Urs Birchler, Direktor des Berner Inselspitals, in der Tagesschau © srf

Urs Birchler, Direktor des Berner Inselspitals, in der Tagesschau

Tagesschau als Megaphon für Universitätsspitäler

Urs P. Gasche / 27. Apr 2012 - Wie gehabt: Eine einflussreiche Lobby organisiert eine Medienkonferenz und die Tagesschau verbreitet das Gewünschte unkritsch.

Statt im «Service Public» übt sich die Tagesschau immer häufiger im «Private Service». Ein Beispiel war der Tagesschau-Bericht über Forderungen der Universitätsspitäler vom Donnerstag Abend.

Die fünf Schweizer Uni-Spitäler zeigten sich schon lange unzufrieden mit der neuen Spitalfinanzierung. Ihre alt bekannten Argumente: Die neuen Pauschalen würden weder berücksichtigen, dass Uni-Spitäler überdurchschnittlich viele schwere Fälle zu behandeln hätten, noch dass Uni-Spitäler einen grossen Aufwand für die Ausbildung von Fachärzten leisten.

Etwas Neues gab es also nicht zu berichten, weshalb auch manche Zeitungen über die Medienkonferenz keine grossen Schlagzeilen brachten. Für die Tagesschau des Schweizer Fernsehens genügt es jedoch immer häufiger, dass eine grosse Lobby eine Medienkonferenz organisiert. Flugs sendet unser «Service Public»-Sender die gewünschten einseitigen Informationen der Lobby unkritisch in die Schweizer Haushalte.

Im Bericht über die Medien-Konferenz der Uni-Spitäler kamen in der Tagesschau zu Wort: Rita Ziegler, Direktorin des Zürcher Universitätsspitals, Urs Birchler, Direktor des Berner Uni-Spitals Insel, sowie Gesundheitsdirektor Carlo Conti, dessen Kanton Basel-Stadt bekanntlich ebenfalls Besitzerin eines Universitätsspital ist.

Die Tagesschau rechtfertigt sich damit, Conti sei nicht in dieser Funktion befragt worden, sondern als Verwaltungsratspsräsident der SwissDRG. In der Sendung wurde Conti allerdings nicht als das, sondern als «Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz» vorgestellt. Geboten wäre gewesen, auf den Interessenkonflikt Contis (Vertreter eines Uni-Spital-Kantons) aufmerksam zu machen.

Weder ein Kanton ohne ein Uni-Spital, noch der Krankenkassenverband Santésuisse, und erst recht nicht eine Vertreterin der Prämienzahler kamen zu Wort.

Prämienzahler müssen keine Ausbildungskosten zahlen

Und das wäre für eine ausgewogene Berichterstattung nötig gewesen. So durfte Urs Birchler als Vertreter eines Uni-Spitals darüber klagen, dass die heutigen Fallpauschalen die Ausbildungskosten von Assistenzärzten zu Fachärzten nicht decken würden. An der Medienkonferenz war von einem Ausbildungs-Fehlbetrag von 150 Millionen Franken die Rede. Manchmal versuchen Universitätsspitäler zu behaupten, bei der Ausbildung der Assistenzärzte handle es sich um eine Weiterbildung. Doch die «Weiterbildung» zum Facharzt ist nichts anderes als eine Ausbildung zum Facharzt.

Das Kranken- und Unfallversicherungsgesetz KVG ist klar: An die Ausbildung von Ärzten müssen die Prämienzahler keine Beiträge leisten. Das erwähnte die Tagesschau mit keinem Wort. Ausbildung gehört zu den Aufgaben des Staates und wird mit Steuern finanziert. «Ausbildungskosten gehören keinesfalls in die Grundversicherung», sagt denn auch Santésuisse-Sprecherin Silvia Schütz gegenüber Infosperber.

Rita Ziegler, Direktorin vom Uni-Spital Zürich, meinte auf Anfrage von Infosperber, dass es tatsächlich keine Regelung gebe, welche die «Weiterbildung» in die Tarife einschliesse. Deshalb richte sich die Forderung nach einer Abgeltung an die Kantone.

Die Tagesschau hat einen andern Eindruck vermittelt.

Mehrkosten für komplexe Fälle zuerst belegen

Niemand bestreitet, dass Universitätsspitäler häufig kompliziertere Fälle behandeln als Regionalspitäler. Und möglicherweise bilden die seit Januar geltenden Pauschalen dies nicht genügend ab, obwohl die Pauschalen sehr differenziert ausgestaltet sind. Doch ob deshalb für die Uni-Spitäler wirklich ein Fehlbetrag von 350 Millionen entsteht – wie an der Medienkonferenz behauptet und von der Tagessschau unkritisch als Faktum übernommen – steht auf einem andern Blatt und wurde von den Universitätsspitälern mit nichts belegt.

Kein Wort in der Tagesschau, dass Uni-Spitäler schon heute höhere Pauschalen erhalten als Regionalspitäler. Und kein Wort davon, dass zwanzig Prozent aller festgelegten Pauschalen speziell auf die Zentrumsspitäler zugeschnitten sind und nur in diesen Spitälern zur Anwendung kommen.

Diagnosebezogene Pauschalen sind bei uns Behandlungspauschalen

Es kommt dazu: Anders als in den USA werden die Spitalpauschalen in der Schweiz nicht beim Eintritt der Patienten je nach Diagnosen und Unterdiagnosen festgesetzt, sondern erst am Ende der durchgeführten Behandlungen. Es sind also in Wahrheit Behandlungspauschalen und nicht Diagnosepauschalen. Deshalb werden grundsätzlich alle während der Behandlung aufgetretenen Komplikationen abgegolten: Die meisten Komplikationen erhöhen den nachträglich bestimmten «Gesamtschweregrad» eines Falles, was zu höheren Pauschalen führt.

Sogar wenn Patienten erst im Spital eine Infektion auflesen, die eine intensive Therapie erfordert, was in Uni-Spitälern häufiger vorkommt, wird diese Therapie mit einer erhöhten Pauschale abgegolten.

Dass alle Lobbys, auch Spitäler, stets und gerne mehr Geld fordern, dürfte auch der Tagesschau nicht unbekannt sein. Warum also informiert sie über die Medienkonferenz einer Lobby so unkritisch und unbedarft?

Tagesschau-Leiter Urs Leuthard: «Erste öffentliche Stellungnahme»

Urs Leuthard, Redaktionsleiter der Tagesschau, rechtfertigt den Tagesschau-Beitrag damit, dass sich seit der flächendeckenden Einführung der Fallpauschalen am 1. Januar 2012 zum ersten Mal eine Seite «mit ersten konkreten Erfahrungen» zu Wort gemeldet habe.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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