Schule LehrerInnen Internet © K_Whiteford/PublicDomainPictures.net

Was treiben Lehrpersonen im Schulzimmer, dass ein Video zur Blossstellung werden könnte?

Verzweifelte LehrerInnen filmen – verboten

Jürgmeier / 04. Mai 2016 - LehrerInnen-Videos im Internet – «nicht nur eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts, sondern eine Blossstellung» (Beat W. Zemp).

«Zu einem gravierenden Fall kam es unlängst in der Gemeinde Ecublens in der Nähe von Lausanne, wo Jugendliche einen Lehrer zur Verzweiflung trieben, die Szene mit dem Handy filmten und Videos über Smartphone-Apps verbreiteten.» Diese Meldung der Schweizerischen Depeschen-Agentur sda wurde Ende April in verschiedenen Zeitungen, zum Beispiel in 20 Minuten, veröffentlicht. Die Schüler von Ecublens – unter denen es, womöglich, auch Schülerinnen hat – «wurden für drei Tage der Schule verwiesen», und weil der betroffene Lehrer auch noch Anzeige eingereicht hat, müssen sie, vermutlich, noch eine Busse bezahlen oder zur Strafe «gemeinnützige Arbeit» leisten. Auch andere Lehrer im Kanton Waadt haben gemäss dieser Agenturmeldung Anzeigen gegen SchülerInnen «wegen heimlich aufgenommener und im Internet verbreiteter Videos eingereicht» (www.cash.ch, 29.4.2016).

Das verletzliche Recht am eigenen Bild

Der «Oberlehrer der Nation» Beat W. Zemp (Präsident des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH) ergänzt, es handle sich dabei nicht um ein spezifisch welsches Problem, die «Vorfälle in der Waadt» seien «keine Einzelfälle». Und betont, «im Klassenzimmer gelte das Recht am eigenen Bild». Für LehrerInnen & SchülerInnen. Das muss in Zeiten von FacebookInstagrammTwitter & Co. betont werden. Allerdings, das Bild eines Menschen darf nicht auf Fotos & Videos reduziert werden, auch das Reden über andere zeichnet Bilder von ihnen. Und über die haben Menschen kaum Kontrolle. Wer fragt schon nach, ob er weitererzählen dürfe, eine oder einer habe schon wieder eine neue Stelle, habe seinen Mercedes gegen ein Elektrovelo eingetauscht, sei letztes Jahr in den Ferien nur an die Adria gefahren und habe sich dort neu verliebt?

Welche Lehrpersonen sprechen mit ihren SchülerInnen ab, was sie an der Notenkonferenz über sie verraten dürfen, was nicht? Nicht nur die SchülerInnen im Film «La classe» – die durch zwei KollegInnen offiziell an der Notenkonferenz vertreten sind – wären gekränkt, wenn sie ein heimlich aufgenommenes Video von den Leistungsbeurteilungen & Charakterisierungen, von den teilweise sexistischen & rassistischen Bemerkungen ihrer LehrerInnen zugespielt erhielten. Auch das würde gegen die Persönlichkeitsrechte der Lehrpersonen verstossen. Schlimmer noch, beklagt Zemp, «eine Lehrperson ohne deren Einwilligung zu filmen und das Video zu veröffentlichen, sei kein Kavaliersdelikt» (sda), sondern «eine Blossstellung».

«Mobbing ist immer ein Konflikt, aber nicht jeder Konflikt ist Mobbing»

Was treiben Lehrpersonen im Schulzimmer, dass die Öffentlichmachung zur Blossstellung werden könnte? Müsste sich eine Lehrperson in Schulzimmer & an Notenkonferenzen nicht so verhalten, dass ihr oder ihm jederzeit über die Achseln geschaut werden könnte, selbst von ihren eigenen SchülerInnen? Haben die PädagogInnen Angst ihre «Blossstellung» würde sichtbar machen, was SchülerInnen immer wieder beklagen – sie würden von ihren LehrerInnen gedisst. Die sie qua Note bewerten, entwerten & demütigen, sie zu VersagerInnen oder StreberInnen stempeln und durch ihre Unterrichtspraktiken dem Gelächter & der Verachtung ihrer KlassenkollegInnen ausliefern. Zum Beispiel, wenn sie die Prüfungen in diffamierender Reihenfolge (zuerst die Besten, am Schluss die Schlechtesten) zurückgeben oder die Noten mit Namen auf den Visualizer legen; SchülerInnen zwingen, aus dem Aufsatz vorzulesen, in dem sie ihre ersten romantischen Gefühle beschreiben, oder in der ganzen Klasse vorzusingen. LehrerInnen brauchen für die Blossstellung von SchülerInnen weder Videos noch Internet, ihnen genügt die Klasse als Publikum.

