Auch eine Übernachtung im Hotel Zofingen in Zofingen wurde auf der Fiche festgehalten © cm

Auch eine Übernachtung im Hotel Zofingen in Zofingen wurde auf der Fiche festgehalten

Auch ich bin bespitzelt worden, auch im Hotel

Christian Müller / 02. Jul 2013 - Grossflächige Überwachungen sind keine Neuerfindung. Auch die Hotel-Übernachtungen wurden bei uns schon vor 25 Jahren kontrolliert.

Nein, die Enthüllungen von Edward Snowden, wonach wir alle von den USA und von Grossbritannien überwacht und bei Bedarf abgehört werden, hat nicht die Empörungswelle ausgelöst, die man eigentlich hätte erwarten können. Aber sie weckte natürlich alte Erinnerungen, insbesondere, nachdem in den letzten Tagen nun auch bekannt wurde, dass auch die Gästemeldungen in den Hotels systematisch ausgewertet werden – von unseren eigenen Überwachungsorganen.

Bespitzelt im eigenen Land

Ältere Semester erinnern sich noch oder waren sogar selber betroffen: Die sogenannte Fichen-Affäre Ende der 1980er Jahre brachte zu Tage, dass rund 900'000 Personen und Organisatoren vom Schweizer Staatsschutz jahrelang bespitzelt worden waren, also etwa jeder zehnte Einwohner. Auch ich. Ich war damals Chefredaktor der Luzerner Neusten Nachrichten LNN, die im Gegensatz zum (liberalen) «Luzerner Tagblatt» und zum (katholisch-konservativen bzw. christlich-sozialen) «Vaterland» keine parteigebundene Tageszeitung war. Wir berichteten deshalb auch über eher links tickende Gruppierungen, zum Beispiel über die damals recht erfolgreiche Luzerner POCH. Grund genug für den Staatsschutz, linke Subversion zu vermuten und die Redaktion, also nicht zuletzt mich selber, zu überwachen.

Ernüchterung nach Einsichtnahme

Natürlich habe ich mir nach dem Auffliegen des peinlichen Überwachungsspiels dann erlaubt, die Fichen – heute würde man sagen: die gesammelten Daten – über meine Person einzusehen. Irgendwo auf dem Estrich habe ich diese Dokumente wohl auch noch, aber nach x Wohnungswechseln kamen sie mir jetzt nicht so schnell zur Hand. Doch an drei Einträge erinnere ich mich noch sehr gut. Es war zum Heulen – oder auch zum Lachen:

1. Da war vermerkt, dass ich am X.X. an einer Einladung der DDR-Botschaft in Bern teilgenommen hätte. Frei erfunden! Ich hatte nie einen Fuss in diese Botschaft gesetzt, ja ich wusste nicht einmal, wo sie sich in Bern befand. Vermutlich hatte mich die Spitzel-Polizei mit meinem Namensvetter Christian Müller von der NZZ verwechselt, der als prominenter Auslandredaktor eher Interesse gehabt haben könnte, einer Einladung der DDR-Botschaft Folge zu leisten.

2. Da war vermerkt, dass mich einmal der Presse-Attaché der Rumänischen Botschaft (mit korrekter – und vermutlich abgehörter – Voranmeldung) besucht hatte. Und da stand geschrieben, es sei auch noch eine attraktive blonde Dame bei der Besprechung anwesend gewesen. Meine Überwacher hatten sich also die Mühe genommen, aus einem benachbarten Fenster (wie sonst?) in mein Büro zu gucken und uns zu beobachten. Dass ich selber tatsächlich eine bildhübsche blonde Sekretärin hatte, die meinen Besuchern selbstverständlich auch Kaffee offerierte, war den wohl eher nach heimlichen Sex-Geschichten im Spionage-Milieu suchenden Staatsschützern offensichtlich entgangen.

