Der «American Way of Life» macht Einwanderer krank © Openideo
Der «American Way of Life» macht Einwanderer krank © Openideo
Kalorienreicher amerikanischer Appetizer © Louise

Wer in die USA auswandert, stirbt schneller!

Urs P. Gasche / 22. Aug 2013 - Vielen Einwanderern geht es in den USA materiell besser, aber sie werden kränker und leben weniger lang als in ihren Heimatländern.

Auf Krankheiten wie Krebs, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Störungen haben bestimmte Gene viel weniger Einfluss als der Lebensstil in westlichen Industriegesellschaften. Den Beweis liefern US-Amerikaner, deren Eltern oder Grosseltern aus Mittel- und Südamerika oder auch Japan eingewandert waren, und die sich unterdessen dem amerikanischen Lebensstil angepasst haben.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzte schon vor zehn Jahren, dass 25 bis 33 Prozent aller Krankheiten in Industriestaaten im weiteren Sinn «umweltbedingt» sind: Ungenügende körperliche Bewegung, Luft- und andere Umweltverschmutzung, industrielle Ernährung.

«Amerikaner zu werden, kann Ihrer Gesundheit schaden»

Einen Bericht über neue Forschungsergebnisse begann die «New York Times» mit dem Satz: «Becoming an American can be bad for your health.» Je länger Immigranten in den USA lebten, desto häufiger bekämen sie Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes und zu hohen Blutdruck. Kinder von Immigranten verfügten oft über mehr Geld als ihre eingewanderten Eltern, aber sie würden nicht so alt wie sie. «Dieser Trend widerspricht dem Vorurteil, dass man in den USA in jeder Beziehung besser lebt», meint die «NYT».

Drei Jahre kürzere Lebenserwartung

Beispiel 1: Einwohner der USA, die in Mittel- oder Südamerika geboren wurden, leben drei Jahre länger als ihre Landesgenossen, die schon viel länger in den USA lebten und amerikanische Gewohnheiten angenommen haben. Das zeigt eine kürzliche statistische Auswertung der Demographin Elizabeth Arias vom «National Center for Health Statistics». Nach Professor Robert A. Hummer von der Universität Texas in Austin bestehen die ungesunden Gewohnheiten in Bewegungsarmut, ungesundem Essen, höherem Alkoholkonsum und vermehrtem Rauchen. Die stärkeren Rauchgewohnheiten der zweiten und dritten Generation von Immigranten könnten deren kürzere Lebenserwartung etwa zur Hälfte erklären, fand Andrew Fenelon von der Brown University in Rhode Island mit einer Studie von 2011 heraus.

Die NYT zitiert Juan Muniz, 62, der sich an einen ersten Besuch in einem Fast-Food-Restaurant Ende der Siebzigerjahre erinnert. Die riesigen Hamburger hätte sie beeindruckt und der Werbung «Doppelt so viele Pommes-Frites für nur 49 Cents extra» sei die Familie erlegen.

Starke Zunahme von Brustkrebs

Beispiel 2: Die meisten Japanerinnen erkranken erst an Brustkrebs, wenn sie lange genug in den USA oder in Europa gelebt haben. Das gilt auch für Frauen aus China, Malaysia oder den Philippinen. In allen diesen Ländern ist Brustkrebs sehr selten. Die Frauen verdanken dies jedoch nicht «besseren» genetischen Voraussetzungen. Denn sobald diese Frauen in die USA, nach Europa oder nach Australien auswandern, erkranken ihre Töchter und noch mehr ihre Enkelinnen genau so häufig an Brustkrebs wie die Amerikanerinnen oder Europäerinnen. Das hat eine Studie im «Journal of the National Cancer Institute» schon im Jahr 1993 nachgewiesen. Die Gründe für die vielen Brusttumoren sind also an den Umweltbedingungen und den Lebensweisen in den USA, Europa oder Australien zu suchen.

Im 2005 doppelte eine weitere Studie in der gleichen Fachzeitschrift nach: In die USA eingewanderte Frauen aus Mittel- und Südamerika erkrankten fünfzig Prozent seltener an Brustkrebs als ihre Landesgenossinnen, die bereits seit zwei oder drei Generationen in den USA lebten.

Konferenz «Umwelt und Gesundheit» in Basel

Seit Dienstag bis Freitag, 23. August, findet in Basel die Konferenz «Environment and Health» statt, an der 1700 Umweltexperten aus über siebzig Ländern die neusten Erkenntnisse über Auswirkungen von Umweltbelastungen auf die Gesundheit austauschen. Im Vordergrund stehen Luftverschmutzung, verursacht durch Verkehr, Verbrennungen und Baumaterialien; dann Pestizide und Substanzen wie Bisphenol A; ferner auch Nahrungsmittelrückstände, elektromagnetische Felder und Lärm. Organisiert hat die Konferenz im Messezentrum das Schweizerische Tropen- und Public Health-Institut TPH.

Professor Toshihide Tsuda von der japanischen Universität in Okayama berichtete in Basel von ersten Resultaten einer Fukushima-Studie: Bereits nach zwei Jahren erkrankten 43 von 176'000 untersuchten Kindern und Jugendlichen an Schilddrüsenkrebs. Das ist in dieser kurzen Zeit ein Vielfaches des normalen Auftretens dieser Krebsart bei unter 19-Jährigen. In den kommenden Jahren dürften noch sehr viel mehr Einwohner um Fukushima an diesem Krebs erkranken, befürchtet Professor Tsuda.

Eine Studie aus der Schweiz hat aufgedeckt, dass kleine Kinder, die an stark befahrenen Strassen wohnen, ein erhöhtes Risiko an Blutkrebs haben (Leukämie).

Einzelne Konferenzteilnehmende klagten, dass für das Erforschen von Umweltrisiken, die rund dreissig Prozent aller Erkrankungen verursachen, zu wenig Geld zur Verfügung stehe. Bei der Industrie stünden die Therapien im Vordergrund, für die sie Medizinalprodukte und Medikamente entwickeln und verkaufen könne. Den Ursachen vieler Erkrankungen würde zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Kirk R. Smith, Professor für «Global Environment Health» an der University of California in Berkeley, sieht noch einen weiteren Grund für das Vernachlässigen dieser Krankheits-Ursachen: In Industriestaaten sind von negativen Umwelt- und Ernährungseinflüssen sozial Schwache stärker betroffen, und auch ältere Menschen, die noch andere Krankheiten haben und deshalb anfälliger sind, sowie kleine Kinder.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Programm der Konferenz «Environment and Health» in Basel

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2 Meinungen

Das ist ausserordentlich spannend! Die Effekte der «lebensgefährlichen» Anpassung an US-Ernährungsweisen sind hier vielleicht noch unterschätzt. Die schon länger eingewanderten und ihre Kinder haben wohl eher bessere Jobs. Da die Unterschiede in der Lebenserwartung nach Job vom ungelernten Arbeiter bis zum Manager / Akademischen Berufen aber bis zu 7 Jahre ausmachen, können müssten sie eigentlich im Durchschnitt länger leben.
Werner Meyer, am 22. August 2013 um 19:23 Uhr
@Meyer
Sie haben recht. Die zitierten Studien haben ebenfalls darauf hingewiesen. Nur fehlten wahrscheinlich die Daten, um diesen Effekt des wirtschaftlich-sozialen Aufstiegs auf die Lebenserwartung noch einzubeziehen.
Urs P. Gasche, am 22. August 2013 um 20:37 Uhr

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