Wollen nicht sagen, wie viel die Näherinnen verdienen © SRF
Diese Labels legen Produktionsbedingungen und Löhne offen
In vielen Ländern liegt der gesetzliche Mindestlohn weit unter dem Existenzlohn, der die Lebenskosten deckt © EvB
Der Lohnanteil ist mit 0,5 bis 3 Prozent der Kosten äusserst gering © EvB

Soll man Kleider dieser Marken noch kaufen?

Red. / 12. Nov 2014 - C&A, H&M, Benetton, Manor, Hugo Boss: Diese Modefirmen verschleiern, dass Näherinnen für Armutslöhne arbeiten. Auch in Europa.

Sie schuften bis zu 60 Stunden pro Woche, verdienen aber kaum genug zum Leben. Für Millionen Textilarbeiterinnen in aller Welt ist das noch immer bittere Realität wie ein «Kassensturz»-Bericht zeigt. Und: Viele Modemarken wollen nichts sagen über Löhne und Arbeitsbedingungen in ihren Produktionsbetrieben. Das ist eine menschenverachtende Geschäftspolitik, denn eine Verdopplung der Löhne der Näherinnen würde den Verkaufspreis des Endprodukts nur um 1 bis 6 Prozent erhöhen. Die Margen des Zwischenhandels in absoluten Franken müssten allerdings gleich bleiben.

«Kassensturz» und die Westschweizer Sendung «A bon entendeur» haben zwölf Kleidungstücke eingekauft und wollten von den Modeunternehmen wissen:

  • Wo wurde das Kleidungsstück produziert?
  • Wie viel verdienen die Arbeiterinnen und Arbeiter, die es hergestellt haben?

Nur Esprit, Calida und Switcher haben beide Fragen umfassend beantwortet.

Bedenklich: Eine Arbeiterin, die in Ungarn Boxer-Shorts für die Schweizer Traditionsmarke Calida näht, verdient im Monat nur 460 Franken. Miserable Löhne zahlt auch der Zulieferer von Switcher in Rumänien: Für ihre Arbeit erhalten die Näherinnen gerade mal 250 Franken pro Monat. Switcher will künftig in der Türkei nähen lassen – dort werden Monatslöhne zwischen 480 und 720 Franken bezahlt. Die Firma übernimmt zudem das Mittagessen und die Angestellten des Lieferbetriebs werden am Umsatz beteiligt.

Migros, Coop Naturaline und Zara äusserten sich zwar ausführlich zu ihren Sozialstandards, doch wie viel die Näherinnen verdienen, wollen sie nicht sagen. Ganz im Dunkeln bleiben Arbeits- und Lohnbedingungen bei C&A, H&M, Benetton, Manor und Hugo Boss. Diese Modeunternehmen verweisen lediglich auf allgemeine Firmenstandards und Richtlinien der Branche. Überhaupt keine Auskunft gab es von DIM.

Löhne weit unter dem Existenzminimum

Die meisten Modelabels geben an, ihre Zulieferer würden sich an die gesetzlichen Mindestlöhne halten. Doch das macht die Situation für die Beschäftigten nicht besser. «Die gesetzlichen Mindestlöhne sind in den allermeisten Ländern weit unter dem Existenzminimum», sagt Christa Luginbühl, Koordinatorin der Clean Clothes Campaign (CCC) und Mitarbeiterin der Erklärung von Bern (EvB). «Die Länder setzen die Mindestlöhne sogar bewusst tief an, um Firmen anzulocken» (siehe Grafik).

Die Folge: Näherinnen und Textilarbeiter schuften für einen Armutslohn, der nicht zum Leben reicht. Und das nicht nur in Bangladesch, Indien und Kambodscha. Mittlerweile wird jedes zweite Kleidungsstück, das in Schweizer Läden kommt, in Europa zusammengenäht. «Made in Europe» macht sich gut auf der Kleider-Etikette, doch es ist kein Garant für faire Bedingungen.

