Rezept für ein hundertfaches Wirtschaftswachstum

Hanspeter Guggenbühl © bm
Hanspeter Guggenbühl / 24. Okt 2014 - «Zuwanderer halten die Wirtschaft in Schwung», entdeckt der «Tages-Anzeiger». Daraus folgt unser ultimatives Wachstumsrezept.

Die Schweizer Wirtschaft wächst seit 1990 primär durch Zuwanderung. Das stellte «Infosperber» schon im April 2011 fest (siehe: «Schweizer Wirtschaft wächst durch Zuwanderung». Unser Urteil über diesen Sachverhalt fiel damals allerdings zwiespältig aus: «Die Freude am wachsenden Wirtschaftskuchen», so konstatierten wir, «wird getrübt durch den Umstand, dass dieser Kuchen unter mehr Personen verteilt werden muss, und gleichzeitig die Konkurrenz um Wohn- und Naturraum in der Schweiz grösser wird.»

Dreieinhalb Jahre später, nämlich in der Ausgabe vom 22. Oktober 2014, registriert der Zürcher «Tages-Anzeiger» (TA) den gleichen Sachverhalt. Dazu titelt er auf der ersten Seite: «Zuwanderer halten die Wirtschaft in Schwung». Das gelte nicht nur für die letzten Jahre, sondern auch für die nahe Zukunft, prophezeit der TA und freut sich im Untertitel ungetrübt: «Bei den Konjunkturprognosen herrscht Zuversicht – solange die SVP-Initiative nicht umgesetzt wird.»

Falls hingegen der Bundesrat die SVP-Initiative radikal umsetzen oder das Volk gar der Ecopop-Initiative zustimmen und damit den Einwanderungssaldo von heute 80 0000 auf 16 000 Personen pro Jahr begrenzen sollte, so rechnet TA-Redaktor Simon Schmid seinen Leserinnen und Lesern vor, könne die Wachstumsrate des Schweizer Bruttoinlandprodukts (BIP) um mehr als 0,5 Prozent pro Jahr sinken. Und TA-Redaktor Markus Diem Meier schloss in der gleichen Ausgabe seinen Tageskommentar mit folgendem, etwas holprigen Satz: «Die Bereitschaft vieler, die Zuwanderung als wichtige Stütze unserer Konjunktur stark zu begrenzen, bedeutet, die Schweizer Wirtschaft in der aktuell labilen Lage bewusst einem hohen Risiko auszusetzen.»

Die Botschaft der grössten Schweizer Tageszeitung ist deutlich: Wir brauchen eine unbegrenzte Zuwanderung, damit die Schweizer Wirtschaft ungebremst weiter wachsen kann. Denn Wirtschaftswachstum ist gut, mehr Wirtschaftswachstum ist besser. Am besten wäre, so lässt sich aus dieser Botschaft zugespitzt schliessen, wenn die gesamte Weltbevölkerung in die Schweiz einwanderte. Damit liesse sich das Schweizer BIP auf das Niveau des Welt-Sozialprodukts anheben. Das ergäbe eine Erhöhung des aktuellen Schweizer BIP um das Hundertfache oder eine volkswirtschaftliche Wachstumsrate von 10'000 Prozent.

Das Problem ist nur: Dividiert man das Weltsozialprodukt von gegenwärtig rund 65 000 Milliarden Schweizer Franken pro Jahr durch die Weltbevölkerung von gegenwärtig sieben Milliarden Personen, so resultiert pro Person eine Wirtschaftsleistung von weniger als 10 000 Schweizer Franken. Das BIP pro Person in der Schweiz würde damit auf einen Achtel des heutigen Standes schrumpfen. Diese Rechnung relativiert das ultimative Rezept, die Schweizer Wirtschaft mittels Zuwanderung «in Schwung» zu halten.

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Siehe auch über die »NZZ am Sonntag»: «Kuchenbäcker Felix Müller in der NZZ a.S.» vom 26.10.2014

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Hanspeter Guggenbühl ist Mitautor des Buches "Schluss mit dem Wachstumswahn", Rüegger-Verlag 2010.

