Tod Leben © Dirk Schaefer/flickr/cc

Wenn schon gestorben werden muss, dann wenigstens mit unserem Einverständnis.

Versöhnung mit dem Tod – Das Stockholm-Syndrom

Jürgmeier / 22. Nov 2014 - Am Totensonntag (23.11.2014) wird der Toten gedacht. Anlass für eine kritische Reflexion unseres Umgangs mit dem Tod. Ein Essay.

Wir werden geboren und leben, von Anfang an, in einer Todeszelle. Ungewiss nur, wann wir abgeholt und zum Schafott geführt werden. Bei meinem kleinen Cousin war es, vor Jahrzehnten, drei Tage nach der Geburt so weit. Es war einer dieser Tode, die mich zu Tränen rührten – vielleicht, weil ich wusste, wie sehr sich mein Götti «eigene» Kinder gewünscht; vielleicht, weil der Tod gekommen, bevor das Leben richtig begonnen; vermutlich waren es auch die ersten Tränen der Angst&Panik vor den kommenden Toden, auch meinem eigenen.

Wenn es einmal begonnen hat, das Sterben&Getötetwerden, hört die Konfrontation mit dem Tod (der anderen) ja erst mit dem eigenen Ende wieder auf. Immer wieder bricht der Tod ins pralle, gemütliche oder langweilige Leben ein, macht deutlich, dass das Eis, auf dem wir uns bewegen, dünn ist. Nur ein Meter vor mir stand, rund zwanzig Jahre später, der weisse Sarg mit der Leiche einer Freundin, die sich, Ende Zwanzig, mit einem Mix aus Medikamenten&Kohlenmonoxid, das sie ins Innere ihres Autos geleitet, umgebracht hatte; so nahe, gerade mal hundert Zentimeter, wurde mir bewusst, so nahe war&ist das Ende von allem.

Es gehört zu den Hinterhältigkeiten dieser Welt, dass uns der Tod eines alten Menschen als «natürlich», der Tod eines Menschen, der das statistisch «garantierte» Alter noch nicht erreicht hat, als «ungerecht» erscheint. Die Gefühle bei Tod&Beerdigungen hängen nicht nur von Sterbestatistiken, sondern auch von emotionalen Verbandelungen ab, und so bin ich, wie viele wahrscheinlich, in unterschiedlichsten Stimmungslagen in Kirchen und, selten, anderen Sälen gesessen, in denen «Abdankungen» zelebriert werden. Was mir vor allem anderen, weil häufig, erinnerlich ist, ich komme mit kleinerer oder grösserer Traurigkeit an und verlasse die Orte des Abschieds mit Ärger oder Wut.

Noch nie gegen den Tod demonstriert

«Wir danken dir, oh, Herr», wird mir und anderen Ungläubigen immer wieder vorgebetet; als ein Freund von mir, noch vor seinem dreissigsten Jahr, nach nur drei Monaten von einer Krebserkrankung niedergestreckt wurde, war dies für den Pfarrer Anlass zu besonderer Dankbarkeit. «Wie Jesus Christus», erinnerte er uns, der Freund war an einem Ostersonntag «erlöst» worden – welche EhreFreudeHeiligsprechung. Den Tod hinnehmen, in gewisser Weise akzeptieren zu müssen – das ist die eine, eine äusserst traurige Sache; ihn zu legitimieren, ja, zur besseren (und längeren) Hälfte des Lebens zu erklären, eine andere, eine für mich unerträgliche.

Wogegen habe ich nicht schon protestiert – gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag, gegen die Errichtung eines Atomkraftwerks in Gösgen, gegen die Stationierung von Atombomben, gegen Krieg und Ungerechtigkeit usw. usw. Nur gegen den Tod, diesen grössten Skandal, bin ich noch nie auf die Strasse gegangen, habe ich weder Petitionen noch Initiativen unterschrieben, geschweige denn lanciert. Nicht aus Einverständnis, sondern, letztlich, aus dem Gefühl heraus, es lohne den Aufwand nicht wirklich. «Me cha ja doch nüt mache.»

