Fehlende Checklisten führen zu vermeidbaren Komplikationen © UCD.Flickr.CC

Chirurgen wollen keine obligatorischen Checklisten

Urs P. Gasche / 18. Apr 2016 - In Spitälern kommt es zu mehr vermeidbaren Todesfällen und Verletzten als auf der Strasse. Trotzdem bleiben Massnahmen freiwillig.

In Schweizer Operationssälen kommen Checklisten «noch immer nicht flächendeckend» zum Einsatz. Das ergab eine Erhebung bei 1400 Chirurgen, Anästhesisten und OP-Personal, welche die von Bund, Kantonen und Leistungserbringern finanzierte «Stiftung Patientensicherheit Schweiz» durchgeführt hat.

Trotzdem will die «Stiftung Patientensicherheit» solche Checklisten nicht obligatorisch vorschreiben. Sie möchte lediglich, dass «Berufsverbände, Bundesbehörden und wichtige Organisationen im Gesundheitswesen» eine «Charta» verabschieden, welche die chirurgische Checkliste als «Berufsnorm» deklariert. Das gab die Stiftung am 8. März 2016 in einem Communiqué bekannt. Gleichzeitig erliess die Stiftung folgenden Aufruf:

  • «Wir laden Gesundheitsinstitutionen, Verbände sowie Fachpersonen in der Schweiz, aber auch im Ausland ein, sich der Erklärung für Sichere Chirurgie anzuschliessen. Machen Sie mit!»

Checklisten gehören zu den einfachsten und verbreitetsten Vorkehrungen, um Fehler und Pannen in hektischen Betrieben zu reduzieren. In Cockpits von Flugzeugen, in industriellen Produktionsstätten und in Operationssälen von Holland oder England sind Checklisten schon seit langem obligatorisch im Einsatz.

Doch die «Stiftung Patientensicherheit» führte erst in den letzten Jahren ein «Vertiefungsprojekt mit 10 Pilotspitälern» durch und teilt jetzt Patientinnen und Patienten als «gewonnene Erkenntnis» mit, dass Checklisten ein «wirksames Instrument» seien, «um die Sicherheit in der Chirurgie zu erhöhen» und «um einen Schaden rechtzeitig abzuwehren, zum Beispiel Eingriffsverwechslungen oder unbeabsichtigtes Zurücklassen von Operationsmaterial im Körper des Patienten». Und weiter hat auch die Stiftung jetzt endlich herausgefunden: «Dank der Checkliste und der mit ihrer Anwendung verbundenen verbesserten Teamkommunikation können zudem weitere unerwünschte Ereignisse wie Wundinfekte, Reoperationen deutlich reduziert oder gar vermieden werden.» (Auszüge aus der «Charta»).

Statt aber jetzt endlich vorwärts zu machen und Chirurgen und Spitäler zu kontrollieren sowie diejenigen ohne strikt angewandte Checklisten zu sanktionieren – sei es nur durch Veröffentlichung –, baut die «Stiftung Patientensicherheit» weiterhin auf Freiwilligkeit. Sie erlässt lediglich «Empfehlungen für die Umsetzung der chirurgischen Checkliste als professionelle Norm».

Die Stiftung setze auf «Verständnis und Überzeugungskraft anstatt mit einem Knüppel im Sack zu drohen», erklärt Stiftungsratspräsident Professor Dieter Conen. Die «breite Akzeptanz der Charta» sei ein «gewaltiger Fortschritt».

Die FMH kann den Fachgesellschaften nichts vorschreiben, aber sie will ihnen auch nicht empfehlen, Checklisten obligatorisch zu machen. Zu den Gründen dafür befragt, meinte FMH-Präsident Jürg Schlup ausweichend: Die FMH «fördert und gestaltet die medizinische bzw. ärztliche Qualität und bietet Plattformen für den Austausch zu verschiedenen Qualitätsthemen innerhalb der Ärzteschaft und mit weiteren Organisationen».

«Die Hälfte der Schäden wäre vermeidbar»

Blosse «Empfehlungen» seien ein «Hohn», meint Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz SKS. Es gehe um Leben und Tod von Patientinnen und Patienten.

