AfD Gauland Boateng Rassismus © Der Spiegel

«... finden ihn als Fussballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.»

«Einen Boateng» oder die Gaulandsche Verteidigung

Jürgmeier / 12. Jun 2016 - «Mir ist der Herr Boateng gewissermassen vor die Füsse gelegt worden, und ich bin darüber gestolpert.» Realer geht Satire nicht.

Sechs Tage nachdem die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung FAS – zu Unrecht wie noch zu zeigen ist – «Gauland beleidigt Boateng» getitelt hat (29.5.2016), beklagt der stellvertretende Vorsitzende der Alternative für Deutschland AfD Alexander Gauland im Spiegel: «Mir ist der Herr Boateng gewissermassen vor die Füsse gelegt worden, und ich bin darüber gestolpert.» Am Morgen, noch nicht ganz wach, als er die Zeitung holen will, über dieses Paket Mensch. Und am Sonntagabend, 5. Juni, erklärt er bei Anne Will mit Anne Will im deutschen Ersten: «Ich habe den Namen [Gott behüte] ja nicht in den Mund genommen, sondern er [der FAS-Journalist Eckart Lohse, der neben ihm in der TV-Polstergruppe höckled, Jm] hat ihn in den Mund genommen, mir in den Mund gelegt, und darüber bin ich gestolpert.» Das muss man sich einmal physisch vorstellen. Wie der Journalist Lohse den Namen Boateng in den Mund nimmt, dann dem Politiker Gauland in den Mund legt, und wie der schliesslich darüber stolpert.

«Die Leute finden ihn als Fussballspieler gut …»

Wenn Sie, trotz Fussball-Europameisterschaft, nicht wissen, wer Boateng ist, über den der Gauland, den Sie womöglich auch nicht kennen, so vielfältig gestolpert ist, dann geht es Ihnen wie dem AfD-Politiker, der sich dank Boateng so viel mediale Aufmerksamkeit verschafft hat wie noch nie in seinem Leben. Gauland kannte nämlich «den Fussballer gar nicht» [bei Anne Will]. Nur, würden Sie dann den Satz sagen, den Gauland gesagt hat? «Die Leute finden ihn als Fussballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.» Umstritten ist, ob Gauland diesen Satz für die Öffentlichkeit freigegeben oder in einem von ihm so genannten «Hintergrundgespräch» nur mal für die beiden Journalisten von der FAS, die das protokolliert haben, so dahergesagt hat. Da steht, auch nach der Sonntagsrunde in der ARD, Aussage gegen Aussage. Und es ist – nachdem die Gaulandsche Gleichung mit zwei Unbekannten zu einem der aktuell bekanntesten deutschsprachigen Sätze geworden ist – auch nicht mehr von Bedeutung.

Bemerkenswert ist, was der Politiker (und ehemalige Journalist) Gauland im Zusammenspiel von Politik & Medien erwartet – «dass ein seriöser Journalist noch wenigstens einmal nachfragt und sagt, Herr Gauland, wissen Sie, was Sie da gesagt haben, aber das hat er natürlich nicht gemacht.» Der bei Anne Will mit bösem Seitenblick bedachte Journalist Eckart Lohse hat den Politiker tatsächlich nicht vor sich selbst geschützt, sondern die hypige Schlagzeile «Gauland beleidigt Boateng» ins Blatt setzen lassen. Was Michèle Binswanger am 3. Juni im Tages-Anzeiger «Schrott-Journalismus» nennt. Sie hat recht, der Titel ist ein Auflagenbolzer, vor allem aber verharmlost er, was Gauland eigentlich gesagt hat.

Hätte Alexander Gauland einfach Jérôme Boateng beleidigt, die beiden Männer könnten die Sache unter sich, allenfalls vor einem zivilen Gericht, ausmachen, aber es wäre keine Frage von öffentlicher & politischer Bedeutung. Aber Gauland kannte Jérôme Boateng gar nicht, wie er bei Anne Will zu Protokoll gibt, er wusste nicht, «dass er dunkelhäutig ist, ich wusste nicht, dass er Christ ist, dass er Deutscher ist – all das wusste ich nicht.» All das wollen wir ihm glauben. Obwohl es einigermassen irritiert, dass ein AfD-Spitzenpolitiker nicht weiss, dass nur Deutsche Mitglied der deutschen Fussballnationalmannschaft sein können. Womöglich hat ihm da der Satz seines Freundes Björn Höcke – einem der Buschmesser der AfD – einen Streich gespielt, die Aussage, die er im Spiegel für richtig erklärt & zitiert: «Indem ich die deutsche Grenze überschreite und einen deutschen Pass habe, bin ich noch keine Deutscher.»

«… Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.»

Vor allem aber durfte er Boateng nicht kennen, um sagen zu können, was er gesagt hat und offensichtlich sagen wollte. Seit er weiss, wer das Individuum Jérôme Boateng ist, lässt er sich mit der Aussage zitieren: «Den Fussballstar Boateng will natürlich jeder neben sich haben» (Spiegel, 4.6.2016). Aber «einen Boateng» eben nicht. Dem Spiegel – der vorsorglich darauf hinweist: «die Aufnahmegeräte laufen» – verrät Gauland, was er denkt, als die Berliner FAS-Korrespondenten im Rahmen des hintergründigen Gesprächs – u.a. über den programmatischen Grundsatz der AfD, der Islam gehöre nicht zu Deutschland – ihm den Namen Boateng nennen: «Das wird wohl jemand sein, der fremd in Deutschland ist. Ein Muslim, denn darum ging es.»

Einen Europäer, einen Amerikaner stellt er sich beim Namen Boateng nicht vor, die seien ihm alle nicht fremd, aber «Menschen aus dem Inneren der Türkei oder manchen nahöstlichen Ländern», Menschen mit dieser speziellen Religion, wie er den Islam bezeichnet. Konkret: «An der Hautfarbe alleine würde ich mich überhaupt nicht stören, eher an einem Konglomerat von Fremdheitsfaktoren: fremde Kultur, andere Religion, andere Lebensauffassung – und eine schwierige soziale Herkunft. Natürlich gibt es Ausnahmen: Die vielen klugen Fernsehjournalistinnen, die einen türkischen oder iranischen Namen haben, sind natürlich in einer Weise integriert, dass wir darüber gar nicht reden müssen.» Und da, wo er wohne, hält er im Spiegel-Gespräch fest, lebten nur Menschen, die «sozial so gestellt» seien, «dass es überhaupt keine Konflikte gibt.» Das ist Rassen-, das ist Klassensprache.

Rassistische Stereotype

Es macht ja rassistische Aussagen aus, dass sie sich nicht auf ein Individuum, zum Beispiel Jérôme Boateng, beziehen, sondern sozialen, ethnischen oder kulturellen Kollektiven pauschal irgendwelche (positiven oder negativen) Stereotype zuschreiben und sie so abwerten beziehungsweise erhöhen. Das Individuum ist immer die Ausnahme. Selbst in Nazideutschland kannten viele einen Juden, der gar nicht wie ein Jude war. Gauland genügt der Name, Boateng, um zu wissen: «Das wird wohl jemand sein, der fremd in Deutschland ist.» Genügt in solcher Logik der Name Gauland, um zu unterstellen, das werde wohl ein alter (Neo-)Nazi sein? Vor allem, wenn der in einem bei Anne Will ausgestrahlten Rede-Ausschnitt sagt: «Wir wollen das Land behalten, wie wir es von unseren Vorvätern übernommen haben …» Und live wiederholt: «Ich möchte dieses Land behalten, wie wir’s von unseren Vätern ererbt haben.» Was ist das Deutschland der Vorväter oder Väter bei einem mit Jahrgang 1941?

Übrigens – Gauland sagt: «Die Leute finden ihn als Fussballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.» Indem er sie «den Leuten» in den Mund legt – hoppla – verschafft er sich die Möglichkeit, sich jederzeit von seiner eigenen Aussage zu distanzieren. Und in einem auf Spiegel online am 31. Mai veröffentlichten Brief an seine Parteifreunde erklärt er: «Streng genommen habe ich nicht Herrn Boateng beleidigt, sondern diejenigen, die vielleicht nicht in seiner Nachbarschaft leben wollen, wenn er nicht ein berühmter Fussballstar wäre.» Tatsächlich bezichtigt er «die Leute» mit seinem Satz des Rassismus. Aber welches Interesse hat ein Politiker, seine WählerInnen zu beleidigen? Setzt da einer nicht vielmehr darauf, dass er bei «den Leuten», «seinen» Leuten, Applaus erhält, wenn er ihnen «einen Boateng» nicht als Nachbarn zumuten will?

