Fällander Tagebuch © zvg

Fällander Tagebuch 6

5000 namenlose Tote oder Tripptrapp für Xi Jinping

Jürgmeier / 25. Jan 2017 - Das Volk, das bin ich. Wir ändern die Welt. Taten statt Worte. Wir sind halt nur kleine Leute. Und andere Leitsätze.

24. Dezember 2016

Heute im Tagesanzeiger: «Dieses Jahr sind nach Angaben von Hilfsorganisationen so viele Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken wie nie zuvor. 5000 Menschen kamen 2016 laut Schätzungen bei der Überfahrt ums Leben. Dies gaben die Internationale Organisation für Migration und das UNO-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) bekannt. Das sei die höchste Zahl von Toten in einem Jahr, sagte ein UNHCR-Sprecher (SDA).» Zehn Zeilen. Einspaltig. Seite 5. In den Tagen des Terrors & des erklärten Kriegs gegen die (islamistische) Gewalt, in den Zeiten der Skandalisierung von (fast) allem, der gezielten oder gedankenlosen Provokationen à la SVP & Trump – kein Aufmacher, keine Schlagzeile für 5000 überzählige & namenlose Tote. Fällanden hat 8340 Einwohner*innen (Stand 31.12.2015), und ich fahre heute Abend, wie meist in den letzten Jahren, zu einem familiär-weihnächtlichen Fondue-Chinoise-Essen.

31. Dezember 2016

Wir leben in paradoxen Zeiten. Die Reichen & Mächtigen, die «Mehbessere», wie sie früher genannt wurden, häufen immer grössere, für «einfache Leute» unvorstellbare Mengen von Besitz & Macht an. Brüsten sich, bei Gelegenheit, mit ihrem ökonomischen Erfolg und werden dafür bewundert. Selbst in Demokratien. Aber zur («abgehobenen») Elite zählen sie sich nicht. Sondern zum Volk. Welches der Völker meinen sie?

Früher bemühten sich viele, sehr viele, um den Zutritt zur Elite, oder taten zumindest alles dafür, diesen ihren Kindern zu ermöglichen. Die meisten ohne Erfolg. Absolvent*innen von Mittelschulen wurden in meiner Jugend ermahnt, sich mit ihrem Verhalten des künftigen Elitestatus‘ würdig zu erweisen. Im Deutschen Universalwörterbuch des Duden-Verlags wird die Elite definiert als «eine Auslese darstellende Gruppe von Menschen mit besonderer Befähigung, besonderen Qualitäten; die Besten, Führenden». Die wenigsten denken dabei, vermutlich, an Gemüsegärtner*innen, Uhrmacher*innen, Maurer*innen, (weibliche & männliche) Hebammen oder Konfektionsverkäufer*innen. Elite – das war (und ist) eine Standes- oder Klassenkategorie.

Heute ist Elite (auch) ein politischer Kampfbegriff. Neuerdings wollen alle zum gemeinen Volk gehören oder es zumindest vertreten. Nicht mehr «L’état, c’est moi», sondern: Das Volk, das bin ich. Und damit das etwas Besonderes bleibt, wird das Volk als etwas Auserwähltes inszeniert, werden möglichst viele, also Krethi & Plethi, als volksferne Elite diffamiert und so aus dem Volk ausgeschlossen. Den vielen – die noch immer nicht zu den Reichen & Mächtigen gehören – bleibt nur das Staunen ob dieses seltsamen Wettstreits unwilliger Eliten um das Recht, in ihrem Namen Geschichte zu schreiben. Die Elite – das sind immer die anderen. Im Tagesanzeiger-Gespräch zum Jahreswechsel, zusammen mit SP-Ständerat Daniel Jositsch, nennt SVP-Nationalrat Roger Köppel die Elite, die er meint, eine «sogenannte», eine «Schein-Elite». Ein Begriff, den auch AfD-Politiker Björn Höcke gerne verwendet, was Köppel nicht wissen muss. Zu dieser Elite, lässt sich Köppel zitieren, gehörten «die Medien, die Intellektuellen, die Politiker – so ziemlich alle. Ausser ich». Markus Somm, Hansueli Vogt, Adrian Amstutz, Christoph Mörgeli, Albert Rösti, Nathalie Rickli und Christoph Blocher werden dem «Sprachrohr des Unbehagens, das viele Leute gegenüber dieser Scheinelite empfinden» (Köppel über Köppel) diesen zwiespältigen Ritterschlag danken.

