Edith Wolf-Hunkeler - Marathon im Rollstuhl? © StuartGrout/flickr/cc
Ich habe mich bei Roger Federer immer gefragt, warum gewinnt der immer... © Thea Mauchle

Eine Goldmedaille macht noch keine Inklusion

Jürgmeier / 03. Sep 2014 - SportlerInnen mögen mit Prothesen Gold gewinnen. Die alltägliche Diskriminierung ist deswegen noch lange nicht überwunden.

Ein Gespräch mit Thea Mauchle – Berufsschullehrerin, Präsidentin der BKZ (Behindertenkonferenz Kanton Zürich), Alt-Kantonsrätin, Alt-Verfassungsrätin und seit 24 Jahren Rollstuhlfahrerin.

Stellen Sie sich vor, an den Leichtathletik-Europameisterschaften diesen Sommer in Zürich hätte Edith Wolf-Hunkeler den Marathon im Rollstuhl bestritten, dann hätte die Schweiz eine zweite Goldmedaille gewonnen – wäre das fair gewesen?

Nein, weil sie mit einem ganz anderen Gerät operiert als die anderen, die nur mit eigener Muskelkraft laufen. Jeder Athlet und jede Athletin müsste frei wählen können, ob sie den Marathon zu Fuss oder im Rollstuhl machen will, das wäre fair.

Vor den Europameisterschaften gab es in Deutschland eine grosse Diskussion, weil der deutsche Meister im Weitsprung – der wegen eines amputierten Unterschenkels mit Karbonprothese springt – vom Deutschen Leichtathletik-Verband nicht für die EM nominiert wurde, da er möglicherweise einen Vorteil gegenüber seinen «normalen» Kollegen habe. Wäre die Teilnahme mit Karbonprothesen eine Bevorzugung?

Wenn jemand wie Markus Rehm mit seiner Prothese das Gefühl hat, er könnte es mit AthletInnen ohne Behinderung aufnehmen, dann müsste man das eigentlich zulassen …

Er hat ja die «normalen» deutschen Meisterschaften gewonnen…

…das war das Problem; wäre er nur vierter oder dritter geworden, wäre vielleicht sogar eine Qualifikation für die EM möglich gewesen. Aber rechtlich gesehen, kann der Verband sagen, es sei keine Diskriminierung von Menschen mit Behinderung, wenn er entscheide, er dürfe nicht mitmachen.

Inklusion versus Fairness

Da stehen sich das Prinzip Inklusion (Integration von Menschen mit Behinderung in allen gesellschaftlichen Bereichen) und das Prinzip Fairness gegenüber. In einem On-line-Forum hat jemand geschrieben, jeder müsste das Recht haben, sich einen Unterschenkel abzuschneiden und dann mit Karbonprothese zu starten.

In dieser Spitzensportwelt will man sich mit anderen messen, da ist immer die Frage, was ist fair, was unfair. Ich habe mich bei Roger Federer immer gefragt, warum gewinnt der immer, vielleicht hatte er als Kind Vorteile, konnte immer trainieren, weil die Eltern ihm das ermöglicht haben, wahrscheinlich mit viel Geld; das ist ja theoretisch auch unfair gegenüber denjenigen, die kein Geld haben und erst mit 12, 13 Jahren zu trainieren beginnen können …

… oder kleine Läufer, die haben in bestimmten Laufdisziplinen deutlich schlechtere Chancen als grosse Läuferinnen oder Läufer. Deshalb gibt es in einzelnen Sportarten sehr differenzierte Kategorien, zum Beispiel die verschiedenen Gewichtsklassen beim Rudern …

… Bei den Paralympics sind die Unterschiede zwischen den einzelnen AthletInnen noch viel grösser. Ich zum Beispiel bin ab Brustwirbel 6 gelähmt, wer ab Wirbel 7 oder 8 gelähmt ist, hat ein besseres Gleichgewicht und mehr Rumpfmuskulatur, ich kann deshalb einen Ball schlechter vom Boden aufheben als jemand mit der grundsätzlich gleichen Behinderung …

Eine Methode, um Gerechtigkeit herzustellen, ist die Schaffung differenzierter Kategorien; bei Markus Rehm aber war die Frage – darf jemand mit einer Behinderung seine Leistungen mit technischen Hilfsmitteln verbessern und dann bei den «Normalen» starten? Wie viel technische Verstärkung des Menschen ist zulässig? Jemand hat argumentiert, dann müsste ein kleiner Mensch beim Basketball auch mit Stelzen spielen dürfen…

