Orchestra della Svizzera italiana © OSI

Orchestra della Svizzera italiana

SRG kürzt Beiträge für Tessiner Orchester

Beat Allenbach / 01. Apr 2017 - Die SRG will nur noch die Konzerte bezahlen, die sie in Auftrag gibt. Ein kostensparender Systemwechsel.

Die italienische Schweiz scheint einerseits zufrieden zu sein, dass ein neuer Zusammenarbeitsvertrag zwischen der SRG/RSI (Radiotelevisione della Svizzera italiana) und der Stiftung für das Orchestra della Svizzera italiana (OSI) zustande gekommen ist; der Vertrag gilt ab 2018 für mindestens sechs Jahre. Andererseits bedeutet der Vertrag einen Systemwechsel und einen weiteren Rückzug der SRG – verbunden mit einer Art Erpressung.

Produktionskosten gehen neu zulasten des Orchesters

Das Orchester der italienischen Schweiz befindet sich musikalisch gesehen, so die Kenner, in einer ausgezeichneten Verfassung, und es hat auch ein zahlreiches treues Publikum. Doch die SRG muss sparen und verschont das OSI nicht. Sie hat entschieden, nicht weiterhin mit einem Grundbeitrag für über einen Drittel der Kosten fürs Orchester und die Konzertproduktion aufzukommen. Sie stellt nicht weiterhin jährlich drei Millionen zur Verfügung, sondern finanziert künftig nur noch die in Auftrag gegebenen Konzerte des OSI im Wert von mindestens zwei Millionen Franken pro Jahr. Das Auftragsverhältnis bedeutet zudem, dass das Orchester künftig für die Proben und die Konzerte im Musiksaal im Radio Studio in Lugano-Besso Miete zahlen und auch die Kosten für Dirigenten, Solisten und ganz allgemein die Produktion übernehmen muss. Aufgrund dieses Systemwechsels wird die SRG nicht mehr im Stiftungsrat des OSI vertreten sein. Was diese tiefgreifende Änderung für die Musikabteilung der RSI bedeutet, ist noch nicht absehbar.

Gleichwohl wurde der neue Vertrag im Tessin mit Genugtuung aufgenommen. Trotz ihres Rückzugs aus der Verantwortung fürs Orchester wurde die SRG nicht öffentlich kritisiert. Der Vizepräsident des Stiftungsrats des Orchesters, der angesehene Anwalt Mario Postizzi, sagte: «Wir können keinen Sieg feiern.» Das war der deutlichste, wenn auch sehr höfliche Einwand. Der Direktor der RSI (Radiotelevisione della Svizzera Italiana), Maurizio Canetta, zeigte sich sehr zufrieden über den neuen Vertrag. Er hatte sich im Vorfeld der Verhandlungen nie öffentlich zugunsten einer möglichst vorteilhaften Vereinbarung fürs Orchester eingesetzt.

CORSI-Präsident sieht über Erpressung hinweg

Erstaunlich ist, dass auch alt Staatsrat Luigi Pedrazzini, der Präsident der Trägergesellschaft CORSI, sich zufrieden zeigte. Zum Passus im Vertrag, wonach dieser um zwei Jahre verlängert würde, sofern der Kanton Tessin das Gebäude des Radios in Lugano-Besso kaufe, sagte der Jurist Pedrazzini in seiner Stellungnahme gegenüber dem «Corriere del Ticino» kein Wort. Diese kaum verhüllte Erpressung hat er offensichtlich klaglos hingenommen.

Roger de Weck, der Generaldirektor der SRG, anerkennt die herausragende Bedeutung des OSI für das kulturelle Leben der italienischen Schweiz und weist auch darauf hin, dass es für eine kleine Region eine Herausforderung sei, ein grosses Orchester zu finanzieren. In der Pressemitteilung der SRG wird de Weck zudem mit folgendem Satz zitiert: «Die SRG trägt mit der neuen Vereinbarung diesen besonderen Umständen Rechnung. In Erfüllung ihres Kulturauftrags und zugunsten der eidgenössischen Kohäsion unterstützt die SRG die Musikproduktion in der italienischen Schweiz weit stärker als in der Romandie oder der Deutschschweiz.» Es ist seltsam und unredlich, das Tessin, das weniger Einwohner zählt als die Stadt Zürich, und das mit den vier Tälern Südbündens die italienische Schweiz bildet, mit den anderen mehrfach grösseren und wirtschaftlich stärkeren Sprachregionen zu vergleichen.

Ehemaliger Direktor drohte mit Rücktritt

Als das Radio-Orchester im Tessin 1991 zum Orchestra della Svizzera italiana wurde und die SRG nicht mehr die vollen Kosten übernahm, beteiligte sich der Kanton Tessin mit jährlich drei Millionen. Im Rahmen der Finanzplanung der SRG für die Jahre 2005 bis 2008 waren es nach Aussagen des damaligen Direktors der Radiotelevisione della Svizzera Italiana, Remigio Ratti, seine Kollegen aus den andern Sprachregionen, die wiederholt auf die Kürzung der Beiträge ans OSI drängten. Ihr Argument: auch sie müssten sparen. Der Ökonom Ratti entgegnete, dass beim Orchester nicht in buchhalterischer Weise der Spargriffel angesetzt werden dürfe, und fügte bei, sofern die Diskussion weitergeführt werde, reiche er seinen Rücktritt ein. Der damalige Generaldirektor Amin Walpen bat darauf die Sitzungsteilnehmer, das Thema ruhen zu lassen.