Durchs Hintertürchen bahnt sich der letzte echte Volksvertreter dann doch noch einen Weg in einen Zirkel der Auserlesenen. Er bemühe sich, dass er «wenigstens im überschaubaren Bereich, in dem ich tätig bin, zur Leistungselite gehöre». Nicht Intellektueller, nicht Politiker, nicht Medienmann will der Weltwoche-Chef & «Classe politique-»Vertreter sein, sondern Mitglied der «Leistungselite». Das erinnert ans intellektuellenfeindliche & männliche TatenstattWorte. (Höcke spricht in seinen Reden denn auch immer mal wieder von der «Tat-Elite».) Nachdem während Jahrhunderten der (männliche) Geist dem (weiblichen) Körper übergeordnet wurde, «die Männer» das Wort und damit das Sagen für sich reklamierten, wird «der Mann» jetzt, da «die Frauen» in Haus & Öffentlichkeit das Wort ergreifen (dürfen), nicht mehr als Mann des Wortes & der Theorie, sondern als Mann der Praxis & der Tat entworfen. «Als ‹Mann aus dem Volk› und ‹Kleinunternehmer› traut ihm die Basis mehr zu, als wenn er im akademischen Elfenbeinturm sozialisiert worden wäre», schrieb, ausgerechnet, die Neue Zürcher Zeitung am 11. März 2008 über den damals zum Zürcher Stadtratskandidaten gekürten Parteikollegen Köppels, Marco Tuena. Die elitären Stadtzürcher Stimmbürger*innen haben den «Mann aus dem Volk» bis heute nicht in die kommunale Exekutive gewählt.

Das TatenstattWorte macht das Reden verächtlich. Man erinnere sich nur an das Schlag-Wort von der «Schwatzbude» für demokratisch verhandelnde Parlamente. Nur, solange sie reden, wird nicht geschossen. Das TatenstattWorte aber enthält die Tendenz zur Gewalt als dem eigentlichen Handeln, der ultimativen Tat. Der «Zauberstab der Gewalt» scheint demjenigen & derjenigen, der oder die ihn hat, Macht über die Welt zu verleihen. Die Berührung der Welt mit diesem Stab verwandelt sie in meine Welt.

7. Januar 2017

Was würde Donald Trump twittern, wenn «die Russen» seine Steuererklärungen & Geschäftsbilanzen gehackt, er die Wahlen verloren hätte?

11. Januar 2017

In seiner Abschiedsrede dankt der scheidende US-Präsident Barack Obama seiner Frau Michelle mit den Worten «In the past 25 years you have not only been my wife and mother of my children, you have been my best friend». Deutsch lese ich im Blick online: «Du warst mein bester Freund.» Auch die Sonntagszeitung fragt am 22. Januar, mit Blick auf die Obamas, besorgt: «Ist das gut, wenn der Partner der beste Freund ist?» Um dann die Freundschaft zwischen Mann & Frau – in der «man sich auf Augenhöhe begegnet, ein Team ist, zusammenhält und sich blind vertraut» – als «Bruder-Schwester-Verhältnis statt brodelnder Leidenschaft» zu beklagen, ja, mit einem «robusten Allwetterschuh» zu vergleichen und den besten Freund zum «Neutrum» zu erklären. Als ob der (Geschäfts-)Partner das ultimative Sexualobjekt wäre und sich sexuelle Leidenschaft nur in traditionellen Unterwerfungsverhältnissen entfalten könnte.