3. Da war vermerkt, dass ich am X. X. im Hotel Zofingen in Zofingen genächtigt hatte (unter Beilage des ausgefüllten Hotel-Eincheck-Formulars). Und warum war das «verdächtig» und eine Eintragung auf meiner Fiche wert? Ich schaute in meiner Agenda nach, was damals war. Ja klar: Ringier hatte ein Seminar für Topmanager gegeben, darunter die damaligen Bosse der UBS, der CS (sie hiess damals wohl noch Kreditanstalt), der Swissair und anderer namhafter Firmen, zum Thema «Umgang mit der Presse», und an diesem Seminar war ich einer der Trainer. Dieses Seminar hatte in der ausgedienten Villa von Papa Hans Ringier in Zofingen stattgefunden, und nach getaner Arbeit gingen wir zum Nachtessen und zum Übernachten ins Hotel Zofingen, die Topmanager ebenso wie wir. Das war natürlich wirklich sehr verdächtig: im selben Hotel zu übernachten wie zwei oder drei Bosse von Schweizer Grossbanken, und dies erst noch keine 50km vom eigenen Bett entfernt!

Fazit: Was da an Fakten zusammengesammelt wurde, war unbrauchbarer Mist. Zumindest in meinem Fall.

Nicht vermerkt war im übrigen, auch daran erinnere ich mich noch sehr gut, dass ich, es war noch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs, auch einmal in Moskau war – mit dem damaligen Trainer des FCL Friedel Rausch und dem FCL-Präsidenten Romano Simioni, zur Rekognoszierung der Moskauer Elf und der Platzverhältnisse, ein paar Wochen vor einem Match Luzern gegen Moskau. Ich wollte in der LNN darüber schreiben, wie Fussball-Trainer sich auf wichtige Spiele vorbereiten. Aber ich hätte den Trip ja auch für geheime Kontakte im Kreml nutzen können...

Auch nicht vermerkt in meiner Fiche war, dass ich in der Präsidentschaftszeit von Ronald Reagan auf Einladung der «Information Agency», eines Büros des Weissen Hauses, einmal in den USA weilte. Aber das war ja sowieso unproblematisch. In den USA wird man ja nicht mit falschen Ideen infiziert!

Heute ist alles anders

Zwanzig Jahre später ist es klar, dass wir rund um die Uhr überwacht werden. Wir alle. Allein schon das Handy, auch wenn wir nicht einmal telefonieren, erlaubt nachzusehen, wo wir uns gerade befinden oder befunden haben: wegen der regionalen Antennen, die dabei im Spiel sind. Und eben: Dass auch Hotelübernachtungen von der Polizei registriert und ausgewertet werden, wurde nun neu bestätigt. Aber wir sind in Sachen Überwachung eben auch fahrlässig. Da hat doch kürzlich im Tessin ein Mann mit der Axt seine Frau erschlagen. Die beiden hätten Streit gehabt, sagte der Verteidiger vor Gericht, und es sei eine Überreaktion des Mannes aus einer emotional geladenen Situation heraus gewesen, «im Affekt», wie das so schön heisst. Doch auch der Verteidiger hatte vergessen, dass wir uns freiwillig überwachen lassen. Die Kundenkarte des Mannes von Coop – vielleicht war es auch die von der Migros – verriet nämlich, dass der Mann ausgerechnet am Vortag des Tötungsdelikts die Axt eingekauft hatte...

Wir liefern viele Daten selber

Nun will ja glücklicherweise nicht jeder seine eigene Frau umbringen, will heissen, nicht jeder hat etwas zu verstecken. Aber was geht es die Migros oder Coop an, ob ich preisgünstigen oder teuren Wein kaufe? Oder kaufe ich vielleicht Kondome, obwohl ich verheiratet bin? Ich könnte ja in eine Spionage-Affäre unter gütiger Beihilfe einer attraktiven Blondine verwickelt sein! Und auch wenn wir Coop und Migros nicht unterstellen wollen, die von ihnen gewonnenen Daten zu missbrauchen: auch sie haben in ihren Zentren IT-Leute zur Betreuung der Computer. Und mindestens diese IT-Leute, schon gar jene der Banken, wissen, dass sich aus dem Verkauf von gestohlenen Daten gutes Geld machen lässt.

Wir sind selber schuld, wenn man uns ausspioniert. Solange wir die Supercard von Coop und die Cumulus-Karte von der Migros freiwillig nutzen und unser Bedürfnis- und Bedarfs-Profil bedenkenlos offenlegen, müssen auch die Schnüffler kein schlechtes Gewissen haben. Wer auf Facebook Liebesgrüsse verteilt und auf Twitter Politiker in die Pfanne haut, muss sich nicht wundern, wenn «interessierte Kreise» plötzlich mehr über ihn wissen, als ihm lieb ist.

Was aber soll man dagegen tun?

