Was auch noch gesagt werden sollte

Erich Gysling © Bernard van Dierendonck
Erich Gysling / 07. Apr 2012 - Günter Grass: Ist das alles ungehörig, ist es verboten, hat es mit Antisemitismus zu tun? Ein Kommentar.

Günter Grass hat mit einem in Gedichtform gefassten Text unter dem Titel «Was gesagt werden muss» einen Sturm in der deutschsprachigen Medien- und Politlandschaft entfacht. Warum? Weil er vor einem Angriff Israels gegen Iran gewarnt, seine Angst vor einem neuen Krieg und seine Besorgnis über deutsche Waffenexporte an Israel ausgedrückt hat.

Ist das alles ungehörig, ist es verboten, hat es mit Antisemitismus zu tun?

Ich meine: Fragen über die Politik Israels sollten ja wohl noch erlaubt sein. Und die Sorgen, die Günter Grass um den noch vorhandenen kleinen Rest von Weltfrieden belasten, die sind durchaus nachvollziehbar.

Er schiesst allerdings übers Ziel hinaus, wenn er Netanyahu unterstellt, seine Militärs wollten einen «Erstschlag» führen, um «das iranische Volk auszulöschen». Die israelische Führung droht zwar eine Attacke auf iranische Nuklearanlagen an, hat aber noch nie mit dem Einsatz seiner eigenen Atomwaffen gedroht (ausser für den Fall einer atomaren Bedrohung seines Territoriums, seiner Menschen). Dass die Regierung Netanyahu dennoch mit dem Feuer spielt, darauf darf anderseits ja wohl hingewiesen werden, ohne dass der Hinweisende gleich als Antisemit gebrandmarkt werden sollte. Und auch das Hinterfragen der «Weisheit» von U-Boot-Lieferungen aus Deutschland an Israel müsste ja, eigentlich, ebenso erlaubt sein. Ist es aber nicht, wenn man die Kommentare in den deutschen Medien zu Grass’ Gedichtetext liest.

Und das ist u.a. auch deshalb nicht nachvollziehbar, weil Günter Grass letzten Endes etwas durchaus Vernünftiges fordert: «Unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen Atompotentials und der iranischen Atomanlagen». Dies, so meint er, könnte allenfalls eine weitere Eskalation stoppen.

In der Tat: die internationale Gemeinschaft misst in der so genannten Atomfrage mit sehr unterschiedlichen Ellen. Da gibt es einerseits die alten «klassischen» Atommächte, USA, Grossbritannien, Frankreich und Russland. China wurde in diesem Club aus eigentlich nicht nachvollziehbaren Gründen wenigstens zum Neo-Klassiker, und sowohl Pakistan wie auch Indien akzeptierte man erst grollend, dann stillschweigend. Kein Wort aber über Israel, das nach Schätzungen von Fachleuten über 150 bis 200 Atomsprengköpfe verfügt, keinem Vertrag beigetreten ist und keine Inspektionen zulässt.

Warum akzeptiert man das? Weil man Israel als berechenbare Demokratie betrachtet? Und weil man dem Land in Feindes-Umfeld eine Sonderrolle zubilligt? Ja, beides trifft in gewissem Rahmen aus der Perspektive des Westens, vielleicht auch Russlands und Chinas, zu. Aus regionaler, nah- und mittelöstlicher Perspektive sieht es anders aus: da herrscht die Meinung vor, Israel könne sich, dank US-Protektion, letzten Endes alles erlauben und schiebe eine eigene Bedrohung nur vor, um seine Interessen durchzusetzen. Und aufgrund dieser Einschätzung stellt die Führung in Teheran sich auf den Standpunkt: wenn wir, in unseren (angeblich, möglicherweise, nicht militärischen) Nuklear-Anlagen, ungeschränkte Inspektionen zulassen sollen, warum soll das Gleiche dann nicht auch für Israel gelten?