Vor allem aber – warum übersetzen sie das englische «my best friend» nicht mit «meine beste Freundin»? Haben sie Angst vor erotischen Verfänglichkeiten? «Meine beste Freundin » – wie viele Freundinnen hat Obama insgesamt? Hat er, womöglich, Sex mit seiner Frau? Und was bedeutet, umgekehrt, dieses «mein bester Freund»? Denken sie sich Michelle Obama als verkappten Mann? Der (bald) ehemalige Präsident – schwul? Wollen sie aus «der Frau» mehr als eine beste Freundin machen – mit der man sich über die aktuelle Bademode, die neusten Diäten oder die ungenügenden Schulnoten der Kinder austauscht –, sie auf Augenhöhe mit «dem Mann» heben, und geht das, selbst in Zeiten & Kulturen der Gleichheit, nur, wenn sie zum «Mann» & besten Freund gemacht wird?

12. Januar 2017

Die Tage der Ablösung im Oval Office – das im «Westen» noch immer als Büro des mächtigsten Mannes der Welt inszeniert wird – sind auch Tage der Beschwörungsformeln. «Yes we did, yes we can», bilanziert Barack Obama. «I will be the greatest jobs producer that god ever created», verspricht Donald Trump. Ich staune ob der Selbstverständlichkeit, mit der sie – und andere, auch Angela Merkel mit ihrem «Wir schaffen das» – die Allmachtsphantasie «Wir ändern die Welt» verkünden. Und wie begeistert es ihnen die Anhänger*innen abnehmen, mindestens bis zur ersten Enttäuschung der an (Blind-)Verliebte Erinnernden. So viel grenzenloses Selbstbewusstsein wirft mich schmerzlich auf die eigene Bedeutungslosigkeit zurück, bin ich doch mit dem Satz «Wir sind halt nur kleine Leute, wir können die Welt nicht ändern, die Welt ist nicht unsere Welt» aufgewachsen. Und mit der trotzigen Gegenrede von der Veränderbarkeit der Verhältnisse, der Forderung nach dem Eintritt der «Kleinen» in die Weltgeschichte, grandios gescheitert.

Fast noch schlimmer, für einen selbsternannten Schriftsteller, ist jener andere Leitsatz unserer Familie: «Wir haben nichts zu erzählen.» «Phantasielos!», schrieb mir der Sekundarlehrer unter einen dieser beliebten Ferienaufsätze. Hätte er gewollt, dass ich andere Ferien beschrieben als jene, die ich erlebte? Was konnte ich dafür, dass wir immer nur wandern gingen, nie über die Schweizer Grenze hinauskamen? Hätte ich den Steinbrocken auf dem Piz Languard, der, durch mein Herumstolpern ausgelöst, gegen das Schienbein meiner Mutter rollte, grösser & schwerer machen sollen, so dass sie nicht mit einem kleinen Kratzer & etwas grösserem Schrecken davongekommen, sondern Richtung Georgy’s Hütte – in der wir später ein Bündner Plättli assen – vom Gipfel gestürzt und mein Kinderleben in diesem Erlebnisaufsatz aufregender verlaufen wäre als in Wirklichkeit?

Bei uns galt: Unser Leben ist kein Hollywoodfilm. In unserem Leben gibt es kein grosses Glück & keine grossen Tragödien, keine grosse Liebe, keine grossen Träume & keine grossen Tränen. Das eine & andere ist mir dann trotzdem zugefallen & zugestossen. Irgendwie. Und die damals heil von diesem Engadiner Dreitausender Zurückgekommene beginnt auf ihre letzten Tage (oder Jahre) hin doch noch Geschichten zu erzählen. Weil ihr Kopf keine Fakten mehr speichert. Bei einem meiner letzten Besuche im Alters- & Pflegeheim plaudert sie munter über jüngste Tage im Wald. Davongelaufen sei sie. Und habe da draussen mit einem Mann – von dem sie nicht verraten will, ob er schön war – zusammengelebt. Er sei jeweils ins Dorf gegangen, um das Essen einzukaufen. Sie, fügt sie fast schon listig an, wäre ja erkannt worden. Wer während der Überlebenswoche gekocht und wo genau die beiden geschlafen, will sie nicht mehr wissen. Vielleicht alles nur eine Rache für meinen Matterhornschwindel.