Dass wir dem Tod hilflos gegenüber stehen oder liegen und seine Opfer, die «Hinterbliebenen», unbeholfen anstammeln oder -schweigen, ist verständlich, aber die Sehnsucht nach Trost endet meist in einem Diskurs, der die eigentliche Realität des Todes verdrängt und ihn, beispielsweise, zum Ziel des Lebens verklärt. «Der Tod ist ein Übertritt in das, was immer war, was immer ist, und was immer sein wird…» Steht auf der als «konfessionslos» deklarierten Website «www.radhe.ch». Die Zurückbleibenden phantasieren sich häufig als Unsterbliche, der oder die Tote, schreiben sie, ausgerechnet, in Todesanzeigen nicht selten, wird «ewig in unserem Herzen weiterleben».

Die KomplizInnen des Todes

Gemeinsam ist fast allen Trost-Ideologien, dass sie eine Art Versöhnung mit dem Tod propagieren. Auch in der Ausschreibung zum 8. Essay-Wettbewerb des «Bundes» 2014 «Schlafes Bruder, wann stirbst Du Spielverderber endlich?» heisst es: «Unsere Sterblichkeit akzeptieren lernen und den Tod nicht als Spielverderber fürchten ...» Da wird unterschlagen, dass der Tod mehr ist als Spielverderber, er beendet alle Spiele, alle Lebensmöglichkeiten und jede Hoffnung darauf, dass es noch anders kommen, das Leben doch noch gelingen könnte.

Damit der Tod gar als «Erlöser» gesehen werden kann, ist er auf KomplizInnen angewiesen, und die hat er nicht selten: Altersgebresten, Krankheiten, Leiden&Co. traktieren Menschen so lange, bis sie um den Gnadenstoss in einem gnadenlosen Leben betteln. Das heisst, bevor der Tod über den roten Teppich schreiten kann, kommen die Folterer.

Aber auch jene, die ein erfülltes, glückliches Leben ohne gröbere Folter geniessen können und davon ausgehen, dass es kein irgendwie geartetes Hinterher&Paradies gibt, sind von der Versöhnlichkeit mit dem Tod angekränkelt und nehmen selbst die Endlichkeit eines gelebten Lebens dankbar an; sogar ich erkläre immer mal wieder, es wäre «in Ordnung», wenn ich morgen stürbe, mir sei vieles zugefallen, mehr als mir zustünde. Wir alle nehmen es bescheiden hin, dass das Leben ein begrenztes ist, dass es Leben nur um den Preis des Todes, dass es den Fünfer und das Weggli, ein Leben ohne Ende nicht gibt. Wir denken in Zwangsdualitäten – Oben&Unten, Mann&Frau, Krieg&Frieden, Licht&Schatten, Leben&Tod –, wir glauben, das eine gebe es nicht ohne das andere. Als könnten wir nur in solch dualistischen Figuren denken. Und weshalb stellen sich jene – die Langeweile gegen ein ewiges Leben ins Feld führen – ein ewiges Leben im Himmel spannender vor als auf Erden? Haben sie oben das bessere Fernsehprogramm?

«Den Tod entrechten, wenn wir ihn schon nicht entmachten können»

Die Begründungen für den Tod sind himmeltraurig; wenn es ihn nicht schon gäbe, seine Einführung hätte in keinem Parlament der Welt die geringste Chance. Eine auf die Spitze getriebene Bejahung des Todes, ein eigentliches Ihm-in-die-Arme-Fallen ist auf der Website der Anti-Powerpoint-Partei nachzulesen: «Der Tod ist das Wichtigste, was Ihnen im Leben passiert. Der Tod ist da, damit Sie ihn lieben lernen, denn dann lieben Sie auch das Leben und dann lieben Sie auch sich selber.»

Diese geradezu leidenschaftlich-verliebte Hingabe an den Tod basiert zum einen auf der Verdrängung seiner Eigentlichkeit, zum anderen auf dem Versuch, die Situation absoluter Hilflosigkeit, die der Tod schafft, durch Identifikation mit dem Aggressor – wie es die Psychologie nennen würde – wegzuzaubern und die Kontrolle zurückzugewinnen. Vergleichbar dem so genannten «Stockholm-Syndrom», das darin besteht, dass das Opfer einer Geiselnahme den «maximalen Kontrollverlust» damit erträglich zu machen sucht, dass es sich einredet, «es sei zum Teil auch sein Wille, beispielsweise, da es sich mit den Motiven der Entführer identifiziert» (www.wikipedia.org). Wenn schon gestorben werden muss, dann wenigstens mit unserem Einverständnis.