Tatsächlich sterben jedes Jahr rund 5000 Menschen wegen eines Fehlers in einem Akutspital. Dazu kommen über 120'000 Patienten, die im Spital einen gesundheitlichen Schaden erleiden, nochmals operiert oder nachbehandelt werden müssen.

Schuld an dieser hohen Opferzahl sind

  • Infektionen, die man im Spital aufliest,
  • Behandlungsfehler,
  • unzweckmässige oder verwechselte Medikation,
  • falsche oder verspätete Diagnosen sowie
  • Fehler in der Pflege.

Den Ernst der Lage fasst das Bundesamt für Gesundheit BAG wie folgt zusammen: «Jeder zehnte Spitalpatient erleidet einen gesundheitlichen Schaden und die Hälfte dieser Schäden wäre vermeidbar.»

  • Das sind 2000 bis 3000 vermeidbare Todesfälle und
  • rund 60'000 vermeidbare Schadensfälle pro Jahr.

Doch die «Stiftung Patientensicherheit» verlangt nicht einmal, dass eine simple Checkliste obligatorisch sein muss, sondern belässt es bei einer «Empfehlung». Im Stiftungsrat sitzt unter dem Vorsitz von Professor Dieter Conen, ehemaliger Chefarzt im Kantonsspital Aarau, die halbe Gesundheitsprominenz: Chefärzte, Spitalapotheker, der Verein Pflegewissenschaft, die FMH, die Schweizerische Akademie der medizinischen Wissenschaften, die kantonalen Gesundheitsdirektoren und das Bundesamt für Gesundheit. Die Patientinnen und Patienten vertritt Margrit Kessler der Stiftung Patientenschutz (SPO).

Null-Toleranz

Im Interesse von Patientinnen und Patienten wäre eine konsequentere und ambitioniertere Gangart dringend nötig. Vor acht Jahren startete beispielsweise Schottland ein nationales Programm, um «alle vermeidbaren Ärzte- und Spitalfehler auszurotten». Bis 2015 sollen nur noch fünf von 100 Patienten im Spital zu Schaden kommen – halb so viele wie in der Schweiz.

Während Schottland und andere Länder die beste Qualität anstreben, streitet man bei uns vor allem um die Kosten. Doch Spitäler, Ärzte und Behörden sollten endlich nicht mehr tolerieren, dass es bei Behandlungen zu so vielen vermeidbaren Verletzten und Todesfällen kommt. Wie nach Abstürzen von Flugzeugen müssten die Fehler analysiert und daraus gelernt werden. Lediglich freiwillige Checklisten und Datenerhebungen, die nicht unabhängig mit externen Audits kontrolliert werden, sowie Rücksichtsnahmen statt Meldepflichten halten die schottischen Gesundheitsbehörden für verantwortungslos.

Sara Stalder vermutet, dass die langsame Gangart in der Schweiz mit dem Unterschied zum Flugverkehr zu tun hat: Dort sitzen der Pilot und sein Team selber im Flugzeug und stürzen zusammen mit den Passagieren ab, während Chirurgen und ihre Teams von den vermeidbaren Fehlern an Patientinnen und Patienten nicht selber betroffen sind.

Siehe:

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

4 Meinungen

- Wollen die Chirurgen oder die Stiftung für Patientensicherheit keine obligatorischen Checklisten?

- Kann die Stiftung für Patientensicherheit überhaupt jemandem etwas vorschreiben?

- Wie fundiert sind diese Todes- und Schadens-Zahlen wirklich? (Immerhin, sie wurden gegenüber früheren Artikeln schon kräftig reduziert)

- Früher war es England mit seinem NHS, nun ist Schottland das Vorbild, was kommt als nächstes? Direkt Grönland oder zuerst noch die skandinavischen Länder? Wenn Sie wirklich mal was Ernsthaftes haben (was ich weder Ihnen noch sonst niemandem wünsche), lassen Sie sich dann in Schottland behandeln?

