Die Headline für 7 Sonderseiten (Aargauer Zeitung) © AZ

Die Headline für 7 Sonderseiten (Aargauer Zeitung)

Das Erfolgsmodell der Presse heisst "Flow Heater"

Christian Müller / 04. Apr 2012 - Noch vor Jahren war der USP der Presse die Seite «Hintergrund». Jetzt setzen alle Zeitungen auf die Formel «Durchlauf-Erhitzer».

Der Unfall eines belgischen Cars mit zahlreichen Kindern aus Belgien und den Niederlanden an Bord und mit schliesslich fast 30 Toten in einem Walliser Strassentunnel ist ein tragisches Ereignis. Das muss hier nicht wiederholt werden. Aus Distanz betrachtet zeigt das Unglück aber auch anschaulicher als manch anderes, wie die heutige Presse funktioniert.

Nehmen wir als Beispiel die Aargauer Zeitung.

Ausgabe vom Donnerstag, 15. März 2012

Frontseite:

Die ganze Seite über das Car-Unglück. Headline: Das zerstrümmerte Glück.

Seite 2:

Die ganze Seite über das Car-Unglück. Headline: Dienstag, 13. März: «A demain si tout va bien.»

Seite 3:

Die ganze Seite über das Car-Unglück. Headline: Mittwoch, 14. März: «Panik und Chaos»

Seite 4:

Die ganze Seite über das Car-Unglück. Headlines: 1. Experten kritisieren die Sicherheits-Nischen. 2. Zwei Regierungschefs in Trauer vereint. 3. Car-Chauffeure: Wie gesund müssen sie sein?

Seite 5:

Die ganze Seite über das Car-Unglück. Headlines: Behörden rätseln über die Unfallursache.

Seite 6:

Die ganze Seite über das Car-Unglück. Headlines: 1. Retter haben Mühe, die Bilder zu verarbeiten. 2. «Vorbereitet ist man letztlich nie auf eine solche Aktion.»

Seite 7:

Die ganze Seite über das Car-Unglück. Headlines: 1. Trauer im belgischen Dorf des Wallis. 2. Skilager in der Schweiz haben in Belgien Tradition.

Ausgabe vom Freitag, 16. März 2012: Nochmals Teil der Frontseite und zwei Sonderseiten.

Ausgabe vom Samstag, 17. März 2012: Nochmals Teil der Frontseite und anderthalb Sonderseiten.

Ausgabe vom Sonntag, 18. März 2012: Nochmals zwei Sonderseiten.

Sieben volle Seiten über einen Car-Unfall an einem Tag. Und dies zu einem Zeitpunkt, da es keine gesicherten Erkenntnisse über die Ursache gab. Informationsgehalt der sieben Seiten: nicht mehr, als auf einer halben Seite auch hätte gesagt werden können. Oder auch auf wenigen Zeilen: 22 der 28 Opfer waren Kinder; das ist besonders traurig. Die Unfallursache ist nicht bekannt. Da kein anderes Fahrzeug in den Unfall involviert war, kommen nur menschliches Versagen oder eine technische Störung in Frage. Die Ursache herauszufinden wird schwierig sein, da alle sechs mitfahrenden Erwachsenen tot sind, auch der Chauffeur. Befragungen werden also wenig bringen.

Doch damit nicht genug: In den folgenden drei Tagen gab es nochmals fünf Seiten über den Car-Unfall.

Zwölf volle Seiten: warum das?

In der Schweiz gab es im Jahr 2010 19'600 Verkehrsunfälle mit Personenschaden. Dabei kamen 313 Personen ums Leben. Die offizielle Statistik sagt nichts über den Anteil Kinder, aber es dürften Dutzende sein. Ein Thema für die Presse, für einen grossen Artikel? Für eine kurze Meldung, ja. Mehr nicht.

Und wenn in Südamerika, etwa in den Anden, ein Schulbus abstürzt und alle 40 Insassen tot sind? Im besten Fall eine Kurzmeldung, 5 bis 8 Zeilen.

Und wenn auf den Philippinen ein überlastetes Fährschiff untergeht, mit 150 Toten? Eine Kurzmeldung. (Siehe dazu das Beispiel Fährunglück in Indien am 30. April 2012 mit um die 200 Toten, die Beispiele unten zum Anklicken.)

Und wenn in Ostafrika jeden Tag Hunderte von Kindern an Hunger sterben, Tausende jede Woche, und dies seit vielen Monaten (und, nebenbei, wo das Problem mit geeigneten Massnahmen auch wirklich zu beheben oder zumindest zu erleichtern wäre): Ja, dann kann es sogar auch einmal eine ganze Seite geben.

