Martin Luther King: Ein begnadeter Prediger © MinnesotaHistoricalSociety/Flickr/CC

Ohne J.F. Kennedy wäre ML King erfolglos geblieben

Al Imfeld / 04. Jul 2013 - Warum der Prediger King nicht mit Nelson Mandela zu vergleichen ist: King hatte keine klare Linie und profitierte vom Zeitgeist.

upg. Der Afrika-Kenner Al Imfeld hatte während seines vierjährigen Aufenthalts in New York und Chicago von 1962 bis 1966 den Pastor und Prediger Martin Luther King regelmässig getroffen. Imfeld erklärt, warum sich ML King bei allem Respekt nicht an den Leistungen von Nelson Mandela messen lässt. Siehe sein Beitrag «Schock: Mandela nahm Nobelpreis mit de Klerk an».

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Alle Weissen in einen Topf

Während der vier Jahre in New York und Chicago war ich für ML King einerseits ein weisser Schutzgeist, andererseits ein Verdächtiger (von der CIA eingeschleust), denn sonst gab es in der Bürgerrechtsbewegung keine Weissen, weil alle Weisse (typische Verallgemeinerungen), sofern sie Amerikaner waren, den Schwarzen ihre Grundrechte verwehrten.

Ich kam über meine Afrika-Forschung als einer, der ab 1961 in Harlem, NY, lebte, zu King. Es waren die Sechzigerjahre, als ab 1960 eine Kolonie nach der anderen auf dem afrikanischen Kontinent zu einer neuen Nation erklärt wurde. Für die amerikanischen Schwarzen war dieser historische Vorgang bei den meisten unbekannt und bei anderen einfach irrelevant.

Von den Schwarzen in Afrika keine Ahnung

Bevor MLK zu Protestmärschen aufrief, liess er alle Teilnehmenden Kurse besuchen über den gewaltlosen Widerstand als einer Spiritualität. Er wollte unbedingt jegliche Gewaltausbrüche unterwegs vermeiden. Ich schlug King vor, in diesen Wochenendkursen etwas über die Vorgänge in Afrika einzubauen. Denn diese Vorgänge der Entkolonisierung auf dem afrikanischen Kontinent und anderswo könnten auch für die Schwarzen Amerikas animierend sein. Er erwiderte, dass er niemanden kenne, der zu solch einer Information fähig sei. Er erlaubte mir aber, dass ich solches zuerst einmal in Harlem ausprobiere.

Aus trauriger Erfahrung kann ich bezeugen, dass bei den Black Americans weder eine konkrete Solidarität mit ihrem einstigen Kontinent vorhanden war noch ein historisches Wissen. Sie lebten von Mythen. Die meisten gingen auf das Alte Testament und eine bereits verklärte Sklaverei zurück. Afrika bedeutete für die meisten Schwarzen Äthiopien mit Haile Selassie. Ein Land kannten einige: Liberia. Dort hätten nach ihrer mythischen Vorstellung Sklaven, die in Amerika befreit wurden, wie Missionare die Demokratie eingeführt.

Als 1964 in Südafrika der Rivonia Treason Trial mit der Verurteilung Nelson Mandelas zu Ende ging, konnten sich die US-Schwarzen daraus keinen Reim machen. Als ich MLK darauf aufmerksam machte, es wäre sinnreich, eine Bürgerrechtsvertretung als Beobachter zum Prozess zu schicken, erwiderte er – wohl zu Recht: «Ich will unsere Bewegung nicht einem kommunistischen Verdacht aussetzen.» Er meinte, ich solle hingehen, denn ich sei weiss und mir könne niemand etwas unterstellen.

US-Schwarze verdrängten ihre Geschichte total

Daraus kann ich vorerst zwei Schlüsse ziehen:

  1. MLK war wie die allermeisten Amerikaner ein ahistorisch denkender Mensch. Auch er lebte grundsätzlich von Mythen, die eine Mischung von Bibel und vernebelten Fakten waren.
  2. Die Schwarzen waren, ohne dass sie sich dessen gewahr waren, im Kopf und alltäglichem Verhalten längst Amerikaner – genauso wie die eingewanderten Italiener, Polen oder Deutschen geworden. Sie verdrängten ihre Vergangenheit, respektive ihre Geschichte total.

Die Denkweise der Schwarzen in den Südstaaten (genauso wie bei den Weissen) war ein Kreisen um religiöses Gedankengut, das aufgrund von selektiv ausgewählten und meist fast bombastisch überhöhten biblischen Geschichten und dramatischen Fluch- Predigten entstanden war. Viele der Schwarzen konnten kaum lesen, also wurden ihnen die Geschichten aus dem Alten Testament, die gefielen und immer wieder ankamen, erzählt und weitererzählt.

Vom neuen Testament keine Ahnung

Pastor und Prediger MLK sagte mir einmal, dass er vom Neuen Testament praktisch keine Ahnung habe, denn ihm seien seit der Jugend immer wieder die Geschichte entweder von dem Sklavendasein der Juden in Ägypten, und dann dem gloriosen Auszug (Exodus) und dem langen Gang durch die Wüste, oder dann von den verschleppten Juden zwischen den zwei Flüssen Mesopotamiens und den Tränen an diesen Flüssen erzählt worden. Hätte er Bob Marley gekannt, er hätte bestimmt behauptet, dass dieser die gesamte Offenbarung in Songs wiedergäbe.