«Meinen Sie das ernst?»

Den Gaulandschen Rückzieher macht er bei Anne Will noch ein paarmal. Die fragt ihn, wie er das von einem seriösen Journalisten erwartet, mehr als einmal: «Meinen Sie das ernst?» Zum Beispiel «Kanzlerdiktatorin». Darauf Gauland: «Ich habe das nicht gesagt, der gute Satz ist mir nicht eingefallen. Ich hätte es gerne gesagt, aber das hat Björn Höcke gesagt.» Anne Will spielt einen Ausschnitt aus Gaulands Rede vom 2. Juni 2016 in Elsterwerda ein, mit dem Hinweis, sie glaube zu wissen, das solches inzwischen von Kameraleuten der AfD aufgenommen werde. Im O-Ton ist zu hören, wie Gauland sagt: «Es ist eine Kanzler-Diktatorin». Der Ertappte redet sich heraus: «Ich habe es nicht erfunden, Björn Höcke hat es erfunden, das fand ich gut, dann habe ich den Satz wiederholt.» In der von der Frankfurter Allgemeinen im Wortlaut veröffentlichten Rede weist er tatsächlich darauf hin, er nehme den Satz von Höcke auf, gerne, um dann in eigenen Worten weiterzumachen: «Ludwig der Vierzehnte, der Sonnenkönig, hätte sich nicht getraut, was sie sich traut. Dass sie ein Volk umkrempelt und viele fremde Menschen uns aufpfropft und uns zwingt, die als Eigenes anzuerkennen.»

Anne Will konfrontiert ihn mit einem anderen seiner Sätze: «Frau Merkel will das deutsche Volk ergänzen und ersetzen, das wollen wir nicht.» Sie muss mehrmals nachfragen «Wer wird ersetzt durch wen? Wird das deutsche Volk ersetzt?», bis er sich zur Formel durchringt: «Es verändert sich, sagen wir es so.» Anne Will lässt nicht locker: «So sagen Sie es aber nicht, Sie sagen, es würde ersetzt, als gäbe es eine fremde Macht oder es sei Frau Merkels Absicht, das deutsche Volk zu ersetzen.» Der AfD-Mann gauländert: «Frau Merkel ist leider für viele Deutsche inzwischen eine fremde Macht geworden, ja, das richtig.» Ist Gauland einer dieser Deutschen?

So geht es hin & her bei Anne Will mit Alexander Gauland und anderen Gästen. Als der schliesslich nicht wissen will, dass eine seiner Parolen von der CD «Hitler lebt» stammt, spricht SPD-Justizminister Heiko Maas aus, was ZuschauerInnen, die nicht mit der AfD sympathisieren, sich auch schon gedacht haben mögen: «Ich stelle immer mehr fest, bei allem, was Herr Gauland tut, er weiss überhaupt nicht, was er tut, und das ist, glaube ich, für Politiker ein bisschen problematisch.» Nicht nur für Politiker. Gauland – einfach eine peinliche Figur? Oder ist alles ganz anders? Schlimmer? Und er wusste genau, was er sagte. Tat es mit Kalkül. «Solche Zitate würden», fasst die Website des Deutschlandfunks eine These der Journalistik-Professorin Margreth Lünenborg, Freie Universität Berlin, am 4.6. zusammen, «bewusst in die Welt gesetzt, um öffentliche Aufmerksamkeit zu produzieren.»

