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Sprachlupe: Hand aufs Herz – sind Sie identisch?

Daniel Goldstein / 12. Nov 2016 - Identität ist, was der Ausweis bestätigt. Aber nicht nur: Der Begriff wird mit vielen Merkmalen aufgeladen bis zur Unbrauchbarkeit.

«Ich bin, der ich bin» – diese Worte haben die alten Hebräer Gott in den Mund gelegt, und es ist bis heute die beste denkbare Umschreibung der Identität. Sie gilt, da nach derselben Quelle der Mensch als Gottes Ebenbild erschaffen ist, auch für alle Angehörigen dieser Spezies. Mit anderen Worten: Die Identität ist etwas Individuelles, noch individueller als die DNA, die sich eineiige Mehrlinge ja teilen, ohne identisch zu sein. Nicht umsonst trägt jede Schweizer Identitätskarte eine Versichertennummer, die nur zu einem einzigen Menschen gehört. Anders als die frühere AHV-Nummer verrät sie keinerlei Eigenschaften der bezeichneten Person. Von lateinisch «idem» (derselbe) abgeleitet, bedeutet «Identität» so etwas wie «Selbstigkeit».

So einfach wäre das, und doch wird meistens unter «Identität» etwas verstanden, das von bestimmten Eigenschaften definiert ist. Damit beginnen die Probleme: Welche Eigenschaften gehören dazu, und wer bestimmt, ob eine Person diese aufweist? Das Geschlecht etwa ist für die meisten Leute etwas Eindeutiges, aber nicht für alle. Die Staatsangehörigkeit eines Menschen – er kann auch mehr als eine haben – ist in Dokumenten festgelegt. Und doch stösst man auf die Ansicht, zum «echten» Schweizer oder anderen Staatsangehörigen gehöre mehr als der entsprechende Pass.

Nebulöse Gruppen-Identität

Sobald es um Gruppen geht, ist es um die Klarheit des Begriffs «Identität» vollends geschehen. Weder reicht es, sich zu einer Gruppe – einer religiösen etwa – zu bekennen, um von dieser bedingungslos akzeptiert zu werden, noch kann jemand immer verhindern, einer bestimmten Gruppe zugerechnet zu werden. Vielmehr kann ihm das sogar passieren, wenn er nicht anerkennt, dass es die entsprechende Kategorie überhaupt gibt – etwa Rasse oder Volk (anders als staatsbürgerlich verstanden). Oder wenn er bestreitet, dass eine bestimmte Eigenschaft, zum Beispiel die Muttersprache, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe bedeutet, ausser im banalen Sinn «alle mit dieser Muttersprache».

Die volle Problematik der – ererbten, gewählten oder zugeschriebenen – Identitäten zeigt sich, wenn damit Vor- oder Nachteile verbunden sind. Niemand kann einer Diskriminierung entgehen, nur weil er sich gar nicht als Mitglied der benachteiligten Gruppe empfindet. Und werden einer solchen Gruppe ausgleichende Vorteile eingeräumt, wie bei der Vergabe mancher Studienplätze in den USA, dann braucht es eine Art Rassengesetze, um die Berechtigung festzulegen. In einer diskriminierungsfreien Gesellschaft wäre das nicht nötig, und es bliebe jedem Individuum überlassen, welche seiner Eigenschaften es als Teil seiner Identität auffassen will – wenn überhaupt. Auch «ich bin, der ich bin» muss reichen.

Geschichte prägt, aber nicht «uns»

Es steht niemandem zu, Mitbürgern aufgrund bestimmter Eigenschaften die volle Zugehörigkeit zum Staatswesen abzusprechen. CVP-Präsident Pfister hat das knapp vermieden, als er den Islam nicht und das Judentum «nur indirekt» als zur Schweiz gehörend anerkannte, weil «wir christlich-jüdische Wurzeln haben». Ähnlich redete der Berner SVP-Regierungsrat Neuhaus: «Das Christentum gehört quasi zur DNA unseres Kantons, zu unserer bernischen Identität.» Auch ihm ging es wohl, wie Pfister, um die «historische Prägung des Landes und der Kultur». Die gibt es, aber sie taugt nicht als «Wir»-Definition.

Im Namen solcher Prägungen treten in Frankreich, Deutschland und Österreich «identitäre» Gruppen gegen Fremdeinflüsse auf, seien es kulturelle oder personelle, also Einwanderung. Den Walliser SVP-Bildungsdirektor Freysinger sehen sie gern als Gastredner. Diese Gruppen haben im Begriff «Identität» eine unverfänglich scheinende Etikette gefunden, unterscheiden sich aber in ihren Zielen und zuweilen im Auftreten kaum von offen rechtsextrem und rassistisch agierenden Kameraden.

--- Zum Infosperber-Dossier «Sprachlupe»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und schreibt für die Zeitung «Der Bund» die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.

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4 Meinungen

"Identitär» ist ein fragwürdiges Schlagwort geworden. Was das Christliche als Kultur betrifft, sollte es historisch nicht mit der Aufklärung als Gegenbegriff umschrieben werden, war doch die Aufklärung weit «christlicher» als man denkt. Franz. Aufklärer waren Jesuitenschüler, Voltaire bevorzugte fromme Mägde und der Text von Rousseau, «Bekenntnisse eines savoyardischen Vikars» aus «Emile» begründete die liberale Theologie. Goethe, wiewohl ungläubig, pflegte zu sagen «Wir Protestanten», hat im Faust und im Rochusfest zu Bingen den Katholizismus profilierter dargestellt als sog. christliche Dichter. Nietzsche ist als Produkte eines protestantischen Pfarrhauses zu verstehen, seine Religinskritik war christlich, wobe er den Islam bewunderte als «eine Religion für Männer» . Demgegenüber äusserten sich Rousseau und Voltaire äusserst «islamophob». Und es ist kein Zufall, dass die aufgeklärteste Verfassung Europas, die erzliberale Bundesverrfassung der Schweiz von 1848, die vollen Bürgerrechte noch an die christliche Konfession binden wollte, was indes vor allem gegen das Judentum gerichtet war. Dabei gehören jüdische Philosophen wie Baruch de Spinoza und Moses Mendelssohn in vielem zum «Christlichen Abendland», ein Ausdruck, der aber für heutige politische Auseinandersetzungen meines Erachtens extrem schräg wirkt. Wir leben weder in einer christlichen Gesellschaft noch in einer pluralistischen, eher sind wir ein Volk religiöser Analphabeten. Dies fördert die Toleranz keineswegs.
Pirmin Meier, am 12. November 2016 um 10:52 Uhr
PS. Kants Ethik wurde von Nietzsche wohl mit Recht als säkularisiertes Christentum interpretiert. Sie blickt weder nach Mekka noch nach Rom.
Pirmin Meier, am 12. November 2016 um 10:54 Uhr
Abendland – da war mal was: http://www.infosperber.ch/Artikel/Gesellschaft/Was-macht-das-Abendland-aus
Daniel Goldstein, am 12. November 2016 um 17:30 Uhr
Mir war dieser Satz ins Auge gesprungen. Zitat: «Es steht niemandem zu, Mitbürgern aufgrund bestimmter Eigenschaften die volle Zugehörigkeit zum Staatswesen abzusprechen."
Genauso wenig steht es irgend einem Menschen zu, Mitbürgern aufgrund von subjektiven Einschätzungen, scheinbaren Interessengruppen, bzw. objektiven Identitäten einzuordnen. Es scheint wohl noch immer gefährlich zu sein einem Menschen, frei von Bildern, kennen zu lernen.
Barbara Vögeli, am 15. November 2016 um 10:04 Uhr

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