Während es nach Entführungs- oder anderen Gewaltfällen – auch wenn es eine fast übermenschliche Anforderung an die Opfer ist – so etwas wie Versöhnung geben könnte, mit dem Tod ist solches undenkbar, denn das EntwederOder gehört zwingend zum Phänomen des Todes – er oder ich. Basta. Diese Realität des Todes und seine Unausweichlichkeit sind letztlich zu akzeptieren, aber ihn auch noch zu bejubeln, ist allzu vorauseilender Gehorsam. Es ist zu unterscheiden zwischen Wahrnehmen&Hinnehmen von Realität (es wird gestorben) und Ideologisierung&Bejahung dieser Wirklichkeit (es ist gut, dass gestorben wird). Ob von Göttern&Göttinnen, Zufällen&Naturgesetzen hervorgebracht – eine Welt, in der gestorben wird, was das Zeug hält, ist nicht die beste aller Welten. Die beste aller Welten wäre eine ohne den Tod sowie seine MittäterInnen&LebensvermieserInnen. Soviel Widerstand, wenigstens im Denken, muss sein. «Den Tod entrechten, wenn wir ihn schon nicht entmachten können», bringt es (der 2013 gestorbene) Jürg Amann in seinem Buch «Nichtsangst» auf den Punkt.

Die Erinnerung an das ganz Andere

Sich vorstellen können, dass es auch ganz anders sein könnte, der Realität des Todes die Utopie des Lebens ohne Leiden&Verfall entgegenzusetzen, das ist, gewissermassen, die Ur-Denkfigur des Widerstands gegen das Vorgefundene. Die wiederkehrende Trauer ob des Grabens zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist die Erinnerung an das ganz Andere, ist, so Jürg Amann, der «Sand im Getriebe».

Meine eingangs beschriebene Wut, mit der ich Beerdigungen (häufig) verlasse, ist zum einen meine Art, Tod&Trauer zu verdrängen, es ist aber auch die Wut ob des Faktums Tod und, vor allem, ob seiner Legitimation. So gesehen, ist es, auch, eine Widerstandsgebärde. Wut, aber auch Trauer sind Proteste gegen tödliche und harmlosere Realitäten sowie ihre ideologischen Rechtfertigungen, sind die Grundlage dafür, sich Welten&Weltchen auch ganz anders vorstellen zu können.

Und so endet dieser Text doch noch als Protestnote gegen den Tod, ohne Adressatin zwar, als eine Art Manifest für ein Leben ohne Tod, als Aufruf zur Gründung einer gemeinnützigen Gesellschaft, die sich die Überwindung des Denkens&Handelns in Dualitäten, die Befreiung vom «Me cha ja doch nüt mache» im Kleinen&Grossen zum Ziel setzt, und deren Mitglieder, bis wir in der besten aller Welten angekommen oder selbst getötet worden sind, jeden Tod beklagen&betrauern und mit frisch genährter Wut von Beerdigungen ins Leben zurückkehren.

* * * * * * * * * *

Die ungekürzte Fassung dieses Essays ist erschienen im Essay-Band «Schlafes Bruder, wann stirbst Du Spielverderber endlich?», 8. «Der Bund» Essay-Wettbewerb – Die 20 Besten. Zürich: Offizin-Verlag. 2014.

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keine

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Nicht totzukriegen – Die ewige Rückkehr der Götter (auf Infosperber)