Merke:

Es interessiert nicht, wenn etwas in der Ferne passiert, vor allem wenn keine Schweizer betroffen sind.

Es interessiert nicht, wenn etwas regelmässig aufs Jahr oder auf mehrere Jahre verteilt vorkommt – Verkehrsunfälle zum Beispiel –, auch wenn es in der Summe viel schlimmer ist und auch wenn es für die Eltern von tödlich verunglückten Kindern genauso traurig ist wie beim Car-Unglück im Wallis.

Es interessiert nicht, wenn etwas schön aufs ganze Land oder auf die ganze Welt verteilt vorkommt – Verkehrsunfälle zum Beispiel –, auch wenn es in der Summe viel schlimmer ist.

Es interessiert,

a) wenn es in der Nähe passiert

b) wenn es mehrere Tote gibt

c) wenn beim Unfall nicht nur «normale» Personenwagen oder Motorräder involviert sind, sondern andere Fahrzeuge, Flugzeuge oder Schiffe.

Ist diese Fokussierung des Interesses auch vernünftig?

Nicht wirklich. Aber es bringt offensichtlich Erfolg bei den Leserinnen und Lesern. Ein Unfall mit mehreren Toten in der Nähe, das ist, weil nicht gerade alltäglich, eine Sensation. Also bringt man dieses Ereignis gross!

Das Rezept ist einfach. Es heisst «Durchlauf-Erhitzer», oder neudeutsch «Flow Heater». Weil es so funktioniert, wie der Wasser-Durchlauf-Erhitzer: auf der einen Seite kommt kaltes Wasser rein, auf der anderen Seite kommt heisses Wasser raus. Übertragen auf den Journalismus: auf der einen Seite kommt eine (nicht gerade alltägliche) Nachricht rein, nach der journalistischen Bearbeitung kommt auf der anderen Seite eine sensationelle, riesige Story heraus. Das ist «News Flow Heater Journalism».

War das denn nicht immer schon so?

Ja, gewiss, aber mit Mass. Ein Unfall wie das Car-Unglück im Wallis hätte auch schon vor zehn oder zwanzig Jahren wohl zu einer Sonderseite geführt, mindestens in der Boulevard-Presse. Damals war aber klar die gesellschaftliche Relevanz einer Nachricht das entscheidende Kriterium für die Grösse eines Berichts. Heute ist Relevanz kein Thema mehr.

Wirklich?

Resonanz statt Relevanz

Kurt W. Zimmermann alias «Zimi», seines Zeichens ehemaliger Journalist und Verlagsmanager, schreibt seit Jahren in der «Weltwoche» zum Thema Medien. Zimi passt perfekt zur «Weltwoche», denn auch er hat das einfache Konzept «gegen den Strich bürsten», und dies bis zum Geht-nicht-mehr. Kenner der Szene müssen denn auch nur noch wissen, worüber er schreibt, um auch gleich zu wissen, was er schreibt.

In der «Weltwoche» vom 22. März schreibt er über die Schweizer Sonntagszeitungen. Zum «Sonntag», der Sonntagsausgabe der (oben ausgewerteten) Aargauer Zeitung und ihrer Kopfblätter, schreibt er wörtlich: «... will auffallen, gewichtet deshalb Resonanz höher als Relevanz und produziert damit am meisten Primeurs und Knaller.» Und am Schluss seines Textes dann auch seine persönlichen Prioritäten: «Falls ich von den landesweiten Sonntagszeitungen nur noch eine lesen dürfte, wäre es derzeit der 'Sonntag'.»

Primeurs und Knaller

Zimis Analyse der Schweizer Sonntagszeitungen ist die perfekte Beschreibung der neuen Erfolgsformel: Resonanz statt Relevanz. Was wichtig ist – Relevanz! – , interessierte die Verleger und Journalisten allenfalls früher einmal. Heute gilt es, Leser-Quoten zu produzieren: Nachricht rein, mit Dampf aufheizen, heisse Story raus.

News Flow Heater Journalism.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor war 25 Jahre Journalist und 20 Jahre Verlagsmanager.

Weiterführende Informationen

Zum gleichen Phänomen beim deutschen Fernsehen (auf infosperber)
Fährunglück in Indien am 30.4.2012 in der NZZ (als Beispiel)
Fährunglück in Indien am 30.4.2012 in der AZ (als Beispiel)

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