…versuchen! Wenn jemand sagt, ich möchte mir auch so ein Ding anschnallen, vergisst er, dass Markus Rehm nie einen Fuss hat, und im Alltag kann er nicht mit so einer Sprungfeder herumlaufen, da braucht er eine andere Prothese. Das bedingt unterschiedliche Befestigungsvorrichtungen, es kann medizinische Probleme, zum Beispiel Entzündungen, geben, und vor einem Wettkampf braucht er viel mehr Vorbereitungszeit, die anderen können ihre Schuhe anziehen und losrennen…

Wenn einem der Diskus auf die Füsse fällt

Aber, mit Rollstuhl, haben Sie am Anfang gesagt – das ginge nicht…

Genau, weil ja der ganze Mensch auf Rädern sitzt; beim Deltafliegen kann man auch nicht mit einem Motor starten, dann brauchte es wirklich zwei Kategorien. Ich wehre mich etwas dagegen, dass jeder überall mitmachen kann, das wird teilweise absurd. Ich erinnere mich an Heinz Frei, den 15-fachen Goldmedaillengewinner an Paralympics, er hat immer gesagt, bei diesen Tetraplegikern, die den Diskus oder die Kugel mit grösster Anstrengung knapp vor die eigenen Füsse werfen könnten und aufpassen müssten, dass sie nicht die eigenen Zehen träfen, da fehle ihm die Würde …

… das heisst, er wollte einen Sport betreiben, Rollstuhlfahren eben, der seinem behinderten Körper angepasst ist, und nicht einfach dasselbe machen wie Leute mit «gesunden» Beinen. Es gibt also einen Punkt, an dem diese Vision der Inklusion – in der Schule alle in einem Klassenzimmer, im Sport alle im gleichen Wettkampf – nicht wirklich funktioniert und möglicherweise gerade für die, für die man sich die Inklusion ausgedacht hat, zum Nachteil werden kann?

Ich glaube, es ist eine falsche Vorstellung von Inklusion, wenn überall noch irgendwelche Menschen mit Behinderung dabei sein müssen. Ich finde es auch in der Schule nicht so wichtig, dass immer alle im gleichen Raum sind; für mich ist es auch denkbar, dass man in einem Schulhaus eine Klasse führt, die speziell gefördert wird. Wichtig ist, dass SchülerInnen mit Behinderung grundsätzlich ins Schulhaus-Leben integriert sind und nicht in ein anderes Schulhaus oder sogar in eine andere Ortschaft müssen.

Das heisst, es ist nicht möglich, alle Schülerinnen mit Behinderung jederzeit in eine Klasse zu integrieren, damit würde man ihnen selbst nicht gerecht?

Mein Vater war Heilpädagoge und immer dagegen, als das mit dieser Inklusion aufkam; er hatte das Gefühl, seine SchülerInnen hätten ein neues Selbstbewusstsein entwickelt, weil sie sich mit KlassenkollegInnen messen könnten und so auch einmal gute Noten erhielten, während sie als einzige mit einer Lernschwäche in einer «normalen» Klasse immer wüssten – ich bin sowieso der Letzte.

Wie würden Sie das Dilemma lösen – einerseits der Inklusionsanspruch, andrerseits die Notwendigkeit von Spezialförderung?

Mich stört am meisten, dass man sich für etwas entscheiden muss. Im Prinzip müsste in jedem einzelnen Fall die Wahl bestehen; Eltern und/oder auch die SchülerInnen selber müssten entscheiden können, ob sie versuchen wollen, in einer regulären Klasse vorwärtszukommen, oder ob sie lieber in einer speziellen Klasse zur Schule gehen möchten. Für mich ist das Ganze zu wenig durchlässig …

… das heisst, es braucht ein differenziertes Angebot, damit für jedes Kind die beste Lösung gefunden wird; aber, müsste das nicht auch für nicht-behinderte Kinder gelten?

Genau, das Angebot müsste breiter und offener sein, die Schule müsste viel mehr experimentieren dürfen. Ein Problem ist, dass Menschen ohne Behinderung – wenn beispielsweise ein Kind mit einer Behinderung eine sonderpädagogische Massnahme erhält – schnell das Gefühl haben, ihr Kind sei benachteiligt. Es gab beispielsweise kantonsrätliche Vorstösse, weil ein Schüler nach einer nicht bestandenen Probezeit wegen seines ADS eine zweite Chance bekam. Es wurde argumentiert, es gäbe auch SchülerInnen mit einer Aufmerksamkeitsstörung, aber ohne Diagnose, und die bekämen keine Sonderbehandlung…

Die Prüfungen abschaffen - das wäre Chancengleichheit

Da kommen wir an denselben Punkt wie beim Sport; es gibt ja auch Kinder, die aufgrund ihrer sozioökonomischen Herkunft benachteiligt sind, auch die müssten eine Prüfung wiederholen können ...

