Die Sprache der Politiker wird zusehends primitiv

Christian Müller © aw
Christian Müller / 13. Mai 2013 - Was früher allenfalls noch am Stammtisch Platz hatte, wird heute als politische Kolumne angeboten. Und die Zeitungen machen mit.

«Die Kriminalität hat dank offenen Grenzen und Kuscheljustiz europäisches Niveau erreicht. Kein Wunder – wir haben ja den ehemaligen Krawallmachern von 1968 geradezu den roten Teppich für ihr schändliches Tun ausgelegt.»

«Eine multikulturelle Gesellschaft, durchseucht (!) von Heerscharen von Integrationsbeauftragten, Sozialarbeitern, Jugendarbeitern, Schulsozialarbeitern, Schuldenberatern, Lebensberatern, Mediatoren, Kulturschaffenden (!) und soziokulturellen Animatoren. Schon klar, denn die Sozialindustrie und die Linken produzieren sich ihre Jobs gleich selber. Und wenn es mal wieder zu wenig Stellen hat, setzt man die Armutsgrenze etwas hinauf und schon hat man ein paar zehntausend «Arme» mehr, für die man wieder Programme fordert …»

«Nur kommen dank Familiennachzug eben nicht nur Arbeitskräfte, sondern eine grosse Zahl mehrheitlich unterdurchschnittlich Begabter (!), dafür überdurchschnittlich gebärfreudiger Einwanderer, welche sich zum grossen Teil (!) am Honigtopf unseres Sozialsystems laben und unsere Schulen an den Rand des Zusammenbruchs bringen.»

«Finden wir die Kraft, all die Sozialschmarotzer, ihre linken Helfershelfer und die Politiker, Manager und Verbandsfunktionäre, die den Staat und unsere Firmen als Selbstbedienungsladen betrachten, in die Wüste zu schicken? Packen wir es an, bevor die Schweiz endgültig vor die Hunde geht!»

(Ausrufezeichen in Klammern (!) von cm gesetzt.)

Ob man’s glaubt oder nicht: Der diese Sprache spricht, ist kein arbeitsloser Primarschulabgänger, der nach dem vierten Bier seinem Frust freien Lauf läst. Er nennt sich Unternehmer, ist Gemeindeammann von Oberwil-Lieli und Fraktionschef der SVP im Aargauer Grossen Rat. Und seine Sätze sind nicht die Niederschrift einer Rede am Stammtisch, sie sind Auszüge aus einem über 200’000mal gedruckten und veröffentlichten Gastbeitrag in der drittgrössten Tageszeitung der deutschsprachigen Schweiz, der «Nordwestschweiz» (Aargauer Zeitung, Solothurner Zeitung, etc.).

Andreas Glarner, so heisst der Mann, erlaubt sich, Andere gleich reihenweise zu verunglimpfen und in den Dreck zu ziehen. Allein schon die Behauptung, die Zuwanderer seien mehrheitlich unterbegabt, müsste einen Proteststurm auslösen. Er sagt nicht: ungenügend ausgebildet, bildungsfern, oder ähnlich. Er sagt: unterdurchschnittlich begabt. Und er sagt: mehrheitlich!

Früher nannte man den Aargau auch den «Kulturkanton». Heute sagt der Fraktionschef der SVP im Aargauer Grossen Rat, die Gesellschaft sei von «Kulturschaffenden» «durchseucht». In seinen Augen ist die Kultur also eine Seuche!

Die Sprache verrät den Sprechenden

Es lohnt sich selbstredend nicht, auf die Argumentation eines solchen Gastkolumnisten inhaltlich einzutreten. Es gibt sinnvollere Beschäftigungen, als sich mit politischen Dreckschleudern auseinanderzusetzen – um es für einmal im Sprachstil des Herrn Glarner zu sagen. Aber zu denken gibt so ein Elaborat schon. Wenn der Fraktionschef einer grossen Partei in einem kantonalen Parlament sich so ausdrückt und sogar so abgedruckt wird und vermutlich dafür auch noch bezahlt wird, dann muss man sich wirklich fragen, ob wir auf die demokratische Meinungs- und Willensbildung in der Schweiz noch stolz sein können.

Ich selber zumindest – als Schweizer und Aargauer – schäme mich dafür, dass in einer grossen Schweizer Tageszeitung – bei der ich notabene viele Jahre gearbeitet habe – so etwas Platz hat.

PS: Der Gemeindeammann von Oberwil-Lieli im Aargau, Andreas Glarner, sucht gegenwärtig einen neuen Gemeindeschreiber. Im Stelleninserat steht wörtlich: «Wir erwarten von Ihnen () guten schriftlichen Ausdruck ()» Weitere Auskünfte erteilt gerne der Gemeindeammann: glarner@gemeindeammann.ch

Nachtrag vom 19.10.2015:

Andreas Glarner ist gestern, am 18. Oktober 2015, zum Nationalrat gewählt worden. Auf der Wahlliste der Aargauer SVP war er zwar erst an zehnter Stelle, aber er überrundete drei andere Kandidaten und wurde mit 75'305 Stimmen als siebter SVP-Nationalrat gewählt. – Kommentar überflüssig.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor ist promovierter Historiker und arbeitete 25 Jahre als Journalist und 20 Jahre als Medien-Manager.