In Europa schlechter als in Asien

Viele Modelabels lassen zu Niedriglöhnen in Osteuropa produzieren, unter anderem Calida (Ungarn), Switcher (Rumänien), Coop (Litauen) und Hugo Boss (Mazedonien). In diesen Ländern verdienen die Arbeiterinnen kaum besser, oftmals sogar schlechter als in Asien. Dies haben Recherchen der EvB in 14 europäischen Staaten ergeben. Zum Beispiel im EU-Mitgliedstaat Rumänien: Hier beträgt der gesetzliche Mindestlohn 133 Euro. «Ein existenzsichernder Lohn müsste etwa fünf Mal höher sein», rechnet Christa Luginbühl vor.

Die Textil- und Bekleidungsindustrie erzielt mit ihren Produkten Milliardenumsätze und -gewinne. Existenzsichernde Löhne für die Arbeiter in den Textilfabriken sollten da eigentlich drinliegen. Die Kleider bei uns in den Läden müssten nicht einmal teurer werden. Denn nur 0,5 bis 3 Prozent des Endverkaufspreises geht durchschnittlich als Lohn an die Näherinnen (siehe Grafik). Konkret: An einem T-Shirt für 10 Franken verdienen alle beteiligten Arbeiter nur gerade 5-30 Rappen. Berechnungen der EvB zeigen: Selbst wenn dieser Lohn verdoppelt oder verdreifacht wird, führt das nur zu marginal höheren Lohnkosten, die Modeunternehmen problemlos tragen könnten.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Firmencheck: Wie fair ist dein Modelabel? (auch als App)
«Im Stich gelassen»: Bericht über Armutslöhne in Kleiderfabriken in Europa und in der Türkei
Clean Clothes Campaign
Es gibt sie: T-Shirts und Jeans ohne Ausbeutung (Infosperber vom 3.5.2013)
Konsumenten reagieren auf Schweiss und Blut (Infosperber vom 14.5.2013)
An sieben Tagen bis 14 Stunden arbeiten für H&M (Infosperber vom 27.10.2011)

