwidersprochen in Zweifel ziehen.

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Siehe

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Keine

Weiterführende Informationen

Verheerende Kritik an Roche-Tamiflu
Roche wegen Milliarden-Tamiflu am Internet-Pranger

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