«Einen Lehrer oder eine Lehrerin zu ärgern, zu filmen und die Bilder zu veröffentlichen, komme einer Mobbingsituation gleich», legt Beat W. Zemp gegenüber der Schweizerischen Depeschen-Agentur nach. Und unterschlägt, dass der, auch von SchülerInnen, inflationär verwendete Begriff «Mobbing» enge Grenzen hat. Das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco zitiert in einem Papier über Mobbing die französische Autorin & Psychotherapeutin Marie-France Hirigoyen: «Mobbing ist immer ein Konflikt, aber nicht jeder Konflikt ist Mobbing.» Beobachter online definiert am 23. September 2015 destruktive, unfaire Verhaltensweisen gegen eine bestimmte Person oder Gruppe, die über einen längeren Zeitraum immer wieder vorkommen und von den Betroffenen als «feindselig, demütigend oder verletzend erlebt werden» als Mobbing. Kein Mobbing seien einmalige Auseinandersetzungen und «Konflikte zwischen gleich starken Parteien». Auch das Seco nennt «ein Machtgefälle zwischen Mobbingopfer und Täter» als häufiges Kriterium für Mobbing.

Das bedeutet im Kontext Schule: Das nach wie vor bestehende Machtverhältnis zwischen LehrerInnen & SchülerInnen macht LehrerInnen zu potenziellen TäterInnen, SchülerInnen tendeziell zu Opfern von Mobbing. (Ausgenommen natürlich Mobbing unter den SchülerInnen selbst.) Bei den eingangs genannten Beispielen aber handelt es sich nicht um Mobbing, sondern, vermutlich, um ernsthafte Spannungen zwischen den beteiligten SchülerInnen & LehrerInnen. Statt den Konflikt zu klären, werden die «blossgestellten» Lehrpersonen geschützt, die SchülerInnen angezeigt & bestraft, der Konflikt unterdrückt & verschärft.  

Heimlich gefilmte LehrerInnen ins Internet stellen als subversive Notwehr

Das Machtverhältnis im Schulzimmer macht es SchülerInnen auch heute noch schwer, sich gegen die Entwertungen & Blossstellungen von Lehrpersonen zu wehren. Auch wenn sich heute Eltern weit häufiger als früher – «Der Lehrer wird schon wissen, weshalb er dich verprügelt hat!» – hinter ihre Kinder stellen, oft wird SchülerInnen nicht geglaubt, werden sie von den Erwachsenen – zum Teil aus falsch verstandener Loyalität gegenüber den LehrerkollegInnen – im Stich gelassen. Da wird das Recht aufs eigene Bild für Lehrpersonen (auch) zum schützenden Bunker.

In solchem Umfeld erscheinen die neuen Technologien als willkommene Zauberstäbe; die Kamera wird zum (verbotenen) Dokumentationsinstrument für Verhalten, das sonst nur behauptet werden kann. Heimlich gefilmte LehrerInnen mit ihren Stärken & Schwächen, ihrer Wut & ihrer Verzweiflung ins Internet zu stellen, kann auch als subversive Notwehr derer interpretiert werden, die sich im Klassenzimmer den SchulmeisterInnen ausgeliefert fühlen, die, aus SchülerInnensicht, im geschützten Klassenzimmer mit ihnen machen können, was sie wollen. Wer den abgeschlossenen Raum öffnet & publik macht, was da drinnen geschieht, untergräbt (auch) Machtverhältnisse und versucht, beispielsweise durch Lächerlichmachung der (mächtigen) Lehrpersonen, ein wenig an der herrschenden Ordnung zu rütteln. Und dabei konnten sich die Machtlosen noch nie an die von den Mächtigen gesetzten Regeln halten.

Einen interessanten Vorschlag macht UserIn «Ausgeliefert» im Forum von 20 Minuten am 29. April: «Eigentlich sollte man offiziell Kameras im Klassenzimmer aufstellen dürfen … vielleicht kommt das eines Tages, so halten sich vielleicht Kinder wie Lehrer an ihre Regeln.» Und wer würde sich dieser allgemeinen Öffentlichmachung des schulischen Geschehens länger widersetzen – SchülerInnen, LehrerInnen, Schulleitungen?