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14 Meinungen

Natürlich nicht, «retour à la nature» heisst die Devise! Gruss von der Petersinsel im Bielersee - Jean-Jacques Rousseau.
Beda Düggelin, am 12. November 2014 um 13:14 Uhr
Ach, @Beda Düggelin, halten Sie Ihre eigenen Schafe, schären sie und verarbeiten Sie die Wolle? Oder, wenn wir den Primitivisten folgen und den ganzen Weg zurück nehmen: erlegen Sie ihr eigenes Wild (natürlich ohne moderne Waffen bzw. Fallen) und gerben Sie die Felle? Im Adamskostüm wird es derzeit kalt, auch auf der Petersinsel ...
Michael Gisiger, am 12. November 2014 um 15:09 Uhr
@Michael Gisiger: Was ist denn Ihre Meinung zur Frage von Infosperber, oder ziehen Sie es vor, bei anderen Beiträgen Kritik zu üben? Mein Beitrag war natürlich auch etwas provokativ, aber die Botschaft dahinter sollte jedem nachdenkenden Menschen klar sein!
Beda Düggelin, am 12. November 2014 um 15:58 Uhr
@Beda Düggelin: Der von Ihnen - vermutlich zynisch gemeinte - Vorschlag, den Weg der Primitivisten zu gehen, ist, gelinde gesagt, Unsinn. Nicht machbar - ausser, wir nehmen den Tod von Mia. von Menschen in Kauf. Aber zurück zum Ausgangsproblem: Da habe ich ehrlich gesagt keine Patentlösung zur Hand. Das Problem ist vielschichtig.
Michael Gisiger, am 12. November 2014 um 16:27 Uhr
@Michael Gisiger: Dann hätte ich an Ihrer Stelle auch keinen Kommentar zu meinem Kommentar abgegeben. Aber nochmals nun im Klartext: In dieser Angelegenheit muss man sogar der Erklärung von Bern Recht geben. Wir können es uns schlicht und einfach nicht leisten, diese Länder weiter auszubeuten, nur um des Profites willen! Da sind wir alle gefordert, nicht nur die Wirtschaft, welche daraus den grössten Nutzen zieht. Dies meinte ich mit «retour à la nature», wir müssen endlich vernünftig werden und unser Gewinnstreben in vernünftige Bahnen lenken! Ich versuchte dies mit wenigen Worten auszudrücken, wenn man genau hinschaut und überlegt, war die Botschaft bereits bei meinem ersten Mail klar und deutlich, wenn auch verklausuliert.
Von Unsinn kann man da wohl kaum sprechen!
Beda Düggelin, am 12. November 2014 um 16:34 Uhr
Calida-Boss Walter Palmers, ein politischer Idealist, dessen Anliegen nebst anderen die Bekämpfung der weltweiten Bevölkerungsexplosion ist, was indirekt auch noch mit den angesprochenen Problemen zu tun hat (bitte nicht als Ausrede), gehört zu den wenigen prominenten Schweizern, die Ecopop nahe stehen. Ohne ihn gäbe es wohl auch keine Grünliberalen im Kanton LU, die übrigens die Nein-Parole durchgeben.
Pirmin Meier, am 18. November 2014 um 12:31 Uhr
@Gisiger. Von Rousseaus Vorstellungen scheinen Sie wenig berührt zu sein. Retour à la nature hat er erstens nie gesagt, das Adamskostüm ist am wenigsten gemeint, sondern die Kleider der Walliser und der Korsen, für welch letztere er eine absolut föderalistische Verfassung ohne Hauptstadt und ohne Staatsoberhaupt schrieb, u.a. noch mit dem Satz: Chaque citoyen a le devoir d'être soldat. Die Uniform, das ist Rousseau, nicht Blumenkind-Romantik, wenn schon, dann genaue Analysen nach Linné, die Beschreibungen der Flora der Petersinsel sind die schönste wissenschaftliche Prosa, die je in der Schweiz geschrieben wurde.
Pirmin Meier, am 18. November 2014 um 12:37 Uhr
Interessant, wie man viele Blogger enttarnen kann, es gibt natürlich eine Ausnahme, Pirmin Meier! Aber gerade darin besteht doch die Crux von allen Bloggs: «Sie trugen seltsame Gewänder, irrten planlos umher und verwendeten in unerkenntlichen Sprachen wirre Wörter.....» tönt irgendwie bekannt!
Beda Düggelin, am 18. November 2014 um 13:10 Uhr
@Meier & @Düggelin: Bevor ich zur Sache antworte, möchte ich - wie hier auf Infosperber schon mal geschehen - auf die weitverbreitet falsche Verwendung des Begriffs «Blogger» hinweisen: Ein Blogger ist der Verfasser der Texte, die wir kommentieren. Hier ist also die Redaktion der Blogger, wir sind Kommentarschreiber. Und nun zur Diskussion - mir ist bekannt, dass «retour à la nature» nicht von Rousseau stammt. Darum habe ich den Kommentar von Düggelin auch in den Kontext der Primitivisten gesetzt, die eine gesellschaftliche Rückkehr zu vor-industriellen und oft sogar vor-landwirtschaftlichen Produktions- und Lebensverhältnissen anstreben. In diesem Zusammenhang ist auch meine sarkastische Bemerkung mit dem «Adamskostüm» zu verstehen. Ebenso die Aussage, dass man den Tod von Mia. von Menschen in Kauf nehmen müsste, um diese Utopie zu verwirklichen. «Retour à la nature» in diesem Sinne hat nämlich mehr mit Theodore Kaczynski zu tun als mit Rousseau ...
Michael Gisiger, am 18. November 2014 um 13:34 Uhr
@Gisiger. Auf keinen Fall ging es mir darum, ihre Argumentation zu zerrreissen: Vielmehr wollte ich Rousseau vor falschen Beanspruchunge zu schützen, was sich schon zu Beginn der Diskussion abzeichnete. Persönlich kann ich mit Rousseau, weil er der einzige wirklich weltbekannte Vertreter der Westschweizer Schule des Naturrechts ist, viel anfangen, auch als Kritiker eines unreflektierten Menschenrechtsdenkens. Man muss immer wieder auf den revolutionären Urgrund zurückkommen, nicht Strassburg mit dem päpstlichen Rom verwechseln. Juristen fehlt oft die nötige philosophisch-logische Bildung und ein aus Originallektüre geschöpfter Hintergrund, der über trockene Lehrbücher hinausgeht.