Von Kundenkarten sollte man so oder so die Hände lassen. Darf ich auch noch einen anderen kleinen Tipp geben?

Verhindern lässt sich die Überwachung im Zeitalter des Internets nicht mehr. Aber man kann es den Suchmaschinen und den die Daten auswertenden Schnüffel-Beamten wenigstens ein bisschen schwerer machen, ein klares Profil zu erhalten: Man lege sich mindestens eine zweite «Identität» zu. Eine zweite Emailadresse bei einem anderen Provider und eine klare Strategie, was mache ich auf der einen und was mache ich auf der anderen Adresse: Das ergibt, wenn’s gut gemacht ist, zwei ganz unterschiedliche Profile. Ihr so entstandener virtueller Doppelgänger ist zwar kein physisch anwesender Gorilla, der Sie vor Überfällen und Terroristen-Anschlägen schützt, aber ein bisschen an der Nase herumführen tut er die Schnüffler natürlich schon.

PS. Zu Edward Snowden gibt es übrigens auch noch eine ganz andere Version. Die immer wieder provozierende amerikanische Schriftstellerin Naomi Wolf hat auf der Website globalresaerch.ca die These aufgestellt, Snowden sei vom Weissen Haus ausgeschickt worden, die Überwachungen auszuplaudern. Eine Bevölkerung, die darum wisse, dass sie überwacht werde, verhalte sich, wie die Geschichte beweise, nämlich deutlich «untertäniger» ...

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Zur Datensammlung in den Hotels (aus dem TagesAnzeiger)
Zur Datensammlung in den Hotels (Radio SRF / Espresso)
Zur Datensammlung in den Hotels (auf Radio SRF)