Es wäre höchste Zeit, etwas Ruhe und Weisheit in diese glücklicherweise vorläufig noch verbale Debatte zu bringen. Sehr gut, dass Günter Grass da einen Denkanstoss gegeben hat – auch wenn er mit einigen seiner Sätze an den Realitäten vorbei zielte.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

5 Meinungen

Ja, völlig, einverstanden. Auch wenn Grass mit seiner «Lyrik» etwas arg bombastisch daher kommt: natürlich hat er Recht. Zumindest ist es einer Diskussion würdig.

Das Kernproblem im Nahen Osten sind weder Israel noch die Palästinenser noch der Iran. Das Problem sind die USA. Sie sind keine stabilisierende Macht in Nahost, sondern eine ewig Unruhe schürende, wenig Verständnis und Kenntnis für die Region aufbringende Vormacht. Sie benehmen sich wie ein pyromaner Feuerwehrmann.

Ihr Hauptinteresse gilt dem Erdöl, und dieses Interesse könnte sich verlagern, wenn die Tiefbohrungen in Alaska jenes gewaltige Ergebnis bringen, das die Amerikaner sich davon versprechen. Vieles deutet darauf hin. Dann wird Nahost für sie rasch an Interesse verlieren. Das wäre gut. Wir werden das noch erleben.

Vor der Gründung Israels gab es in der Region kaum Antisemitismus (in dieser “Disziplin” waren wir Europäer führend), ebenso wenig im Osmanischen Reich, das die meisten heutigen arabischen Staaten umfasste. Bis heute gibt es in der Türkei keinen Antisemitismus. In Istanbul und andern Städten existiert seit Jahrhunderten eine sehr bedeutende jüdische Community, die sich in der Türkei sicher fühlt.

Der heutige Antisemitismus in der Region ist in Wahrheit ein Anti-Amerikanismus. Israel wird als amerikanischer Vorposten wahrgenommen, militärisch, machtpolitisch und wirtschaftlich - und ist das faktisch auch. So lange das so ist, wird es keine Lösung geben.

Israels Existenzrecht wird nur noch von Maulhelden in Frage gestellt, aber nicht von der realen Politik. Das Land besitzt zu Recht Atomwaffen zum eigenen Schutz (allerdings ohne jede internationale Kontrolle). Es kann militärisch nicht mehr angegriffen werden.

Das gleiche Recht sollte man – unter scharfer internationaler Kontrolle – dem Iran zugestehen. Zwischen Indien und Pakistan funktioniert diese Strategie des “Gleichgewicht des Schreckens” bestens und auf lange Sicht, was wesentlich zur Stabilisierung der Region betrug. Israel eine ersntzunehmende Planung für den atomaren Erstschlag vorzuwerfen,ist sicherlich masslos übertrieben.

Das atomare Gleichgewicht innerhalb der Region würde auch bedeuten, dass die Amerikaner sich weitgehend zurückziehen könnten, was die Lage entscheidend entspannen würde. Dafür könnte die Rolle Chinas in der Region wachsen, das keine Imperialen Interessen verfolgt: sozusagen als Ueberwacher und Schiedsrichter.

Die Chinesen (wie übrigens auch die Türken und der Russen) stehen der Problematik nicht bloss geografisch sehr viel näher (siehe Afghanistan) als die fernen Amerikaner, die für dieser Region nicht das erforderliche Gespür und das Wissen haben.

Man muss die Nahostfrage völlig neu überdenken, sonst wird man nie zu einer Lösung kommen. Israel muss erkennen, dass die Bereitschaft in der Welt rapid nachlässt, dieses ewige Gezänk mitzumachen, denn in diesem Umfeld gedeiht der internationale Terrorismus am besten.

Das muss zu einem Ende kommen, und zwar bald!