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28 Meinungen

Möchte dem Autor zu diesem Essay, für mich selber seine bis jetzt trefflichste Leistung bei Infosperber, beglückwünschen. Auch für den Hinweis auf den reformierten Totensonntag, über den gestern und vorgestern in einer Tagung der reformierten Landeskirchen AG/ZG/LU in Zugs reformiertem Kirchenzentrum reflektiert wurde. Dass er einen möglichen gemeinsamen Weggefährten, Jürg Amann zitiert, diesen durch Namensnennung der Vergessenheit entreisst, scheint mir besonders kostbar. Die Nennung des Namens bringt im protestantischen Sinne, wie gestern in Zug ausgeführt, als Erinnerung an die Taufe «Ich habe dich bei deinem Namen gerufen» sogar mehr als das katholische, jetzt aber allenthalben übernommene Kerzenanzünden. Was den politischen Gehalt des Totensonntags betrifft, wie bei Jürg Meier mehr als nur angedeutet, so verweise ich gerne auf Leonardo Boff, dessen von Rom zeitweilig unterdrückte politische Kritik auf den Vier Letzten Dingen beruht, als da sind: Himmel und Hölle, Tod und Gericht. Gerade der letztere Gesichtspunkt, nicht mit der Endmeinung des Weltenrichters zu verwechseln, entwickelte sich bei Boff zu einer politischen Eschatologie, ausgehend von der Sterblichkeit des Menschen, was kein Argument sein kann gegen ein gerechtes und lebenswertes Diesseits. Die Wut Jürg Meiers bei Beerdigungen bleibt nachvollziehbar, siehe Martis «Leichenreden». Es kommt einem der Satz von E. Bloch in den Sinn: «Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen, auch nicht auf dem Mist der Theologie."
Pirmin Meier, am 23. November 2014 um 13:07 Uhr
Möchte den Autor zu diesem Essay, für mich selber seine bis jetzt trefflichste Leistung bei Infosperber, beglückwünschen. Auch für den Hinweis auf den reformierten Totensonntag, über den gestern und vorgestern in einer Tagung der reformierten Landeskirchen AG/ZG/LU in Zugs reformiertem Kirchenzentrum reflektiert wurde. Dass er einen möglichen gemeinsamen Weggefährten, Jürg Amann zitiert, diesen durch Namensnennung der Vergessenheit entreisst, scheint mir besonders kostbar. Die Nennung des Namens bringt im protestantischen Sinne, wie gestern in Zug ausgeführt, als Erinnerung an die Taufe «Ich habe dich bei deinem Namen gerufen» sogar mehr als das katholische, jetzt aber allenthalben übernommene Kerzenanzünden. Was den politischen Gehalt des Totensonntags betrifft, wie bei Jürg Meier mehr als nur angedeutet, so verweise ich gerne auf Leonardo Boff, dessen von Rom zeitweilig unterdrückte politische Kritik auf den Vier Letzten Dingen beruht, als da sind: Himmel und Hölle, Tod und Gericht. Gerade der letztere Gesichtspunkt, nicht mit der Endmeinung des Weltenrichters zu verwechseln, entwickelte sich bei Boff zu einer politischen Eschatologie, ausgehend von der Sterblichkeit des Menschen, was kein Argument sein kann gegen ein gerechtes und lebenswertes Diesseits. Die Wut Jürg Meiers bei Beerdigungen bleibt nachvollziehbar, siehe Martis «Leichenreden». Es kommt einem der Satz von E. Bloch in den Sinn: «Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen, auch nicht auf dem Mist der Theologie."
Pirmin Meier, am 23. November 2014 um 13:09 Uhr
PS. 1. Version enthielt Fallfehler gleich bei Beginn.
Pirmin Meier, am 23. November 2014 um 13:10 Uhr
Das Buch kostet bei exlibris mit A-Post-Versand weniger als beim Bund für Inhaber der espace.card.
Jan Muschg, am 23. November 2014 um 17:42 Uhr
"Trost-Ideologien».... ja eben, wir engagieren aus Trauer und Ratlosigkeit Priester, Zelebranten und freie ZeremonienmeisterInnen für die Verabschiedeung. Oft sind die tröstende Worte nur Worthülsen, die Endlichkeit macht uns zu schaffen, vielmehr aber Krankheit, Gewalt und Leiden vor unsrem eigenen Ab- oder Übergang. Die Wut ist ebenso unnütz wie die Trost-Wort-Hülsen....