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3 Meinungen

Guten Tag Herr Gurtner
Bei den momentanen Zuständen in unserem Lande, der Verlust an Demokratie, beginnt mich die staatliche Überwachung, welche der Sicherheit aller dienen sollte und eigentlich eine gute Sache wäre, so wie Sie es sagen, wer nichts unrechtes tut hat nichts zu befürchten, eben diese Überwachung beginnt Unbehagen zu verbreiten. Denn Teile unseres Staates sind nicht mehr vertrauenswürdig. Und von solchen lasse ich mich nicht gerne überwachen. Die Bürger wählen Politiker, welche dann anderes tun als zuvor versprochen, das ist Ihnen ja als Politiker bekannt. Sie ziehen sich, um Stimmen zu gewinnen, christliche Schafspelze an, und manch anderer Trick wird angewendet, um nach «Oben» zu kommen, dorthin wo auch das Geld fliesst. Dort wo klar ist, dass unser Land schon lange von den Usa und deren Machtwirtschaftlichen Interessen mitregiert wird. Und die sitzen dann hinter der Kamera, welche Sie Filmt und aufnimmt, eine Kamera mit 5mm Durchmesser und ein FET Mikrophon von 3mm Durchmesser, drin in der Zigarette des Mannes am Nachbartisch. Und wenn Sie aus Ihrer Schreinerei kommen, um an eine Sitzung in Solothurn zu fahren, hat diese Kamera schon lange ihren Terminkalender mitgefilmt. Ich war in der Armee in der Technik, als ursprünglicher Informatiker kam ich in diese Abteilung, ich weiss von was ich schreibe, und was ich schreiben darf. Und wenn nun hinter dieser Kamera nicht die sitzen welche Demokraten sind, sondern solche welche finanzdiktatorische Interessen vertreten, und genau dies kann vorkommen, so verliert der Satz: Wer sauber ist hat nichts zu befürchten, seine Gültigkeit. Ich würde gerne besseres berichten, doch wer Tatsachen nicht beschaut, wird morgen ins Fettnäpfchen treten. Wer sich von Gefühlen leiten lässt in solchen Dingen, hat die Wand, in die er prallen wird, schon aufgebaut. Und Bitte Herr Gurtner, wie die Erfahrung in einem anderen Blog schon mal zeigte, werden Sie manchmal wütend wenn jemand nicht Ihre Sichtweise teilen kann. Das ist gut und normal, und zeigt dass sie ein Mensch sind mit eigener Meinung. Doch was Sie mit dieser Wut machen, und wie sie diese Ausdrücken und ob sie andere damit verletzen oder nicht, das liegt in ihrer Verantwortung und ist Charaktersache. Mit freundlichen Grüssen. B. Gubler
Beatus Gubler, am 02. Juli 2013 um 13:23 Uhr
«Wer nichts zu verbergen hat, muss auch nichts befürchten», schreibt Walter Gurtner. Mit Verlaub: Das ist angesichts der heutigen Totalüberwachung eine reichlich naive Sicht – und sie war es schon immer. Mir persönlich ist zwar aus der im Beitrag von Christian Müller erwähnten Fichenaffäre nie ein Nachteil erwachsen. Aber eine Fiche existierte auch über mich, und auch ich wurde, wie mein Namensvetter, Opfer einer Verwechslung. Müller ist eben nicht nur ein guter Tarnname, sondern kann zum Gegenteil führen, nämlich zu ungerechtfertigter Enttarnung.
In meinem Fall lief das wie folgt: Das damalige Eidgenössische Militärdepartement (EMD, heute VBS) teilte mir im Mai 1990 im Nachgang zur Fichenaffäre per eingeschriebenem Brief mit, dass «Personen, die beim Militärischen Sicherheitsdienst des EMD auf Fichen registriert sind, darüber direkt informiert werden.» Bei mir sei das der Fall, und ich könne ein schriftliches Gesuch stellen, wenn ich eine Fotokopie der Fiche wolle. Selbstverständlich bestellte ich das Dokument. Daraus ging hervor, dass ich 1987 bei der militärischen Umteilung in einen sensitiven Bereich des Armeestabs einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen worden war. Gesamturteil: «Kein Einwand».
Die Sicherheitsüberprüfer mussten allerdings für ihre Unbedenklichkeitserklärung ein Auge zudrücken, denn ganz lupenrein war meine Weste in den Augen der Staatsschützer dann doch nicht. In der Fiche stand nämlich: «M trat 12/77 als Liedermacher an einer öffentlichen Veranstaltung der DA für Gde Ratswahl in Köniz auf.» Das provozierte bei mir zuerst einen heftigen Lachanfall und anschliessend gleich in mehrfacher Hinsicht ernsthafte Zweifel am Funktionieren des schweizerischen Rechtsstaates. Zum einen zeigt das Beispiel, dass man in den Siebziger- und Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts selbst bei völlig harmlosen und legalen Betätigungen ins Visier des Schweizer Staatsschutzes geraten konnte. Zudem ist der Ficheneintrag sachlich falsch: Ich hatte weder mit der DA (Demokratische Alternative, eine links-grün-alternative Gruppierung) etwas am Hut noch kann ich komponieren, singen oder ein Instrument spielen, also auch nicht als Liedermacher auftreten. Eine schlichte Verwechslung also – eine allerdings, die ein bezeichnendes Licht auf den skandalösen und verwahrlosten Zustand des damaligen Staatsschutzes wirft.
Jürg Müller-Muralt, am 03. Juli 2013 um 10:20 Uhr
Zu meiner Zeit als Sportler besuchte ich verschiedentlich Sportveranstaltungen hinter dem Eisernen Vorhang.
Diese Reisen und die daraus entstandenen Kontakte, von denen ich etliche noch heute pflege, verhalfen mir auch zu einer Fiche voller unzutreffender Mutmassungen und Unwahrheiten. Ebenso zu einer Vorladung zur Kantonspolizei wegen Spionageverdacht. Das Gespräch/die Vernehmung wurde nach dem Muster “Ostbesucher sind generell verdächtig und das macht man nicht” geführt.
Mindestens eimal bekam ich die Nachteile zu spüren, als ich bei einer Bewerbung gefragt wurde, ob ich noch immer Ostkontakte (woher das Wissen???) habe. Für die Stelle fand sich dann eine geeignetere Person…
Und eben ist hier das Ausschnüffeln der BürgerInnen durch unserem Geheimdienst auf dem Parlamentsweg um offizilalisiert zu werden. Dass ja trotz der Fichenaffäre munter weiter Daten angelegt, resp. nicht gelöscht wurden ist ja hinlänglich bekannt.
Dass das gesammelte Wissen irgendwann zum Nachteil der BürgerInnen verwendet wird liegt auf der Hand.
Es ist daher unverständlich, dass nun auch die SP die Sammelwut paranoider Staatsschützer unterstützt. Die heutige Gesetzgebung reicht vollkommen - lässt aber nicht unbegründetes Stochern zu!
Urs Dietschi, am 07. Juli 2013 um 15:17 Uhr

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