Genau…

Lässt sich das überhaupt in diesem kompetitiven System lösen…

Nein, eben nicht, die beste Lösung wäre, die Prüfungen abzuschaffen, dann hätten alle gleiche Chancen…

Sportliche Wettkämpfe ohne SiegerInnen, Schule ohne Noten – das wäre wirklich Inklusion…

… Schule ohne Noten – das wäre sicher Inklusion; aber sportliche Wettkämpfe ohne SiegerInnen machen keinen Sinn; aber die Schule sollte kein Wettkampf sein …

… Die Schule bereitet ja auf den Wettkampf des Berufslebens vor, dann dürfte auch das Berufsleben kein Wettkampf sein…

Ja…

… das heisst, den Wettkampf auf den nicht wirklich ernsten Teil des Lebens beschränken? Warum nicht auch das Siegen im Sport abschaffen, zugunsten der Inklusionsutopie?

Der Anspruch der Inklusion ist mir zu abstrakt, die Welt der Menschen mit Behinderung ist nicht in Ordnung, nur weil sie immer überall dabei sein dürfen. Für mich steht weniger die Frage im Vordergrund, ob es ein Recht gibt, mit Prothesen an Olympischen Spielen teilzunehmen, das gibt es, glaube ich, nicht; aber es gibt ein Menschenrecht darauf, dass Breitensport so organisiert wird, dass Mobilitätsbehinderte Zugang zu Schwimm- und Sporthallen haben, dass Garderoben und Toiletten zugänglich sind…

Behindertengerechte Toiletten wichtiger als olympische Medaillen

… Das heisst, es gibt viel konkretere und alltäglichere Probleme für sehr viel mehr Leute als die Frage, ob Markus Rehm mit seiner Karbonprothese an den Olympischen Spielen der so genannt Normalen teilnehmen kann…

… ja, das wäre höchstens symbolisch für die Menschen mit Behinderung, sie könnten sich mit ihm identifizieren und sich sagen, wir haben doch eine Chance. Sport ist die Plattform, wo man zeigen kann, dass man noch viel kann, das gibt Selbstwertgefühl; man sagt sich, ich habe zwar eine Behinderung, aber ich kann‘s euch zeigen, und das möchte Rehm sicher …

Ist das nicht letztlich der Versuch, so zu tun, als ob es die Behinderung gar nicht gäbe, und kann das bei bestimmten Behinderungen nicht zur Überforderung werden?

Genau… Die Paraplegikervereinigung schmückt sich ja gerne mit ihren SupersportlerInnen, und ich werfe diesen SportfanatikerInnen vor, dass sie politisch zu wenig dafür machen, damit alle Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft leben können, dass öffentliche Verkehrsmittel und Gebäude für alle zugänglich sind. Eine Paralympics-Medaille ist im Vergleich zu den Problemen, den Diskriminierungen, denen wir im Alltag ausgesetzt sind, nichts wert.

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Hier können Sie das ganze Gespräch hören.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Wenn sich nur noch SiegerInnen aufs Podest drängen (InfoSperber)

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Eine Meinung

"Nichts wert» am Schluss ist auch nur als Vergleich übertrieben, unlogisch, wenn man denkt, dass es im ganzen Gespräch um die Achtung und Selbstachtung der Behinderten ging; also sind solche Medaillen weder für den einzelnen noch für die Gesamtheit der Behinderten «nichts wert». Das mit den Prüfungen abschaffen hat etwas für sich. Man könnte, um Bildungskosten zu sparen, eigentlich allen Leuten ein Diplom schenken, damit nur noch die studieren, die sich auch für den Inhalt des Studiums interessieren, aber das ist ein anderes Thema.

Die Vorbedingungen sind immer ungleich, nicht nur bei Familie Federer, welch letzterer vom Alltagsleben eines normalen Menschen seit Jahrzehnten ausgeschlossen ist; er konnte sich nie die Unseriositäten und zum Teil auch nicht den Lebensgenuss eines normalen jungen Menschen leisten, so wenig wie einst Mozart, der sich immerhin verbal dann und wann etwas abreagierte. Zwischen dem Leben von Genies und von Handicapierten gibt es Überschneidungen, worauf vielleicht sogar die Handicapierten ein bisschen stolz sein dürfen. Es bleibt aber dabei, dass ein theoretisch möglicher Weltrekordsprung von Rehm über 9 Meter mit einer optimalen Prothesenfeder unmöglich als andere Spitzenleistung denn als seine persönliche Bestleistung eingeschätzt werden könnte. Das wäre nicht wenig, aber kein Zweibeiner-Weltrekord im Weitsprung.
Pirmin Meier, am 03. September 2014 um 11:35 Uhr

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