- PS @Andreas Keusch: Welche Outcome-Messung könnte denn das leisten (und wie würde da Bschiss verhindert)? Ist das wirklich so einfach?
Luzi Rageth, am 18. April 2016 um 14:18 Uhr
Ja Luzi, da muss ich Herrn Keusch rechtgeben. Es besteht kein Interesse am Wohl des Patienten. Besonders abstossend ist für mich, wenn Lösungen, die in anderen Ländern schon lange Praxis sind, als grosse Errungenschaft dargestellt werden.
Zitate aus Blick 03.11.2013 von Peter Hossli, Fibo Deutsch nur als Beispiel:
"Herzchirurg Paul Vogt hat eine sichere Methode gegen Wundinfektionen entwickelt, die Leben rettet. Schweizer Kollegen ignorieren sie.
"Zwanzig Mal musste xxx wegen der Komplikationen unters Messer, zuletzt im Februar 2013. Die Kosten ihrer Behandlung stiegen von ursprünglich 150 000 Franken auf eine halbe Million."
"Zudem würden in den öffentlichen Spitälern viel mehr schwierige Patienten behandelt als in Privatkliniken, «was mit mehr Risiken verbunden ist». Vogt kontert: «In den russischen Grossspitälern, welche mit meiner Stiftung EurAsia Heart Foundation zusammenarbeiten, hat meine Methode die Infektrate auf 0,4 Prozent gesenkt.»
Zitat Ende Publiziert: 03.11.2013 von Peter Hossli, Fibo Deutsch.»
Dies nur ein Beispiel von vielen.
Elisabeth Schmidlin, am 19. April 2016 um 11:20 Uhr
Meinem Bruder wurde vor 2 Jahren eine Kniegelenkprothese eingesetzt, von einem ambulant an einem Regionalspital, dann und wann operierenden Orthopäden, dessen Hauptarbeit im Betrieb einer eigenen Privatpraxis besteht. Er hat meinem Bruder insgesamt drei hochdosierte Blutverdünner verschrieben, worauf mein Bruder eine weit ausgedehnte Hirnblutung erlitt.
Der Chirurg am UNI-Spital Zürich, der die Hirnoperation vorgenommen hat, hat die erwähnte Medikation mit diesen Blutverdünnern als Ursache für die Hirnblutung bezeichnet.
Seither ist mein Bruder, vorher ein kerngesunder, sportlicher Mann, an den Rollstuhl gefesselt, kann weder Zeitung lesen, noch TV verfolgen oder am PC arbeiten. Er ist wieder wie ein Kind.
Und die Versicherungen meines Bruders, des Regionalspitals und des externen Orthopäden streiten sich seither um Schadenersatzansprüche.
Ich bin sicher: wenn er an einem grossen Spital von Routiniers operiert worden wäre, wäre dies alles nicht passiert.
Ich war 30 Jahre beruflich mit Qualitätssicherung im Gesundheitsbereich beschäftigt, da waren Checklisten in allen Bereichen üblich und vorgeschrieben. Ich begreife nicht, warum sich bei uns immer noch so viele Ärzte gegen solche Checklisten, und wie ich immer wieder erfahren musste, auch gegen jede Art von Qualitätssicherung, sperren.
Auf jeden Fall empfehle ich jedem angehenden Patienten, sich an einem renommierten, grösseren Spital operieren zu lassen, und zudem diese Wahl vorher genau abzuklären.
Willi Müller, am 19. April 2016 um 22:55 Uhr
Ja Herr Keusch
Sie haben vollkommen recht.
Etwas anderes, Strophanthin (ist die Pflanze). Bestens dokumentiert ect hauptsächlich
im Bereich Herz, Blut usw. würde den Grossteil an Operationen vermeiden, daher kaum
verschrieben. Ist trotz aller Gegen-Bemühungen immer noch kassen- und Verschreibungspflichtig. Seit 2013 wieder von Weleda hergestellt.
Mit den health claims dürfen ja selbst internationale Studien nicht mehr frei zugänglich sein.
und so geht es weiter. Aber die Bürger zucken nur mit den Achseln: «die wollen halt verdienen».
Elisabeth Schmidlin, am 20. April 2016 um 10:28 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.