Ein Schlauchboot voller Flüchtlinge hat es nach Lesbos geschafft (in der Nähe des Dorfes Sikamineas) © Christian Zeier
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Vor Ort auf Lesbos: EU streut Sand in die Augen

Christian Zeier, Lesbos / 29. Dez 2015 - Von türkischer Küstenkontrolle ist wenig bemerkbar. Weiterhin landen in Griechenland viele Flüchtlinge und einige sterben.

Ein Augenschein Mitte Dezember auf der griechischen Insel Lesbos lässt keinen Zweifel: Obschon die Bedingungen stetig gefährlicher werden, setzen noch immer täglich tausende Flüchtlinge auf die griechischen Inseln über. Die Politik hat bislang wenig bewirkt.

Es ist Winter auf der Ägäis. Eiskaltes Wasser, starke Winde, tiefe Temperaturen - wer jetzt von der Türkei auf die griechischen Inseln übersetzt, riskiert sein Leben. Und doch: Noch immer verzeichnet Griechenland mehr als 3000 Bootsflüchtlinge pro Tag, alleine auf Lesbos sind es fast 2000 im Schnitt. 45 Prozent von ihnen: Frauen und Kinder.

Ein Mittwochnachmittag im Dezember. Wie jeden Tag stehen an der Nordküste von Lesbos hunderte Freiwillige aus aller Welt. Sie sind gekommen, um Boote in Not zu retten, Verletzte medizinisch zu betreuen und den Ankommenden trockene Kleider anzubieten. Sie sind es, diese meist jungen Spanier, Amerikaner, Holländer, Norweger, Griechen oder Schweizer, die Griechenland vor einer humanitären Katastrophe bewahren. Manche von ihnen werden sich am Ende dieses Tages auf die Schultern klopfen. Andere werden weinen.

Ein Boot in Seenot

Es ist kurz vor 15 Uhr, als am Strand von Eftalou Unruhe aufkommt. Ein Flüchtlingsboot soll sich zwischen der Türkei und Lesbos in Seenot befindet. Ein Schiff der EU-Grenzschutzorganisation Frontex kommt in Sicht, ein Boot der griechischen Küstenwache, dann die zivilen Rettungsboote von Proactiva, Médecins sans Frontière, Greenpeace und Seawatch. Sie alle steuern auf einen Punkt zu, dort muss sich das Boot in Seenot befinden, inmitten der Wellen, die über die Reling des grossen Frontex-Schiffs schlagen. Dann die Nachricht per Funk: Menschen im Wasser. Das Flüchtlingsboot geht unter.

Die Freiwilligen an der Küste springen in ihre Autos, fahren los Richtung Molyvos, dem malerischen Dörfchen am westlichen Ende der Nordküste. Sie wissen: Wenn die Rettungsboote die Flüchtlinge an Land bringen, brauchen diese unmittelbare Hilfe. Per Funk und Whatsapp halten sie sich auf dem Laufenden, erfahren, dass nur die kleineren Boote Molyvos ansteuern, während das Frontex-Schiff mit einem Grossteil der Flüchtlinge in den tieferen Hafen von Petra fährt. Obwohl keine Behörde koordiniert, kein Staat die Fäden zieht, funktioniert die Organisation: Innert Kürze füllen sich beide Häfen mit Ambulanzen, Sanitätern und weiteren Helfern.

Kälte und Leere

In Petra werden die ersten Flüchtlinge von Bord gebracht, klatschnass, zitternd, einige unter Schock, andere unterkühlt.

Betreute Flüchtlinge im Hafen von Petra (Bild Christian Zeier)

Die ganz kritischen Fälle werden mit Ambulanzen ins Spital gefahren, wer laufen und sprechen kann, wird vor Ort versorgt - medizinisch, aber auch mit Wärmedecken und trockenen Kleidern. Dort wo sich die nassen Hosen stapeln, riecht es nach Urin.