«Heute sind wir tolerant und morgen fremd im eigenen Land»

Der Gauländer – nur scheinbar eine Verteidigung? In Tat & Wahrheit eine spezielle Form der Eröffnung? Wie hätte es der Mann sonst in wenigen Tagen zu Anne Will, in den Spiegel und in andere Scheinwerferlichter gebracht, um die alte Parole «Heute sind wir tolerant und morgen fremd im eigenen Land» in alle Welt hinaus strahlen zu lassen. Bei Anne Will mit diesem Satz in seiner Rede vom 2. Juni konfrontiert, greift er sich an den Kopf und gibt sich als Papagei: «Es gab ein Plakat [das gemäss der Frankfurter Allgemeinen von einem Mann vor der Rednerbühne hochgehalten wurde] …, das Plakat wurde mir vor die Nase gehalten, und ich las das und sagte mir, das ist nen guter und kluger Satz, das habe ich aufgenommen.» Auf Zeit online wird die Geschichte des Satzes skizziert: Früher von der rechtsradikalen NPD gebraucht, von der Neonazi-Band Gigi & Die Braunen Stadtmusikanten im Refrain des Songs «Tolerant und geisteskrank» verwendet, 2010 auf der CD «Adolf Hitler lebt!» erschienen. Aber: «Ich kenne die Band nicht.» Sagt der saubere Herr Gauland bei Anne Will. Weiss er doch nicht, was er sagt?

Oder ist auch das ganz anders? Der Mann mit dem Plakat ein (bezahlter) Zitatlieferant? Wir wollen es lieber nicht wissen. So wie einige auch hoffen mochten, «unser» Christoph Blocher habe nicht gewusst, was er sagte, als er am 16. April 2016 in einem von der Zürichsee- und der Berner Zeitung veröffentlichten Interview die Durchsetzungspleite mit einem der schweizweit bekanntesten Sätze dieses Frühlings erklärte: «Der Kampf gegen die SVP vonseiten der Staatsmedien und von Blick bis NZZ hat mich in ihrer Radikalität an die Methoden der Nationalsozialisten den Juden gegenüber erinnert» (siehe Infosperber). Aber ein Blocher macht nicht den Gauland, sondern bestätigt am 25.4. bei Schawinski, er habe diese Aussage und auch den Vergleich «Statt ‹Kauft nicht bei Juden› heisst es heute ‹Stellt keine SVPler als Uni-Professoren an›» (Blick, 18.4.) «mit Bedacht» gemacht.

Vermutlich wissen sie beide, was sie sagen & tun. Weil sie die Gesetze der medialen Öffentlichkeit kennen. Weil sie wissen, was Jean-Martin Büttner am 21. April im Tages-Anzeiger, etwas unwillig, einräumt: «Und wir müssen darüber berichten. Das ist unvermeidlich.» Es sind ja gerade die unsäglichsten Sätze, die am meisten (Gratis-)Aufmerksamkeit generieren. Mit einer Wirkung, die jene – die so gerne beklagen, dass man die «Wahrheit» nicht mehr sagen, einen Neger nicht mehr Neger nennen dürfe – bestimmt nicht dem Zufall überlassen. «Die Grenze des nicht mehr Sagbaren wird immer weiter nach rechts aussen verschoben.» Bringt es Margreth Lünenborg im Deutschlandfunk-Gespräch auf den Punkt. Das ist der Rechtsrutsch. Das darf, das muss gesagt sein.

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Keine.

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Typischtypisch oder unser Roger ist ein Deutscher (auf Infosperber)

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Eine Meinung

Falsch ist die obige Aussage

'Obwohl es einigermassen irritiert, dass ein AfD-Spitzenpolitiker nicht weiss, dass nur Deutsche Mitglied der deutschen Fussballnationalmannschaft sein können.'

Man muss den deutschen Pass haben, um in der fälschlich Nationalmannschaft genannten Staatsequipe Fussball zu spielen. Aber die deutsche Nationalität und die deutsche Staatsbürgerschaft ist etwas gänzlich verschiedenes. Schauen Sie sich den Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen an. Der ist zweifelsfrei deutscher Staatsbürger, aber seine Nationalität ist sorbisch. Ausser den Sorben kennt das deutsche Grundgesetz noch die Nation der in der BRD lebenden Dänen. Keine Deutsche, aber deutsche Staatsbürger.
Ralf Schrader, am 14. Juni 2016 um 08:17 Uhr

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