Wir leben, um für die Krankenkassen zu arbeiten

Hanspeter Guggenbühl © Guggenbühl
Hanspeter Guggenbühl / 02. Sep 2014 - Die Einheitskasse hat Vorteile, aber offenbar auch einen Nachteil: Sie spart neben Kosten auch Arbeit

Wir arbeiten, um zu leben. Dachte ich. Und freute mich, wenn es mir gelang, meine freie Zeit zu mehren und meinen nicht besonders üppigen Lebensunterhalt mit möglichst wenig Berufsarbeit zu finanzieren. Inzwischen aber, so fürchte ich, gilt das Gegenteil: Wir leben, um zu arbeiten.

Das gilt speziell für die Schweiz. Beim Arbeiten sind wir Weltmeister. Unser Land hat die höchste Erwerbsquote: Über 90 Prozent der 15- bis 65-jährigen Personen sind erwerbstätig. Unsere mittlere Arbeitszeit liegt ebenfalls weit über dem globalen Durchschnitt. Dazu kommen Millionen von Überstunden. Die Zahl der «Workaholics» dürfte hierzulande die Zahl der Alkohol- oder Sexsüchtigen weit übertreffen.

Das Glück der Schweizerinnen und Schweizer muss in der Arbeit liegen, könnten Aussenstehende meinen. Doch dann erfahren sie (und wir) die Kehrseite: Ein Drittel der Arbeitstätigen leidet heute unter negativem Stress, Tendenz steigend. «Burn-out» und andere psychische Krankheiten nehmen zu – und lassen damit auch die Kosten der Krankenkassen anhaltend steigen.

Das stetige Wachstum von Erwerbsarbeit und Krankenkassenprämien könnten wir jetzt zumindest bremsen: Mit der Einführung einer öffentlichen Krankenkasse. Denn wenn nicht mehr x verschiedene Krankenkassen mit aufwendigem Marketing um Kunden und Kundinnen für die obligatorische Grundversicherung buhlen müssen, so zeigt ein Gutachten der Initianten, liesse sich im Gesundheitswesen die Arbeit von 2250 Personen einsparen.

Doch für die arbeitsame Schweiz scheint das Einsparen von unnötiger Arbeit eine Horrorvorstellung zu sein. Das illustriert eine Schlagzeile, die ein offensichtlich arbeitssüchtiger Redaktor am 17. August auf die erste Seite der «Schweiz am Sonntag» setzte: «Einheitskasse vernichtet 2250 Arbeitsplätze».

Merke: Wir arbeiten nicht für unseren Lebensunterhalt, sondern für die Krankenkassen.

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4 Meinungen

Welch toller Artikel, Herr Guggenbühl. Arbeiten Sie fürs Initiativkommittee? Diese Zahl der Stellen, die angeblich verloren gehen, stammt aus einem Gutachten der Initianten. Seit wann sind staatliche Institutionen dafür bekannt, besonders effizient zu arbeiten? Die Krankenversicherer haben über die Branche einen Verwaltungsaufwand von 5,4% (darin sind sämtliche Lohnkosten inbegriffen). Die IV liegt weit darüber, die oft als Beispiel genannte Suva liegt weit darüber, ausländische Einheitskassenvorbilder liegen weit darüber und brillieren mit Milliardendefiziten. Das Argument, eine Einheitskasse würde sparen und zu tieferen Prämien führen, ist eine unglaubwürdige Behauptung auf tönernen Füssen.

P.S.: Ich arbeite bei einem Krankenversicherer und kann Ihnen versichern, dass hier effizient gearbeitet wird und tagtäglich diskutiert wird, wie man den Kundenservice bestmöglich sicherstellen kann. Finden Sie mir eine staatliche Institution, die sich im selbem Ausmass ersthaft ums Kundenwohl bemüht.
stefan heini, am 02. September 2014 um 11:42 Uhr
Sie finden Wettbewerb im Gesundheitswesen unnötig. Das kann ich respektieren. Aber ihre Anwürfe laufen am Ende auf eine ideologische Diskussion hinaus.

Fakt ist, dass Krankenversicherer auf die Kosten schauen, weil sie im Wettbewerb stehen - als einzige Mitspieler des Systems. Weil dieser Wettbewerb spielt, braucht es z.B. den Risikoausgleich. Das ist nicht kostenlos zu haben. Doch Wettbewerb führt auch im Gesundheitswesen zu besseren Lösungen im Sinne der Versicherten und auch dafür, dass effizient gearbeitet wird. Krankenversicherer sind Treuhänder im Dienste der Versicherten.

Das heutige System ist nicht perfekt, aber die Schweizer Gesundheitsversorgung gehört zur Weltspitze. Eine staatliche Lösung könnte es nicht besser, sie wäre teurer - und Nullkommnix wäre sie mit Milliarden verschuldet. Es gibt im In- und Ausland genügend Beispiele, die dies aufzeigen.
stefan heini, am 02. September 2014 um 15:46 Uhr
Sie beschuldigen pauschal: die Krankenversicherer, Helsana, Rob Hartmans und mich. Für Sie sind die Krankenversicherer des Teufels (anscheinend) und meine Argumente zählen für Sie nicht, bloss weil ich in der Kommunikation eines Krankenversicherers arbeite. Bei solch geballter Ladung Voreingenommenheit ist eine Diskussion schwierig. Besonders, wenn sie wegen ihrer geballten Faust in der Tasche einhändig schreiben.

So wie ich Sie verstehe beschuldigen Sie die Krankenversicherer, dass sie auf die Kosten schauen. Das ist richtig. Würden sie es nicht tun, würden die Prämien noch viel rascher ansteigen. Tatsache ist auch, dass hier keine Willkürentscheide getroffen werden. Das BAG macht die Gesetze; wir halten uns daran.

Und nochmals: Hier kümmert man sich wirklich um den Kunden. Würden wir dies nicht tun, wechselten die Kunden zur Konkurrenz. Überzeugen Sie sich selbst davon; gerne lade ich Sie zu einem Besuch ein.
stefan heini, am 02. September 2014 um 16:47 Uhr
Die Leistungen in der Grundversicherung sind gesetzlich vorgegeben. Wo ist der Wettbewerb? Beim Prämien einziehen? beim Leistungen bezahlen? Bei den 61 Geschäftsführungen? bei 61 Aufsichtsräten? bei 61 Computersystemen? bei 61 Verwaltungsgebäuden? Eine Einheitskasse ist sicher rationeller und kann auch Missbräuche der Leistungserbringer rascher entdecken! Es ist Zeit für eine Straffung!
Marcel Hablützel, am 02. September 2014 um 18:40 Uhr

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