Was mich an Jürmeiers Reflexionen stört, ist die Gleichstelleung eines jeden Menschenlebens mit dem Leben in einer Todeszelle. Er sollte seine Überlegungen einem Menschen in der Todeszelle vortragen, oder auch einem Menschen in Sicherheitsverwahrung; einem der ca. 1'000 verwahrten Menschen in der Schweiz, von denen gemäss phorensischen Fachleuten ungefähr 25 bis 30 Personen wirklich gefährlich sind. Verwahrung wird als Todestrafe empfunden. Tröstlich für die Verwahrten ist... dass wir ja alle unser Leben in Todeszellen zu fristen haben, oder dass dies mindestens der Autor so empfindet...
Urs Lachenmeier, am 23. November 2014 um 19:02 Uhr
Bei Jürgmeier kommt hier, was mir erst jetzt auffällt dank Ihrer Kritik, Herr Lachenmeier, das Modelldenken von Platon zum Vorschein, der die Existenz tatsächlich als Gefangenschaft in einer Höhle deutet, dazu noch die existenzphilosophische Auslegung im 20. Jahrhundert, der gemäss die menschliche Existenz eine «passion inutile» (Sartre) sei, das hat Karl Popper im September 1986 in Zürich vernichtend kritisiert, wiewohl und gerade weil er 16 Verwandte in den KZs verloren hat. Er argumentierte also ähnlich gegen dieses pessimistische existenzphilosophische Denken und die entsprechenden Metaphern wie Sie, Herr Lachenmeier. Ich schluckte dies bei jürgmeier, weil ich seinen Text als literarischen Text interpretiere, aber vielleicht doch nicht so gut wie ich glaubte. Aber schreiben kann er natürlich gut.
Pirmin Meier, am 23. November 2014 um 19:16 Uhr
Warum ist der Tod ein Übel?
Jan Muschg, am 23. November 2014 um 19:17 Uhr
Utrum mors malum sit - ob der Tod ein Uebel sei, war seit der Antike umstritten mit zwei Meinungen, wobei bedeutendster Verfechter der Nein-These Sokrates war aufgrund einer logischen Untersuchung über alle Tod-Varianten, einschliesslich Ganztodtheorie, und keiner Variante konnte er wirklich was Schlimmes abgewinnen. Aristoteles und Thomas von Aquin lehrten hingegen, wie dann auch Albertus Magnus, dass der Tod das «grösste physische Uebel» sei, was mindestens theoretisch und ontologisch stimmt nach der Lehre von der Substanz von Aristoteles. Der Tod nimmt uns eigentlich maximal viel weg, weswegen der Mord schon ein nicht zu unterschätzendes Verbrechen ist, wiewohl Langweiler uns auch Lebenszeit stehlen. Der gründlichste Vertreter der These, der Tod sei ein Übel, in der gesamten modernen Philosophie, ist Elias Canetti, Nobelpreis für Literatur 1981. Es lohnt sich, seine diesbezüglichen Aussagen genau zu studieren, bevor man das Lob des Todes singt bzw. in die zahlreichen beschönigenden Sprüche einstimmt. «Ich freue mich auf meinen Tod» (Johann Sebastian Bach) u. «Der Tod ist gut» (Josef Vital Kopp kurz vor seinem Leukämie-Tod) sollten nicht unbesehen nachgeplappert werden. Theologisch interessant bleibt, dass der Tod als Folge der sog. Erbsünde interpretiert wurde, eine Strafe Adams wie die Arbeit u. der Geburtsschmerz (zwar exklusiv für Eva): 1. Du solltst des Todes sterben. 2. Im Schweisse deines Angesichtes sollst du dein Brot essen. 3. Unter Schmerzen sollst du gebären.
Pirmin Meier, am 23. November 2014 um 19:32 Uhr
@Meier
Mich stört einzig die Gleichsetzung eines jeden Lebens mit demjenigen in einer Todeszelle. Es scheint mir nicht hilfreich, alte Denker in diesen Bezug zu stellen. Ich kritisiere die Verniedlichung der Lebensbedingungen in gegenwärtig real existierenden Todeszellen in diesem Zusammenhang als Metapher zum Menschenleben ganz allgemein.
Urs Lachenmeier, am 23. November 2014 um 20:04 Uhr