Im Jahr 2013 trat ein neuer Zusammenarbeitsvertrag in Kraft, welcher den Beitrag der SRG auf die bis Ende 2017 geltenden zwei Millionen Franken beschränkte; dazu sind die von der RSI geleisteten Kosten für die Produktion von Konzerten sowie u.a. für Miete und Archiv im Wert von rund einer Million zu zählen. Gegen jene Beitragsreduktion leistete die damalige Leitung der Radiotelevisione della Svizzera Italiana keinen Widerstand. Als teilweise Kompensation erhöhte der Kanton Tessin im Jahr 2013 seinen Kostenbeitrag von 3,5 auf 4 Millionen. Überdies zahlt die Stadt Lugano seit 2013 jedes Jahr eine halbe Million Franken. Mehrere andere Gemeinden, die Freunde des Orchesters sowie verschiedene Sponsoren leisten weitere Beiträge von jährlich über 750'000 Franken.

Ehemals (fast) drei Radioorchester

Anlässlich der Gründung im Jahr 1931 der SRG (damals Schweizerische Rundspruchgesellschaft, heute Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft) beschloss der Zentralvorstand in seiner ersten Sitzung, dass die drei Sprachregionen je ein eigenes Orchester haben sollten. Die während Jahrzehnten von der SRG finanzierten Orchester spielten im kulturellen Leben eine wichtige Rolle. In den 1990er Jahren begann sich die SRG zurückzuziehen, wie wir am Beispiel des OSI aufgezeigt haben. 1997 fusionierte in der deutschen Schweiz das Radio-Sinfonieorchester Basel mit dem Basler Sinfonieorchester. Noch heute besteht ein Vertrag über die Aufzeichnung, Übertragung und Abgeltung von Konzerten der Deutschschweizer Berufs-Sinfonieorchester.

In der Westschweiz bestand eine besondere Situation: Das 1918 vom herausragenden Dirigenten Ernest Ansermet gegründete Orchestre de la Suisse Romande (OSR) und die SRG arbeiteten seit den 30er Jahren eng zusammen, doch das OSR war nie ein eigentliches Radio-Orchester. Mit der SRG verbunden war ebenfalls das 1942 gegründete Orchestre de Chambre de Lausanne; die beiden Orchester bestritten einen wichtigen Teil der Musikproduktion für Radio- und Fernsehen der französischen Schweiz. Nach Auskunft der SRG ist die finanzielle Unterstützung der beiden Orchester, namentlich seit 2004, deutlich reduziert worden; Zahlen nennt sie nicht.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

Eine Meinung

Bildungsabbau findet nicht nur bei der SRG statt, sondern auch bei den Privatmedien, die zunehmend musikalische Bildung durch Publireportagen zur Kulturindustrie ersetzen. Heute ist Zuhören nicht mehr gefragt. Der Hörsinn muss auf Triebbefriedigung abgerichtet werden, damit die Leute mehr elektronischen und elektronisch designten Schrott kaufen. Die Kulturtaliban wirken nicht nur wie Peter Boudgoust, indem sie ein ganzes Orchester auflösen, sondern auch, indem sie frische Produktionen gleich gratis ins Netz stellen und die entsprechenden Plattformen noch mit Firmenwerbung legitimieren. Bürgerliche Politiker und Kulturfunktionäre sind heute selber unreife Persönlichkeiten, die in der Kultur lieber den Spass fördern als die Arbeit.

Die Bürgerlichen haben die Gesellschaft gezielt infantilisiert, damit Triebe wichtiger sind als der Erkenntnisgewinn, den man hat, wenn man einem Musikstück wie einem Menschen auch zuhören kann. Das unreife Selbstverständnis schlägt vom Bürger auf Politiker und Funktionäre zurück, so dass wir im Grunde auf immer mehr Witzfiguren stossen anstelle von Persönlichkeiten, die eine natürliche Autorität ausstrahlen. Wie die Öffentlichkeit mit der Kultur umgeht, ist immer ein Spiegel ihrer Reife. Wenn man lieber die «Klubkultur» und laute Sportwagen fördert als das differenzierte Hören, sind wir näher bei der rohen Natur als bei der Kultur.
Thomas Läubli, am 18. April 2017 um 23:30 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein, um Ihre Meinung unter Ihrem richtigen Namen zu äussern. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Achtung: Die Länge der Einträge ist beschränkt und wir erlauben nicht, zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander zu platzieren. Unnötig herabsetzende Formulierungen ändern oder löschen wir ohne Korrespondenz.