lose, luege, läse

Christian Müller © aw
Christian Müller / 08. Mai 2017 - Warum um Himmelswillen soll man noch lesen? Hingucken genügt doch!

»Lose, luege, läse», das war einmal so eine (Schweizer) Redensart: Man hört etwas, man schaut hin, und, um es zu verstehen, man liest. Vor einigen Jahren gab es sogar ein Schweizer Lehrmittel mit diesem Titel. Inhalt: Man muss lesen, um etwas zu verstehen. Lesen!

Tempi passati. Wer ist denn heute noch so blöd und verliert Zeit, um etwas zu lesen. Donald Trump sagte es wie immer kurz und anschaulich: Schon der Geruch von Büchern mache ihn müde...

Mittlerweile haben das auch die grossen Internet-Plattformen realisiert. Und machen damit sogar Werbung:

Lesen ist out. Sehen ist in. Getreu der Erkenntnis, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte ...

Lesen?

Warum auch! Hinschauen genügt. Und ist doch viel einfacher. Man braucht nicht einmal lesen gelernt zu haben. Wo der Notausgang im Shoppingcenter ist, wo die Toiletten sind und welche Türe für wen, ein Bildchen genügt …

zum Beispiel so:

... oder auch so:

… aber auch dass man jetzt bitte lachen soll, wird einem ganz einfach mit einem Bildchen mitgeteilt:

Sie haben den Witz nicht verstanden? Ist halb so schlimm. Die Smileys verraten Ihnen, dass Sie jetzt lachen dürfen – oder eben sollen.

Aber noch muss man lesen können

Da, wo immer noch gelesen werden muss, gibt es aber jetzt wenigstens Hinweise, was man lesen soll, damit man nicht zu viel lesen muss. In der NZZ, dem Schweizer Intelligenzblatt, zum Beispiel, am 12. April 2017, um 11.23 Uhr, auf NZZ-online:

Was heute wichtig ist: Explosion beim BVB-Mannschaftsbus – islamischer Hintergrund nicht ausgeschlossen / Verdächtiger nach Schiesserei in Basler Café mit zwei Toten verhaftet / United-Airlines-Chef entschuldigt sich für Rauswurf eines Passagiers.

Danke, liebe NZZ, dass du uns sagst, was heute wichtig ist, damit wir nicht mehr selber darüber nachdenken müssen, was uns interessiert! War bisher doch so mühsam und zeitaufwendig!

Auch die Headlines werden jetzt zum Glück kürzer, damit man weniger lesen muss. Was früher etwa «Unfälle und Verbrechen» hiess, heisst heute viel kürzer und prägnanter: «Blaulicht»:

Blaulicht auf AZ online: «AfD-Parteitag gegen Abstimmung über Petrys 'Zukunftsantrag'», «Mann greift Frauen in Etablissement mit Stichwaffe an», «Zwei Tote und vier Verletzte bei Autounfall im Berner Oberland».

Ausgerechnet «Rotlicht»-News unter «Blaulicht»? Und auch die AfD unter «Blaulicht», wo doch beim Auftauchen dieser Leute alle roten Lämpchen aufleuchten sollten?

Aber lassen wir das: Hauptsache, man muss nicht mehr viel lesen und man kann sich auf das Wichtigste des Tages beschränken!

Warum also überhaupt noch lesen?

Lesen ist doch so schwierig:

«Der Lehrer, sagt Hans, sei ein Genie.»

«Der Lehrer sagt, Hans sei ein Genie.»

Sie sehen den Unterschied? Ob Hans oder der Lehrer ein Genie ist, entscheidet ein Komma. Ein Komma! Wer soll da noch mitkommen?!

Und jetzt sogar in der Politik!

«Macron sagt, Le Pen sei dumm.»

«Macron, sagt Le Pen, sei dumm.»

Wer ist denn jetzt dumm?

Und da sollen wir noch wählen gehen?

Wann endlich werden die Piktogramme für die politischen Entscheidungen eingeführt? Das wäre doch ein Projekt für den Schweizerischen Nationalfonds: Direkte Demokratie, für alle, dank Piktogrammen. Erst wenn wirklich alle politisch mitentscheiden können, ist die Demokratie doch verwirklicht!

Lesen?

Lesen ist wohl definitiv nur noch etwas für «die da oben»!

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Werbung für Watson
Bitte lachen!
NZZ: Was heute wichtig ist (12.4.2017)
Blaulicht auf AZ online
WC mit Empathie
WC anatomisch

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Eine Meinung

Danke Herr Müller, ein guter Beitrag. Werden wir zu einer Symbolgesellschaft, wo nur noch Symbole sprechen? Kurz und bündig, weil für Lesen vielen die Zeit fehlt? Mir ist das Lesen wichtig, weil mit Symbolen kann man nicht die richtigen Fragen stellen. Wer etwas schreibt, gibt auch etwas von sich selber preis, Symbole tun dies nicht, sie sind auf ihre Art tot, ihre Aussagen, Forderungen, sind immer einfältig. Darum plädiere ich für das Schreiben und Lesen.
Beatus Gubler, am 08. Mai 2017 um 12:39 Uhr

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