Dass es Ihnen, Herr Lachenmeier, nicht hilfreich ist, alte Denker in den Zusammenhang zu bringen: Mit Jesus kommt man aber noch heute millionenfach, warum dann auch nicht mit Sokrates? «Sokrates die Frage - Jesus die Antwort» formulierte Kierkgegaard, was andeutet, dass der noch ältere womöglich moderner war als der häufiger zitierte, so er überhaupt gesagt hat, was man von ihm zitiert. Ihre Kritik ist berechtigt. Trotzdem hätten Sie sich vielleicht bemühen können, einen Literaten, wie Jürgmeier oder Jürg Amann, noch besser zu verstehen. Vor allem letzterer hat die Frage, «mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?», fast die einzige Frage, die Jesus stellte, in einem seiner letzten Werke tiefsinnig aktuell gemacht. Vielleicht meinte es Jürgmeier in diese Richtung, wiewohl klar weniger jesuanisch.
Pirmin Meier, am 23. November 2014 um 20:53 Uhr
natürlich interessieren mich all die grossen Denkerinnen und Denker, keine Frage. Der «Zusammenhang»..... Ich meine natürlich den ganz direkten - meine Kritik an Jürgmeiers Gleichsetzung des Lebens generell mit einem Leben in der Todeszelle. Ich bin gar nicht der Meinung dass ein Leben in Freiheit einem Leben in trostlosester Gefangenschaft gleichzusetzen wäre, nur weil Menschenleben endlich sind. Ich empfinde dies als einen Affront gegen die Menschen in Todeszellen. Das alleine. Um zu fühlen, was ein Leben in der Todeszelle bedeuten könnte ist etwas Phantasie und Empathie notwendig. Zitate von grossen Denkern können diese eigene Reflexion nicht ersetzen.
Urs Lachenmeier, am 23. November 2014 um 22:51 Uhr
Man kann nicht gegen den Tod sein, ohne zugleich gegen das Leben zu sein, denn beides gehört untrennbar zusammen. Warum also nicht die volle Konsequenz ziehen und Zeugung / Geburt als die Urkatastrophe ansehen. Das Leben befürworten kann nur, wer zum Schluss kommt, dass es den Preis des Todes wert ist. (Nur nebenbei: Die Einschätzung kann sich bis zum letzten Stündchen verändern.)
Heinz Heer, am 23. November 2014 um 22:58 Uhr
Lieber Herr Heer, Sie haben theoretisch recht, aber praktisch gilt, dass es jeden allein trifft, selbst sogar, wenn er oder sie sich «begleiten» lässt. @Lachenmeier. Zitate? Was Sokrates über den Tod sagte, weiss ich seit 1964, als wir den Originaltext Griechisch lasen, auswendig, das ist längst kein Zitat mehr, gar etwas, was man mal «runtergoogelt». Es trifft einen oder dann eben nicht. thaumasion kerdos an eye ho thanatos. Diesen Satz habe ich 50 Jahre lang nie vergessen.
Pirmin Meier, am 23. November 2014 um 23:11 Uhr
Lieber Herr Meier, Ihre Belesenheit kann ich nur neidisch bewundern. Aber bitte, nehmen Sie mich doch auch ein bischen ernst, ich habe weder über das Leben noch über den Tod geschrieben, ich habe keine «grossen Denker» kritisiert. Es geht mir um das Leben in der Todeszelle. Oder das «System» TODESZELLE - Verstehen Sie? Versuchen Sie sich ein Mensch in der Todeszelle vorzustellen, vielleicht sogar ein unschuldig verurteilter Mensch. Der würde nun lesen, jedes Leben sei sowieso nur wie ein Leben in der Todeszelle. Vielleicht können Sie verinnerlichte Weisheiten, die zum Thema Todeszelle passen abrufen, lieber wäre mir aber Ihr eigenes Denken und Fühlen über ein Leben in der TODESZELLE vernehmen zu dürfen.
Urs Lachenmeier, am 23. November 2014 um 23:31 Uhr
Ich glaube Sie in diesem Punkt verstanden zu haben. Schüler liess ich regelmässig «Der letzte Tag im Leben eines zu Tode Verurteilten» lesen, von Victor Hugo, eine Erzählung, der Dostojewskij seine Erzähltechnik verdankt, beklemmend authentisch, nach einer wahren Begebenheit, aber von Hugo in Ich-Form erzählt, genau so, wie Sie es wünschen, dass man sich in die Situation versetzte.
Pirmin Meier, am 23. November 2014 um 23:42 Uhr
