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Medikamentenpreise: Eine krasse Irreführung

Urs P. Gasche / 19. Feb 2015 - Die meisten Medien plapperten es der Pharmaindustrie und den Kassen nach: Originalpräparate seien nicht mehr teurer als im Ausland.

In einer unheimlichen Allianz vergleichen die Pharmaindustrie und der Krankenkassenverband Santésuisse die Schweizer Preise von Medikamenten mit den Preisen im Ausland. Eigentlich sollten es die Medien längst gemerkt haben: Jedes Jahr eine ähnliche Schummelei um angeblich gesunkene Medikamentenpreise. Doch sie fallen jedes Jahr von Neuem herein. Löbliche Ausnahmen in diesem Jahr sind der «Tages-Anzeiger» und der «Bund».

«Originalpräparate gleich teuer wie im Ausland»

  • «Die Medikamentenpreise sind gesunken» titelte die «Aargauer Zeitung».
  • Die NZZ verkündete, patentgeschützte Arzneimittel seien jetzt «gleich teuer wie in den Vergleichsländern».
  • Die «Schweizerische Depeschenagentur» SDA verbreitete: «Die vom Bundesrat verordneten Preissenkungen zeigen Wirkung: Originalprodukte waren 2014 in der Schweiz kaum mehr teurer als im Ausland
  • Die Hauptausgabe der Tagesschau von SRF TV zitierte «die Pharmaindustrie», wonach die «Preise für Medikamente in den letzten zehn Jahren um 30 Prozent gesunken» seien.

Irreführung mit Fabrikpreisen

Seit Hersteller und Anbieter die Währungsgewinne nicht an die Konsumentinnen und Konsumenten weiter geben, werden immer wieder Preise von Fernsehern, Computern oder Kosmetikprodukten mit dem Ausland verglichen. Stets handelt es sich um die Preise, die man für solche Produkte im Laden zahlen muss. Wenn Medien von Preisen sprechen, sind in aller Regel die Preise gemeint, welche Konsumentinnen und Konsumenten zu zahlen haben.

Ganz anders aber beim Preisvergleich der Allianz Pharmaindustrie-Santésuisse. Sie vergleicht die Fabrikpreise der Medikamente, ohne dass die erwähnten Medien auch nur mit einem Wort darauf hinwiesen. Die Fabrikpreise im Ausland haben nur wenig mit den Preisen zu tun, die ausländische Krankenversicherungen und Prämienzahlende für die Medikamente zahlen müssen. Prämienzahlende interessiert, was sie für Medikamente vergleichsweise zahlen müssen. Das sollte auch für die Kassen im Vordergrund stehen, sofern sie ihre Mitglieder nicht mit irrelevanten Vergleichen täuschen und den falschen Eindruck wecken wollen, wie stark sie sich für tiefere Medikamentenpreise einsetzten.

Tagesschau besonders verwirrend

Besonders täuschend und verwirrend berichtete die Hauptausgabe der Tagesschau am 17. Februar 2015 über den Preisvergleich der Allianz Pharmaindustrie-Santésuisse. Unter der Schlagzeile «Originalpräparate werden günstiger» informierte die Tagesschau einleitend, dass von den gesamten Ausgaben der Krankenkassen von 28 Milliarden fünf Milliarden aufs Konto von Medikamenten gingen. Bei diesen Zahlen handelt es sich um die von den Kassen bezahlten Endpreise, auch «Publikumspreise» genannt.

Nahtlos änderte die Tagesschau – für die Zuschauenden nicht durchschaubar – die Optik und redete fortan von den Fabrikpreisen. Die Tagesschau fuhr fort: «Die Preise von Originalpräparaten sind kaum mehr teurer als anderswo.» Kein Wort davon, dass Fabrikpreise in den meisten ausländischen Vergleichsländern Phantompreise sind, die kaum zur Anwendung kommen. Die Stiftung für Konsumentenschutz SKS hatte die Darstellung der Pharmaindustrie sofort beanstandet, fand jedoch in der Tagesschau kein Gehör.

Wenigstens erwähnte die Tagesschau, dass dem Preisvergleich ein Wechselkurs zum Euro vom 1.29 zugrunde liegt. Allein schon diese Tatsache macht die Aussage obsolet, dass die Preise in der Schweiz «kaum mehr teurer sind als anderswo».

Vergleicht man nicht die Fabrikpreise, wie es Pharmaindustrie und Santésuisse tun, sondern die Preise, welche die Kassen in den verschiedenen Ländern zahlen, so ergibt sich ein komplett anderes Bild.