Etwas mehr als achtzig Personen waren auf dem sinkenden Boot, die meisten von ihnen Iraker. Eine Frau liegt am Boden, mit Decken umwickelt, umsorgt von Sanitätern. Ein Mann geht herum, sucht seine Tochter. Eine Familie sitzt in einer Ambulanz – während den beiden Söhnen vor Erschöpfung die Augen zufallen, geht der Blick der Eltern ins Leere. Auch sie vermissen eine Tochter. Erst als die ersten Transporte den Hafen verlassen, sickert die Nachricht durch: Im Bauch des Frontex-Schiffes liegen zwei Leichen. «Ein Mädchen, etwa zweijährig, mit kurzen, dunkle Haaren», sagt ein Arzt, nachdem er das Schiff verlassen hat. Kurz darauf bricht eine Frau weinend zusammen.

Das türkische Spiel

An diesem Abend sind die Restaurants und Bars in Molyvos auffallend leer. Die Insel trauert, die Freiwilligen versuchen, die Ereignisse des Tages zu verarbeiten. Tag für Tag zeigt sich auf Lesbos, wie wenig die Politik in der Flüchtlingskrise bislang erreicht hat. Zwar hatte die EU Ende November eine Einigung mit der Türkei verkündet: Unterstützung im Rahmen von drei Milliarden Euro, dafür soll die Türkei unter anderem die Grenzen besser sichern. In den darauffolgenden Tagen gingen Ankaras Sicherheitskräfte vehement gegen Flüchtlinge und Schlepper vor – doch schon bald kehrte Ruhe ein. Jetzt kommen die Boote wieder jeden Morgen, die meisten innerhalb weniger Stunden, als existierte irgendwo ein Zeitplan, an den sich die Schlepper halten. Das einzige, was sich leicht verändert hat, sind die Routen: Die Überfahrt ist tendenziell länger geworden und gefährlicher, mehr Boote kommen im Süden der Insel an, die Schlepper verlangen noch höhere Preise.

Mitte Dezember ging in diversen Medien die Meldung um, dass im Dezember deutlich weniger Flüchtlinge gekommen seien als in den Vormonaten. Doch dieser Rückgang hat wenig mit der Türkei, wenig mit der Politik zu tun. Jedes Jahr schiessen die Zahlen kurz vor Wintereinbruch in die Höhe, im Oktober und im November kommen die meisten Menschen, weil sie wissen, dass es danach gefährlicher wird. Im Winter dann sinken die Zahlen – nur diesmal weniger stark als gewohnt. Also versucht es die EU weiter. Eine eigene Küstenwache soll bis Mitte 2016 aufgebaut werden, die in der Ägäis auch gegen den Willen Griechenlands aktiv werden könnte. Zudem will die «Koalition der Willigen», bestehend aus zehn vorwiegend west- und nordeuropäischen EU-Staaten, die Übernahme von Flüchtlingskontingenten aus der Türkei vorbereiten. Die Idee dahinter: Ankara wird entlastet und stoppt dafür den Flüchtlingsstrom. Ob und wie das funktionieren kann, ist umstritten.

Kein Ende in Sicht

Auf Lesbos zumindest sind die Meinungen gemacht. Egal wen man fragt – ob Rettungsschwimmer, NGO-Vertreter oder Hotelbesitzer – kaum jemand rechnet damit, dass die Krise bald zu Ende ist. Die einen kaufen Dutzende Heizungen, um die Flüchtlinge am Strand wärmen zu können. Die anderen fordern die Politik auf, endlich sichere Überfahrten zu ermöglichen. Und die Bewohner von Lesbos machen sich Gedanken, wie ihre Zukunft aussehen wird. «Ich würde gerne sagen, dass im Sommer alles vorbei ist», sagt Panagiotis Mariolas, der mehrere Hotels in Molyvos betreibt.«Aber die Realität ist: Tag für Tag werden Tausende kommen. Damit müssen wir leben. Daraus müssen wir das Beste machen.»

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Christian Zeier arbeitet als freier Journalist in Bern, unter anderem für die NZZ am Sonntag, die Berner Zeitung und die Zeit. Mehr von ihm auf seiner Webseite.

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