Ihre Ausführungen betr. Kaczynski, scheinen möglicherweise weiterzuführen. Der Glaube an das «Natürliche» ist ab einer bestimmten Bevölkerungszahl, die schon längst überschritten ist, nicht mehr als alleinseligmachendes Programm praktikabel. Es ist nicht wegzudiskutieren, dass die landwirtschaftliche Kultur auf höhere Erträge angewiesen ist. Möglicherweise geht die Panik betr. Gen-Produkte zu weit, obwohl Vorsicht immer gut ist. Das Reinnatürliche kommt mir vor wie ein Lerchenfenster im Kettgau, wo man in grossen Feldern kleine Brachen einstreut, damit die vom Aussterben bedrohte Feldlerche eine Überlebenschance bekommt. Selbstverständlich ist für Umweltdiskussionen in der Schweiz der Bestand der Geländevögel wegweisender als die Frage, wie die Eisbären mit der Klimaerwärmung umgehen.
Pirmin Meier, am 18. November 2014 um 14:50 Uhr
@Gisiger. Auf keinen Fall ging es mir darum, Ihre Argumentation zu zerrreissen: Vielmehr wollte ich Rousseau vor falschen Beanspruchungen schützen, was sich schon zu Beginn der Diskussion abzeichnete. Persönlich kann ich mit Rousseau, weil er der einzige wirklich weltbekannte Vertreter der Westschweizer Schule des Naturrechts ist, viel anfangen, auch in seiner Eigenschaft als Kritiker unreflektierten Menschenrechtsdenkens. Man muss immer wieder auf den revolutionären Urgrund zurückkommen, nicht Strassburg mit dem päpstlichen Rom verwechseln. Juristen fehlt oft die nötige philosophisch-logische Bildung und ein aus Originallektüre geschöpfter Hintergrund, der über trockene Lehrbücher hinausgeht.

Ihre Ausführungen betr. Kaczynski, scheinen möglicherweise weiterzuführen. Der Glaube an das «Natürliche» ist ab einer bestimmten Bevölkerungszahl, die schon längst überschritten ist, nicht mehr als alleinseligmachendes Programm praktikabel. Es ist nicht wegzudiskutieren, dass die landwirtschaftliche Kultur auf höhere Erträge angewiesen ist. Möglicherweise geht die Panik betr. Gen-Produkte zu weit, obwohl Vorsicht immer gut ist. Das Reinnatürliche kommt mir vor wie ein Lerchenfenster im Kettgau, wo man in grossen Feldern kleine Brachen einstreut, damit die vom Aussterben bedrohte Feldlerche eine Überlebenschance bekommt. Selbstverständlich ist für Umweltdiskussionen in der Schweiz der Bestand der Geländevögel wegweisender als die Frage, wie die Eisbären mit der Klimaerwärmung umgehen
Pirmin Meier, am 18. November 2014 um 14:52 Uhr
2. Version war die richtige.
Pirmin Meier, am 18. November 2014 um 14:55 Uhr
@Michael Gisiger: Da bin ich eigentlich lieber Kommentarschreiber als «Blogger», welch doofer neudeutscher Audruck! Nicht alles was aus den USA kommt ist gut und muss übernommen werden...! Trotzdem, der Unterschied zwischen Kommentarschreiber und «Blogger» ist nicht klar ersichtlich, ausser dass vielleicht ein Blogger sich die Autoritätshohheit über ein Thema zuschreibt, was aber andere Autoren bereits behandelt haben....
Beda Düggelin, am 18. November 2014 um 16:27 Uhr
Kann mich wer aufklären, was diese Antworten mit dem Thema zu tun haben, dass die Näherinnen wie Sklaven ausgebeutet werden? Dazu gibt es doch nur eine Antwort und die heisst, man kauft bei diesen Firmen nicht ein ud zweitens, es darf
nicht «schick » sein, von diesen Firmen Kleider zu tragen. Diese Sprache verstehen Firmen sehr schnell.
Elisabeth Schmidlin, am 23. November 2014 um 17:27 Uhr

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