Nun fühle ich mich besser verstanden, danke! Noch ein Zacken: Ein Kandidat der Todestrafe wartet möglicherweise lange auf seine Tötung. In den USA schmachten die Häftlinge mit Todesurteil im Durchschnitt 16 Jahre bis zu ihrer Freilassung, falls sie in der Revision als unschluldig erkannt werden. Deshalb stört mich die Gleichsetzung eines freien Leben mit demjenigen in der Todeszelle. «Der letzte Tag vor der Hinrichtung..» will ich einmal lesen, gewiss ein guter Denkansatz. Im hier (CH) und jetzt (2014) sollten wir uns für unsre aktuellen Fragen weiter öffnen. Es kann doch nicht sein, dass das berechtigte Bedürftnis Gesellschaft nach Schutz vor Gewalttaten, proportional zur Bevölkerung 5 mal mehr Sicherheitsverwahrungen bedingt als dies offenbar in Deutschland notwendig ist! Von den ca. 1'000 verwahrten Menschen sind nach Frank Urbanjok ca. 25 bis 30 wirklich gefährlich. Die «andern» 970 Personen sind vielleicht nur «unbequem», niemand kann voraussagen, wer wann welche Untat vollbringen wird. Es ist eine Risikoeinschätzung, Wahrscheinlichkeiten stecken für ein imaginäres Sicherheitsgefühl hunderte vom Menschen in Zellen, wo sie auf ihren Tod warten. Wenig tröstlich für die Betroffenen, dass wir alle, auch in Freiheit lebenden uns in Todeszellen wähnen sollen.... gemäss Autor... (verwahrung.ch)
Urs Lachenmeier, am 24. November 2014 um 09:27 Uhr
Trotz seiner wohl unvermeidlichen Umstrittenheit finde ich Frank Urbaniok einen der glaubwürdigsten Experten zum angesprochenen Thema. Mit Genugtuung stelle auch ich fest, dass eine Diskussion nicht notwendig ein Nebeneinanderstellen zweier Meinungen sein muss, sondern zu Resultaten führen kann. Gerne hoffe ich, dass auch jürgmeier einzelne seiner Sätze noch tiefer reflektiert.
Pirmin Meier, am 24. November 2014 um 12:31 Uhr
39 Jahre unschuldig in der Todeszelle, jetzt endlich frei! (USA)
http://www.gmx.ch/magazine/panorama/hasse-30230322
Urs Lachenmeier, am 24. November 2014 um 18:18 Uhr
"ES» ist gewiss nicht einfach....
Streitgespräch Brunner - Urbaniok.
http://www.verwahrung.ch/plaedoyer.html
Urs Lachenmeier, am 24. November 2014 um 19:50 Uhr
Der Tod ist eine absolute Notwendigkeit, ohne den es keine Entwicklung geben könnte. Eine Welt ohne Tod wäre das nackte Grauen. Man stirbt ja schon im Leben mit jeder Entwicklung. Das Baby, das Kind, der Jugendliche sind alle nicht mehr, ich habe mich weiterentwickelt. Wenn es keinen Tod gäbe müsste man sich immer noch mit Neandertalern, Pharaonen etc herumschlagen und wohin mit all denen? Da bin ich doch froh gibt es den Tod. Wenn ich jedoch wünschen könnte dann wünschte ich einen würdigen Tod
curdin roner, am 26. November 2014 um 06:39 Uhr
hallo Curdin, weiser Schafhirte;-)
genau - einen würdigen Tod! Und davor ein würdiges Leben, gewiss nicht (wie) in einer Todeszelle...
Urs Lachenmeier, am 26. November 2014 um 09:22 Uhr
@Elias Canetti bestreitet eben dies, den «würdigen Tod». Vor allem der Tod von Rabbi Jesus war bei objektiver Analyse, besonders angesichts einer absolut entehrenden Hinrichtungsmethode, kein würdiger Tod. Alles andere ist Weihrauchvernebelung und vor allem auch ganz unhistorisch.
Pirmin Meier, am 26. November 2014 um 10:06 Uhr
wer bestreitet was?
Kann der WUNSCH nach einem würdigen Tod und der WUNSCH nach einem würdigen Leben davor bestritten werden?
Urs Lachenmeier, am 26. November 2014 um 10:23 Uhr