(Siehe weiter unten «Warum Fabrikpreise im Ausland für einen Vergleich wenig relevant sind»).

Obwohl kein anderes europäisches Land bekannt ist, in dem die soziale Krankenversicherung beziehungsweise die Krankenkassen für Medikamente so viel Geld ausgeben müssen, und in dem der Anteil der Medikamentenkosten an den Gesamtkosten der Kassen derart hoch ist wie in der Schweiz, verbreitete Christoph Nufer von der Tagesschau-Bundeshausredaktion die falsche und irreführende Behauptung der Pharmaindustrie «Die Preise für Medikamente sind in den letzten zehn Jahren um 30 Prozent gesunken». – Die Zuschauenden rieben sich verwundert die Augen.

Anschliessend kamen kurz die Direktorin der Santésuisse und der Preisüberwacher zu Wort, doch die beiden bekamen keine Gelegenheit, die Behauptung der um «30 Prozent gesunkenen» Medikamentenpreisen zu kontern. Die Tagesschau liess die Behauptung der Pharmaindustrie im Raum stehen, ohne eine Stellungnahme der Santésuisse, des Preisüberwachers oder der SKS einzuholen.

Man stelle sich den umgekehrten Fall vor: Der Preisüberwacher oder die SKS würden verbreiten, die Medikamentenpreise seien im exorbitante 30 Prozent gestiegen. Die Tagesschau würde dazu mit 100-prozentiger Sicherheit eine Stellungnahme der Pharmaindustrie ausstrahlen – was journalistisch auch korrekt ist.

Unbrauchbarer Preisindex

Die Pharmaindustrie tischt solche Zahlen regelmässig auf. Sie beruft sich auf den «Index für Medikamente» des Bundesamts für Statistik. Dieser Index von rund 200 umsatzstarken Medikamenten ist untauglich. Selbst Thomas Cueni vom Pharmaverband «Interpharma» räumt ein, dass dieser Index «die Einführung neuer Medikamente nicht berücksichtigt» und «keine Auskunft über die Entwicklung des tatsächlich bezogenen Leistungsvolumen gibt». Das ist nachvollziehbar: Wie ein gleiches Modell eines Fernsehers mit den Jahren billiger wird, wird auch ein Medikament mit den Jahren günstiger, weil es unterdessen Neuere und Bessere gibt und auch das Patent abläuft. Das Bundesamt für Statistik baut zwar einige Korrekturfaktoren ein, die jedoch in keiner Weise genügen.

Das Bundesamt für Gesundheit bestätigt: Dieser von der Pharmaindustrie benutzte Index «reflektiert nicht die Marktrealität». Darüber informierte die Tagesschau nicht.

Eine neutralere Quelle als der Lobbyverband der Pharmaindustrie ist der «Monitor» des Bundesamts für Gesundheit. Er zeigt, dass die Medikamentenkosten der Kassen im 2014 um fast zwei Prozent gestiegen sind. Gemäss BAG-«Monitor» haben die Medikamentenkosten für die Kassen im Laufe der letzten zehn Jahre um fast einen Viertel zugenommen – und nicht um 30 Prozent abgenommen.

Dabei lässt das BAG den Medikamentenverbrauch in den Spitälern unberücksichtigt. Die Medikamentenkosten im stationären Bereich nehmen überdurchschnittlich zu.

Warum Fabrikpreise im Ausland für einen Vergleich wenig relevant sind

Kommen wir zurück auf den Vergleich der Fabrikpreise, welche die Pharmaindustrie und die Santésuisse verglichen. Im Ausland sind Fabrikpreise weitgehend Phantompreise, die mit den Preisen, welche die Kassen und Prämienzahlenden zahlen, wenig zu tun haben.

Beispiel Deutschland: Entweder vergüten die Kassen für ganze Wirkstoffgruppen Festpreise, die nicht von den Fabrikpreisen abhängen. So zahlen sie für den Cholesterinsenker Sortis umgerechnet 33 Franken (100 Stück à 20 mg), weil Sortis keinen grösseren Nutzen bringt als andere Cholesterinsenker. Die Schweizer Kassen mussten für eine gleiche Packung Sortis lange 212.20 Franken zahlen, jetzt noch 150 Franken. Wo keine Festpreise bestehen, müssen die deutschen Pharmafirmen auf ihren Listenpreisen einen generellen Rabatt gewähren. Diesen Rabatt berücksichtigen weder die Pharmaindustrie noch das BAG bei ihren Preisvergleichen.

