Berufsfachschule Grenchen © cc CH-info.ch

Wenn die Berufsfachschule Träume zerstört

Heinz Moser / 25. Mrz 2017 - In der Berufsfachschule treffen sich die schwächeren Schülerinnen und Schüler: Keine leichte Aufgabe, sie zum Lernen zu motivieren.

Die Berufsbildung gilt als Paradestück des schweizerischen Bildungssystems. Sogar in den USA pries Bundesrat Johann Schneider-Ammann die Berufsbildung als enormen Erfolg. Praxisnähe und Durchlässigkeit ermöglichten jenseits aller Akademisierung eine qualitativ hochstehende Ausbildung – nicht zuletzt deshalb sei die Jugendarbeitslosigkeit in der Schweiz tief. Die für die Schweiz charakteristische Berufslehre hilft, eine praxisferne Berufsausbildung zu vermeiden und von Anfang an mit der Arbeitswelt im Kontakt zu stehen. Und wer sich später dann doch mehr für theoretisches Wissen interessiert, dem steht der Weg zur Berufsmaturität offen.

Jenseits der Schoggiseite der Lehre

Doch auch bei der Berufslehre ist nicht alles Gold, was glänzt. Ein Trendbericht des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung (EHB) zeigt nicht nur deren Schoggiseite. So werden 20-25 Prozent aller Lehrverträge frühzeitig aufgelöst – oft noch im ersten Lehrjahr. Besonders anfällig sind in dieser Beziehung das Coiffeurgewerbe, die Schönheitspflege, das Gastgewerbe, der Handel und das Baugewerbe. Immerhin setzen zwischen 50-77 Prozent der Lernenden ihre Ausbildung später fort. Trotzdem sind Abbrüche so kurz nach der Berufswahl für die Betroffenen häufig eine Katastrophe. Denn es wird den betroffenen Jugendlichen buchstäblich der Teppich unter den Füssen weggezogen, auf dem sie ihr Leben aufbauen wollten. Es drohen finanzielle Einbussen und oft auch bedeutende Kosten für die Gesellschaft. Für die Betriebe sind die Kosten dagegen gering, wenn jemand abbricht.

Die wichtigsten Gründe für die Auflösung von Lehrverträgen sind: soziale Konflikte am Arbeitsplatz, schlechte betriebliche und berufliche Ausbildungsbedingungen. Aber auch die mangelhaften schulischen Leistungen der Lernenden gehören zum Sündenregister der Berufsschulen.

Das Dilemma der Berufsfachschule

Die Berufsschule ist trotz aller Reformen in der Berufsbildung eine schwierige Institution geblieben – für Jugendliche, die oft den Schulverleider hatten. Deshalb bevorzugen sie eine Lehre und möchten von Schule möglichst wenig hören. Doch dies kann nicht vergessen lassen, dass intellektuelle Anforderungen auch im Berufsbildungssystem ein immer grösseres Gewicht erhalten haben. Was früher ein Automechaniker war, der die Wagen mit Handarbeit im Schuss hielt, nennt sich heute «Mechatroniker». Im Zeitalter der Digitalisierung und der Elektronik haben sich damit auch die Anforderungen verändert: So heisst es im Berufsbild auf der Website Berufsberatung.ch: «Automobile weisen immer mehr elektronisch gesteuerte Komponenten auf. Automobil-Mechatroniker/innen verfügen über vertiefte Kenntnisse in der Fahrzeugelektronik und können entsprechende Anlagen fachgerecht installieren, einstellen, überprüfen, warten und reparieren.»

Damit wächst die Bedeutung theoretischer Kenntnisse und letztlich auch der Berufsfachschule. Doch die steigende Bedeutung der Schule, die damit auch in der Berufsbildung zu konstatieren ist, bedeutet nicht, dass die Lust auf Schule wächst.

Kontroverse Meinungen zum Lernen

Dagmar Bach, Joseph Eigenmann, Jürgmeier, Georges Kübler: Lernen ist meine Sache, hep-Verlag, Bern 2017

Im eben erschienenen Buch «Lernen ist meine Sache» diskutieren vier ausgewiesene Fachleute die Frage, warum Lernprozesse in der Berufsfachschule oft verhindert werden und die Schule viele Lernende zum Scheitern bringt. Was das Buch besonders spannend macht, das sind die eingestreuten Diskussionen der beteiligten Expertinnen und Experten, welche kontroverse Einschätzungen deutlich werden lassen. So beschreibt Jürgmeier, Redaktor beim «infosperber» und ehemaliger Berufsschullehrer, die Misere der Berufsschule drastisch: «Für mich ist es eine gigantische Verschwendung von Lebenszeit der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrpersonen, was in Schulen passiert.» Für ihn läuft etwas «total schief», wenn er sieht, wie Jugendliche interessiert an allen Dingen sind und wie wenig dagegen in den sogenannten Bildungsinstitutionen, wo «Leute plötzlich mit leerem, uninteressierten Blick dasitzen.» Schuld seien nicht die Lehrpersonen, sondern die Grundbedingungen der Schule seien lernfeindlich.