Weiterführende Informationen

Zur vollständigen Kolumne von Andreas Glarner in der AZ vom 10.5.2013

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

11 Meinungen

Naja, Oberwil-Lieli halt. Aber dass eine relativ grosse Zeitung solche Ergüsse widerstandslos als Kolumne abdruckt, ist in der Tat bemerkenswert.
Fred David, am 13. Mai 2013 um 13:22 Uhr
Sehr geehrter Herr Müller, Sie bestreiten die Fakten nicht welche von dem Politiker geschrieben wurden. Wie würden Sie denn schreiben? Denn die Probleme sollten nicht verniedlicht werden.
Ulrich Hertig, am 13. Mai 2013 um 18:13 Uhr
Die Glarnersche Kolumne ist in der Tat widerlich. Offenbar ist Herr Glarner kein richtiger Schweizer, denn bei den von ihm aufgezählten nationalen Eigenschaften kommt auch Höflichkeit vor...Dass die Nordwestschweiz diese Kolumne abdruckt, kann man nur damit erklären, dass den nach «politischen» Gesichtspunkten ausgewählten regelmässigen Kolumnisten freie Hand gelassen werden soll. Der auf der gleichen Seite abgedruckte Beitrag des «Gegenkolumnisten» Cedric Wermuth ist zwar weniger unanständig, aber auch nicht gerade «ausgewogen".

Georg Müller
Georg Müller, am 14. Mai 2013 um 10:48 Uhr
Solche Zeitungsartikel, auch in der Schweiz, waren gang und gäbe nach Aufkommen des Nationalsozialismus in Europa (Italien & Deutschland)… und heute Dank der Rechtsaussenpartei SVP wieder. Nachdem sich die damaligen Schweizer-Faschisten nach 1945 ducken mussten, kommen deren Söhne heute wieder aus ihren Rattenlöchern, weil sie hoffen, dass bald alle, aus den schrecklichen Kriegs-Jahren gestorben sind.
Rolf Raess, am 14. Mai 2013 um 10:48 Uhr
Völlig einverstanden mit Ihrem Bericht. Aber: Was soll Ihr Hinweis auf den «arbeitslosen Primarschulabgänger", der nach dem vierten Bier seinem Frust freien Lauf lässt?
Claudio Spadarotto, am 14. Mai 2013 um 16:57 Uhr
Man sollte mit einer Kolumne auf diese Kolumne reagieren, am besten als öffentliche Bewerbung als Gemeindeschreiber.
Matthias Bertschinger, am 15. Mai 2013 um 09:52 Uhr
Es ist leider so, dass die Medien dem Druck der Politischen Inkorrektheit, die bestimmte Kreise seit den 90er Jahren forcieren, nachgegeben haben. Nun kommt hinzu, dass das Internet zu einer Öffnung zum Stammtisch - man nennt es dort «Schwarmintelligenz» - hin beiträgt. So wurde Anstand und Respekt von rechtsbürgerlichen «Eliten» abgeschafft mit dem Ziel, den Kampf aller gegen alle zur Umsetzung politischer Ziele zu instrumentalisieren.

Das Rezept: Man nehme eine Minderheit (Asylsuchende, Kulturschaffende, Lehrer, Landeskirchen etc.) und setze sie dem Shitstorm der Öffentlichkeit aus, der immer eine Mehrheit bildet. So kann man sukzessive das Volk gegen Minderheiten aufbringen, um Institutionen und politische Rechte abzubauen.

Ein weiterer Skandal ist, dass gewisse Online-Zeitungen ihre Kommentare so selektionieren, indem sie gerade diese Politische Inkorrektheit mit Vergnügen freischalten - auch wenn man merkt, dass es sich um mehrfache Nicknames derselben Person handelt. Dislikes sorgen für die gezielte Verunglimpfung demokratisch geäusserter Meinungen. Und ich habe schon mehrmals die Erfahrung gemacht, dass ich gesperrt werde - deshalb musste ich zu Pseudonymen greifen - wenn ich mit einem Kommentar die Journalisten kritisiere. So igeln sich die Medienschaffenden in einer Parallelwelt ein und beeinflussen mit ihren Stacheln den politischen Diskurs.
Thomas Läubli, am 18. Mai 2013 um 21:04 Uhr
am 13.05.2013 habe ich auf diesen Seiten Herrn Christian Müller aufgefordert, in politisch-journalistischer korrekter Sprache die Sachverhalte welche Andreas Glarner aufgeführt hat neu zu formulieren. Aber da kommt nichts, wird auch nichts kommen, denn was in seiner Optik nicht sein darf, ist ja auch nicht. Der Verbrecher Goebbels hetzte gegen die Juden. Es scheint, dass seine Methoden auch vom anderen politischen Spektrum her angewendet werden können.