Rassensegregation innerhalb der Kirchen

Doch war MLK nicht ein theologisch erzogener Baptistenprediger? Ja, aber die Schwarzen hatten stets (ausser bei Katholiken) eine von den Weissen getrennte Kirche. Deshalb gibt es Black Baptist, Black Methodist und andere schwarze Kirchen. Seine theologische Ausbildung war letztlich – wie er selbst sagte – eine Predigtausbildung. Als Vorbilder nannte er Jesus Christus, Abraham und Mahatma Gandhi. Später entdeckte er Paul Tillich und Reinhold Niebuhr.

King hatte kaum Zeit, Bücher und Abhandlungen zu lesen und gar zu studieren. Er nahm stets – wie er sagte – «im Vorübergehen» auf. Dazu kamen mit der Zeit viele, auch viele Theologen, die ihm etwas beibringen oder Rat geben wollten. Amerikas Theologen, mit wenigen Ausnahmen wie Tillich, waren von der Angst gezeichnet, dass King Kommunist würde.

Ein pragmatischer Wegbereiter»

Erst am Ende der Bürgerrechtsbewegung entstand eine Schwarze Theologie, die dann mit James Cone (geb. 1938) auf einen ersten Höhepunkt kam. Sein Klassiker Black Theology of Liberation (1990) erwähnt MLK als «einen pragmatischen Wegbereiter» und nennt ihn sogar den «ersten Befreiungstheologen der Schwarzen». Natürlich meint er seine Reden, die letztlich Predigten sind. Cone sagte «MLK hat durch seine Taten Offenbarung erzeugt».

MLK besass die Gabe, seine schwarze Anhängerschaft mitzureissen. Er war in solchen Momenten charismatisch. Deshalb nahmen mehrere Zuhörer an, Gott spreche direkt zu ihnen.

Hier die Guten – dort die Bösen

Sein Erfolg basierte auf dem Dualismus: hier gut, dort böse. Ganz im Gegensatz zu Nelson Mandela differenzierte MLK nicht. Seine Anhänger erwarteten solches nicht und hätten es eher als Verunsicherung empfunden.

Gewaltlosigkeit war mehr Taktik denn Grundsatz

Auch sein Konzept der Gewaltlosigkeit war nicht sehr tief verankert. Er verwies einfach auf Gandhi ohne viel von seiner und einer Geschichte hinter dieser Idee zu kennen. MLK ging es primär um die Verhinderung von Gewalt unter Schwarzen gegenüber Weissen, denn das hätte sofort sein Unternehmen in Misskredit gebracht. Es war bei ihm mehr Taktik und weniger Spiritualität.

Zeitgeist half enorm

Einen grossen Einfluss hatte die damalige Ausstrahlung von John F. Kennedy, Präsident der USA von 1961 bis zur Ermordung 1963. Mit JFK war ein ganz neues geistig-politisches Klima entstanden. Auch von Rom her mit Papst Johannes XXIII und dem Konzil wehte ein neuer Wind. Dieser Zeitgeist half MLK enorm.

Als dann Mitte der Sechzigerjahre die Black Power Bewegung entstand, wurde King hilflos. Er wich aus, um die kaum tiefer durchdachte Hausbesetzungskampagne rund um die weissen Vororte von Chicago zu starten. Da lief er schnurstracks ins Messer der Mafia.

MLK gab sich einerseits spirituell und andererseits war er stark vom Kapitalismus geprägt. Für ihn sollte sofort nach dem Stimmrecht auch die materielle Frucht vom Baum fallen. Wie andere über Autos sprach er gerne über «a magnificent home». So waren Chicagos Hausbesetzungen eigentlich logisch.

Selbstbefriedigung als Sünde

MLKing war auch sexuell verklemmt. Einerseits war er überzeugt, dass Onanie «eine Sünde zur Hölle» sei, andererseits ging er ohne Gewissensbisse ins Bodell.

Niemand bezweifelt die Grösse Kings, aber es ist gut zu wissen, dass es dazu Zeitgenossen und einen bestimmten Zeitgeist benötigte. MLK war gewiss ein Grosser, jedoch einer mit sehr vielen Widersprüchen. So gibt es sachlich betrachtet einerseits (und vor allem für Amerikas Schwarze) ein offenes heldenhaftes Leben und andererseits ein kleinliches, sogar verworrenes Innenleben in einem Mann voller Begrenztheiten.

Heute, 2013, ist King zu einem Mythos hochstilisiert worden. Doch die Bürgerrechtsbewegung war bereits vor Kings Ermordung gestorben. Daran trägt gewiss auch MLK seine Schuld, da sein Konzept zu wenig theologisch tief ging, ja, sogar kleinlich war und sein Enthusiasmus höchstens momentan und ohne Nachhaltigkeit blieb.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor ist ein ausgewiesener Afrika-Kenner und hat sich u.a. mit der Befreiungsthelogie auseinander gesetzt. In den Sechzigerjahre hatte er regelmässig Kontakt mir Martin Luther King. Imfeld ist Autor von über fünfzig Bücher.

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2 Meinungen

Al Umfeld, haben Sie diese Info's aus den Akten von FBI-Hoover oder seinem Büro-Freund? lol
Rolf Raess, am 08. Juli 2013 um 19:56 Uhr
Die politische Leistung von MLK auf die «damalige Ausstrahlung von John F. Kennedy» zurückzuführen ist wirklich erstaulich. JFK strahlte damals auch die Dominotheorie aus und führte die USA in den Vietnamkrieg. MLK hingegen schaffte es, die Verbindung zwischen internen ind externen Opfern des Imperiums USA zu erkennen und seine Politik um den Kampf gegen den Vietnamkrieg zu erweitern.
Ganz zu schweigen von seiner Unterstüzung für Arbeitskämpfe während derer er auch erschossen wurde.
Werner Meyer, am 09. Juli 2013 um 22:39 Uhr

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