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6 Meinungen

Danke, Herr Guggenbühl! Das ist exakt der Hintergrund für die positive Stimmung bezüglich Ecopop - das Volk spürt zu kurz gedachte Argumentationen und folgt den «Fachleuten» nicht. Gott sei Dank!
Patrick Hafner, am 25. Oktober 2014 um 11:53 Uhr
Passen dazu nicht die Worte von Wolf Lotter?:
"Wachstum ist gut, sagte der Luftbalon und platzte.
Wachstum ist schlecht, sagte der Riese und frass die Zwerge.
Wachstum ist gut, sagte das Feuer und hinterliess nur Asche.
Ich weiss überhaupt nicht, wovon ihr redet, sagte die Raupe und wurde zum Schmetterling."
Es bleibt zu hoffen, wir haben Einsicht und Wille zum Handeln für den Wandel.
Margarita Zemp
Margarita Zemp, am 25. Oktober 2014 um 16:29 Uhr
Meine Milchbüchleinrechnug:
1% der Schweizer Bevölkerung von 8'000'000 sind 80'000 Leute.
Wenn also die Schweiz pro Jahr um 80'000 Leute zunehmen würde, müsste ihr Bruttosozialprodukt pro Jahr ebenfalls 1% zunehmen, damit es pro Kopf gleich bleibt. Und nicht nur um 1/2%)
Heiner Graafhuis, am 25. Oktober 2014 um 18:07 Uhr
Was soll diese versteckte Werbung für eine eindeutig fremdenfeindliche Initiative? Sie löst kein einziges Umweltproblem, würde der Schweiz aber zusätzlich zur SVP-Initiative sonst sehr grosse Probleme schaffen?
Rolf Zimmermann, am 25. Oktober 2014 um 18:45 Uhr
Offensichtlich verwechselt der Tagijournalist Konjunkturprognosen mit Langfristanalysen. Zu letzterem wäre es ja interessant was Fundiertes zu hören.
Die zweite Bemerkung bzw. Berechnung liegt in der Tradition der neoklassischen, ökonomischen Theorie. Bei offenen Grenzen wird solange gewandert bis sich die Einkommen ausgleichen. Neben der Schweiz wären noch einige andere Länder betroffen wenn sie völlig offene Grenzen hätten was natürlich nicht der Fall ist. Neben den Faktoren Arbeit und Kapital kennt die neoklassische Theorie noch den Faktor Technik (exogen, neuere endogen Ansätze). Dadurch wird das BIP auch weltweit pro Kopf angehoben, pro Jahr ca. 3 bis 5 %. Das nicht unwahrscheinliche Szenario von Hanspeter ist also nicht so dramatisch. Nach etwa 20 Jahren erreichen wir wieder unser BIP/Kopf. Interessant ist Rolf, da er ebenfalls voll in der neoklassischen theorietration argumentiert. Sie kennt weder den Faktor Energie noch Boden. Sie sind entweder ubiquitär und/oder sie werden durch Kapital beliebig substituiert. Energie z.B. durch neue Entdeckungen, Effizienz, Erneuerbare. Beim Boden wird bedarfsgerecht einfach gestappelt.
ruedi meier, am 26. Oktober 2014 um 19:16 Uhr
Viele der Einwanderer machen Arbeiten zu einem Lohn, für den Schweizer kaum zu finden sind. Ist das nun «fremdenfreundlich"? Offenbar profitiert die Wirtschaft davon und so ist es verständlich, wenn die FDP nichts von Ecopop wissen will. Weniger verständlich ist die extreme Ablehnung durch Linke, da die freie Verschiebung von Arbeitnehmern eigentlich ein kapitalistisches, Menschen ausnützendes Projekt ist, oder durch Grüne, da die zunehmende Umweltzerstörung mit Wirtschaftswachstum und deshalb auch mit Bevölkerungswachstum zu tun hat.

Ich vermute, dass auch Linke und Grüne heutzutage immer liberaler denken und somit Grenzen zunehmend ablehnen. Diese neue Offenheit ist wohl gut gemeint, dürfte aber in unserer sehr wohl begrenzten Welt zu Krisen ungeahnten Ausmasses führen.
Theo Schmidt, am 27. Oktober 2014 um 18:24 Uhr

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