Sehr geehrter Herr Hertig
Es ist Ihnen entgangen, dass mein Kommentar in der Rubrik MEDIEN erschienen ist. Es gibt den "Medienjournalismus", wo Journalisten sich zu den Medien äussern, was ich getan habe. Beachten Sie bitte auch den letzten Satz. Zum Problem der Migration andererseits habe ich auch auf Infosperber schon mehrmals geschrieben, siehe unter der Rubrik >> Gesellschaft >> Migration.
Den Vergleich mit Goebbels bin ich bereit zu übersehen. Er zeugt nicht von differenziertem Denken und ist im übrigen eine Verbalinjurie.
Christian Müller
Ulrich Hertig, am 19. Mai 2013 um 10:11 Uhr
Sehr geehrter Herr Müller, ich werde gelegentlich Ihre Texte in den von Ihnen genannten Rubriken lesen. Der Titel Ihres Textes heisst: die Sprache der Politiker wird...Persönlich bin ich der Meinung, dass Multikulti nicht funktioniert, dass es Asylmissbrauch zuhauf gibt, dass die Kriminalität durch die Einwanderung aus anderen Kulturen markant zugenommen hat und dass der Missbrauch unserer Sozialsystem eine Tatsache ist. Das ist meine Meinung und die Statistik der Gefängnisinsassen z.B. bestätigt dies. Sie mögen das als undifferenziertes Denken oder gar als Rassismus betrachten. Mich stört dabei, dass heute zu oft gegen diese legitimen Ueberlegungen und Ansichten in der Art argumentiert wird welche der Verbrecher Goebbels perfekt beherrscht hat.

Sehr geehrter Herr Hertig
Ich habe Geschichte studiert und habe in Geschichte doktoriert, provozieren Sie nicht eine Geschichtslektion. – Wenn es schon einen Vergleich unserer Zeit mit dem Nationalsozialismus gibt, dann den: Hitler und sein Propagandaminister haben ihre Macht nicht zuletzt darauf aufgebaut, dass DIE ANDEREN an allem schuld seien, insbesondere die Juden. In der Geschichte kann man nachlesen, dass dieser Mechanismus immer wieder funktionierte: man sucht Schuldige und verteufelt eine Minderheit. Die SVP macht, mutatis mutandis, das gleiche: Sie schiebt alle Schuld an welchen Missständen auch immer auf die Zugewanderten. Selbst im EXTRABLATT der SVP zur Volkswahl des Bundesrates sind zwei volle Seiten der These gewidmet, dass die Ausländer an allem schuld sind. Und DIESES Vorgehen macht mir als Historiker tatsächlich Sorgen. Fast alle Bürgerkriege und Kriege der letzten zweitausend Jahre haben so ihren Anfang genommen: mit der Verteufelung des Fremden , mit Xenophobie, mit Fremdenhass. Und gegen solche Tendenzen muss man sich rechtzeitig wehren, wenn man sich, ob Christ, Jude, Muslim oder Atheist, der Menschlichkeit verpflichtet fühlt.
Christian Müller


Ulrich Hertig, am 19. Mai 2013 um 11:17 Uhr
@) Ulrich Hertig: Es ist erkennbar, dass die einschlägigen Argumente alle aus derselben Hinterküche stammen. Niemand bestreitet, dass es Probleme gibt. Das ist in einer Phase der Globalisierung, mit einer Wirtschaft die global sehr stark vernetzt ist, unvermeidlich. Man kann nicht eine international hochkompetitive Wirtschaft wollen, und gleichzeitig solche Ausfälle wie oben unwidersprochen dulden.

Das setzt eine Gesellschaft voraus , die sich dessen bewusst ist und die damit erwachsen umgehen kann, in einer Art und Weise, die Menschenrechte und Menschenwürde nicht mit Füssen tritt. Diese Grenzen dürfen nicht dauernd überschritten werden. Medien müssen dieses Sensorium haben, sonst fehlt ihnen etwas Entscheidendes. Wir leben nicht mehr im von der Welt isolierten Melchtal.
Fred David, am 19. Mai 2013 um 11:49 Uhr
Guten Tag Herr Müller. Hochinteressant, den Blog welche Sie hier mit Ihrem Artikel angestossen haben. Dazu ein Buchtipp: Arno Grün, dem Leben entfremdet. Hier fand ich zahlreiche Sichtweisen für dieses verrohen der Sprache, wohinter immer öfters existenzieller oder ideologischer Druck steht. Das weitere Buch, werden Sie, Herr Müller, sicher schon kennen. Die gewaltfreie Kommunikation, von Marshall Rosenberg. Ein grossartiges Werk, welches ich jedem nur empfehlen kann. Mit freundlichen Grüssen Beatus Gubler Projekte www.streetwork.ch Basel
Beatus Gubler, am 03. Juni 2013 um 16:51 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.