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Jürgmeier war während vieler Jahre als Lehrer/Leiter Allgemeinbildung an einer Berufsfachschule tätig.

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3 Meinungen

Können Wir als Gesellschaft und Individuum es ob der gewaltigen Flut von liberalisierungen der letzten Jahre nicht mehr verstehen was Sinn macht zu tun mit all den vielen vielen Freiheiten?

Was überhaupt bedeutet Erziehen und was Aufwachsen die Welt und sich selber verstehen? Wer ist Verantwortlich für das Aufwachsen unserer Nachfahren mitten drin in sozialen Netzwerken die nicht das geringste Sozialverhalten wiedergeben können? Können Wir es ob der liberalisierungen gar nicht, sind Wir überfordert mit den Freiheiten die so liberal daherkommen aber am Ende für alles und jeden totale Unverbindlichkeit zurücklassen...

Mein Vorschlag, die mobile Elektronik wird vor dem Eintritt in die Schule in ein persönliches Schliessfächlein abgebenen anstatt ganze Klassenzimmer pauschal zu überwachen. Meiner Meinung nach ganz gut um zu lernen auch ohne diese Geräte und sozialen Interaktionen zu leben.

So oder so eine liederliche Angelegenheit das sich ein paar Börsenkotierte Konzerne derart unkontrolliert in unser aller Existenz einmisxhen und für alles mögliche auch gleich noch Deutungshoheiten von Wert und Unwert vorgeben. Ich finde da muss ein Gesellschaftlicher Konsens her anstatt Sinnfreies jeder darf alles als neue Freiheit zu verstehen um schliesslich in einer Dimtatur der liberalisierung ihr Ende zu finden.... Wenn es Dir nicht passt...
Uwe Borck, am 04. Mai 2016 um 15:06 Uhr
Der Vorschlag im letzten Abschnitt ist tatsächlich bedenkenswert: Wenn Schüler Lehrer filmen dürften, müsste auch das Gegenrecht gelten, so dass der Lehrer den Eltern ein Video von ihren Schützlingen schicken kann, das festhält, wie diese ihn schikanieren. Je nach Laune kann der Lehrer dieses Video auch ins Netz auf Facebook stellen, um zu zeigen, wenn die Schüler ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben.

Wen beim Lesen meines Vorschlags nun ein ungutes Gefühl beschleicht oder sich dagegen wehren würde, sollte sich nochmals überlegen, ob es denn wirklich einem guten Klima im Klassenzimmer dient, wenn man Lehrer nach Lust und Laune blossstellen kann. Deshalb meine ich, dass die Schulleitung richtig entschieden hat und Herr Zemp weiss, wovon er spricht.
Thomas Läubli, am 10. Mai 2016 um 00:20 Uhr
Ein unsachlicher, polemischer Artikel!

All die genannten Übergriffe von Lehrern gegenüber Schülern sind sicher schon vorgekommen. Wann? Wo? Wie häufig? Darauf will der Autor lieber nicht eingehen. Lieber unterstellt er munter, es geschehe auch heute noch ständig und überall. Und konstruiert ein reichlich gesuchtes Robin-Hood-Geschichtlein von den armen, geplagten Schülern, die jetzt endlich ein subversives Notwehrinstrument in der Hand hätten. In der Realität sind die Kinder und Jugendlichen, die in der Schule wirklich Unrecht erleiden, die Letzten, die noch Energie für solche Aktionen aufbringen!

Die Filmchen aus dem Unterricht, die hier angesprochen werden, haben in der Regel nicht dokumentarische Qualitäten. Vielleicht sollte sich Herr Meier ein wenig orientieren, wie sehr man durch gezieltes Ausschneiden und zusammenfügen den Gesamteindruck manipulieren kann.

Es gibt wirksame, legale Wege, sich zu wehren, wenn Lehrer sich im Unterricht nicht korrekt verhalten. Die Zeiten, wo Lehrer von den Behörden pauschal immer geschützt wurden, sind vorbei. Methoden wie das Veröffentlichen von Filmausschnitten führen bloss zur Eskalation von Konflikten.

P.S. Ich habe früher auch unterrichtet und nicht wegen der Schüler aufgehört. Als Schulpfleger und als Vater zweier Kinder konnte ich weiteren Einblick in die Schule erhalten. Das zwischenmenschliche Klima an den Schulen ist fast überall viel besser, als das in diesem Artikel dargestellt wird.
Daniel Heierli, am 13. Mai 2016 um 15:33 Uhr

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