Canetti bestreitet das würdige Sterben, Schopenhauer findet den Begriff «Menschenwürde» lächerlich, ähnlich wie Dürrenmatt, wenn man die Leute wirklich kennt, bleibt von der Würde meist fast nichts mehr übrig. Ziegler findet das Leben der Armen nicht würdig, die gesellschaftskritischen Schriftsteller dasjenige der Reichen ebenfalls nicht würdig. Die Sterbeforschung hat überdies nachgewiesen, dass es bei praktisch jedem Menschen die Phase gibt, wo er das Sterben echt verschissen findet. Schopenhauer und Dürrenmatt hatten wahrscheinlich recht, als sie den Begriff der Menschenwürde, die nach deutschem Grundgesetz «unantastbar» sein soll, phänomenologisch demontierten. Gegen ihre Argumente ist schwer aufzukommen, es sei denn, man bringt das Beispiel der Kinder. Deren Dahinsiechen wird oft auch als Argument gegen die Gerechtigkeit Gottes ins Feld geführt.
Pirmin Meier, am 26. November 2014 um 10:36 Uhr
@PM
weshalb denn soviele Worte?
Es geht hier doch gar nicht um die Beschreibung von realen oder gefühlten Zuständen, auch nicht um theologische oder philosophische Spitzfindigkeiten.
Es geht um einen WUNSCH! W U N S C H !!
Ein Ideal wird bekanntlich nie erreicht.
Urs Lachenmeier, am 26. November 2014 um 11:45 Uhr
Lieber Urs Lachenmeier! Das ist eben gerade das Problem, das Wünschen, von dem man glaubt, es würde helfen. Die Mystik, sowohl die europäische wie auch die asiatische, ist ein Umgang mit unseren Wünschen in Richtung Beseitigung der Illusionen. Das ist keine Spitzfindigkeit. Auch nicht, wenn ein Theologe sagt: «Die Hölle - das sind unsere erfüllten Wünsche!» Der bedeutendste Spanier zu unserem Thema, Juan de la Cruz: «Ich begehre nichts zu begehren und ich wünsche nichts zu wünschen.» Aus diesem Geist heraus wurden Bücher über das angeblich «gute Sterben» geschrieben, also Ihrem WUNSCH ein dialektisches Umfeld bereitet. Die Weigerung, sich eine Illusion als Illusion desillusionieren zu lassen, ist weit verbreitet, hilft aber nicht.
Pirmin Meier, am 26. November 2014 um 11:51 Uhr
@PM,
In meiner Hartnäckigkeit wollte ich nur dass Sie genau das lesen, was da steht: der Wunsch nach einem würdigen Tod (Rohner) und mein ergänzender Wunsch nach einem würdigen Leben davor.
Nachdem es Ihnen gelungen ist, von der generell bestreitbaren Würde des Todes zum eigentlichen Wunsch danach zu gehen, sind Sie schon wieder in der Beurteilung von Wünschen generell angelangt.
Damit öffnen Sie ein anderes Thema, welches spirituell gesehen in der Wunschlosigkeit Erfüllung findet. Nicht nur Johannes vom Kreuz, auch andere Mystiker und zeitgenössische Denker, empfehlen, das Wünschen zu überwinden (o. ä.). Der Wunsch ist das Eingeständnis von Mangel. Im Wahrnehmen und Annehmen der Gegenwart liegt wahrscheinlich der Schlüssel. Zum gegenständlichen Bewusstsein sollen wir das räumliche Bewusstsein paaren.... (z.B. Eckhart Tolle). Bis wir so weit sind schreiben wir über unsre Wünsch halt beispielsweise auch in dieses Forum. Es geht allgemein um den Wunsch das Zusammenleben für uns alle inklusive zukünftige Generationen erfreulich zu organisieren, was die Aufgabe der Politik ist. Wenn wir dann einmal so weit sein werden, dass wir nicht einmal mehr dies wünschen (müssen), dann sind wir möglicherweise im neuen Bewusstsein angelangt und haben «die dunkle Nacht» hinter uns gelassen. Planung wird es dann nicht mehr brauchen, so wenig wie die besagten Wünsche.
Urs Lachenmeier, am 26. November 2014 um 15:54 Uhr
Klar darf man sich vom schwierigen Erreichen der Wunschlosigkeit, was ein ergebenes Sterben ermöglichte, nicht von konkreten und konstruktiven praktischen Perspektiven ablenken lassen, das wäre ethisch unvernünftig. Ich hoffe, wir können uns auf diesen Satz einigen. Was Sie schreiben, ist im Prinzip vernünftig, nur betrifft es nicht die letzten Gründe, mit denen wir uns aber eigentlich dem Tode gegenüber befassen müssen, falls wir uns einer tieferen Reflexion stellen. Das würde ich Ihnen nicht im geringsten absprechen.
Pirmin Meier, am 26. November 2014 um 16:32 Uhr

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