17. Januar 2017

Jetzt dröhnen sie wieder über unseren Köpfen. Manchmal im Fünf-Minuten-Takt. Die Helis mit den Reichen & Mächtigen beziehungsweise ihren Sicherheitsleuten. Tauchen kurz aus dem Nebel auf, bevor sie Richtung Davos (und später zurück nach Dübendorf) fliegen. Ich stelle mir vor, wie einer der Männer – die an Wochenenden gerne auf dem Acker hinter unseren Häusern mit ihren Drohnen herumspielen – einen Puma (oder so) zur Notladung zwischen den Schrebergärten zwingt. Wie der chinesische Staatspräsident Xi Jinping – der bei der Hinfahrt ans WEF noch mit der Rhätischen Bahn gereist ist – schlotternd zwischen verdorrten Fällander Himbeerstauden & Bohnenstangen steht. Natürlich würde ich ihn zu einem heissen Tee einladen, bis seine Entourage einen neuen Helikopter organisiert hätte. Der könne auf dem Sportplatz am Rande unserer Siedlung landen, würde ich ihnen mit Schulenglisch & fuchtelnden Armen klar machen. Und natürlich würde ich den Herrn des Reichs der Mitte – falls ich ihn überhaupt erkannt hätte, diese Chinesen sehen ja alle gleich aus – nicht ohne Autogramm gehen lassen. (Alfred Rasser, der China-Reisende im Kalten Krieg, hat mir ja damals, noch in der Stube meiner Eltern, auch eines seiner Bücher signiert.) Sonst würde hinterher jede & jeder behaupten, ich hätte das alles nur erfunden. Würde Xi Jinping notfalls damit drohen, ihn auf den Tripptrapp unseres Enkels zu fesseln, wenn er seine Unterschrift nicht in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte kritzle, die ich, so denke ich mir das, aus dem Büchergestell fischen & hastig mit dem auch für Europäer*innen unleserlichen, aber verbindlichen Zusatz versehen würde, er werde, zurück in Peking, alle politischen Gefangenen freilassen und die Todesstrafe abschaffen.

In der real existierenden Welt soll der Zürcher Nationalrat Hans-Peter Portmann laut Tagesanzeiger zur Kritik des «Kotaus» von Bundesbern vor der ökonomischen Grossmacht China gesagt haben, «natürlich könne man die Beziehung zu China wegen der Menschenrechtsverletzungen abbrechen … Nur müsste die Schweiz dies dann konsequenterweise mit drei Vierteln ihrer Handelspartner tun.» Hoppla. Sagt ein Freisinniger, um dann fortzufahren: «Allerdings müssen wir dann wegen wegfallender Im- und Exporte auf die Hälfte unseres Wohlstands verzichten.» Vielleicht sollte es uns das wert sein. Fragt sich nur, auf welche Hälfte.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Die Politik unter Donald Trump (Infosperber-Dossier)

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Eine Meinung

Wenn die Marine von Spanien, , Grossbritannien, Italien, Griechenland oder der USA es bei der Bekämpfung der schwerstkriminellen mörderischen Schlepper wollte, könnte Zahl der ertrunkenen Landnehmer problemlos auf gegen Null gebracht werden, aber man will es offensichtlich nicht.
Pirmin Meier, am 25. Januar 2017 um 11:51 Uhr

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