Der Erziehungswissenschaftler Joseph Eigenmann fragt sich, warum das so sei. Sein Eindruck: «Weil die Lernenden gar nicht wissen, was sie tun sollen.» Sie könnten deshalb die Vorgaben, die der Unterricht mache, nicht interpretieren und damit die Ziele nicht zu ihren eigenen machen. Georges Kübler, ehemaliger Fachstellen- und Projektleiter im Mittelschul- und Berufsbildungsamt des Kantons Zürich, sieht es geradezu als Aufgabe an, Schülerinnen und Schüler zu befähigen, sie möglichst fit für die bestehenden Anforderungen zu machen und sie nicht dazu anzustiften, die Anforderungen zu ändern.

Doch das Problem dürfte weniger im Anstiften zum Ändern der Anforderungen liegen. Denn es ist die Arbeitswelt selbst, die sich im digitalen Zeitalter rasant verändert und viele der früheren Anforderungen über den Haufen wirft. Traditionelle Berufe wie das Druckergewerbe sind innert wenigen Jahren ausgestorben. Und bei vielen handwerklichen Tätigkeiten muss man heute eher digitale Maschinen einrichten und deren Logik verstehen, als dass man selbst noch Hand anlegt. Gerade weil man angesichts des rasanten technischen Wandels nicht weiss, wohin die Reise geht, ist es auch schwierig, klare Ziele zu vermitteln, so wie es Eigenmann möchte.

Lernen für den Test

In der Diskussion geht es auch um die Gefahr der Verschulung, welche kontraproduktiv für aktives Lernen ist. Fachexperte Eigenmann kritisiert, viel zu oft herrsche noch das Lernen für den Test vor: «Dieses Lernen für den Test ist in unserem Lernverständnis kein Lernen, sondern Aneignung von Wissen, das nach dem Test schnell wieder vergessen wird, nach zwei, drei Wochen.» Dass Gros solcher Wissensstapelung sei für die Müllhalde.

Fast einstimmig sprechen sich die Fachleute dafür aus, von selektiven Lernprozessen, die an Tests gebunden sind, wegzukommen. Anstatt Leistungen abzuprüfen, müsse stärker zielorientiert vorgegangen werden. Nach Eigenmann sollte eine zielorientierte Bewertung immer auch als Feedback verstanden werden. Und er fügt hinzu: «Die Lernenden müssen zudem in diesen Beurteilungsprozess einbezogen werden, damit die eigene Urteilsfähigkeit geübt werden kann.»

Viele Schülerinnen und Schüler mit weniger guten Schulerfahrungen haben Mühe, wieder die Schulbank zu drücken. Wenn Georges Kübler den Titel des Buches «Lernen ist meine Sache» erwähnt, dann schränkt er sofort ein: «Lernen unter den gegebenen Umständen möglich machen.» Denn es muss nicht zuletzt darum gehen, die Schülerinnen und Schüler zum Lernen zu motivieren, was nach Jürgmeier mehr schlecht als recht funktioniert.

Mehr Selbststeuerung nötig

Zu sehr lehr- und fremdgesteuert sei die Berufsschule, meint Joseph Eigenmann. Mehr Selbststeuerung sei gefragt – und anstatt Routinewissen mehr Projekte, welche die Schülerinnen und Schüler herausfordern, könnte man hinzufügen. Jedenfalls darf die Berufsschule kein Heimatmuseum für die Schwächeren sein, die den Weg ins Gymnasium nicht geschafft haben.

Die Autorinnen und Autoren belegen, dass sich Lehrerinnen und Lehrer diesen Herausforderungen stellen. Aber sie machen auch deutlich, wie steinig dieser Weg ist, dessen Ziel Jürgmeier beschreibt: «Nur wenn Schülerinnen und Schüler von der Schule als ‹unserer Schule› reden können, wenn sie in Freiheit und gerne in die Schule gehen, wird Letztere das, was sie sein soll: ein Ort des Lernens, ja sogar ein Stück Heimat für Kinder, Jugendliche und Mitarbeitende.»

Literatur:

Dagmar Bach, Joseph Eigenmann, Jürgmeier, Georges Kübler: Lernen ist meine Sache, hep-Verlag, Bern 2017, CHF 39.00

Vergl. auch das Interview mit Jürgmeier in 4x4, auf Radio SRF 4.

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