ghouta © Wikimedia Commons/YouTube/CC BY 3.0

Tote Kinder nach einem Giftgas-Angriff im syrischen Ghouta (August 2013)

Schon wieder Giftgas-Angriffe in Syrien?

Andreas Zumach, Genf / 14. Dez 2016 - Eine Hilfsorganisation berichtet von einem Giftgas-Angriff nahe der Stadt Hama. 93 Menschen seien gestorben, darunter viele Kinder.

Aus dem syrischen Bürgerkrieg gibt es erneut Berichte und Behauptungen über den Einsatz von Giftgas. Allerdings konnten sie noch nicht von unabhängiger Seite verifiziert werden.

In der zentralsyrischen Stadt Hama sind nach einer Mitteilung der Hilfsorganisation Union of Syrian Medical Relief Organizations (UOSSM) bei einem Giftgas-Angriff 93 Zivilisten getötet worden. Der Angriff mit einer geruch- und farblosen Chemikalie habe sich in den östlichen Vororten ereignet, teilte die Organisation am Dienstag mit. Viele Opfer seien Kinder.

Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in London bestätigte ebenfalls Berichte über einen möglichen Giftgas-Angriff in der zentralsyrischen Provinz Hama. Mehrere vom IS kontrollierte Ortschaften nahe der syrischen Stadt Palmyra seien am Montagmorgen das Ziel heftiger Luftangriffe gewesen. Insgesamt seien dort mindestens 53 Menschen getötet worden, darunter 28 Kinder.

Unter Berufung auf Informanten vor Ort erklärte der Chef der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman, einige der Todesfälle seien auf Ersticken zurückzuführen. Mehrere Leichen hätten keine Anzeichen äusserer Verletzungen. Er sei aber nicht in der Lage zu bestätigen, dass es sich um einen Giftgas-Angriff gehandelt habe. Rahman äusserte sich nicht dazu, wer für den Angriff verantwortlich gewesen sei.

Die mit dem IS verbundene Nachrichtenagentur Amak verbreitete im Internet die Behauptung, es habe einen Angriff russischer Luftstreitkräfte mit Sarin-Gas gegeben. 20 Menschen seien dabei getötet worden. Rund 200 Personen hätten Atemprobleme bekommen.

Mehr als 130 Berichte über Giftgas-Attacken in Syrien

Sowohl Russland als auch die syrische Armee hatten in der Vergangenheit wiederholt den Einsatz von Chemiewaffen bestritten. 2013 warfen die Vereinten Nationen Syrien vor, in einigen von Rebellen kontrollierten Vororten der Hauptstadt Damaskus Sarin eingesetzt zu haben. Die Regierung Assad beschuldigte dagegen die Rebellen.

Im August dieses Jahres legte eine Untersuchungskommission der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) dem UNO-Sicherheitsrat Beweise vor für zwei Chlorgas-Angriffe der syrischen Regierungsgsstreitkräfte in der Provinz Idlib im April 2014 und im März 2015. Der IS setzte laut dem Untersuchungsbericht im August 2015 in Marea in der Provinz Aleppo Senfgas gegen Rebellenmilizen ein. Die OPCW forderte die Untersuchung weiterer mutmasslicher Chemiewaffen-Attacken. So gebe es drei weitere solcher Fälle, die auf eine Urheberschaft der Regierung hindeuteten.

Zwischen Dezember 2015 und August 2016 erhielt die OPCW von UNO-Mitgliedsstaaten mehr als 130  Berichte über Chemiewaffen-Attacken oder den Einsatz von Giftstoffen als Waffen in Syrien: In 13 Fällen soll gemäss den Angaben der Kampfstoff Sarin eingesetzt worden sein, in 12 Fällen Senfgas und bei 4 Angriffen das Nervengas VX sowie 41 Mal Chlorgas; 61 Mal sollen andere giftige Chemikalien verwendet worden sein.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Andreas Zumach arbeitet als Korrespondent bei der UNO in Genf u.a. für die «Tageszeitung» (taz Berlin) und «Die Presse» (Wien).

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Eine Meinung

UOSSM, welche die Nachricht verbreitet, gehört zu den Organisationen, die im Gebiet der sogenannten Rebellen und nur dort tätig sind und von Exponenten der syrischen Opposition gegründet wurden. Den «Meldungen» von UOSSM ist mit Skepsis zu begegnen. Zu den UOSSM-Gründern gehört der amerikanische Islamist Ghassan Hito, Chef der Shaam Relief Foundation. Er wurde 2013 zum «Premierminister» der Anti-Assad-Opposition gewählt. Die UOSSM hat letzthin regelmässig für zahlreiche Meldungen über Gräueltaten der syrischen Regierung und der russischen Luftwaffe gesorgt. Dass die notorische Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte die UOSSM-Berichte bestätigt, ist kein Zufall, sie ist die Stimme der Assad-Gegner. Für den Gasangriff in einem Vorort von Damaskus im August 2013 sind - wie auf infosperber nachzulesen - mit hoher Wahrscheinlichkeit Dschihadisten verantwortlich. Der entsprechende Uno-Bericht belastet nicht die Regierung Assad. Bref: Dass erneut Giftgas eingesetzt wurde, ist möglich. Wer es eingesetzt hat, ist fraglich. Ob der Einsatz von C-Waffen militärisch viel Sinn macht, kann man bezweifeln. Aber in jedem Fall sind Reizwörter von der Sorte «Giftgas» und «unschuldige Kinder» wirksame Propagandahebel im Syrien-Krieg.
Helmut Scheben, am 14. Dezember 2016 um 19:26 Uhr

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