Immerhin: Diese Diskussionen hat der seehundbärtige Polteri Grass angeschoben. Ist doch was! Das gehört eben auch zur Aufgabe jener Schriftstellern, die nicht in erster Linie, wie die meisten schweizerischen Kolleginnen und Kollegen, durch die ewige Beschäftigung mit ihrer eigenen Innerlichkeit vollauf ausgelastet sind...
Fred David, am 07. April 2012 um 14:35 Uhr
Ich kann die zur Schau getragene Ueberempfindlichkeit der Medien überhaupt nicht
verstehen. Was G. Grass schreibt, ist jedenfalls einer offenen Diskussion würdig und
darf nicht zum Voraus abgeurteilt werden.
Paul Spätig, am 07. April 2012 um 14:40 Uhr
Wahrscheinlich müssen wir uns Sorgen machen über einen bösen Krieg gegen den Iran. Vielleicht hat Grass, wie ich auch, nicht übersehen, dass das Terrain publizistisch für einen Atomaren-Erstschlag gegen den Iran bereits vorbereitet wird. Ganz «nichts sagend» wird aus USA berichtet ein «thinktank» wäre zu Schluss gekommen, eine Atombombe aufs Weisse Haus wäre nicht das Ende der Welt. Wer hinter diesen Studien steckt, wurde nicht gesagt – aber es müssen Fundamentalisten sein…
Rolf Raess, am 09. April 2012 um 12:09 Uhr
Mit Ausnahme der Stelle «Er schiesst allerdings übers Ziel hinaus, wenn er Netanyahu unterstellt, seine Militärs wollten einen «Erstschlag» führen, um «das iranische Volk auszulöschen»» pflichte ich Ihrem Artikel grundsätzlich bei. Grass erwähnt Netanyahu schon gar nicht und unterstellt auch keineswegs, dass Israel das iranische Volk auslöschen will. Der Text warnt lediglich, dass die Auslöschung des iranischen Volkes die Folge eines atomaren Erstschlages sein könnte. Und der ist leider nicht von der Hand zu weisen. Was könnte in der Tat nach einem Präventivschlag mit konventionellen Waffen geschehen, wenn der Iran mit Gegenschlägen Israel zum ersten Mal in seiner Geschichte existentiell gefährden könnte? Dann wäre ein atomarer Schlag just von dem von Deutschland gelieferten U-Boot aus sicherlich nicht mehr auszuschliessen, ja sogar wahrscheinlich! Wie aus verlässlicher Quelle auch schon berichtet wurde, war Israel im Jom-Kippur-Krieg vom Einsatz einer solchen Bombe nicht weit entfernt!
Andreas Mathys, am 09. April 2012 um 13:19 Uhr
@) Andreas Mathys, Rolf Raess: Ich glaube, sie treffen da einen Nerv. Es fällt tatsächlich auf, wie die Weltöffentlichkeit langsam aber zielgerichtet auf einen militärischen Schlag gegen den Iran vorbereitet wird . Etwas Ahenliches haben wir vor der Irak-Invasion erlebt, wobei sich ja dann zeigte, wie sehr dort mit gezielten Lügen operiert wurde ("riesige Waffenlager mit chemischen Bomben", «fahrende Kampfgasfabriken", davon wurden sogar um UN-Sicherheitsrat Fotos gezeigt, nichts stimmte).

Dass ernsthaft ein begrenzter Atomschlag in Kauf genommen würde, halte ich allerdings für abwegig. Das würde die Welt in einem Ausmass unsicher machen, wie es keine Macht anstreben kann: die drastische Senkung der Hemmschwelle zum Einsatz von A-Waffen.

Aber in der Tat fielen letzhin gestreute Nachrichten auf, die USA verfügten über A-Sprengköpfe, die einen begrenzten Einsatz auf militärische zuliessen und nicht mehr ganze Städte auslöschen würden. Journalisten sollten hier sehr genau eruieren, woher solche Informationen plötzlich kommen, welche Zielrichtung sie haben könnten und warum sie sich plötzlich häufen.
Fred David, am 09. April 2012 um 14:41 Uhr

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