Zudem können die Kassen Preise mit den Pharmafirmen frei aushandeln, was in der Schweiz verboten ist. Gegen die Vorschrift, die jeweils ausgehandelten Preise zu veröffentlichen, läuft die deutsche Pharma-Lobby Sturm. Erklärtermassen will sie verhindern, dass Behörden im Ausland diese Preise bei ihren Preisvergleichen berücksichtigen können – was das BAG bisher eh nicht tat, aber es könnte ja auf die Idee kommen.

Beispiel Frankreich: Dort werden die Medikamente in die drei Nutzensklassen «gross», «mässig» und «ungenügend» eingeteilt. Die Kassen müssen nur Arzneimittel mit «grossem» Nutzen voll vergüten, für die andern gelten substanziellere Selbstbehalte.

Beispiel Niederlande: Die wenigen grossen Kassen können die Preise mit den Pharmafirmen frei aushandeln. Die Pharma-Listenpreise spielen dabei keine entscheidende Rolle. Das Generikum Simvastatin, in der Wirkung mit Sortis zu vergleichen, kostet die Kassen in der Schweiz 78.95 Franken (100 à 20 mg), während Kassen in Holland einen Preis von unter drei Franken aushandelten. Dieser Preisunterschied um das Zwanzigfache ist ein extremes Beispiel, aber es zeigt deutlich, dass Vergleiche der Fabrik-Listenpreise mit Holland zu stark überhöhten Kassenpreisen in der Schweiz führen.

Vergleiche von Fabrikpreisen sind für die Prämienzahler irrelevant. Für sie ist entscheidend, wie viel die Schweizer Kassen im Vergleich mit Kassen im Ausland zahlen müssen.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor vertritt die Prämienzahlenden und PatientInnen in der Eidgenössischen Arzneimittelkommission.

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3 Meinungen

Es ist richtig dargestellt: jeder Preisvergleich im Gesundheitswesen ist Obstsalat. Die Gesundheitssysteme der Länder sind sehr unterschiedlich - die Kaufkraft übrigens auch. Die «gleichen Medikamentenpreise» sind nur durchsetzbar, wenn auch die Mitarbeitenden in den betroffenen Sektoren aus den €uro-Ländern (frei) importiert werden dürfen und man ihnen die gleichen Dumpinglöhne wie in ihrer Heimat bezahlen darf. Diese Anliegen werden aber von SVP, respektive SP gleichermassen bekämpft.
Der Auslandpreisvergleich ist keine Schweizer Erfindung - die €uro-Länder machen das auch. Und damit bekommen wir über 2-3 Jahre die Preise aus Griechenland auch in unsere Rechnung mit hinein. (Frankreich hat u.a. Portugal im Länderkorb; Portugal hat u.a. Italien im Länderkorb; Italien hat u.a. Griechenland im Länderkorb)
Andreas U. Schmid, am 19. Februar 2015 um 13:46 Uhr
Das Problem der Preise ist gegenüber dem des Medikamenten-Nutzens vermutlich eine Bagatelle.
"Wir können uns 95 Prozent des Geldes sparen, das wir für Arzneien ausgeben, ohne dass Patienten Schaden nehmen. Tatsächlich würden mehr Menschen ein längeres und glücklicheres Leben führen können."
... und
"Die Pharmaindustrie ist schlimmer als die Mafia."
Diese Aussagen stammen aus einer Veröffentlichung der Süddeutschen Zeitung.
und ich hab's von hier:
http://naturheilt.com/blog/pharmaindustrie-mafia-2015/
Urs Lachenmeier, am 19. Februar 2015 um 21:19 Uhr
In Schweden werden bereits Kontroll-Chip eingesetzt(?)
http://renegraeber.de/blog/chip-implantate-2015/
Wer hat Vorteile und werd die Nachteile, die Gefahren?
Hebammen befürchten, dass Hausgeburten behindert werden, um den Buschi's die Kontroll-Reponder implantieren zu können, das geht nur im Spital...
http://www.hebammenfuerdeutschland.de/hintergrundwissen
- juhui, bald wird auch dies die obligatorische KK übernehmen und hierzulande ärgert man sich nicht über das Problem an sich, sondern, dass auch dies bei uns mehr kosten wird.
Urs Lachenmeier, am 19. Februar 2015 um 21:34 Uhr

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