Viele Ältere erhalten Medikamente, die sich gegenseitig stören © Doctortipster
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Fürchtet weniger die Grippe, sondern Medikamente

Urs P. Gasche / 29. Sep 2015 - Eine neue Schweizer Studie zeigt: Fast jedes dritte Arzneimittel, das über 65-Jährige erhalten, kann ihnen zum Verhängnis werden.

Nicht nur die Grippe gefährdet über 65-Jährige, sondern noch stärker potenziell gefährliche Medikamente. Bei fast jedem dritten Arzt- oder Apothekenbesuch erhalten über 65-Jährige ein Medikament, das auf Listen in Deutschland und den USA als potenziell ungeeignet aufgeführt ist. Das zeigt eine Schweizer Studie, die kürzlich in der «Dove Medical Press» erschien. Die meisten unerwünschten Nebenwirkungen der unzweckmässigen Medikation seien «leicht bis moderat», doch komme es auch zu «schwereren Zwischenfällen, die zur Einweisung in ein Spital oder im schlimmsten Fall zum Tod führen können».

Aus einer Hochrechnung der Statistiken der grössten Schweizer Krankenkassen ging bereits früher hervor, dass ausserhalb von Spitälern über 150'000 vorwiegend über 65-Jährige im Laufe eines Jahres mehr als zwanzig verschiedene Wirkstoffe

verschrieben erhalten, über 20'000 von ihnen sogar mehr als dreissig. Über vier Prozent aller Spitaleinweisungen erfolgen ausschliesslich wegen unerwünschter Wirkungen von Arzneimitteln. Eine entsprechende Untersuchung veröffentlichte die Schweizerische medizinische Wochenschrift im Jahr 1999. Die Hospitalisierten waren durchschnittlich 73 Jahre alt.

Heikle Psychopharmaka, Schlaf- und Schmerzmittel

Aus der neusten Studie geht hervor, welche potenziell unzweckmässigen Arzneimittel in den Jahren 2012 und 2013 am häufigsten abgegeben wurden. Es waren die

  • Beruhigungs- und Schlafmittel Zolpidem, Seresta, Anxiolit, Lexotanil und Surmontil/Trimipramin;
  • Rheumamittel wie Tilur, Arthrotec/Diclofenac sowie Acroxia;
  • ibuprofenhaltige Schmerzmittel und das
  • narkotische Schmerzmittel Pethidin;
  • Paspertin/Primperan gegen Bauchschmerzen,
  • Herzmedikamente wie Amiodarone;
  • schliesslich auch Hustenpräparate wie Escotussin, Bexin/Calmerphan/Emedrin und
  • verschiedene Antibiotika.

Leicht höheres Risiko bei selbstdispensierenden Ärzten

Grundlage der Studie waren Abrechnungen von über 50'000 Helsana-Grundversicherten in den Kantonen Aargau und Luzern. Patienten, welche ihre Medikamente mehrheitlich von selbstdispensierenden Ärzten erhielten, bekamen rund 15 Prozent häufiger ein potenziell gefährliches Medikament als Patienten, welche die Medikation mehrheitlich über Apotheken bezogen. Doch über beide Kanäle wurden allen diesen älteren Personen zu viele problematische Medikamente gleichzeitig abgegeben, obwohl deren gefährliche Interaktionen bekannt seien: «Es braucht Massnahmen, um das häufige Verschreiben von potenziell inadäquaten Medikamenten zu reduzieren.»

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor vertritt noch bis Ende 2015 die Prämienzahlenden und PatientInnen in der Eidgenössischen Arzneimittelkommission.

Weiterführende Informationen

Deutsche Liste der potenziell unzweckmässigen Medikamente
US-Liste der potenziell unzweckmässigen Medikamente
Neue Studie über die Abgabe potenziell unzweckmässiger Medikamente in der Schweiz
Spitaleinweisungen in der Schweiz wegen Folgen von Medikamenteneinnahmen

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2 Meinungen

Ja, Herr Keusch, die Firmen leben vom Umsatz. Daher tut man vieles nur mögliche, um
die Basis.Prävention - die eben keinen Umsatz bringt - zu bekämpfen. «ach lassen Sie, ich verschreibe Ihnen DANN....» Also die Frage ist ebenm «zweckmässig für wen.
Elisabeth Schmidlin, am 06. Dezember 2015 um 16:28 Uhr
Herr Keusch, ich glaube das sagte ich deutlich genug: ich verschreibe DANN, meint, sobald Krankheitssymptome vorhanden sind, DANN verschreibe ich Dir, also dann bringt es Umsatz für den der verschreibt und den der produziert, ist also für diese «zweckmässig». Für den Bürger wäre zweckmässig, alles zu tun, um eben gar nicht zu
Krankheitsanzeichen zu kommen. Für die WHO könnten das 77 % der NCD's (=nicht ansteckende Krankheiten) sein und dazu kommen noch ein Teil der ansteckenden Krankheiten, bei Grippe angefangen. Das macht es deutlich, dass «Basisprävention» für den Bürger zweckmässig und BIG FOOD und Pharma nicht zweckmässig ist.
Die Praxis mit der Unmenge von verschriebenen Medikamenten sollte Thema für
Gerichte sein. Das könnte man auch als «Körperverletzung» auslegen.
Elisabeth Schmidlin, am 09. Dezember 2015 um 17:02 Uhr

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